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Chase: Vier Prozent reichen nicht

JPMorgan startet mit Chase in Deutschland und wirbt mit vier Prozent Zinsen. Nur mit einem Zinsangebot lockt und hält man aber keinen Kund:innen. Die neue Folge von „Nils nörgelt.” 

Chase: Vier Prozent reichen nicht
Nils Heck über den enttäuschenden Start von Chase in Deutschland und was JPMorgan besser machen müsste

Die Payment- and Banking-Szene ist zweifellos niemals langweilig. Kein Monat vergeht, ohne dass neue Produkte, Banken, Fintechs und Payment-Lösungen auf den Markt kommen. Aber wer braucht das eigentlich alles und muss man das alles gut finden? Unser Autor Nils Heck beleuchtet in seiner Kolumne „Nils nörgelt“ monatlich ein Produkt, Thema oder eben den „letzten heißen Scheiß“. Etwas zu meckern gibt es schließlich (fast) immer.

Zu wenig, zu spät: Mit diesen vier sehr einfachen Worten lässt sich der Start von „Chase” in Deutschland beschreiben. Lange Zeit hatte die Banken-Community auf den Start von JPMorgan in Deutschland hingefiebert, nicht zuletzt weil das Schwergewicht unter Jamie Dimon eine echte Marktmacht in den USA und auch weltweit ist. Doch der mit großen Erwartungen aufgeladene Start war vor allem eins: wahnsinnig enttäuschend. Statt einem vollumfänglichen Produkt gab es nur ein absolut mageres Zinsangebot von vier Prozent pro Jahr und das begrenzt auf vier Monate. Danach fällt der Zins auf den EZB-Standardzins von zwei Prozent und ist damit so austauschbar wie ein Regentropfen im Gewitter. 

Der Start von Chase bietet dem interessierten Beobachter allerdings neben der reinen Enttäuschung gleich drei äußerst interessante Erkenntnisse, die wir im weiteren Verlauf der Kolumne einmal näher betrachten wollen. Die Erste: Banking ist heute viel mehr als nur ein nettes Zinsangebot und eine hübsche App. Die Zweite: Kund:innen sind illoyal. Und Nummer drei: Solange deutsche Sparkassen, Volksbanken und Privatbanken ihre Kund:innen mit ihren Niedrigzinsen gnadenlos über den Tisch ziehen, werden immer wieder Konkurrenten in den Markt strömen und ihnen ein paar Kund:innen abnehmen. Also, was lässt sich aus so einem mittelmäßigen Start für alle lernen? 

Schauen wir uns zunächst einmal das Angebot von Chase an, das noch vor ein paar Jahren als wirklicher Gamechanger durchgegangen wäre. Denn immerhin geht das Onboarding vergleichsweise schnell, die App ist relativ übersichtlich und vier Prozent Zinsen klingen auch erst einmal gut. Im Jahr 2026 ist all das aber allenfalls noch mittelmäßig. Denn die Kund:innen sind längst an eine hübsche App gewöhnt. Die ING und die DKB haben es vorgemacht, N26 und andere haben es perfektioniert und Trade Republic kann ja noch ein bisschen üben, bis sie endlich eine App haben, die übersichtlicher ist als der durchschnittliche Backpacking-Rucksack eines 18-Jährigen auf Interrail. Was ich sagen will: Die App von Chase ist gut, solide. Aber sie haut einen eben nicht aus den Socken. Auch die Freunde ruft man nicht an, weil man da jetzt was total geiles, neues, überragend tolles gefunden hat. Warum so wenig Mut, liebe Chase? 

Das Gleiche gilt für das maue Zinsangebot. Natürlich hat man gesehen, dass Lockangebote in dieser Größenordnung erst einmal ein paar Millionen oder auch Milliarden Euro verschieben können. Aber Kund:innen sind eben, womit wir bei Erkenntnis zwei angekommen sind, mittlerweile so illoyal wie Serkan Yavuz*: Gibt es irgendwo etwas halbwegs verlockendes, sind sie weg. Meistens, ohne es einem zu sagen. Das bedeutet im Kontext von Chase: Sobald es am Markt ein auch nur leicht besseres Angebot geben wird, sind die Kund:innen eben wieder weg. Was also soll ein kurzfristiges Zinsangebot bringen? Der Start der BBVA vor einigen Monaten hat das gleiche Problem offenbart: Ein schneller (und gar nicht mal so enormer Run) auf das neue Zinsangebot, gefolgt von: gar nicht mal so viel. Die BBVA und ihr Angebot sind nahezu gänzlich aus den Medien verschwunden, offizielle Zahlen gibt es nicht. Und die Kollegen von Finanz-Szene fassen es trefflich zusammen, wenn sie im Februar 2026 schreiben: „Deutsche BBVA liefert weiterhin keine Indizien für übermäßige Traktion”. 

Wenn Chase nicht in die BBVA-Falle tappen will, muss JPMorgan nun in kürzester Zeit ein paar echte Knaller raushauen. Wie wäre es mal mit einer neuartigen, KI-nativen App? Wie wäre es mit einer Karte, die Girocard, Debitkarte und Paypal bündelt und immer von dort bucht, wo es für mich und den Händler am günstigsten ist? Wie wäre es mit einem Zinsangebot, das tatsächlich über dem EZB-Zins liegt? Mögliche Ausgestaltungen gibt es hierzu sicherlich sehr, sehr viele. Man müsste sie aber halt einmal umsetzen. 

Und wenn nun Sparkassen-Vorstände (brauche nicht gendern, weil sind ja doch meistens Dudes) sich jetzt nickend mit einem Warsteiner zuprosten und sagen „GENAU!”, dann muss ich auch sie enttäuschen: Denn Euer Versagen ist überhaupt erst der Grund, warum eine Chase oder eine BBVA in Deutschland tatsächlich Medienberichterstattung und (ein bisschen) Traktion bekommen. Denn mal ehrlich: Warum gibt es bei den meisten Genossen und Sparkassen (und leider auch Privatbanken) immer noch Zinsen unterhalb des EZB-Niveaus? Warum gibt es Kontoführungsgebühren in einer Welt, in der längst alles umsonst ist? Warum sollte ich weiterhin euer viel zu teures Depot nutzen, wenn es die umsonst und übersichtlicher woanders gibt? Die deutsche Bankenlandschaft hat viele Warnsignale verschlafen. Dass ihnen trotzdem niemand gefährlich wurde, liegt aber nur an der Einfallslosigkeit der Konkurrenten. Eines Tages wird das einmal anders kommen. Dann kommt eine neue Bank mit einem echt, echt geilen Angebot um die Ecke. Und dann war es das. Dann wechseln die Kund:innen und bleiben dort. Damit das nicht geschieht, gilt für hiesige Bankvorständ:innen  bitte das gleiche wie für Jamie Dimon: Jetzt macht doch mal was cooles, etwas, das uns begeistert. Das ist ja nicht auszuhalten so. 

*Solltet Sie diesen Namen nicht kennen: Bildungslücke. Bitte das Dschungelcamp 2026 nachschauen. 

Autor

Nils Heck
Nils Heck

Nils Heck ist Gründer des Journalistenbüros dreimaldrei, Buchautor und seit März 2024 Redaktionsleiter bei Payment and Banking. In seiner Kolumne „Nils nörgelt“ kommentiert er kritisch die Branche. Nebenbei jongliert er professionell.