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Warum der deutsche Mittelstand Kredite meidet und Wachstum ausbremst

Eine Qonto-Studie zeigt: Viele kleine Unternehmen verzichten auf Finanzierung – und verpassen dadurch wertvolle Wachstumschancen. Gemeinsam analysieren Banxware und Qonto die Ursachen.

Miriam Wohlfarth (Banxware) und Dr. Malte Dous (Qonto) über die Finanzierungszurückhaltung im deutschen Mittelstand
Miriam Wohlfarth, Founder & Co-CEO von Banxware, und Dr. Malte Dous, Managing Director Central Europe bei Qonto.

Eine neue Studie von Qonto bringt einen deutschen Reflex auf den Punkt: Fast die Hälfte der kleinen Unternehmen hierzulande hat noch nie eine externe Finanzierung genutzt. 46 Prozent kürzen lieber das eigene Gehalt, als sich Kapital von außen zu holen. Stolz auf Unabhängigkeit? Unbedingt. Aber Unabhängigkeit ist kein Geschäftsmodell.

Wenn wir über die Zukunft des deutschen Mittelstands sprechen, landen wir schnell bei den üblichen Verdächtigen: Fachkräftemangel, Bürokratie, Regulierung. Alles wichtig, keine Frage. Aber ein Punkt geht in diesen Debatten regelmäßig unter und er entscheidet leider, aber genauso hart über Wachstum: der Umgang mit Finanzierung.

Anlass für diesen Beitrag ist eine aktuelle Studie von Qonto, bei der 1.659 Soloselbstständige und kleine Unternehmen in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien befragt wurden. Die deutschen Zahlen daraus habe ich mir mit Malte Dous, Managing Director Central Europe bei Qonto, genauer angesehen und ehrlich gesagt sind ein paar davon ein Weckruf.

Lieber das eigene Gehalt streichen als finanzieren

Fangen wir mit der Zahl an, die uns am meisten beschäftigt: 46 Prozent der befragten Unternehmer:innen haben in den vergangenen zwölf Monaten ihr eigenes Gehalt gekürzt oder ganz ausgesetzt, um den Betrieb am Laufen zu halten. Gleichzeitig nennen 46 Prozent das Liquiditätsmanagement als eine ihrer größten Herausforderungen.

Und trotzdem haben 50 Prozent noch nie eine externe Finanzierung in Anspruch genommen. Damit liegt Deutschland, gemeinsam mit Spanien, beim Verzicht auf Finanzierung an der Spitze aller untersuchten Länder.

Warum? Ein Drittel aller Befragten fürchtet den Kontrollverlust. Sie haben Angst, dass ein Kredit ihre Entscheidungsfreiheit im Unternehmen einschränkt. Diese Reihenfolge sagt viel. Das eigene Gehalt kommt zuletzt, die Unabhängigkeit zuerst. Dahinter steckt eine tiefsitzende Haltung.

Und diese Haltung hat viel Gutes. Unsere Kultur der finanziellen Vorsicht hat den Mittelstand krisenfest gemacht, im Ausland ist der deutsche Mittelstand nicht umsonst ein Qualitätssiegel. Die Studie zeigt das deutlich: 77 Prozent sind stolz darauf, ihr Unternehmen ohne externe Finanzierung zu führen. 62 Prozent der Firmen ohne Finanzierung sehen schlicht keinen Bedarf, der höchste Wert aller untersuchten Länder. Interessant ist das Gegenstück: Dass ein Kredit ein Zeichen schlechter Unternehmensführung sei, finden in Deutschland nur 27 Prozent, der niedrigste Wert aller Länder. Das alte Stigma bröckelt also längst. Die Zurückhaltung speist sich weniger aus echter Ablehnung als aus Gewohnheit und einem „brauchen wir nicht".

Die Zurückhaltung hat einen Preis

Problematisch wird diese Zurückhaltung erst dort, wo sie Wachstum verhindert, und das tut sie messbar. 24 Prozent der Befragten haben bereits konkrete Geschäftschancen verpasst, weil ihnen die Finanzierung fehlte. 34 Prozent wollen wachsen, haben dafür aber nicht genug Kapital.

Das ist die eigentliche Pointe der Studie. Es geht nicht um insolvenzgefährdete Unternehmen, deren Geschäftsmodell nicht funktioniert. Vielmehr geht es um gesunde Firmen mit Wachstumsambitionen, die ausgebremst werden. Wer eine Großbestellung nicht annehmen kann, weil das Working Capital fehlt, verliert den Auftrag und damit Tempo, das sich später nur schwer wieder einholen lässt.

Das ist kein Einzelbefund einer einzigen Umfrage. Auch die KfW beschreibt in ihrem Mittelstandspanel seit Jahren einen schleichenden Rückzug des Mittelstands aus der Kreditfinanzierung. [Mittelstandspanel der KfW]

In einer wirtschaftlich angespannten Situation, wie wir sie in Deutschland aktuell erleben, reicht es für Unternehmen längst nicht mehr aus, lediglich gut aufgestellt zu sein. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit, Chancen schnell zu nutzen und auf Veränderungen unmittelbar reagieren zu können. Wer das Mittel der Finanzierung erst dann nutzt, wenn sie unmittelbar gebraucht wird, reagiert oft zu spät.

