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Der Marathon-Läufer

Ralf Heim ist Payment & Bankings Unternehmer des Jahres, aber längst kein neues Gesicht. Nun zieht sich der Fincite-Mitgründer aus dem operativen Geschäft zurück. Das ist seine neue Aufgabe.

Ralf Heim, Mitgründer von Fincite und Fintech-Unternehmer des Jahres
Porträt von Ralf Heim, Mitgründer des Wealthtechs Fincite und Fintech-Unternehmer des Jahres. Der Unternehmer steht für nachhaltiges Wachstum im B2B-Fintech und die strategische Entwicklung europäischer Plattformen.

Ralf Heim ist Payment & Bankings Unternehmer des Jahres, aber längst kein neues Gesicht. Nun zieht sich der Fincite-Mitgründer aus dem operativen Geschäft zurück. Das ist seine neue Aufgabe.

Wer Fintech-Gründer und Business-Angel Ralf Heim fragt, was aus seiner Sicht die bestechenden Argumente für seine Auszeichnung als Fintech-Unternehmer des Jahres sind, bekommt schnell ein paar Vermutungen geliefert: Vielleicht war es der nachhaltige Aufbau des Fintechs, das Heim mitgründete, oder einer der wenigen erfolgreichen Exits durch den Zusammenschluss mit einem französischen Wettbewerber im vergangenen Jahr. Vielleicht war es auch sein Engagement als fleißiger Netzwerker, der versucht, die Branche zu verzahnen und junge Talente mit einer Beteiligungsfirma zu unterstützen.

Fest steht: Ralf Heim ist längst kein neues Gesicht in der Branche. „Im FinTech Softwaremarkt werden Medaillen für den Marathon vergeben, nicht für den Sprint.” Ein Marathon ist in seinem Fall nicht das schlechteste Bild, um seine bisherige Karriere zu beschreiben. Schon alleine, weil sie länger ist als die der meisten.

Vor elf Jahren gründete er mit Friedhelm Schmitt und Stefan Post das Unternehmen Fincite, das Software für die Vermögensverwaltung baut. Von seiner damaligen Arbeit als Programmierer hat sich Heim mittlerweile zu einem Strategen entwickelt und verkündete in der vergangenen Woche seinen Rückzug aus dem operativen Geschäft. Als Gesellschafter bleibt er Fincite natürlich erhalten. Vielleicht ist es auch ein Zeichen, dass jemand wie Heim gerade jetzt mit diesem Preis ausgezeichnet wird.

Auf dem Teppich geblieben

Denn seine Qualitäten sind in der deutschen Fintech-Landschaft mehr gefragt denn je. Seit die ersten Fintechs anfingen, gab es viele Aufs und Abs im Markt. So richtig groß wurde das Thema in der Zeit von Heims Gründung ab 2015 mit großen Investitionen und noch größeren Hoffnungen. Ab 2020 setzte dann Ernüchterung ein: die überhitzten Bewertungen trafen oft auf die Realisierung, dass sich viele Geschäftsmodelle nicht wirklich trugen. 2022 war der Tiefpunkt: Wenig Investitionen, einige Zusammenbrüche und Sparprogramme dominierten die Nachrichten.

Durch all diese Phasen glitt Ralf Heim mit Fincite geschmeidig durch. Vielleicht auch, weil er und seine Mitgründer sich meist zurückhielten: „Es war relativ einfach, Schlagzeilen zu produzieren mit großen Zahlen oder großen Funding-Runden”, erinnert er sich an die Zeit der großen Investments vor der Pandemie. „Diese Mega-Runden haben im B2C-Bereich auch oft gut funktioniert – im B2B-Bereich wächst das Gras dagegen selten schneller, wenn man mit Geld dran zieht.”

