Agentic Commerce: Welche Rolle bleibt den Zahlungsdienstleistern?
Die Sorge, dass KI die Handelswelt mal wieder auf den Kopf stellt, ist groß. Auch Zahlungsanbieter jedweder Couleur müssen sich überlegen, wie sie sich behaupten können.
Eigentlich haben sich viele Händler nach wie vor nicht von der Disruption durch den Onlinehandel erholt. Trotzdem rollt jetzt schon die nächste Welle an, wenn man denn den Technologie-Auguren glauben darf. Agentic Commerce heißt sie.
Im Wesentlichen geht es dabei um selbst einkaufende KI-Helferlein, Personal Shopper aus der neuronalen Netzwelt, die im Auftrag der Konsument*innen Produkte vergleichen, auswählen und dann auch kaufen. Das bringt nicht nur für die Händler Herausforderungen mit sich, denn all die eingeübten Mechanismen, um Kund*innen im Onlinehandel anzulocken und zu überzeugen, greifen jetzt plötzlich nicht mehr. Die Suchmaschinenoptimierung (SEO) zum Beispiel dürfte als Taktik bald hinfällig sein, stattdessen geht es nun um die Optimierung für die KI, GEO (Generative Engine Optimization) lässt grüßen. Auch Zahlungsdienstleister haben Sorgen. Die direkte Kund*innenschnittstelle könnte wegfallen, neue Identitäts- und Authentifizierungsprobleme auftreten. Neue Haftungsfragen müssen sie aufklären.
Dass das alles keine reine Zukunftsmusik ist, zeigten Daten anlässlich des Black Friday im vergangenen Jahr. Der Software-Anbieter Salesforce schätzte in einer Prognose, dass KI bereits bei 22 Prozent der Käufe an diesem Großshoppingtag eine Rolle spielen werde. Wie es tatsächlich ausging, ist nicht überliefert. Ohnehin muss das nicht immer gleich Agentic Commerce bedeuten, auch eine simple Frage an ChatGPT, welcher Laptop denn nun der Beste ist, nutzt schließlich KI. Aber bedenkenswert ist es dennoch, vor allem, weil der Anteil eher steigen als sinken wird.
In Deutschland herrscht noch Skepsis vor
Wie also können sich Zahlungsdienstleister auf diese neue Welt einstellen? Diese Frage haben sich unter anderem die beiden Anbieter Adyen und Riverty gestellt. Adyen bastelt unter anderem schon an Lösungen, mit denen Händler sich auf Agentic Commerce vorbereiten können.
Sie beschlossen, erstmal die Gefühlswelt der Kund*innen zu beleuchten, konkret die der Deutschen. Die trauen – in diesem technologieskeptischen Land keine Überraschung – den Kaufagenten nur begrenzt über den Weg. Zwar zeigt sich jeder Dritte neugierig auf die Innovation, aber es überwiegt doch die Skepsis (46 Prozent der Befragten). Für den Einsatz von Agentic Commerce wünschen sich die Meisten die Möglichkeit, den KI-Einkauf jederzeit einsehen und stoppen zu können. Und wenn sie mit KI shoppen, so das Ergebnis der Umfrage, dann doch bitte per Rechnungskauf oder BNPL.
Natürlich klingeln da bei Alexander Scheibel die Ohren. Er ist bei Riverty verantwortlich für BNPL. „Jetzt könnte man natürlich sagen: Kein Wunder, dass das bei der Umfrage rauskommt, schließlich hat Riverty sie in Auftrag gegeben“, sagt er: „Aber das deckt sich doch mit dem, was wir seit vielen Jahren im E-Commerce sehen.“ Tatsächlich ist hier der Anteil von Käufen auf Rechnung traditionell höher als im stationären Handel. Die dahinterliegende Logik ist ja auch nicht von der Hand zu weisen. Beim Onlinehandel und auch beim KI-Shopping ist die Distanz zum Verkäufer größer, Vertrauenswürdigkeit noch schwieriger einzustufen. Wer erst nach Wareneingang bezahlt, sichert sich ab.
Können sich Anbieter wie Riverty also zurücklehnen und abwarten, dass die Kunden durch die KI-Welle nun zu ihnen migrieren? Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Denn wenn Kunden einmal den Agenten beauftragen, entscheidet im Zweifel der – im Rahmen von Voreinstellungen – über die Zahlungsart. Der Checkout-Prozess würde wegfallen, die eigene Markenbekanntheit sinken, im schlimmsten Falle wird man zum unsichtbaren Infrastrukturprovider, ohne Verhandlungsmasse den großen KI-Firmen gegenüber.
Geborgtes Vertrauen für die Amerikaner
Um sich da zu behaupten, könnte aber eine andere Erkenntnis aus der Umfrage helfen: Dass die Kunden eben noch skeptisch sind und der KI nicht vertrauen. Das hängt nämlich auch daran, wer diese aktuell bereitstellt. Die Deutschen trauen Open AI, Google und Co. einfach nicht. Hochtrabend könnte man jetzt sagen, dass es hier eine Chance für einen europäischen Anbieter geben würde, in Anbetracht der hier vorherrschenden Verzagtheit bei jedweder Innovation wäre das aber wohl zu viel verlangt. Stattdessen könnten aber europäische Zahlungsanbieter als Vertrauensintermediäre agieren, die den argwöhnisch beäugten amerikanischen Anbietern die notwendige Kredibilität verleihen. „Wir können für den Kunden Transparenz herstellen, er kann dann über Riverty zum Beispiel Limits setzen, bis zu denen der Agent autonom agieren kann, alles darüber hinaus wird abgesegnet“, meint Scheibel.
Es wird am Ende ein Hauen und Stechen darum geben, wer im Agentic Commerce welche Rolle einnimmt. Neben den Zahlungsdienstleistern und KI-Anbietern wollen schließlich auch Händler nicht untergebuttert werden. Große Plattformanbieter wie Amazon oder Otto könnten versuchen, mit eigenen Agenten Marktanteile abzugreifen. Und was die ganz dicken Fische der Zahlungsabwicklung tun, die Paypals, Mastercards und Visas dieser Welt, ist auch noch nicht ganz klar. Sicher ist nur: Die Handelsdisruption 2.0 ist in vollem Gange.
Dieser Beitrag ist Teil unserer Themenwoche zum Handel, in der wir aktuelle Umbrüche im Retail – von Agentic Commerce bis Payment-Strategien – einordnen. Und natürlich diskutieren wir auch die Frage, welche Rolle Zahlungsdienstleister in einer Welt selbst handelnder KI-Agenten spielen, auf der Payment Exchange 2026 am 10. und 11. März in Berlin.