Corona – das Schlüsselereignis der Paymentbranche

Marcus W. Mosen kommentiert Payment- oder Bankingthemen auf unterschiedlichen Portalen und erfreut seine Follower auf twitter (@mwmosen) mit pointierten Beiträgen zu Payment, Fintech oder Politik. Ab sofort finden Sie bei uns monatlich seine Gastkolumne „instant messages by…“ zum aktuellen Geschehen im Payment, Banking & Co.

instant messages #10 by Marcus W. Mosen

Als ich Anfang März meine 3. Kolumne zum Thema „Dirty Money in Zeiten von Corona“ schrieb, war definitiv nicht abzusehen, dass 2020 tatsächlich zu einem Schlüsseljahr für den Zahlungsverkehr wird. Auch wenn Herr Balz vermutlich andere „Schlüsselereignisse“ gedanklich antizipiert hatte, als er 2020 zum „Schlüsseljahr“ erklärte, haben hauptsächlich die Auswirkungen der Pandemie den Zahlungsverkehr revolutioniert.

„Dank“ Corona erleben wir in der Payment und Banking Branche an vielen Ecken „schlüsseljahrverdächtige“ Momente: die Ankündigung neuer Strategien durch die Europäische Kommission rund um ein modernes und sicheres Retail Payment sowie das Framework für eine digitale Finanzstrategie. Und auch die Pläne der EZB zu einem digitalen Euro sind wohl auch im Lichte der großangelegten Feldversuche für eine Kryptowährung in China zu sehen. Hierbei geht es derzeit (noch) nicht primär um den Zahlungsverkehr am POS, sondern vielmehr um die strategische Frage, wer die globalen Geldflüsse kontrolliert oder über die Instrumente verfügt, das Finanzsystem in einer zunehmend digital-vernetzten Welt stabil zu halten.

Dass Kryptowährungen zunehmend auch im Mainstream ankommen, dämmert uns spätestens seit der Ankündigung von Paypal, dass wir über diese Plattform auch Bitcoins & Co kaufen, verkaufen oder im Wallet aufbewahren können. Paypal gibt damit dem „schlecht beleumundeten“ Bitcoin die „Nobilitierung“ – und den Finanzmarktstrategen und Notenbankern neue Denksportaufgaben.

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Die Rückkehr des QR-Codes

Wer sein Ohr auf die Schienen des Zahlungsverkehrs legt, merkt das Vibrieren und Brummen und ist nicht verwundert, dass die Schnellzüge der Veränderung plötzlich noch schneller in der heimischen Paymentwelt ankommen, als einem vielleicht lieb ist. Interessanterweise sind es aber nicht mehr nur die „Cardrails“, über die wir die Veränderungen im Corona-Alltag erkennen können. Wer sich umschaut, kann dank Corona und dem Zwang zum Distanzhalten beobachten, dass der bisher eher verschmähte QR-Code über unsere Photo-App an vielen Stellen Einzug in unser Leben hält. Dem von Masahiro Hara 1994 entwickelten „Quick Response Code“ begegnen wir nun in vielfältigen Lebenssituationen: in immer mehr Restaurants steht – wenn denn geöffnet – die Speisekarte nun als Aufsteller mit aufgedrucktem QR-Code bereits auf dem Tisch.

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Die zahlreichen Werbeflyer über die wöchentlichen Angebote der verschiedenen Supermärkte enthalten QR-Codes, die uns Informationen zu den jeweiligen Produkten geben oder sogar ein Filmchen anbieten, das uns via der „Snoopstar-App“ und Scan eingespielt wird. Das Leben spielt sich – ohne dass wir es vielleicht immer sofort realisieren – zunehmend in einer App-basierten Welt ab.

Auch im Payment begegnet uns vermehrt der QR-Code: so konnte ich ein „Knöllchen“ für ein völlig unabsichtliches Verkehrsvergehen kürzlich einfach per Scan aus meiner Banking-App einlesen und schon waren die 20 € überwiesen. So kommt man doch „gerne“ seiner Strafe gegenüber der Landeskasse nach…

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Neue Offenheit für den QR-Code

Das QR-basierte Payment ist aber nicht neu in Deutschland. Einige werden sich erinnern, dass Herr Otto vom gleichnamigen Versandhändler bereits zwischen 2012 und 2015 versuchte, das QR-basierte Bezahlen in unserem Lande als Alternative zur Kartenzahlung zu positionieren. Das Produkt scheiterte – nicht nur an der damals noch kompliziert gestalteten UX des Onboardings neuer Kunden, sondern auch an der nicht wirklich überraschenden Uneinigkeit der Banken, ob man ein „not invented by us-Projekt“ denn finanziell unterstützen könne. Denn man hatte ja das gute, alte Girocardsystem, das bis heute für ein #CardsFirst steht. Das Produkt – es nannte sich Yapital – wurde schließlich Anfang 2016 beerdigt. In dem Jahr, als das ebenfalls QR-Code-basierte chinesische Alipay nach Deutschland kam, so dass die POS-Netzbetreiber flux diese Applikation für Alipay recyceln konnten, die sie umsonst für Yapital entwickelt hatten.

Aber das Land des Lächelns hat uns nicht nur dieses Virus, das unser Leben komplett verändert hat, beschert, sondern auch zahlreiche Innovationen und Anwendungen, bei denen Smartphone und Apps im Zentrum der Interaktion stehen. Die Herausforderungen, vor denen wir in Europa stehen – sei es im Payment oder im Banking – können nur in der kompromisslosen Bereitschaft münden, das Smartphone in den Mittelpunkt aller strategischen Überlegungen zu stellen.

„Die Herausforderungen können nur in der kompromisslosen Bereitschaft münden, das Smartphone in den Mittelpunkt aller strategischen Überlegungen zu stellen.“

Wer sein Ohr an dieses digitale Gleis legt, wird sich sehr schnell die Frage stellen, ob Bankfilialen und Geldautomaten noch in eine Zeit passen, in der es das „all-purpose Tool“ Smartphone gibt.

Corona hat sich zum Schlüsselereignis für (fast) alles entpuppt – damit auch für die Paymentbranche und das Paymentverhalten der Konsumenten. Vor Corona war der QR-Code kein Thema für uns. Aber jetzt, wo persönliche Sicherheit und Kontaktlosigkeit in das Bewusstsein aller getreten sind, wird eine neue Offenheit auch für diese Applikationen erkennbar. Und wenn dann irgendwann die Schutzmasken wieder fallen, werden wir vermutlich feststellen, dass viele die Pandemie-Zeit ungenutzt in unzähligen Skype-, Zoom- oder Teams-Calls vergeudet haben, statt die Zeit als „window of opportunity“ für die Gestaltung des „new normal“ beim „paying oder banking“ zu nutzen.  

Bisher in der Reihe „instant messages“ erschienen:

Autor
Marcus W. Mosen, Babyboomer aus dem Spitzenjahr, kommentiert Payment- oder Bankingthemen u.a. bei Finanz-Szene.de und erfreut seine follower auf twitter (@mwmosen) mit pointierten Beiträgen zu Payment, Fintech oder Politik. Mosen hatte nach BWL-Studium in Koblenz und Birmingham seine ersten berufliche... mehr

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