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Wie Europa auf den digitalen Zahlungsverkehr der Zukunft blickt

Die europäischen Zentralbanken haben die Strategie des Eurosystems für den digitalen Zahlungsverkehr vorgelegt. Sich da durchzuarbeiten, mag etwas mühsam sein, die Ausführungen machen aber deutlich, wen sie als Freund und wen sie als Feind ansehen.

Wie Europa auf den digitalen Zahlungsverkehr der Zukunft blickt

Auf 18 Seiten legt das Eurosystem, die von nationalen Zentralbanken und EZB gebildete Organisation, dar, wie die Zahlungslandschaft im Euroraum gestaltet werden soll. Das mag im ersten Moment sehr abstrakt wirken, doch müssen die Zentralbanken sicherstellen, dass sie angesichts von Stablecoins und neuen Bezahlmethoden überhaupt noch die Geldpolitik beeinflussen können. Im Sprech des Eurosystems klingt das dann so: „Die Wahrung der Rolle von Zentralbankgeld – sowohl im Privatkunden- als auch im Großkundenmarkt – in einer wachsenden digitalen Wirtschaft ist entscheidend für die Sicherung der Währungshoheit, der Finanzstabilität, der Abwicklungsendgültigkeit, der Paritätskonvertibilität und der Einheitlichkeit des Geldes im gesamten Euro-Währungsgebiet.“ Kürzer formuliert: Es geht in Sachen Strategie ans Eingemachte. 

Tatsächlich ist die Geldpolitik nur eines von vier übergeordneten Zielen, das die Zentralbanker*innen in ihrer Payment-Strategie betonen. Die EU müsse ihre strategische Autonomie und ihre operative Widerstandsfähigkeit im Zahlungsverkehr stärken, heißt es. Die übermäßige Abhängigkeit von einer kleinen Anzahl außereuropäischer Zahlungsanbieter und habe Schwachstellen offenbart, „die durch erhöhte geopolitische Unsicherheiten und das Risiko, dass Zahlungslösungen als wirtschaftliches oder politisches Druckmittel eingesetzt werden, noch verschärft werden könnten“. 

Gemeint sein dürften vor allem US-amerikanische Anbieter wie Mastercard, Visa und Paypal. Schon einmal wurden die mutmaßlich zum Spielball der US-Politik: Nicolas Guillou, Richter am Internationalen Strafgerichtshof, kann laut Medienberichten keine Kreditkarten mehr benutzen, seitdem er von den USA aufgrund der seiner Ermittlungen gegen hochrangige israelische Politiker mit Sanktionen belegt wurde. Payment, das musst Europa im vergangenen Jahr lernen, ist mehr, als nur seine Karte an ein Terminal zu halten. 

Als drittes Ziel strebe das Eurosystem einen integrierten, wettbewerbsfähigen und innovativen Zahlungsmarkt an, der Verbraucher*innen und Unternehmen auf paneuropäischer Ebene gleichermaßen zugutekommen soll. Es ist von „paneuropäischen Zahlungslösungen“ die Rede, die im Euroraum breit akzeptiert werden sollten. Das vierte strategische Ziel lautet, die internationale Rolle des Euro zu stärken. 

Mit diesen Zielen dürfte wohl auch die Finanzbranche mitgehen. Die Frage ist nur: Wie wollen die Zentralbanken sie erreichen? Das Eurosystem will Innovationen wohl nicht ausbremsen, macht aber immer wieder deutlich, dass das Vertrauen in sicheres Zentralbankgeld auch im digitalen Zeitalter nicht zur Diskussion stehe. Das dürfte in der Praxis ein ziemlicher Spagat werden. Ein Blick auf zwei Aspekte macht deutlich, in welche Richtung die Zentralbanken da denken.

