AI in Finance: Der Chat ist tot, es lebe der Agent
In dieser Folge von AI in Finance, dem Podcast von Payment & Banking, sprechen Sascha und Maik über einen Umbruch, der weit über ein Software-Update hinausgeht
In dieser Folge von AI in Finance, dem Podcast von Payment & Banking, sprechen Sascha und Maik über einen Umbruch, der weit über ein Software-Update hinausgeht: ChatGPT verabschiedet sich vom klassischen Chat, KI-Modelle werden zu ausführenden Agenten – und Europa ringt zwischen Abhängigkeit und Aufbruch um seine Rolle.
Von der Chat-Oberfläche zur Arbeitsplattform
OpenAI hat ChatGPT grundlegend umgebaut. Die neue Desktop-App bündelt zwei Modi: „GPT Work" als agentische Arbeitsumgebung und „Codex" für die Entwicklung per natürlicher Sprache. Der vertraute Chat rückt in ein kleines Fenster, Verläufe, GPTs und Projekte sind nur noch schwer auffindbar.
Entscheidend ist das ausgebaute Plugin-Verzeichnis: Google Workspace, SharePoint, Outlook, GitHub, Canva oder Salesforce lassen sich anbinden. Damit entsteht eine Orchestrierungsebene, über die sich komplette Workflows delegieren lassen – recherchieren, Ergebnisse in eine Tabelle überführen, eine Mail formulieren und den Anhang verschicken, alles in einem Durchlauf.
Parallel wird der Browser Atlas zum 9. August eingestellt; stattdessen zieht ein serverbasierter Cloud-Browser in die Desktop-App ein. Der Kurs dahinter: Plattformstrategie statt Produktstrategie. Der Wettbewerb verlagert sich weg vom Browser hin zu der einen Oberfläche, über die Recherche, Coding und Automatisierung orchestriert werden.
Agentische Ausführung schlägt Benchmark-Prozente
Mit GPT-5.6 sind Sol, Terra und Luna allgemein verfügbar, Anthropic hat Claude Sonnet 5 nachgelegt, die US-Exportbeschränkungen für Fable und Mythos sind aufgehoben. Die Benchmark-Unterschiede bewegen sich im Promillebereich – der Sprung liegt woanders: Modelle planen Aufgaben selbstständig, greifen auf Browser, Werkzeuge und Systeme zu und prüfen ihre Ergebnisse selbst. Bezeichnend ist, dass Sonnet 5 bei agentischen Aufgaben das größere Opus übertrifft. Nicht das größte Modell gewinnt, sondern das, was am besten handelt – Unternehmen zahlen nicht für Intelligenz, sondern für erledigte Arbeit.
Ein zweiter Sprung betrifft die Sprache. GPT Live bringt eine Full-Duplex-Architektur: Zuhören und Sprechen laufen gleichzeitig, mit Bestätigungen, Unterbrechungen und Denkpausen. Das Gespräch wirkt natürlich statt abgehackt und setzt damit einen Maßstab für jeden Kundendialog – BBVA testet die Technologie bereits als Ersatz klassischer IVR-Systeme. Wer eigene Assistenten baut und diesen Standard unterschreitet, produziert vor allem Frustration. Umgekehrt braucht nicht jeder Use Case das größte Modell: Fixkosten im Banking berechnet eine simple Regel zuverlässiger und günstiger als ein Sprachmodell.
Europa: viele Briefe, wenig Rechenzentren
Österreich hat vorgeschlagen, Anthropic nach Europa zu holen – mit Verweis auf Werte, Rechtssicherheit und Binnenmarkt. Der Vorschlag geht am Problem vorbei: Entscheidend sind Kapital, Talente, Energie und vor allem Compute. Ohne Rechenleistung nützen weder Moral noch Regulierung. Auch Deutschland bewegt sich, mit einer KI-Taskforce aus fünf Arbeitsgruppen und einer „Deutschland-App", die Behördengänge per Chatbot und Avatar vereinfachen soll. Die Frage bleibt, ob daraus Umsetzung statt der nächsten Strategie-Präsentation wird.
Konkreter wird es an zwei Stellen. Estland will KI-Agenten eine eigene Identität geben, mit definierten Rechten, Mandatierung und Betragsgrenzen – die Voraussetzung dafür, dass Agenten nicht länger mit den Zugangsdaten ihrer Besitzer operieren. Und Visa hat in Europa erstmals echte Online-Käufe durch KI-Agenten abgewickelt: Der Agent recherchiert und bereitet vor, die Autorisierung bleibt beim Karteninhaber, abgesichert per Passkey und SCA. Für Banken öffnet das die Rolle als vertrauenswürdige Infrastruktur für agentisches Bezahlen – Trust wird zum eigentlichen Wettbewerbsfaktor.
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Disclaimer
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