Wallets – das Super-Tool für alles und jeden?

Was ist eigentlich aus der guten, alten Geldbörse geworden? Mit der Zunahme bargeldloser Zahlungen verliert sie immer mehr an Bedeutung. Oder doch nicht? Was früher einmal aus Leder war, ist heute eine digitale Wallet und damit ein Produkt, das zuweilen als Allzweckwaffe diesen soll.

Ich stelle den Definitionsversuch, den ich bei Gabler gefunden habe, an den Anfang: 

Hard- und/oder Software, die entweder direkt Geldbeträge eines Nutzers elektronisch speichert oder aber Zugang zu einem online geführten Zahlungskonto gewährt. Mittels einer Wallet können Zahlungen z.B. am POS, zwischen Personen oder im Onlinehandel ausgeführt werden.

Auffällig an dieser Definition ist, dass hier nur Zahlungen im Vordergrund stehen, sodass ich an dieser Stelle an Unternehmen wie PayPal, sowie die Apple-und Google Wallet mit Apple-Pay und Google-Pay denke. 

Wallets sind mehr als nur Payment

Sprechen wir heute jedoch über digitale Wallets, reicht diese Definition meines Erachtens nach nicht mehr aus. Daher ergänze ich bei der Suche die beiden Buchstaben „ID“ für Identity und finde bei IDnow eine weiter gefasste Definition für Wallet:

Wie eine digitale Brieftasche ermöglichen digitale Identity Wallets die Speicherung von Ausweisdokumenten wie Personalausweisen, Führerscheinen und Sozialversicherungsdaten an einem Ort auf Ihrem Smartphone. Vor allem aber ermöglichen sie die Wiederverwendung bereits verifizierter Identitäten.

Jeder wünscht sich derzeit Wallets

Mit Krypto- und Loyalty-Wallets gibt es weitere Anwendungsbereiche für diese Innovation. Ich begrenze mich an dieser Stelle auf die Payment- und ID Wallets, die meiner Wahrnehmung nach mehr und mehr ergänzend der obigen Definitionen zusammen gedacht werden.

Zunächst ein kleiner, sicher nicht vollständiger, Überblick darüber, wer sich mit Wallets beschäftigt:

Meines Erachtens hat die derzeitige Auseinandersetzung mit Wallets vorrangig mit zwei wesentlichen Entwicklungen zu tun. Das sind:

  • Der eIDAS 2.0 Entwicklung, die eine einheitliche europäische Identifizierungslösung definiert und verpflichtend für eine Reihe von Anwendungen sein wird 
  • Dem Erfolg von Mobile und den veränderten Verhaltensweisen von uns allen, zunehmend bargeldlos zu bezahlen. 

Wie viele Wallets braucht der Mensch?

Wir sollten immer die Kund:innen in den Mittelpunkt stellen, und das gilt auch bei der Diskussion um digitale Wallets. Innovatoren und Anbieter müssen sich daher immer auch fragen, was eine erfolgreiche Wallet eigentlich ausmacht und wie viele Wallets akzeptieren die Nutzer:innen am Ende wirklich?

Ich selbst bin ein großer Verfechter des ‚Daily usage/Relevanz‘ Ansatzes. Ein Wallet muss für mich eine echte Bedeutung im Alltag haben, damit sie akzeptiert wird. Damit meine ich nicht Relevanz für Anwendungsfälle, die nur selten im Leben vorkommen, sondern – im besten Fall – täglich. Bezahlen und Banking muss meiner Meinung nach im Kontext der Wallet immer mitgedacht werden. Hinzu kommt, dass ein Wallet ein typisches Beispiel für ein zweiseitiges Modell ist. Das bedeutet, dass sowohl der Nutzer als auch derjenige, der die Kund:innen identifizieren will, an Bord sein müssen.

Wie oft wird das Wallet genutzt?

Die Frage der Anzahl der Wallets würde ich beantworten mit: So wenige wie möglich, so viele wie nötig. Das bedeutet für mich, dass es auf der Ebene der hoheitlichen Wallets (Bund, EU, EZB etc) eine sinnvolle Abstimmung oder gar eine gemeinsame Walletstrategie geben sollte. 