Was der Mittelstand jetzt braucht

Spannend ist außerdem, wonach die Befragten ihren Finanzierungspartner:in auswählen: Man ist bereits Kund:in beim Anbieter (48 Prozent), man vertraut dem Anbieter (25 Prozent), und man bekommt eine schnelle Zusage sowie schnellen Zugang zu Kapital (24 Prozent). Übersetzt heißt das, dass Finanzierung am liebsten dort abgeschlossen wird, wo schon eine Beziehung besteht.

Daraus lässt sich einiges ableiten. Über die Nutzung von Finanzierung entscheidet offenbar weniger der Preis als die Frage, wie vertraut und wie unkompliziert sie verfügbar ist. Ein gutes Angebot allein genügt nicht, solange der Weg dorthin mit Aufwand und Misstrauen verbunden ist. Am ehesten wird Finanzierung dort genutzt, wo Unternehmer:innen ohnehin arbeiten und ihre Zahlen sehen.

„Die Zahlen zeigen, dass die Zurückhaltung gegenüber externer Finanzierung selten an fehlendem Bedarf oder fehlendem Mut liegt, sondern daran, dass Finanzierungsoptionen schlicht nicht bekannt oder nicht vertrauenswürdig genug erscheinen. Wer noch nie einen unkomplizierten Zugang zu Kapital erlebt hat, greift im Zweifel lieber auf das zurück, was er kennt: das eigene Polster, das eigene Gehalt. Das Problem daran ist nicht die Vorsicht an sich, sondern dass sie Wachstum kostet, das sich später nur schwer wieder aufholen lässt. Hier braucht es keine Revolution, sondern bessere Zugänge an den richtigen Stellen." - Dr. Malte Dous, Managing Director Central Europe, Qonto

Dass dieser Weg ankommt, zeigen zwei weitere Zahlen. 68 Prozent der deutschen Befragten planen ihren Finanzierungsbedarf vorausschauend, auch hier der höchste Wert aller Länder. Der Mittelstand ist also alles andere als naiv. Und während sich 37 Prozent mit Finanzapps noch unwohl fühlen, würden bereits 45 Prozent einem Fintech oder einer digitalen Bank ihre Finanzierung anvertrauen. Das ist fast die Hälfte - vor wenigen Jahren undenkbar. Der Bedarf bleibt: Rund ein Viertel der deutschen Unternehmer:innen rechnet damit, im kommenden Jahr Finanzierung zu benötigen.

Aus all dem leiten wir drei Empfehlungen ab:

1. Finanzierung neu denken. Ein sinnvoll eingesetzter Kredit ist kein Eingeständnis von Schwäche, sondern ein Wachstumshebel. Wer das eigene Gehalt streicht, statt zu finanzieren, optimiert das eigene Durchhalten, nicht das Unternehmen.

2. Vertrauen und Geschwindigkeit nutzen. Finanzierung funktioniert dort am besten, wo Vertrauen schon vorhanden ist. Integrierte Lösungen senken Hürden und beschleunigen den Zugang zu Kapital.

3. Bank und Fintech sind kein Entweder-oder. Für langfristige Investitionen bleibt die Hausbank ein unverzichtbarer Partner. Für schnelles, flexibles Kapital sind digitale Anbieter oft die bessere Wahl. Die Kunst liegt in der Kombination. 

Fazit

Mit der Partnerschaft von Banxware und Qonto tragen wir einen kleinen Teil dazu bei, genau diesen Bedürfnissen entgegenzukommen: Finanzierung einfacher, schneller und vertrauter zu machen, damit der Grund zur Zurückhaltung schrumpft. Das löst nicht alles, und es braucht viele, die in dieselbe Richtung arbeiten. Aber je öfter der Zugang an der richtigen Stelle sitzt, desto eher wird aus einem zögerlichen ein handlungsfähiger Mittelstand.

Die Studie zeigt einen Mittelstand, der vorsichtig, vorausschauend und stolz ist und der genau aus diesen Tugenden heraus zögert, wenn Mut gefragt wäre. Wer lieber das eigene Gehalt streicht, als sich Kapital von außen zu holen, gewinnt Unabhängigkeit auf dem Papier und gibt sie genau dort auf, wo sie zählt. Denn vielleicht müssen wir den Begriff neu denken: Unabhängig ist nicht, wer ohne fremdes Geld auskommt, sondern wer im entscheidenden Moment handeln kann. Die eigentliche Frage, die diese Studie hinterlässt, dreht sich am Ende nicht um Kredite. Sie lautet: Welchen Mittelstand wollen wir in zehn Jahren haben, einen, der stolz verwaltet, was er hat - oder einen, der gestaltet, was möglich wäre?

 

Autor

Miriam Wohlfarth
Miriam Wohlfarth

Miriam Wohlfarth ist Unternehmerin, Aufsichtsrätin und Beirätin. 2009 hat sie das Payment-Unternehmen Ratepay gegründet und war dort bis zum Oktober 2021 Geschäftsführerin. 2020 hat sie das Fintech Ba