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Payment-Roaming, Stablecoins und Europas Innovationsproblem: Das Update mit Christian Pirkner

Jochen Siegert und Julian Prüfer sprechen mit Christian Pirkner (Blue Code) über die Interoperabilitäts-Demo beim EHI-Kongress, den globalen Roaming-Erfolg bis zur Frage, warum Europa bei eigenen Payment-Produkten immer wieder von vorne anfängt.

Payment-Roaming, Stablecoins und Europas Innovationsproblem: Das Update mit Christian Pirkner
Christian Pirkner

Zu Gast im Podcast war diesmal Christian Pirkner, Gründer von Blue Code, der mit Jochen und – erstmals in dieser Konstellation – mit Julian ein Review zum aktuellen Stand der Zahlungs-Interoperabilität gemacht hat. Anknüpfungspunkt war eine Präsentation von Pirkner beim EHI-Kongress, bei der er live gezeigt hatte, wie er bei Aldi, Lidl, Edeka, dm und Co. überall kontaktlos bezahlen konnte, ohne dass die Händler formal Blue-Code-Akzeptanz hatten. Im Podcast erklärt Pirkner, wie das funktioniert und was sich seit dem letzten gemeinsamen Gespräch alles getan hat.

Roaming statt eigenes Netz: Wie Blue Code fremde Akzeptanzsysteme nutzt

Kern des Blue-Code-Modells ist das sogenannte Payment Roaming: Statt ein eigenes Akzeptanznetz aufzubauen, dockt Blue Code an bestehende Schemes an – NFC-Netze wie Visa oder Mastercard in der westlichen Welt, QR-Netze wie Alipay+ in Asien. Für den Zahler bleibt es überall eine Blue-Code-Transaktion nach europäischen Regeln, der Händler merkt davon nichts und bekommt seinen Beleg über sein gewohntes, lokales Akzeptanzsystem. Die Analogie, die Pirkner dafür wählt, ist das Mobilfunk-Roaming: Genau wie ein Smartphone nach der Landung automatisch das stärkste lokale Netz sucht, zeigt die Blue-Code-App dem Nutzer je nach Standort die passenden Logos an – ADP in Hongkong, ChangePay in Singapur, PhonePe in Nepal oder PayPay in Japan.

Vom europäischen Herzensprojekt zum globalen Netzwerk mit über 60 Schemes

Ursprünglich als rein europäische Lösung gedacht, hat sich aus dem 2019 gegründeten Projekt inzwischen ein globales Netzwerk mit mehr als 60 angeschlossenen Schemes entwickelt – rund 30 in Asien, 30 im Rest der Welt. Ausgerechnet in Europa, so Pirkner selbstkritisch, laufe es am schleppendsten: Während er privat in Österreich bei rund 75 Prozent der Händler mit Blue Code zahlen kann, sind es in Deutschland eher 60 bis 65 Prozent. International dagegen ging es zuletzt deutlich schneller – inklusive eines frisch unterzeichneten Memorandums mit China UnionPay. Für Jochen und Julian ein bezeichnendes Muster: Bei europäischen Partnern dauert die Anbindung oft ein Vielfaches der Zeit, die außereuropäische Partner benötigen.

Stablecoins als neue Funding-Quelle im Roaming-Netz

Spannend fürs zweite Halbjahr wird laut Pirkner die Anbindung von Wallets und Issuern an die Roaming-Plattform und ein Trend, der ihn selbst überrascht hat: das große Interesse von Stablecoin-Anbietern. Bereits angeschlossen sind erste Stablecoin-Netzwerke, auf Branchentreffen wie dem Point Zero Forum in Zürich hat Pirkner nach eigener Aussage in Echtzeit mit USDC und EURC bezahlt. Sein Ziel: perspektivisch jede Währung und jede digitale Währung weltweit über das Netz abwickeln zu können.

Wero, Bizum und die Frage, ob Europa das Rad neu erfindet

Kritischer wird es beim Blick auf die europäische Interoperabilitäts-Initiative rund um Wero, Bizum und MB Way: Aktuell funktioniert diese nur auf Peer-to-Peer-Ebene – über exakt den Hub, den Blue Code über die Emsa-Struktur bereits vor Jahren gebaut und für alle Marktteilnehmer geöffnet hat. Pirkner rechnet damit, dass die Branche das Thema dennoch komplett neu aufsetzen will, statt auf bestehender Infrastruktur aufzubauen. Er zieht dazu die lange Geschichte europäischer Payment-Reboots heran – von Giropay über Kwitt bis paydirect – als Beleg für einen strukturellen Hang, immer wieder von vorne zu beginnen, statt Bestehendes weiterzuentwickeln.

Digitaler Euro: Warum Pirkner an der Top-down-Lösung zweifelt

Beim digitalen Euro sieht Pirkner das gleiche Muster im XXL-Format: eine zentral verordnete Infrastruktur, die per Gesetz durchgesetzt werden soll, wo der Markt in Europa – anders als etwa bei Pix in Brasilien oder UPI in Indien – bereits gut funktioniert. Sein Kernargument: Großartige, massentaugliche Zahlungsprodukte seien historisch fast immer von Unternehmern entstanden, nicht aus Konsortien oder Zentralbanken. Jochen hält dagegen, dass auch Instant Payments erst durch regulatorischen Zwang zum neuen Standard wurden – ohne Mandat hätten sich die Banken dagegengestemmt. Für Julian und Jochen bleibt die Debatte ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich Innovationsdruck von privater und staatlicher Seite wirkt – mit validen Argumenten auf beiden Seiten.

NFC-Öffnung, Nigeria und ein optimistischer Schlussakkord

Einigkeit herrscht dagegen beim Blick auf die regulatorisch erzwungene Öffnung der NFC-Schnittstelle: Erst nach jahrelangem politischem Druck aus Brüssel können Drittanbieter wie Blue Code die Schnittstelle am iPhone nutzen – aus Sicht aller drei ein seltenes Beispiel, in dem der „Arm des Gesetzes" tatsächlich zu einem für den Nutzer spürbar besseren Ergebnis geführt hat. Einen Blick über Europa hinaus liefert Pirkner mit dem Beispiel Nigeria, wo Blue Code als lizenzierter QR-Partner eng mit der Zentralbank zusammenarbeitet und Vertrauen unter anderem über ein Source-Code-Escrow-Modell aufgebaut hat. Sein Fazit zum Ende des Gesprächs: Europa habe das unternehmerische Talent und das Kapital, um wieder vorne mitzuspielen – es fehle aber häufig an der kulturellen Bereitschaft, auf bestehende Lösungen zu setzen, statt sie ständig neu zu erfinden.

Autor

Marvin & Julian
Marvin & Julian

3×3=10, der Podcast über Kooperationen in der Finanzwelt mit Julian Prüfer und Marvin Vortkamp. Wie Banken, Versicherer, FinTechs und Corporates datengetriebene Ökosysteme bauen – von Regulatorik bis Kunde. News, Insights und Realtalk.

Jochen Siegert
Jochen Siegert

Jochen Siegert ist Co-Founder von Payment & Banking und Senior Advisor. Als Experte für digitale Transformation im Finanzwesen blickt er auf über 25 Jahre Erfahrung zurück – mit CxO-Rollen bei globalen Paymentanbietern, Fintechs und Banken.