Ich eröffne die Runde und frage mich, ob eine gemeinsame Walletstrategie gar nicht notwendig sein wird, weil der Markt das Problem durch APIs lösen wird. Denkbar wäre auch eine Wallet-Aggregatoren-App oder eine Art Super-Wallet. Aber wer weiß? Vielleicht haben wir diese ja mit unserem Smartphone längst.

Das sagen die Kollegen:

Jochen Siegert:

Erinnert Ihr Euch noch an die frühe Phase von Mobile Payments? Alle Anbieter damals boten mobile Wallets und der Kunde musste jeweils “nur” sich schnell mal ins Wallet onboarden. In allen Demos wurde das Onboarding als selbstverständlich vorausgesetzt, weil der Kunde das natüüürlich machen wird. Am Ende hatte jeder Mobilfunkanbieter mit einer Kundenbindung, die oft nur 12 bis 24 Monate hielt, ein eigenes Wallet, diverse Bankendienstleister boten Wallets an und natürlich diverse Startups. Der “normale” Kunde war im Dschungel vollkommen verwirrt und mangels breiter Akzeptanz brauchte es erst das übergreifende Apple Ökosystem, bis dann die Kunden mobil mit dem Apple Wallet zahlten und aus wishful thinking vieler Anbieter ein Business für Apple wurde.

Im Ident-Bereich wiederholt sich irgendwie die Geschichte. Jeder Anbieter erwartet, dass sein Kunde in sein jeweiliges Ident-Wallet geht. Bisherige Ident-Wallets außerhalb von „einfachen“ Login-Modellen von Google/Facebook und Co konnten sich nicht breit am Markt durchsetzen mangels täglicher Relevanz – siehe unseren Podcast #161 mit Verimi als dort Wallet-Use Cases wie der Hauskauf auf Mallorca und die Anmeldung der Hundsteuer genannt wurde:  https://paymentandbanking.com/fintech-podcast-161-verimi-2/ 

Wie wahrscheinlich kauft sich der deutsche Otto-Normal-Nutzer alle paar Wochen ein neues Haus auf Mallorca oder geht unter die Hundezüchter und muss ständig neue Welpen steuerlich anmelden? Für alle anderen sind das Use Cases, die nie oder maximal alle paar Jahrzehnte anfallen. Ob eine Standardisierung wie eIDAS etwas an diesen Nischen-Use-Cases ändert UND nicht nur die bestehenden Anbieter von Ökosystemen wie Apple/Google etc. davon profitieren, muss sich erst zeigen. Zumal eine Standardisierung an sich keine Mehrwerte und keine häufige Kundeninteraktion garantiert, die ein eigenständiges Wallet rechtfertigt garantiert. Wie bei Mobile Payment gibt es hier noch viel wishful thinking vieler bis daraus ein wirkliches Business für Einzelne wird.

Olli Lauer, DSGV

Für mich ist ein Wallet nicht automatisch eine Super-App. Eine Wallet hat auch nicht nur mit Payment zu tun. 

Definition:

Für mich ist eine Wallet, ein Container (eine Anwendung), der

  • Nachweise enthält, welche mich zum identifizierten, authentifizierten und autorisierten Ausführen von (Business)Transaktionen befähigt und
  • welcher es mir ermöglicht, diese einzelnen Nachwiese auch gemeinsam in einer einzigen Transaktion zu nutzen ohne
  • dass ich zusätzliche Sicherheitsmerkmale oder andere Funktionen benötige;
  • in einer digitalen Art und Weise,
  • auch offline.

Wenn ich dieser Definition folge, dann gibt es im Markt noch keine Lösungen, gleichzeitig transportiere ich mit dieser die analoge Geldbörse in eine digitale Welt. Viel mehr sollte und muss eine Wallet meines Erachtens nicht können.

Es fehlt noch an Lösungen und ich denke auch, dass diese benötigt werden und sinnvoll sind. 