DLT und Stablecoins im Fokus

Zunächst will das Eurosystem einen „integrierten europäischen Markt für tokenisierte Abwicklungsaktiva“ entwickeln. Insbesondere geht es um tokenisiertes Zentralbankgeld. Zwar seien tokenisierte Einlagen noch nicht weit verbreitet, sie hätten aber das Potenzial, im Laufe der Zeit eine bedeutendere Rolle zu spielen. Nach Ansicht des Eurosystems sind tokenisierte Einlagen gut geeignet, um viele der funktionalen Vorteile zu bieten, die derzeit mit Stablecoins verbunden sind. Das Ganze muss man aber nicht zwingend als einen Angriff auf Stablecoins verstehen, zumindest nicht auf in Euro denominierte. Das Eurosystem will nämlich private Modelle unterstützen. Denn diese könnten auch die internationale Rolle des Euro stärken. 

Die Distributed Ledger Technology (DLT) bildet dazu laut dem Eurosystem die Grundlage. Die Zentralbanken beziehen das auch auf die Abwicklung von Großkundenzahlungen und wollen sicherstellen, dass die Interbankabwicklung weiterhin in Zentralbankgeld verankert bleibt. „Das Eurosystem baut nun seine bestehenden Infrastrukturen aus und entwickelt gleichzeitig im Rahmen eines speziellen Arbeitsprogramms DLT-kompatibles Zentralbankgeld für den Großhandelsbereich“, heißt es in dem Strategiepapier. Stablecoins also sind gut, wenn sie die Rolle des Euro stärken, greifen sie aber die Rolle des Zentralbankgeldes an, sehen die Zentralbanker*innen diese als Gefahr. 

Um die Zahlungen zwischen Unternehmen zu fördern, will das Eurosystem sich für stärkere Standardisierung einsetzen – und macht vor allem Werbung für seine eigene Lösung. Eine erhöhte Transparenz, so heißt es in dem Papier, könnte die Abstimmung von Zahlungen und Rechnungen erleichtern. Das Sofortzahlungsabwicklungssystem des Eurosystems, TIPS, eigne sich auch gut für die Abwicklung von B2B-Transaktionen. TIPS, das natürlich auf der Abwicklung in Zentralbankgeld basiert, ermöglicht es Unternehmen bereits, Zahlungen in Euro und auch in einigen anderen Währungen innerhalb von Sekunden zu tätigen. Das Eurosystem wolle weiterhin in diese Technologie investieren. 

Der digitale Euro bleibt eine Herzensangelegenheit

Es dauert zehn Seiten, bis es um den digitalen Euro geht und damit um jenes Projekt, von dem Banken und Payment-Dienstleister eher wenig halten. „Da der Zahlungsverkehr im Privatkundenbereich zunehmend digitalisiert wird, würde der digitale Euro sicherstellen, dass Zentralbankgeld für die alltäglichen Transaktionen der Europäer weiterhin universell zugänglich ist, und zwar nicht nur in physischer, sondern auch in digitaler Form“, lautet die Begründung für den digitalen Euro in dem Strategiepapier. Darüber hinaus würde er es den Bürgern ermöglichen, unter allen Umständen und überall im Euro-Währungsgebiet zu bezahlen, ohne auf außereuropäische Anbieter aus dem privaten Sektor angewiesen zu sein – auf Wero geht das Eurosystem hier gar nicht erst ein.

Die Zentralbanker*innen gehen davon aus, dass diese digitale Form des Bargelds „allgemein akzeptiert“ wäre. Zahlungen mit dem digitalen Euro sollten unter allen Umständen möglich bleiben, auch ohne Internetverbindung. Die Rede ist von kosteneffizienten, sicheren und benutzerfreundlichen digitalen Zahlungen, auch aus Sicht von Händlern. Laut dem Papier würde der digitale Euro gar „ Chancen für das Zahlungsgeschäft der Banken eröffnen“ und würde es „europäischen Zahlungsdienstleistern ermöglichen, ihre Reichweite und Funktionen zu geringeren Kosten zu vergrößern und auszubauen“. Zumindest groß denken können sie im Eurosystem. 

Autor

Jan Schulte
Jan Schulte

Jan Schulte ist freier Journalist und Mitgründer des dreimaldrei Journalistenbüros. Er schreibt u. a. für Tagesspiegel Background Sustainable Finance, ZEIT und WirtschaftsWoche. An der Finanzbranche fasziniert ihn der plötzliche Nachhaltigkeits-Hype.