Wero, Girocard, Digitaler Euro: Darum sind europäische Zahlungen so gefährdet wie nie
Europäische Zahlungsalternativen sind politisch gefragt wie nie. Dabei holen die US-Zahlungsgiganten Mastercard und Visa mit einer Geheimwaffe auf.
Auf den ersten Blick sind die neuen Zahlen, die das EHI-Retail Institute in dieser Woche auf seinem Payment Kongress vorgestellt hat, nicht so erstaunlich. Zunächst geht der Trend langsam aber sicher von Barzahlungen zu Kartenzahlungen. Hier hat sich der Anteil von Transaktionen, die mit Bargeld beglichen wurden, von fast 55 Prozent im Jahr 2024 auf knapp die Hälfte reduziert, während der Umsatz auf ein Drittel schrumpfte. Im Vordergrund steht ebenso der Trend zu mobilen Zahlungen. Während 2024 knapp 12 Prozent des Umsatzes der unbaren Zahlungen mit Handy oder Smartwatch erledigt wurden, sind es jetzt schon fast 20 Prozent. In der Zahlungsbranche ist dieser Wandel in einem Jahr schon fast schwindelerregend, aber angesichts der Entwicklungen erwartbar.
Für die europäischen Zahlungsalternativen wie Wero, den geplanten Digitalen Euro und das althergebrachte Girocard-System ist das nicht schlecht. Denn je weniger Menschen mit Bargeld zahlen, desto eher haben die Karten- und digital-basierten Lösungen eine Chance auf Verbreitung. Darauf zahlt auch ein, dass sich Menschen anscheinend daran gewöhnen, mit Handy und Uhr zu bezahlen. Weniger gut ist, dass PayPal im Online Handel weiter seine Vormachtstellung verteidigt. Mit einem Anteil von 28,7 Prozent gewann der Zahlungsdienst minimal. Das macht es im E-Commerce für Wero gewiss nicht leichter.

Die Gefahr: „New Debits” legen weiter zu
Doch es gibt eine Entwicklung, die in den Zahlen leicht zu übersehen ist und vielleicht besorgniserregender für alle Europa-Projekte sein dürfte. Die Debitkarten von Visa und Mastercard haben deutlich zugelegt. Den Zahlen des EHI zufolge hat sich der Anteil dieser Internationalen Debitkarten auf 9,4 Prozent und damit innerhalb eines Jahres um 2,5 Prozentpunkte erhöht. Für eine einzelne Lösung ist das ein deutliches Wachstum, zumindest das deutlichste in den diesjährigen Zahlen.
Besonders Direktbanken wie ING, DKB und Neobanken wie N26 und Revolut geben die Karten meist in digitaler Form an Kund:innen heraus. Das zeigt sich in den Zahlen von Visa: Seit dem Start des Produkts 2019 hat das Netzwerk in Deutschland mehr als 21 Millionen Karten verteilt. Der Sprung ist auf die leicht besseren Konditionen für die Banken, den internationalen Einsetzbarkeit und den Wegfall von Kosten für mehrere Systeme zurückzuführen. Die Ausgabe von New Debits scheine „zumindest für Direktbanken finanziell attraktiver zu sein als die der eigenentwickelten Girocard“, sagt Experte Rüter. Für die Händler würden Zahlungen es dadurch eher teurer. Rüter kommt zu einem klaren Urteil: Die Ansprüche der kartenausgebenden Banken und der Kund:innen hätte sich von den Wünschen des Handels entfernt.
Dabei verzichten diese Debitkarten ganz auf das System der Girocard, die zudem im Online-Handel bisher keinen Durchbruch macht. „Im E-Commerce hat die Girocard nur eine Statistenrolle“, sagt EHI-Payment Experte Horst Rüter in einem Beitrag. An den „New Debits” von Visa und Mastercard ist also kein europäischer Marktteilnehmer beteiligt. Banken brauchen hier einen neuen Partner, damit ihre Kund:innen über die Girocard im Ausland und im Internet bezahlen können – oder sie setzen gleich auf die internationalen Debitkarten. Das französische nationale Kartennetzwerk Cartes Bancaires (CB), dessen Probleme mit dem des Girocard-Systems in Deutschland vergleichbar sind, möchte nun ausgerechnet mit dem Co-Badging wieder attraktiver werden.

Wenn zwei sich streiten…
Während die Kartennetzwerke ihren Vorsprung ausbauen, eskaliert der Streit zwischen Wero und den Planern des Digitalen Euros zunehmend. „Wir können den digitalen Euro den Verbrauchern anbieten, dafür brauchen wir keine neue EZB-App in unseren Märkten“, sagte Wero-Chefin Martina Weimert der Süddeutschen Zeitung gerade. Jedoch halten Bundesbankchef Joachim Nagel und die Bundesregierung weiter an den Plänen für den Digitalen Euro fest. Ob solche Sticheleien dem „Europäischen Projekt” angesichts des Erfolgs der Kartennetzwerke zweckdienlich sind, ist fraglich. Denn im Windschatten des Zahlungs-Zoffs können Visa und Mastercard mit ihren Debitkarten weiter Marktanteile gewinnen. Wenn zwei Zahlungssysteme sich streiten, freuen sich also im Regelfall die Karten-Riesen.