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Stripe: Stablecoins, KI-Agenten und die Zukunft des digitalen Handels

Thomas Cser, Head of DACH bei Stripe, im Interview
Thomas Cser, Head of DACH bei Stripe, im Interview

Der Stripe Annual Letter zeichnet das Bild einer neuen Commerce-Ära mit Agentic Commerce, Stablecoins und globalen Geschäftsmodellen. Im Interview erklärt Deutschlandchef Thomas Cser, was diese Entwicklungen konkret für Unternehmen und den Mittelstand bedeuten.

Loyalty-Programme, Stablecoins, Agenten-Commerce: Stripe will nicht nur Zahlungsabwickler sein, sondern die Infrastruktur für eine neue Ära des digitalen Handels bauen. Im aktuellen Annual Letter zeichnen Patrick und John Collison das Bild einer „sorting machine“-Ökonomie, in der Gewinner und Verlierer schneller denn je sortiert werden und in der KI‑Agenten schon bald eigenständig einkaufen, Rechnungen bezahlen und Kapital allokieren. Gleichzeitig betont Stripe, wie wichtig offene Protokolle und Interoperabilität sind, damit diese Entwicklung nicht in neue Walled Gardens führt.​

Thomas Cser übernimmt die Verantwortung für einen der spannendsten Payment‑Märkte Europas, hochreguliert, bankendominiert, gleichzeitig mit enormem E‑Commerce‑ und Mittelstands­potenzial. Anlass genug für ein schriftliches Interview zur Frage, was der Stripe‑Letter 2025 konkret für Deutschland bedeutet.

Herr Cser, wenn Sie den aktuellen Stripe Annual Letter in einem Satz aus deutscher Perspektive zusammenfassen müssten: Welche Botschaft ist für Unternehmen hierzulande die wichtigste?

Ich finde mehrere der Kapitel relevant für deutsche Unternehmen. Dass junge Unternehmen heute sehr viel schneller internationalisieren als früher, ist für die deutsche Wirtschaft zum Beispiel eine wichtige Information, die gleichzeitig Fluch und Segen darstellt. Technische Neuerungen bieten die Möglichkeit, die eigene internationale Expansion schneller voranzutreiben; gleichzeitig wächst aber auch der Wettbewerbsdruck. Auch die Kapitel zu Stablecoins und Agentic Commerce sind hoch relevant – ich halte es für wichtig, sich frühzeitig mit diesen Zukunftsthemen auseinanderzusetzen.

Stripe berichtet von 1,9 Billionen Dollar Zahlungsvolumen und einer 34‑prozentigen Steigerung gegenüber 2024 – aber was heißt das konkret für Händler, Mittelstand und Plattformen in Deutschland?​

Man sieht an diesen Zahlen, dass die Online-Wirtschaft weiter wächst und dass sich mehr und mehr wirtschaftliche Aktivität sich ins Internet verschiebt. Digitale Geschäftsmodelle lassen sich heute extrem schnell global ausrollen. Gewinner sind Unternehmen, die das Internet als ihren globalen Heimatmarkt behandeln und konsequent globale Tools nutzen. Das gilt nicht nur für reine Online-Player: Auch etablierte Unternehmen und mittelständische Unternehmen brauchen heute eine konsequente Digitalstrategie.

Im Letter beschreiben Patrick und John Collison die globale Wirtschaft als „sorting machine“, in der sich erfolgreiche Unternehmen viel schneller durchsetzen als früher. Wo sehen Sie diese Entwicklung im deutschen Markt und wer sind hier die Gewinner und Verlierer dieser Beschleunigung?​

Am deutlichsten sieht man die Beschleunigung aktuell bei KI‑Unternehmen: Deren Geschäftsmodelle skalieren schneller als nahezu alle bisher existierenden. Stripe-Kunden wie Black Forest Labs oder Peec AI zum Beispiel sind in kürzester Zeit stark gewachsen und sind global tätig. Wer Geschwindigkeit, Produkt und Distribution zusammenbringt, gewinnt; wer zu lange nur an seinen Heimatmarkt oder nur an die EU denkt, verliert Zeit und Marktanteile.

Die 2025er‑Kohorte auf Stripe wächst laut Letter rund 50 Prozent schneller als der Jahrgang 2024, und mehr als die Hälfte der neuen Unternehmen kommt von außerhalb der USA. Spüren Sie diese Dynamik auch bei deutschen und europäischen Gründungen oder ist die „sorting machine“ hier noch gedämpfter unterwegs?​

Ja, diese Dynamik sehen wir auch in Deutschland und Europa – Deutschland gehört zu unseren schnellstwachsenden Märkten. Das liegt nicht nur am Wachstum unserer existierenden Kunden, sondern auch an vielen neu hinzukommenden Unternehmen: Jedes Jahr starten mehr als 100.000 Unternehmen in Deutschland mit Stripe.

