Payment & Banking Banner

Die gefährlichen Anreize der Banken

Geldhäuser wie die ING oder HVB nutzen immer häufiger Anreize, damit Menschen mehr traden. Das geht in eine ganz, ganz falsche Richtung.

Die gefährlichen Anreize der Banken

Die Payment- and Banking-Szene ist zweifellos niemals langweilig. Kein Monat vergeht, ohne dass neue Produkte, Banken, Fintechs und Payment-Lösungen auf den Markt kommen. Aber wer braucht das eigentlich alles und muss man das alles gut finden? Unser Autor Nils Heck beleuchtet in seiner Kolumne „Nils nörgelt“ monatlich ein Produkt, Thema oder eben den „letzten heißen Scheiß“. Etwas zu meckern gibt es schließlich (fast) immer.

Die Kunden der ING dürften sich bei diesem Programm erst einmal nichts Böses gedacht haben. Zwei schick gekleidete Männer sind auf der Startseite des „Investing-Programms” abgebildet, mutmaßlich auf einer Hochzeit oder Party. Daneben mit ING-Orange hinterlegt die Werbebotschaft: „Investieren mit Belohnung: mit dem Investing-Programm.” Dieses neu aufgelegte Programm nämlich belohnt es, wenn die Kundinnen und Kunden der größten deutschen Direktbank möglichst häufig ihre Wertpapiere kaufen oder eben verkaufen. Jede Aktion wird belohnt und wer wirklich oft Aktien, Anleihen oder andere Wertpapiere hin- und herschiebt, der kann neue „Level” und damit zusätzliche Vorteile wie beispielsweise niedrigere Handelsgebühren oder ein kostenloses Parqet-Abo freischalten. 

Was auf den ersten Blick nach einer Belohnung für diejenigen aussieht, die sowieso viel traden, ist auf den zweiten Blick der Schritt in eine völlig falsche Richtung. Denn das Programm, das allen zehn Millionen Kundinnen und Kunden angeboten wird, setzt einen enormen Anreiz dafür, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher immer häufiger traden. Das ist genau das, wovor der Verbraucherschützerinnen und Verbraucherschützer mit Blick auf den langfristigen Vermögensaufbau warnen. ‘Hin und her macht Taschen leer’ lautet der alte Spruch. Denn mehr Trades bringen der Bank teils hohe Provisionen, kosten die Anlegerinnen und Anleger aber oft Rendite. Genau deshalb geht diese Anreizstruktur in die falsche Richtung – und das bei immer mehr Banken. Neben der ING setzt auch die HVB laut dem Handelsblatt auf eine Anreizstruktur, die die Kunden zu immer häufigeren Trades verführen soll. Weitere Großbanken dürften dem Bericht zufolge bald ebenfalls ähnliche Programme anbieten. 

Amateuer-Anleger sollten nicht die ganze Zeit traden

Für durchschnittliche Anleger und die durchschnittliche Anlegerin sind das schlechte Nachrichten. Denn auch wenn die Quote an Aktionären in Deutschland zuletzt stieg, sind noch immer viele unsicher, wie sie ihr Geld anlegen und was die wirklich großen Fehler an der Börse sind. Auch fehlt es vielen an der nötigen Finanzbildung, selbst wenn sie nun ein oder zwei ETF gekauft haben. Wenn nun genau dieses Klientel Werbung angezeigt bekommt, die sie dazu verführen soll, möglichst oft zu handeln, Wertpapiere ständig zu kaufen und zu verkaufen, dann ist die Gefahr groß, dass genau diese Leute plötzlich viel häufiger handeln als sie eigentlich müssten, sollten – und tatsächlich klug wäre. 

Das schlägt sich dann wiederum negativ in deren Rendite und damit ja langfristig in der Altersvorsorge wider. Schlecht ist das nicht nur für den oder die Einzelne, sondern auch für das Image „der Börse” an sich. Denn wenn Millionen von Menschen schlechte Erfahrung – über beispielsweise hohe Kosten für viele Trades – machen, dürfte das auch die weitere Lust auf den Kapitalmarkt dämpfen. Banken wie die ING oder die HVB erweisen dem deutschen Kapitalmarkt im Austausch gegen kurzfristige Provisionen einen Bärendienst. 

Langfristig könnten solche Anreizstrukturen zudem nur der Anfang für das sein, was man in den vergangenen Jahren im Gaming-Bereich gesehen haben: den Einzug von immer mehr Glücksspielelementen. Bei der ersten Welle der Neobroker waren diese schon über explodierende Konfetti-Kanonen vertreten, wurden dann aber Stück für Stück zurückgedreht. Wenn nun erste Anreizstrukturen kommen, dürfte es nicht mehr lange dauern, bis auch jemand auf die Idee kommt, dort mal Dark Pattern oder den ein oder anderen glücksspielähnlichen Überraschungseffekt einzubauen. Das wäre vermutlich für die Einnahmen der Banken und Broker klasse, für die Anleger aber nicht. Denn sie zahlen am Ende die Kosten für häufiges Trading – auch wenn die Banken sie dazu verführen. 

Autor

Nils Heck
Nils Heck

Nils Heck ist Gründer des Journalistenbüros dreimaldrei, Buchautor und seit März 2024 Redaktionsleiter bei Payment and Banking. In seiner Kolumne „Nils nörgelt“ kommentiert er kritisch die Branche. Nebenbei jongliert er professionell.