Wirecard und die deutsche Paymentwelt – ein Kessel Buntes

Instant messages by Marcus W. Mosen: #7

Marcus W. Mosen kommentiert Payment- oder Bankingthemen auf unterschiedlichen Portalen und erfreut seine Follower auf twitter (@mwmosen) mit pointierten Beiträgen zu Payment, Fintech oder Politik. Ab sofort finden Sie bei uns monatlich seine Gastkolumne „instant messages by…“ zum aktuellen Geschehen im Payment, Banking & Co.

Wirecard-Chef Markus Braun hat(te) das beste Image. Zu diesem Ergebnis kam vor etwa einem Jahr eine Analyse von 44.000 Beiträgen aus führenden deutschen Medien. Wirecard war das „Vorzeige-Fintech“ in Deutschland. Das hat sich am 18. Juni bekanntermaßen schlagartig verändert.

Heute wissen wir, dass offensichtlich nur sehr wenige die ganze Wahrheit über Herrn Braun und das Unternehmen kannten: sehr wahrscheinlich der Vorstand des Unternehmens und auch der ein oder andere Journalist und Short-Seller. Und dafür, dass wir alle im Nachhinein schlauer sein werden, sorgt nun die Aufarbeitung des Wirecard-Falls in journalistischer (schon länger), strafrechtlicher (jetzt) und politischer (natürlich!) Dimension.

Und damit geht meistenteils eine Pauschalverunglimpfung der „Prüfungsinstitutionen“ und der „Fintech-Branche“ einher. Für beide zurecht? Dass der Wirtschaftsprüfer über viele Jahre entweder geschlafen oder nur „Assistenten“ beschäftigt hat, ist wohl bewiesen. Und dass die Bafin taub für Weckrufe aus vielen Richtungen war, ist mittlerweile Allgemeingut. Aber muss die Bafin tatsächlich Technologieunternehmen kontrollieren können?

Wirecard und die deutsche Paymentwelt – ein Kessel Buntes

Ihre aktuelle Aufstellung ist eher daran ausgerichtet, eine Finanzkrise wie die von 2007 bis 2009 zu verhindern, also mehr Kapital, mehr Liquidität, Recovery and Resolution Planning. Das sind aber nicht mehr alleine die Themen von heute und morgen. Die Bafin sollte vielmehr lernen, wie mit Themen wie Krypto-Währungen, Digitaler Euro, Blockchain, Cloud Banking oder digitaler ID umzugehen ist. Diese, und nicht die Fälschung von Bilanzen, sind die Themen, mit denen sich Fintech-Unternehmen tatsächlich beschäftigen.

Wirecard: nie ein Fintech gewesen

Aber kann man Wirecard überhaupt als Fintech bezeichnen?

Ich kenne Wirecard und ein paar seiner Vorläuferunternehmen bereits seit ca. 18 Jahren. Als Wettbewerber im europäischen Markt sowie in fünf Situationen, in denen ich Wirecard in M&A Prozessen begegnet bin, ist Wirecard in der letzten Dekade mehr in meinen Fokus gerückt. Wirecard war für mich jedoch immer ein normales Paymentunternehmen, das, wie viele andere auch, Zahlungsverkehrsabwicklung anbot.

Es war jedoch nie ein Fintech – also ein Unternehmen, welches mit einer innovativen Idee als Startup gegründet und auf Basis einer modernen Technologieplattform Finanzdienstleitungen digital und mit einer besonderen UX in den Markt bringt.

Zum fälschlicherweise bezeichneten „Vorzeige“-Fintech wurde Wirecard nur deshalb, weil es das einzige Paymentunternehmen mit Sitz in Deutschland, ausgestattet mit einer Banklizenz und ein globaler Player war. Nur weil Wirecard im White Label technologischer Incubator für Fintech-Startups war, wird es jedoch deshalb selber nicht zum Fintech…

„Nur weil Wirecard im White Label technologischer Inkubator für Fintech-Startups war, wird es deshalb nicht selber zum Fintech.“

Wirecard, unabhängig durch einen frühzeitigen Börsengang, hatte es mit einer industriellen Logik geschafft, ein globales Paymentangebot zu entwickeln.

Schande für den deutschen Finanzplatz

Dabei gab es in Deutschland viele weitere Paymentunternehmen, die perspektivisch als Ausgangsbasis über Buy and Build das Potential zu einem internationalen Player gehabt hätten, so z.B. Telecash (Besitzer Deutsche Telekom, verkauft 2003 an First Data), GZS Gesellschaft für Zahlungssysteme (Besitzer Deutsche Kreditwirtschaft, verkauft 2005 an First Data), Easycash (Besitzer Deutsche Bank, GZS, Warburg Pincus, verkauft 2009 an Ingenico), Concardis (Besitzer Deutsche Kreditwirtschaft, verkauft 2017 an Advent International/Bain Capital, Nets Gruppe), Payone (Besitzer DSV/Sparkassen, mehrheitlich verkauft 2018 an Ingenico/Worldline).