Ein zentrales Motiv des Letters ist „global by default“: Für viele Firmen ist das Internet ihr Heimatmarkt. 30 Prozent der Erlöse stark internationaler Stripe‑Businesses stammen aus Ländern jenseits des Heimatlandes und der Top‑10‑Volkswirtschaften. Wie realistisch ist dieses Narrativ für deutsche Unternehmen, die mit Regulierung, Bürokratie und einer sehr bankenzentrierten Payment‑Infrastruktur zu tun haben?​

Natürlich gibt es Reibungspunkte und Herausforderungen bei der Internationalisierung. Und Unternehmen mit physischen Produkten haben natürlich auch noch einmal ganz andere Herausforderungen als Software-Anbieter – aber moderne Zahlungs- und Commerce-Infrastruktur kann einen großen Teil der Komplexität reduzieren und damit Expansion planbarer machen, das gilt für alle Unternehmen.

Stripe spricht von einem „stablecoin summer“, während der Rest des Kryptomarktes eher im Winter steckt. Mit Tempo, Bridge und Partnerschaften mit Visa oder Klarna positioniert ihr Stablecoins als ganz reguläre Zahlungsinfrastruktur. Welche konkreten Anwendungsfälle sehen Sie für deutsche Unternehmen, jenseits von spekulativen Krypto‑Narrativen?​

Die Vorteile von Stablecoins liegen gerade bei grenzüberschreitenden Zahlungen auf der Hand: Transaktionen in Echtzeit und weniger Reibung durch fehlende Cross‑Border‑Gebühren und Währungsumrechnung. Zusätzlich sind Stablecoins spannend fürs Treasury und Money Management internationaler Unternehmen, weil sich Geld über Grenzen hinweg mit ihnen so einfach bewegen lässt wie Daten in der Cloud. Und selbst ein eher konservativer Markt wie Deutschland – in dem wir weiterhin zu 50 Prozent bar zahlen – ist nicht untätig in diesem Bereich: All Unity testet zum Beispiel bereits seinen Euro‑Stablecoin EURAU auf der für Zahlungsabwicklung optimierten Blockchain Tempo, die wir gemeinsam mit Paradigm gelauncht haben.

Im Bereich Agentic Commerce arbeiten Stripe und OpenAI am Agentic Commerce Protocol, Google treibt das Universal Commerce Protocol voran, und ihr bietet eine Agentic Commerce Suite an. Wie verhindern Sie aus deutscher Sicht, dass genau das passiert, was der Letter eigentlich vermeiden will: eine Zersplitterung in mehrere proprietäre Agenten‑Ökosysteme, in denen Commerce wieder in Silos stattfindet?​

Stripe ist ein Infrastrukturanbieter: Wir sind da erst einmal agnostisch und sehen kein Problem darin, mehrere Protokolle zu unterstützen. Was sich am Ende durchsetzt, wird die Zeit zeigen. Unser Ziel ist Interoperabilität: Wir wollen Händler nicht in Ökosysteme zwingen, sondern Komplexität reduzieren. Das Agentic Commerce Protocol haben wir gemeinsam mit OpenAI als Open-Source-Software entwickelt. Gleichzeitig unterstützen wir aber auch Googles UCP, das ist kein Widerspruch, sondern Koexistenz.

Sie zeigen im Letter Beispiele wie Microsoft, Gatwick, FICO oder Ro, die durch Payment‑Optimierung signifikante Uplifts bei Conversion, Auth‑Rates und Disputes erreichen. Wenn Sie auf den deutschen Markt schauen: Wo liegt hier typischerweise noch „Low Revenue Mode“ und welche einfachen Hebel ignorieren Unternehmen aus Ihrer Sicht zu oft?​

In der Tat liegt der größte Umsatzhebel derzeit nicht in Innovationsthemen wie Stablecoins und Agentic Commerce, sondern in sauberer Payment Execution. Viele Unternehmen vernachlässigen die Grundlagen: Autorisierungsraten, Checkout-Conversion, unnötige Kaufabbrüche. Oft reicht schon die gezielte Ergänzung lokaler Zahlarten und eine optimierte Zahlungslogik, um mit überschaubarem Aufwand spürbare Umsatzpotenziale zu heben, ohne das Geschäftsmodell zu ändern.

