Sommerloch im deutschen Zahlungsverkehr – ja wo ist es denn?

Instant messages by Marcus W. Mosen: #8

Marcus W. Mosen kommentiert Payment- oder Bankingthemen auf unterschiedlichen Portalen und erfreut seine Follower auf twitter (@mwmosen) mit pointierten Beiträgen zu Payment, Fintech oder Politik. Ab sofort finden Sie bei uns monatlich seine Gastkolumne „instant messages by…“ zum aktuellen Geschehen im Payment, Banking & Co.

Die Franzosen und die Skandinavier haben es einfach besser als wir:

sie machen konsequent mindestens vier Wochen Urlaub während der Monate Juli und August. Geschäfte mit Franzosen im August abschließen? Pas de chance!

Und im Gegensatz zu Deutschland bezahlen die Franzosen fast alles mit ihrer Debit Carte Bancaire oder Visa-/MasterCard-Kreditkarte, die überall akzeptiert werden, denn die Carte Bancaire wird auf den Rails des Visa-Systems verarbeitet. Die Skandinavier erledigen sowieso schon seit Jahren mehr als 90 % der Zahlungstransaktionen am POS unbar, zahlen also mit Karte oder mobil. In diesen Ländern ist man bereits im Eldorado des digitalen Bezahlens angekommen.

In Deutschland gibt es nicht diese Urlaubskonsequenz, sondern höchstens ein nachrichtliches Sommerloch. Während dieser Zeit hoffen wir zur Entspannung auf informationelle Entschlackung, denn es ist eigentlich„saure Gurken-Zeit“ für „news“. Auch in der Payment & Banking Branche bestand daher die Hoffnung auf relaxte und leichte (news-)Kost. Selbst die wohlbekannte www.finanz-szene.de, die uns normalerweise an vier Werktagen mit ihrem Newsletter zum früh morgendlichen Wachwerden motiviert, hatte sich bereits am 17. Juli entschlossen, gesamte vier Wochen (!) ins Sommerloch abzutauchen. Es gab in der Payment-Szene also die realistische Erwartung auf Urlaub für alle und ausgedehntes Ausschlafen.

Aber was ist jetzt? Gerade die „news“ und angeblichen „no news“ unserer Branche halten uns seit Wochen auf Trab. Die Causa „Wirecard“ ist seit der Testatverweigerung am 18.6. ein Motor für ständige Beiträge, manchmal spannend-dramatisch, oft sehr spekulativ. Und da inzwischen alle wissen, was wir eigentlich seit vielen Jahren alles hätten wissen können/müssen, ist sie ein gefundenes Fressen für jeden (Hobby-)Journalisten und andere „Paymentexperten“. Der Wirecard-Krimi dominiert gefühlt fast täglich den Aufmacher irgendeiner führenden Tageszeitung.

Auch die schleichende Unterwanderung des Payment & Banking-Teams durch die Deutsche Bank schaffte es in die Schlagzeilen der führenden Wirtschaftspresse. Also fragen wir uns nun alle, wann es zur vollständigen freundlichen Übernahme von Payment & Banking kommt und damit die wahre Intention der Deutsche Bank transparent wird: der strategische Einstieg ins Publishing, Blogging und Eventmanagement!

Spätestens dann wird sich der 10 %-ige Einstieg bei Traxpay als taktisches Ablenkungsmanöver herausstellen und die Aktie (WKN 514000) einen Jump nach oben machen – gebrauchen könnte sie es. Denn dass die Deutsche Bank jetzt den Platz von Wirecard als deutsches Vorzeige-Fintech einnehmen wird, ist nach der Schließung von Yunar und dem unerwarteten „Pivot“ von Zeitgold laut Handelsblatt kaum zu erwarten.

Auch die Sparkassen tragen ihr Paymentnews-Scherflein zum Sommerloch bei und haben ihren Launch der Girocard in ApplePay extra in die Sommerzeit verlegt. Viele Mobile-Payment-Freaks aus dem  „team red“ warten jetzt gespannt seit Wochen täglich darauf, wann aus dem berühmten „coming soon“ das berühmte „ich bin drin“ á la Boris Becker wird – im Apple Wallet. Denn viele Sparkassenkunden sind weder „Techi“ noch verstehen sie viel von Mobile-Payment und werden ganz überrascht sein, dass es gar nicht wehgetan hat. Und die vielgefeierte Einführung der Kontaktlosigkeit der Girocard, die von vielen derzeit noch mit dem Covid-bedingten Mindestabstand von 1,5 Metern gleichgesetzt wird – hat sich dann binnen Jahresfrist auch erledigt. Denn die neue Devise heißt jetzt: #MobileFirst!

Überhaupt erledigt sich in diesem Sommerloch vieles im Zahlungsverkehr von selbst: Viele Gazetten und öffentlich-rechtliche Medien berichten dieser Tage, dass wir in naher Zukunft überhaupt kein Bargeld mehr haben werden, da wir z.B. laut FAZ jetzt die Brötchen ausschließlich mit „Bankkarte“ zahlen. Und das ZDF warnt in einer Doku vor einem „Überwachungskapitalismus“ in einer cashless world.

Ich kann hier nur widersprechen, denn unser Bäcker in Köln-Widdersdorf insistiert nach wie vor hartnäckig auf Bargeld bei der Bezahlung und legt die Kassenbons weiterhin demonstrativ in einer Plastikschale auf dem Tresen ab – damit auch jeder beim Einkauf der Sonntagsbrötchen gleich noch das harte Schicksal der Bäckerbranche mit der aufgezwungenen Bonpflicht sinnbildlich gleich mit aufs Brötchen geschmiert bekommt. Der ein oder andere gefühlte „Spitzenpolitiker“ scheint den Lobbyverbänden der Bäcker, Metzger und Friseure jedenfalls auf den Leim gegangen zu sein.

Und für alle, die sich in der sozial-medialen Paymentblase bewegen, gibt’s noch alle möglichen #exitingnews unter Hashtags wie #DK, #EPI, #GAFA, #Crypto und #DigitalEuro. Ergo das Sommerloch 2020 ist in Sachen Payments ausgefallen und stellt sich vielmehr als ein Fass ohne Boden dar. Da bleibt nur die Hoffnung auf das Sommerloch 2021. Dann steht aber die Bundestagswahl im Oktober vor der Haustür und wir dürfen davon ausgehen, dass uns die wahren politischen Themen abermals einen heißen, aber hoffentlich wieder virenfreien Sommer bescheren.

Autor
Marcus W. Mosen, Babyboomer aus dem Spitzenjahr, kommentiert Payment- oder Bankingthemen u.a. bei Finanz-Szene.de und erfreut seine follower auf twitter (@mwmosen) mit pointierten Beiträgen zu Payment, Fintech oder Politik. Mosen hatte nach BWL-Studium in Koblenz und Birmingham seine ersten berufliche... mehr

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