Heim und seine Mitgründer bei Fincite gingen anders vor: Zunächst verzichtete das Fintech auf Kapitalspritzen von außen. Er wusste aber gleichzeitig, dass Fincite nicht in einem Bereich arbeitete, der exponentielles Wachstum versprach. Zunächst weil Fincite, das Beratungs- und Planungs-Tools für Vermögensverwalter baut, als B2B-Anbieter nur einen begrenzten Kundenstamm hat: „Neobroker und Banken können schneller wachsen als wir und haben das beeindruckend bewiesen”, sagt er. Bei Fincite war organisches Wachstum gefragt.

Ein europäischer Fintech-Stratege

Über die Zahlen des Berliner Fintechs ist nicht viel bekannt. Doch die Expansion von Fincite, das mittlerweile in sieben Ländern aktiv ist, spricht für sich. Die Zukunft sieht Heim in der europäischen Zusammenarbeit: Anfang 2025 fusionierte Fincite mit dem französischen Wealthtech Harvest. Die Marktgrößen im WealthTech sei in jedem einzelnen Land begrenzt. Ein Champion mit pan-europäischer Plattform und regionalem Zugang habe hingegen ein großes Potential: „Wir wollen einen europäischen Champion aufbauen”, sagt Heim.

Heims Rolle hat sich verändert: Für die fusionierten Fintechs aus der Harvest Group reist der 40-Jährige gerade durch Europa, um potentielle Zukäufe auszuloten. Erst gerade gab Fincite die Übernahme des italienischen Unternehmens Firstance bekannt, das Zeichnungs- und Policenverwaltungsplattformen für Versicherungen und Vertriebe baut. Dabei beschäftigt er sich immer mit der Frage, wie die Finanzplattformen der Zukunft aussehen können: „Ich werde immer sehr nah an Technologie dran sein”, sagt er. „Das liebe ich einfach.”

Brückenbauer statt Einzelkämpfer

Heims Horizont erweiterte sich früh: Denn Deutschland bot für ihn nicht immer die besten Gegebenheiten. Weil Entwickler:innen in Deutschland schwer zu finden waren, schaute sich Heim in der Ukraine und Peru um. Dort arbeiten Entwickler:innen teilweise seit zehn Jahren mit Fincite zusammen. „Die Qualität der Codes hängt stark davon ab, dass Entwickler kontinuierlich dabei bleiben”, und das sei in Deutschland eher seltener der Fall. Man habe die Erfahrung gemacht, dass bei „Outsourcing“ eine höhere Mitarbeitertreue bei Entwickler:innen möglich war als in Deutschland.

Andere Hürden seien dagegen niedriger geworden. Beispielsweise für die Gründung: Seine Arbeit als Programmierer begann Heim bereits mit 16 und sozusagen aus dem Elternhaus heraus. Über die Jahre beobachtete er, dass die Kosten für die Neugründung kontinuierlich sanken. KI-Tools und White-Label-Produkte bringen neue Möglichkeiten, Prototypen schneller zu bauen. Dass die Finanzierungen zurückgegangen sind, sieht er nicht als Problem: „Inkubation klappt ironischerweise dann besonders gut, wenn das Funding geringer ist”, meint er. „Gerade ist wieder eine super Zeit, um zu gründen.”

Seine Rolle als Netzwerker nimmt er ganz bewusst wahr, besonders in seiner Nische, dem Wealth-Tech: „Wir haben in Deutschland im Markt für Asset und Wealth Management wenig Möglichkeiten zum Austausch gehabt”, sagt er. Mit Wealth Connect hat Fincite 2025 erstmals eine größere Veranstaltung zum Thema ins Leben gerufen. Das möchte er auch mit Fincite Ventures, das mittlerweile in FSR Capital umbenannt wurde und noch den drei Gründern von Fincite gehört. Nebenbei gibt er jungen Gründer:innen auch gerne Feedback – auch wenn er nicht in ihre Gründungen investiert.

Autor

Lukas Homrich
Lukas Homrich

Lukas Homrich ist freier Journalist und Mitarbeiter des dreimaldrei Journalistenbüros. Er schreibt über Wirtschafts- und Finanzthemen. Besonders Spaß macht es ihm, über Geschäftsmodelle zu philosophieren.