Brauchen wir mehr britischen Pragmatismus?
Die MoneyLIVE UK macht deutlich, wie sehr sich die Herangehensweisen in Frankfurt und London unterscheiden. An keinem Thema sieht man das so deutlich wie bei KI. Doch auch die deutsche Szene hat eine Chance, hier mitzuhalten.
Es gibt Konferenzen, zu denen man fährt, weil der Kalender es verlangt. Und es gibt solche, zu denen man fährt, weil man hören will, wie die Zukunft klingt – und was andere Banken so machen. Die MoneyLIVE UK gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Und so stand ich eines frühen Märzmorgens am Frankfurter Flughafen, der Schleuse zwischen Hessen und der Welt, und dachte: Vielleicht brauche ich London, um Frankfurt besser zu verstehen.
London empfängt einen nicht mit Zurückhaltung. Die Stadt wirkt wie ein permanenter Entwurf – größer, schneller, lauter als Frankfurt. Und doch, je länger ich dort war, desto klarer wurde mir: London ist Frankfurt gar nicht unähnlich – nur in Groß. Beide Finanzplätze teilen Präzision, Struktur und Pragmatismus. Aber London hat mehr Masse. Mehr Start-ups, mehr Teams, mehr Menschen, die Dinge ausprobieren, bevor sie zu Ende gedacht sind. Frankfurt ist dieselbe Branche – nur dichter gepackt, leiser, fokussierter. Nicht weniger fähig, nur weniger laut.
Die MoneyLIVE UK ist ein Brennglas
Die MoneyLIVE UK war dafür ein gutes Brennglas, aber am Ende nur Kulisse: eine große Halle im Business Design Centre in Islington – ein Ort, an dem sich die Branche selbst beim Nachdenken zusieht. Spannender war, was unter der Oberfläche gleich klang – in London wie am Main.
Was mir als Erstes auffiel: die Art, wie über Tempo gesprochen wird. In London sitzt in vielen Sätzen ein „now“ oder „asap“, fast wie ein zusätzliches Satzzeichen. „We don’t have time. Like with Agile, where it took years. Now we need prototypes“, sagte jemand, und niemand widersprach. In Frankfurt würde man vermutlich noch zwei Folien zu Risiken und Abhängigkeiten dazwischenschieben. Nicht aus Trägheit, eher aus Gewohnheit. London rennt gerne los, Frankfurt schaut beim Laufen öfter auf die Schuhe.
Beide Haltungen haben ihre Berechtigung. Aber sie treffen gerade auf dasselbe Thema: KI. Früher war das eine Folie im „Trends“-Teil, heute ist es eine Zeile in der Roadmap. Banken diskutieren KI nicht mehr als schöne Zukunft, sondern als sehr gegenwärtige Verpflichtung.
Auch die britische Finanzwelt steht am Anfang
Und doch stehen viele noch erstaunlich am Anfang. Der Engpass liegt nicht im Modell, sondern in der Wahrhaftigkeit der eigenen Daten: fragmentierte Landschaften, inkonsistente Bestände, die simple Frage, ob ein Kunde an zwei Touchpoints tatsächlich dieselbe Bank erlebt. „Der Engpass bei KI ist nicht das Modell. Der Engpass ist die Wahrheit der Daten darunter“, sagte jemand. Es war einer dieser Sätze, nach denen es kurz still wird.
Für Frankfurt ist das eine fast tröstliche Erkenntnis. Denn in dieser stilleren Stadt liegt viel von dem, was KI braucht: Struktur, Governance, Ordentlichkeit. Dinge, über die man selten Keynotes hält, die aber darüber entscheiden, ob aus einem Prototyp jemals ein Produkt wird.
Die wirklich interessanten Ideen drehten sich weniger um noch mehr Automatisierung, sondern um Relevanz: Kund*innen entlang von Lebensereignissen zu begleiten, nicht entlang von Produktkatalogen. Studienabschluss, erster Job, Umzug, Familiengründung, Ruhestand – all das hinterlässt heute Datenspuren. KI, oder AI, wie die Briten sagen, kann daraus Angebote bauen, die sich im besten Fall anfühlen wie ein guter Instinkt, nur eben digital. Mehr Nähe, nicht nur mehr Output.
Deutsche Governance kann hilfreich sein
In einem Kaffeegespräch mit einem Produktmanager aus London wurde das plötzlich sehr konkret. Es war kein Schlagabtausch, eher ein neugieriger Abgleich: Wer arbeitet wie, mit welchen Teams, mit welchen Altlasten. Wir stellten fest, dass unsere transformativen Projekte sich erstaunlich ähneln – überall Kernbanken, Datenthemen, Governance, knappe Ressourcen.
„Ihr Frankfurter habt vermutlich für alles einen Prozess“, sagte er irgendwann.
„Stimmt“, antwortete ich. „Und ihr vermutlich für alles einen Prototypen.“
Er lachte, aber blieb ernst genug, um nachzufragen, wie wir mit Unsicherheit umgehen. Er erzählte, wie seine Bank sich mit viel Tempo durch Unklarheiten hindurcharbeitet. Ich schilderte, wie wir versuchen, erst Struktur in die Dinge zu bringen und dann zu beschleunigen. Am Ende war da weniger die Frage, wer „weiter“ ist, sondern eher die Einsicht: Die Herausforderungen sind dieselben – aber der Blick darauf ist kulturell anders gefärbt. Und genau darin liegt der eigentliche Lernwert solcher Reisen.
Als ich wieder am Main ausstieg, fühlte sich Frankfurt vertraut und neu zugleich an. Die große kleine Stadt. Eine Stadt, die nicht alles ins Schaufenster stellt, aber vieles im Lager hat – und das genau richtig macht. Während der Wind vom Fluss kam, dachte ich: Man muss manchmal wegfahren, um zu merken, was hier wirklich vor sich geht. Wenn man bereit ist, genauer hinzusehen.
Bisherige Artikel von Joris:
Frankfurter Notizen – Eine Kolumne über die große kleine Stadt am Main
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