Architektur:

Architektonisch und technisch gibt es und muss es meines Erachtens keinen sehr festen Rahmen. Aus UX und CX Sicht muss sich ein Wallet wie ein ganzheitlicher Körper anfühlen, welcher möglichst mit einem einzigen Schritt bedient werden kann. Ich darf nicht genötigt sein, Anwendungen oder Funktionen zu wechseln, zu kombinieren. 

Diese Funktion kann fest in ein Betriebssystem integriert oder auch eine einzelne App sein. Vielleicht auch ein SDK zum Integrieren in Drittanwendungen (allerdings mit der Gefahr, dass ich damit von meiner Definition und der bestmöglichen CX abweiche).

Wichtig wird wahrscheinlich der native Ansatz sein. Nicht nur, weil damit die best-mögliche CX erreicht werden kann, sondern weil ich davon ausgehe, dass diese Wallet auch offline arbeiten können muss und soll. Am Ende des Tages wird auch ein digitaler Euro ein Token, ein Nachweis sein, der mich zu einer Transaktion in der Wallet befähigt. Meiner Meinung nach werden wir mindestens diesen Nachweis auch einer Offline-Welt sehen wollen.

👽 Wem sollen wir noch glauben? 👽

🛸🛸🛸 Decentralized vs. centralized finance: diese und viele weitere themen auf Der Banking exchange 2022 🛸🛸🛸

Payment:

Payment wird neben Identity einer beiden wichtigsten Nachweise bzw. Fähigkeiten in diesem ‘Nachweis-Container’ (aka Wallet) werden. Auch die direkte Kombination kann ein sehr attraktives Angebot für den Markt werden (als Beispiel nur der Express-Checkout auf jeder Webseite dieser Welt ohne Registrierung). 

Wenn Payment, Identity mit einer dritten Nachweis-Domäne, z.B. Health, Travel etc. in einer Businesstransaktion verbunden wird, kann diese Wallet ein sehr scharfes ‘Ökosystem-Schwert’ werden. (Stichwort ‘Embedded Finance’). Deswegen vermute ich, dass Banken mit ihren Fähigkeiten und Wissen, aber auch mit ihrer Reichweite früh dabei sein sollten, für einen Erfolg essentiell wären.  

Aber nicht nur deswegen. Über diese neuen Wallet-Ansätze haben die Banken die Chance, über neue Schemes die Kunden direkt an ihre wichtige Konten-Infrastruktur anzubinden, diesen Ansatz zu entwickeln und zu erproben. SRTP, SPAA oder auch grioAPI sind erste Entwicklungen in diese Richtung. Alternativen zu komplexen eventuell auch teuren Payment-Rails könnten sich über die Projekte, wie z.B.. den LSP EU Wallet Tender, entwickeln und testen lassen.  

Sicherlich ist das eigene Interface immer noch die Priorität, aber wenn der Kunde direkt über die eigene Bankeninfrastruktur und das Konto bedient werden kann, dann ist das sicherlich auch keine Niederlage für die Banken – dieser ‘Nachweiscontainer’ kann ein Weg dahin sein.

Erfolg? Jetzt? 

Es besteht eine Chance, wenn wir uns zuerst auf eine gemeinsame EU Wallet fokussieren würden und gewissen Use Cases verpflichtend werden (z.B  SCA); die Tagesrelevanz der Banken nutzten. Parallel baut oder später baut man dann relevante Funktionalität in seine Banking-Apps ein und bietet ein zusätzlich Angebot, dann gepaart mit Mehrwerten aus dem Payment und Banking. 

Die GAFAs können das auch, wenn sie sich an den regulatorischen und technischen Rahmen halten können und wollen (z.B. OpenSource, Standards), aber Banken können Idendity und Banking-Account sofort verbinden. Das können die GAFAs und andere nur nachmachen. 

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Autor
André M. Bajorat ist seit fast 25 Jahren in der deutschen Digitalwirtschaft zu Hause. Über die Stationen SK Online, Star Finanz, giropay und Number Four kam er 2012 als Business Angel zu figo. Das Unternehmen führte er von 2014 bis... mehr
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