Wie ich meinen eigenen Banking Agenten baute
Maik Klotz hat einen Agenten gebaut, der ihm jeden Morgen die Lage seiner Finanzen durchgibt. Das war gar nicht so schwer. Und genau deshalb schließt sich laut ihm das Zeitfenster für die Banken.
Ich habe einen Banking-Agenten gebaut. Keinen Enterprise-Piloten mit 18-monatigem Projektzyklus, keinen PoC mit Beratern im Dreierschritt. Einen echten, laufenden Agenten, der jeden Tag meinen Kontostand kennt, ihn analysiert und mir ein Bild im Simpsons-Stil via WhatsApp schickt. Klingt albern und das ist es auch. Genau das ist der Punkt.
Wie es geht
simplebanking, so heißt der Agent, läuft unscheinbar in der Menüleiste meines Macs. Kontostand, Umsätze, ein schneller Blick auf die finanzielle Gesundheit. Jeder mit einem deutschen Girokonto kann es kostenlos nutzen. So weit, so überschaubar.
Dann habe ich simplebanking zwei Schnittstellen spendiert: MCP und CLI. Das klingt technischer als es ist. Der Effekt ist simpel: Ein Agent wie OpenClaw kann damit autonom Kontostand abrufen, Umsätze analysieren und diese Daten mit allem verknüpfen, was er sonst noch kann.
Das Erste, was ich damit gebaut habe, war langweilig: ein PDF-Report im fancy Design. Kontoauszug, neu verpackt. Nützlich, aber im Grunde das, was Banken seit Jahren anbieten.
Dann wurde es interessanter. Der Agent verknüpft jetzt die Kontodaten mit der Gemini API, erstellt daraus ein „Kontoklima-Bild“ im Simpsons-Stil und schickt es mir jeden Morgen via Whats App. Mein Kontostand als Wettervorhersage. Sonnig, bewölkt, Gewitter. Ich weiß sofort, wie meine finanzielle Lage ist, ohne eine Zahl gelesen zu haben.
Und dann gibt es noch Seedance 2.0. Damit wird aus demselben Kontostand ein kurzes, personalisiertes Video. Dreißig Sekunden, jeden Tag anders, je nach Cashflow. Brauche ich das? Ja. Nicht weil es funktional ist. Weil es das erste Mal ist, dass Banking sich nicht wie Verwaltung anfühlt.
Weniger in Use Cases denken
Dabei hat mich nicht die Frage beschäftigt, was Agenten alles können. Sondern warum wir Banking so lange so gedacht haben, wie wir es gedacht haben? Wenn der zentrale Zugang zu KI eine dialogbasierte Oberfläche ist, was interessiert dann noch der Use Case?
Google ist kein Use Case. „Relevante Informationen finden“ ist kein Use Case, den Google je definiert hat. Google ist eine Oberfläche, und alles andere folgt daraus. Genauso ist es mit KI-Agenten: Der Agent ist die Oberfläche. Was er tut, ergibt sich aus dem, was gefragt wird.
Das Hamburger-Menü der 2000er war die beste Antwort auf eine schlechte Frage. Die Frage hieß: Wie verstecken wir 200 Funktionen so, dass Nutzer sie theoretisch finden könnten? Die Antwort war Architektur. Kategorien, Untermenüs, Einstellungsseiten. Und trotzdem war es schwer, die IBAN zu finden.
Mit einem Agenten stellt sich diese Frage nicht mehr. „Wo ist meine IBAN?“ ist kein Navigationsproblem. Es ist eine Frage. Und die wird beantwortet. Konkret bedeutet es, dass Banking-Produkte nicht mehr für jeden denkbaren Use Case eine eigene UI-Lösung bauen müssen. Die Oberfläche ist der Agent. Darunter braucht es vier, fünf klare Kern-Funktionen. Im Fall von simplebanking: Kontostand, Umsatzliste, Ausgabenverteilung, finanzielle Gesundheit. Das ist die Basis. Was der Agent daraus macht, ist offen.
Ein Agent für jede:n
Jetzt stell man sich vor, was das für Banken bedeutet, die ihre Kund:innen wirklich kennen. Banken wissen, wie alt sie sind. Welche Produkte sie nutzen. Ob sie regelmäßig Dividenden bekommen oder jeden Monat knapp über null liegen. Sie wissen, wann die Steuerrückzahlung kommt.