Stripe Capital soll laut Letter ein Gegengewicht zum dünner gewordenen Kreditangebot der Banken sein: Unternehmen mit Capital‑Finanzierung wuchsen im Schnitt 27 Prozentpunkte schneller als vergleichbare Firmen ohne. Wie passt dieses Modell in ein Land mit traditionell starker Bankenlandschaft und wo sehen Sie Chancen, aber auch Grenzen in Deutschland?​

Auch mit einer starken Bankenlandschaft gibt es Finanzierungslücken – besonders für KMU. Eine Studie von KfW Research zeigt, dass der Kreditzugang in Deutschland für kleine und mittlere Unternehmen weiterhin schwierig ist: 33,9 Prozent  der KMU bewerten das Verhalten ihrer Bank in Kreditverhandlungen als eher restriktiv. Da setzt Stripe Capital an und sorgt für mehr Liquidität, so dass Investitionen und damit neues Wachstum möglich werden.

Im Kapitel „Republic of Permissions“ kritisiert Stripe, dass gut gemeinte Regulierungen wie der EU AI Act Innovation ausbremsen können, wenn sie zu schwerfällig sind. Wie offen können Sie als Deutschlandchef so eine Position vertreten und was wäre aus Ihrer Sicht ein konstruktiver Weg, wie Politik und Aufsicht in Europa KI‑ und Payment‑Innovation ermöglichen, statt sie zu behindern?

Der AI Act wird ja derzeit angepasst; wir beobachten die Entwicklung mit Spannung. Grundsätzlich ist Regulierung vor allem dann sinnvoll, wenn sie Risiken adressiert, ohne Innovationen von vornherein abzuwürgen. Das ist gerade Technologien wichtig, die sich so schnell weiterentwickeln wie künstliche Intelligenz. Ein tolles Beispiel für EU-Regulierung, die Innovation erst ermöglicht hat, war PSD2: Die klugen Vorgaben zu Open Banking haben ganz neue Geschäftsmodelle und Unternehmen möglich gemacht, und nicht zuletzt deswegen steht die europäische Tech-Welt heute im Fintech-Bereich ziemlich gut da und hat viele starke Unternehmen.

Zum Schluss ein Blick nach vorn: Wenn wir 2030 wieder sprechen, woran würden Sie persönlich erkennen, dass sich die im Annual Letter beschriebene „Singularität“ im Commerce wirklich vollzogen hat? Was wäre dann in Deutschland konkret anders, an der Ladenkasse, im Online‑Checkout oder in der Finanzierung von Unternehmen?

Es geschieht gerade sehr viel in der Online-Welt – vielleicht stecken wir schon längst mitten in der Singularität. Das Internet der Zukunft sieht anders aus als heute. KI-Agenten werden einen großen Teil des Traffics ausmachen, daher muss auch jedes Unternehmen jetzt darüber nachdenken, wie es seine Website für Agenten nutzbar macht. Und die Finanzinfrastruktur des Netzes stammt heute im Wesentlichen noch immer aus einer Zeit lange vor dem Internet. Hier werden wir in den nächsten Jahren einen Umbruch sehen. Die Themen Agentic Commerce und Stablecoins werden sich dabei zunehmend verschränken.

Und last but not least, weil es in der Bubble rumort und es unter Journalist:innen-Kolleg:innen gerade viel Spekulation zu dem möglichen Stripe‑/PayPal‑Deal gibt: Aktuell kursieren Berichte, dass Stripe laut Bloomberg und anderen Medien ein mögliches Angebot für PayPal oder Teile des Unternehmens prüft. Die PayPal‑Aktie ist daraufhin deutlich angesprungen, offiziell kommentiert hat bislang niemand. Wie kommentieren Sie persönlich diese Übernahme‑Spekulationen: Ist so ein Schritt strategisch konsistent mit der Vision, die im Annual Letter beschrieben wird und was würde eine mögliche Stripe‑/PayPal‑Transaktion aus Ihrer Sicht für Wettbewerb und Regulierung im globalen und im deutschen Payment‑Markt bedeuten?

Solche Gerüchte zu möglichen Transaktionen kommentieren wir grundsätzlich nicht.

Herzlichen Dank für das Interview, Herr Cser.

Autor

Nicole Nitsche
Nicole Nitsche

Nicole Nitsche, studierte Theaterwissenschaftlerin, leitete Presse und Marketing eines Hamburger Musiklabels, bevor sie bei Payment & Banking die Kommunikation und Redaktion aufbaute. Seit August 2021 ist sie Geschäftsführerin.