Allen Verkäufen war gemein, dass die Eigentümer ihre Payment-Unternehmen weder als strategisch betrachteten noch bereit waren, selbst in diese zu investieren, um notwendige strategische Neuausrichtung und Wachstum über Deutschland hinaus zu ermöglichen. Wenn nun vom Wirecard-Skandal und seiner Schande für den deutschen Finanzplatz gesprochen wird, dann ist dies im doppelten Sinne zutreffend. Denn dank der „Entscheidungen“ der drei Säulen der Kreditwirtschaft zum Thema „Payment“ gibt es kein deutsches Unternehmen mehr, dass eine signifikante Rolle im globalen Payment einnimmt.

Auch ihre Beteiligungen an den europäischen Divisionen der internationalen Kartenorganisationen gaben die deutschen Banken im Rahmen des Börsengangs von Mastercard (2006) und dem späteren Verkauf ihrer Aktien sowie durch den Verkauf von Visa Europa an Visa Inc. (2015) für einen „quick win“ oder einen „ao Ertrag“ auf.

Wirecard und die deutsche Paymentwelt – ein Kessel Buntes

Beide amerikanische Kartenorganisationen sind heute – ebenso wie die GAFA-Unternehmen – globale Ecosysteme, die nicht nur digitales Bezahlen in allen Variationen und Kanälen ermöglichen, sondern oft auch Fintech-Startups als Inkubator für Innovation und Wachstum dienen.

Eröffnet EPI neue Chancen?

Bislang haben deutsche Banken das strategische Potential im digitalen Payment konsequent ignoriert. Ist der Zug damit für deutsche Finanzdienstleister im digitalen Bezahlen abgefahren? Nicht unbedingt: denn wie wir letzte Woche erfahren konnten, wird gerade ein neuer Zug namens „EPI“ (European Payment Initiative) aufgegleist, der eine „einheitliche Alternative“ zu den Big Techs schaffen soll. Wann dieser Zug Fahrt aufnimmt, ob er eher „Bimmelbähnchen“ als gesamteuropäischer Hochgeschwindigkeitszug wird, steht noch in den Sternen. Zumindest scheint aber die Erkenntnis gewachsen, dass nationale „Kleinteiligkeiten“ überholt sind und in einer europäischen Lösung keine Überlebenschance haben.

Dies hätte dann erhebliche Konsequenzen für die Paymentprojekte rund um das Projekt #DK. Aber glauben wir wirklich, dass ein Zusammenwirken der etablierten europäischen Banken eine Alternative zu „Big Tech“ schaffen kann, ohne selbst eine „Big Vision“ zu haben? Und warum werden eigentlich nicht die „Big New Fintech“ in Europa in eine solche Initiative eingebunden? In Berlin ist eines der innovativsten Fintech-Cluster der Welt entstanden. Das scheint in Frankfurt niemand bemerken zu wollen und in Bonn hat man es noch nicht wirklich verstanden.

Die Bundespolitik sollte – nach Wirecard – den Dialog und Wissenstransfer zwischen BMF, Bundesbank, EZB und der Fintech-Community noch mehr forcieren. Nur mit diesem Austausch wird man vorausschauende Regulierung entwickeln können, statt durch den Blick in den Rückspiegel. Das gilt auch für Vorstände und Aufsichtsräte. Während früher als Qualifikation Erfahrung im Kredit- und Einlagengeschäft gebraucht wurde, sind es in der Fintech-Welt auch und vor allem digitale Expertise. 

Denn „wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.“ (Henry Ford)

Zur Person Marcus W. Mosen

Marcus W. Mosen, Babyboomer aus dem Spitzenjahr, kommentiert Payment- oder Bankingthemen u.a. bei Finanz-Szene.de und erfreut seine follower auf twitter (@mwmosen) mit pointierten Beiträgen zu Payment, Fintech oder Politik. Mosen hatte nach BWL-Studium in Koblenz und Birmingham seine ersten berufliche Stationen bei der Treuhandanstalt in Berlin und bei einem Tele-kommunikationsunternehmen in Düsseldorf. Seit 1999 hat er an verschiedenen Schaltstellen der deutschen und europäischen Paymentbranche die Entwicklungen des bargeldlosen Zahlungsverkehrs aktiv mitgestaltet.

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