Ein Agent kann das verknüpfen. Nicht mit einer Push-Notification: „Ihre Erstattung ist eingegangen“, sondern mit einem personalisierten Video: Golf-Manfred, der Bank-Avatar für die Boomer-Zielgruppe, schaut in die Kamera und sagt: „Hey Kalle, deine Steuerrückzahlung ist da. Sollen wir einen Teil davon in deinen Sparplan stecken, bevor er auf dem Konto verdunstet?“
Das ist kein Science-Fiction. Die Technologie existiert heute. Seedance, Gemini, ein vernünftiger MCP-Endpunkt, eine Kundendatenbank, die seit Jahren gefüllt wird. Was fehlt, ist nicht die Technik. Es ist die Bereitschaft, Banking nicht mehr als Verwaltung zu denken, sondern als Kommunikation.
Banking muss dort stattfinden, wo Nutzer:innen sind
simplebanking sitzt in der Menüleiste. Nicht in einer Banking-App, nicht hinter einem Login, nicht auf Seite drei einer Navigationsstruktur. Es ist da, wo ich arbeite. Es ist Teil meines Workflows.
Dasselbe Prinzip gilt für Agenten. Banking wird in Zukunft in Claude stattfinden, in ChatGPT, in OpenClaw, in Hermes, in welchem Agenten auch immer der Nutzer seinen Alltag organisiert. Nicht weil Banken das so entschieden haben, sondern weil Nutzer dort sind.
Das bedeutet: APIs und Schnittstellen sind nicht mehr nette Ergänzungen zum Kernprodukt. Sie sind das Kernprodukt. Wer keinen MCP-Endpunkt hat, ist für Agenten unsichtbar. Wer keine offene, dokumentierte API hat, existiert für diesen Layer nicht. Das klingt dramatisch. Es ist dramatisch. Und es passiert gerade.
Was das konkret bedeutet
Ich bin kein Bankvorstand und kein Berater, der jetzt eine 5-Punkte-Roadmap verkaufen möchte. Aber ein paar Dinge sind aus meiner eigenen Erfahrung mit simplebanking klar:
Use Cases vereinfachen, nicht erweitern. Der Reflex bei neuen Technologien ist immer: Mehr Features, mehr Möglichkeiten, mehr Use Cases. Mit Agenten ist es umgekehrt. Die Oberfläche ist offen, also muss das Fundament klar sein. Vier, fünf Kernfunktionen, solide, gut dokumentiert, agent-lesbar. Der Rest folgt.
Personalisierung ernst nehmen. Nicht als Marketing-Begriff, sondern als technische Anforderung. Ein Agent, der eine Rentnerin anders anspricht als den 28-jährigen Erstkäufer, ist keine Spielerei. Es ist der Unterschied zwischen einem Produkt, das genutzt wird, und einem, das toleriert wird.
Schnittstellen priorisieren. MCP, CLI, offene APIs: das sind keine IT-Projekte. Das sind strategische Entscheidungen darüber, ob die eigene Bank in der Agenten-Welt vorkommt oder nicht.
Erlauben, dass es seltsam wird. Das Simpsons-Kontoklima-Bild ist objektiv albern. Es ist auch das erste Mal, dass ich jeden Morgen gern auf mein Banking geschaut habe. Banken, die nur in regulierten, compliance-sicheren Kommunikationsformaten denken, werden in dieser Welt nicht konkurrenzfähig sein.
Was noch kommt
simplebanking ist in dieser Form ein persönliches Experiment. Aber die Schnittstellen, die es ermöglichen, sind dieselben, die jede Bank nutzen kann. MCP ist kein Nischen-Protokoll mehr. Claude, GPT, Gemini, alle großen Modelle sprechen es.
Das Fenster, in dem Banken die Agentic-Banking-Schicht selbst gestalten können, ist offen. Aber es schließt sich. Wenn die Schnittstellen von Drittanbietern gebaut werden, von Fintechs, von Plattformen, von Entwicklern mit einem Sideprojekt, dann sind Banken nicht mehr der Autor dieser Kommunikation. Sie sind nur noch der Datenprovider im Hintergrund. Sky is the limit. Aber nur für die, die jetzt anfangen, die Leiter zu bauen.