Die Agenten werden uns nicht retten
Die Begeisterung für Agentic Commerce ist groß, alle wollen ein Stück vom Kuchen. Dabei gibt es aktuell mehr Hindernisse als viele sehen wollen. Oder anders: Der Hype ist es nicht wert.
Die Begeisterung für Agentic Commerce ist groß. Händler wie Otto und Amazon, große KI-Firmen wie OpenAI und Google, Zahlungsdienstleister wie Adyen und Visa: Sie alle glauben, hier die nächste Revolution des Einkaufens entdeckt zu haben. Und es klingt ja auch gut: Jeder Mensch bekommt seinen eigenen Personal Shopper, der selbstständig nach klaren Vorgaben recherchiert, das beste Produkt auswählt und den Kauf abwickelt. Wer auch nur am Rande mit einer der betroffenen Branchen befasst ist, kann sich aktuell vor Mails und Infos kaum retten, die neue Projekte vorstellen und erklären, warum der Absender den nächsten großen Schritt auf dem Weg zum Agenteneinkauf gemacht hat.
Allein: Bisher ist in all diesen Ankündigungen noch das Prinzip Hoffnung vorherrschend. Bloomberg kam in dieser Woche in einer Analyse zum Schluss, dass Agentic Commerce bisher „barely a blip“ in der milliardenschweren Welt des E-Commerce sei. Selbst die Strategieberater von PwC, von Dienstwegen eher Optimisten, wenn es um Innovation geht, prognostizieren Agentic Commerce bis 2030 einen Anteil von 15 Prozent am europäischen Onlinehandel. Und der Onlinehandel selbst macht nicht einmal 20 Prozent des Gesamthandels aus.
Gedämpfte Erwartungen wären also durchaus angemessen. Auch, weil selbst die großen KI-Firmen, die gerade noch großspurig den Handel revolutionieren wollten, zurückgerudert sind. Erst Anfang des Monats gab Open AI bis auf Weiteres den Versuch auf, Kunden direkt über den hauseigenen KI-Chatbot ChatGPT Transaktionen zu tätigen. Stattdessen werden die Kunden auf externe Seiten weitergeleitet. Nun könnte man das sicher auch einfach als Zeichen werten, dass sich Open AI hier mit dem x-ten Nebenprojekt abseits der Entwicklung eigener KI-Modelle einfach übernommen hat. Oder man wertet es als Zeichen, dass Handel und Zahlungsabwicklungen vielleicht doch nicht so einfach zu revolutionieren sind, wie sich das mancher KI-Vordenker dachte. Gerade Zahlungsabwicklungen sind schließlich ein hochreguliertes Umfeld. Betrugs- und Geldwäscheprävention, Rückerstattungen, Stornierungen, dezidierter Kundenservice: Alles notwendig, aber alles auch kompliziert.

Nun müssen ja nicht die KI-Firmen selbst den Agentic Commerce vorantreiben. Aber auf Hindernisse treffen auch andere Akteure. Große Händler wie Amazon oder Otto sind eigentlich gut aufgestellt: Sie sind bekannte Marken, denen Kunden vertrauen, eine essenzielle Währung im Handel. „Gerade Amazons Rufus-Bot ist der aktuell reifste Ansatz in dem Bereich“, sagt Sebastian Brecht, Senior Manager und KI-Experte bei der Bankenberatung zeb Consulting. Aber Brecht weist auch darauf hin, dass die Kunden den Bot bisher vor allem als Informationsquelle nutzen und noch nicht, um tatsächlich Transaktionen zu tätigen.
KI-Agenten dürften zudem auf eine andere Grenze stoßen: Händler. Diese haben die Hoheit über ihr Portfolio und eigentlich keinen Grund, dieses anderen zugänglich zu machen. Könnte bedeuten: Der Amazon-Agent durchsucht Amazon, der Otto-Agent durchsucht Otto, den Google-Agenten lassen beide nicht rein. Das schränkt die disruptive Wirkung solcher Agenten dann doch ziemlich ein.
Den Zahlungsdienstleistern kann das erst einmal egal sein. Sie basteln allesamt nicht an eigenen Agenten, sondern an der dahinterliegenden Infrastruktur. Visa will beispielsweise mit seiner Intelligent-Commerce-Plattform eine API-Suite für die Agenten sein. Das Trusted Agent Protocol der Amerikaner soll Standard für vertrauenswürdige Agenten werden. Ob nun Open AI, Microsoft oder Amazon am Ende den Agenten stellen, ist da zweitrangig. Auch Stripe will mit seinem Agent Commerce Protocol einen offenen Standard für Agentenkäufe schaffen, unabhängig vom Anbieter. Allerdings ist auch der Erfolg all dieser Projekte abhängig vom Erfolg des Agentic Commerce an sich. Wo keiner shoppt, ist halt kein Geld zu verdienen. Egal, wie schön das eigene Protokoll geschrieben ist.
Vermutlich wird es noch Jahre dauern, bis sich Standards für Agenten-Transaktionen herausgebildet haben und die Kunden genug Vertrauen in das Prinzip gefasst haben, um dann auch wirklich darüber einzukaufen.
Natürlich will niemand am Ende der Geschichte wie Kaiser Wilhelm dastehen, der einst das Auto als temporäre Erscheinung verunglimpfte und die Vorteile des Pferdes lobte. Und vermutlich wird Agentic Commerce in der einen oder anderen Form kommen und eine Rolle spielen. Aber bis dahin würde es nicht schaden, die allseits geäußerte Begeisterung etwas zu regulieren.