Was die Branche aus der EZB-Payment-Statistik lernen sollte
Die Zentralbank veröffentlicht ihre Analyse des europäischen Payment-Sektors. Die enthält gute und schlechte Nachrichten für Zahlungsdienstleister – und reichlich Kopfschmerzmaterial für Banken.
Als Wächterin über das europäische Finanzsystem überprüft die Europäische Zentralbank (EZB) auch, wie die Menschen auf dem Kontinent eigentlich zahlen. Dankbarerweise lässt sie uns Normalsterbliche einmal im Halbjahr daran teilhaben, was sich im europäischen Payment-Markt so verändert und welche Bezahlform im Aufschwung ist. In behördentypischer Manier ist das natürlich vor allem ein Zahlenwust, der auch eine Reihe unwichtiger oder redundanter Informationen enthält.
Aber einige Punkte sind doch hochrelevant. Wenn wir etwa auf die gestern erschienen Zahlen der EZB zum Zahlungsverkehr im zweiten Halbjahr 2025 schauen, fallen drei große Trends ins Auge, die für Zahlungsdienstleister und Banken gewaltige Auswirkungen haben.
- Bargeldloses Bezahlen wird immer dominanter
83,5 Milliarden bargeldlose Zahlungen wurden im zweiten Halbjahr im Euroraum abgewickelt. Das sind rund sieben Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Innerhalb dieses Segments dominiert wiederum die Kartenzahlung, auf die 57 Prozent entfallen.
Damit setzt sich ein langjähriger Trend fort, die Gründe sind hinlänglich bekannt: E- und Mobile-Commerce wachsen; Wallets von Apple, Google und Co. verbreiten sich immer mehr; die Coronapandemie hat ein Bedürfnis nach kontaktlosem Bezahlen geschaffen, das auch mit dem Ende des Gesundheitsnotstandes nicht verschwunden ist.
Grundsätzlich können sich Payment-Unternehmen darüber natürlich freuen. Mehr Transaktionen bedeuten mehr potenzielle Umsatzquellen, mehr Händler digitalisieren ihre Zahlungsprozesse und mehr Daten entstehen rund um Kaufprozesse.
Doch gleichzeitig wird der reine Zahlungsverarbeitungsmarkt zunehmend zur Commodity, ein Trend, den die Branche seit einigen Jahren beobachtet und fürchtet. Die Ausführungsgebühren stehen unter Druck, Basisfunktionen (Autorisierung, Clearing, Settlement) werden austauschbar und große Plattformen spielen ihre Skalierungs-Vorteile knallhart aus.
Anbieter müssen also zusätzliche Wertschöpfung anbieten, etwa bei der Datenanalyse, bei der Betrugsprävention- oder Erkennung, oder durch Embedded-Finance-Lösungen. Payment wird weniger ein Infrastrukturgeschäft und stärker ein Plattform- und Datenbusiness.
- Kontaktloses Bezahlen ist Standard
Am Point-of-Sale finden mittlerweile 85 Prozent aller Kartenzahlungen kontaktlos statt. Die Technologie hat den Massenmarkt also vollständig durchdrungen. Und sie entwickelt sich weiter. Physische Karten verlieren gegenüber Smartphones und Smartwatches zunehmend an Bedeutung, auch dank der immer beliebteren Wallets. Auch die klassische PIN-Eingabe verschwindet zunehmend zugunsten biometrischer Authentifizierung, sei es über einen Fingerabdruck oder eine Gesichtserkennung.
Beim Kampf um die Technologie lässt sich für Banken nicht mehr viel holen. Dadurch, dass immer weniger Bargeld bei ihnen abgehoben wird, drohen sie einen ihrer wichtigsten Kundenkontaktpunkte zu verlieren. Diesen haben zunehmend die Gerätehersteller und Walletanbieter übernommen. Gerade im Bereich Wallet-Infrastruktur passiert aber gerade viel, etwa durch die EUDI-Verordnung.
Zahlungsdienstleister profitieren vom kontaktlosen Bezahlen und können bei Wallets, bei Tokenisierung und auch bei der biometrischen Identifizierung noch Geschäftsfelder erschließen, die in den kommenden Jahren zur essentiellen Infrastruktur werden.
- Instant Payments sind das nächste große Ding
Sofortüberweisungen machen bereits 25 Prozent aller Überweisungstransaktionen aus. Das ist bemerkenswert, allerdings sind die Instant Payments aktuell noch eher ein Scheinriese: Denn obwohl jede vierte Überweisung in Echtzeit funktioniert, machen sie lediglich acht Prozent des Transaktionswertes aus.
In kaum einem anderen Payment-Bereich in Europa passiert gerade so viel. Schließlich sind Instant Payments nicht nur komfortabel, sie eröffnen auch ganz neue Geschäftsfelder, wie zum Beispiel Premium-Echtzeit-Services für Unternehmen.
Für Banken bedeutet das einen Paradigmenwechsel. Liquidität wird kein planbarer Schleichprozess mehr, sie müssen in Echtzeit Geld zur Verfügung stellen. Den Instituten bleibt daher nichts anderes übrig, als in ihre Infrastruktur zu investieren, damit die Überweisungsprozesse rund um die Uhr funktionieren und gleichzeitig keine Probleme bei Compliance und Betrugsprävention auftauchen.
Ähnlich wie die Zahlungsdienstleister auf das bargeldlose Bezahlen mit neuen Erlösmodellen reagieren müssen, so müssen die Banken dies bei Instant Payments tun. Denn da Sofortüberweisungen preislich wie Standardüberweisungen behandelt werden müssen, lässt sich Geschwindigkeit nicht mehr über Gebühren monetarisieren. Es braucht also neue Dienstleistungen – die berüchtigten „value-added Services”, um Einbußen auszugeichen.