Eine Bilanz-Kolumne von Miriam Wohlfarth zum Monopolisten PayPal

Die Marktstellung des US-Zahlungsanbieters PayPal scheint auch hierzulande fest betoniert, selbst die deutsche Kreditwirtschaft beißt sich die Zähne daran aus. Der Markt benötigt aber dringend einen starken Wettbewerber.

Zuerst erschienen auf welt.de

Wo bleibt die deutsche Konkurrenz für Paypal?
Photo credit: Lava via Visual Hunt

Zahllose Start-ups, Technologiekonzerne, Kreditkartenfirmen und Banken versuchen PayPal, den weltweit erfolgreichsten Dienstleister für Online-Geldtransfers, vom Thron zu stoßen. Bisher mit wenig Erfolg.

Trotz wachsender Konkurrenz gewann PayPal im zweiten Quartal 2017 wieder viele Neukunden und steigerte seinen Ertrag um 18 Prozent auf 3,14 Milliarden Dollar. Mit diesem Zuwachs hatte nicht einmal PayPal selbst gerechnet, schließlich investiert das US-Unternehmen gerade viel Geld in Firmenzukäufe und Produktentwicklungen.

In Deutschland sind die PayPal-Nutzerzahlen laut einer Studie des EHI-Institutes zwar leicht rückläufig, das hat aber auch mit Amazon zu tun, wo PayPal nicht angeboten wird. Nach wie vor ist die Erfolgsgeschichte von PayPal in Deutschland beispiellos. Schließlich wird bei uns am liebsten mit Bargeld gezahlt, und auch im Internethandel stehen die traditionellen Zahlungsarten Rechnungskauf und Lastschrift ganz oben. Da ist es geradezu unglaublich, dass ein reines Onlinezahlungsverfahren so schnell so groß werden konnte.

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Quelle: Infografik Die Welt

Das Erfolgsrezept von PayPal

Wer verstehen will, wie sich PayPal vom Tech-Start-up zum globalen E-Commerce-Riesen entwickeln konnte, muss 20 Jahre zurückgehen – so alt ist PayPal nämlich schon. Damals steckte der Onlinehandel noch in den Kinderschuhen, und drei junge Männer namens Max Lechvin, Peter Thiel und Luke Nosek hatten die Firma Confinity gegründet, ein Unternehmen, das spezialisiert war auf Bezahlmethoden und Kryptografie für den Palm Pilot.

Beim Thema Onlinebezahlung war zu dieser Zeit noch viel Luft nach oben. In den USA konnte man Interneteinkäufe ausschließlich mit der – in Amerika immerhin weitverbreiteten – Kreditkarte zahlen und mit Schecks, die per Post verschickt werden mussten. Überweisungen von Bundesland zu Bundesland waren nicht erlaubt. Damals wie heute war es nicht nutzerfreundlich, ellenlange Zahlenkolonnen plus Gültigkeitsdaten und Prüfziffer von einer Kreditkarte abzutippen, vom Scheckversand im Briefumschlag ganz zu schweigen.

Im Jahr 2000 taten sich die Confinity-Gründer mit ihrem Wettbewerber Elon Musk zusammen, der mit seiner Firma X.com ein Bezahlsystem per E-Mail entwickelt hatte. Sie entwarfen gemeinsam ein Modell, das Bezahlen mit drei Klicks ermöglichte. Um ein kostenloses PayPal-Konto einzurichten, brauchte der Nutzer keine Kontonummer, sondern lediglich eine E-Mail-Adresse. Geld im elektronischen PayPal-Portemonnaie zu hinterlegen war einfach, und der Empfänger bekam den Kaufbetrag sofort gutgeschrieben, konnte die Ware also umgehend versenden. Damit schuf PayPal eine Bezahlungsmethode für den Onlinehandel, die nutzerfreundlich, schnell und günstig war – zumindest für den Käufer, denn der Verkäufer muss eine Gebühr an PayPal entrichten.

Um Verbrauchern die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen, ersann PayPal den „Käuferschutz“. PayPal sichert seinen Nutzern zu, dass das Unternehmen einspringt, wenn Ware nicht oder falsch geliefert wird oder Daten missbraucht werden. Das war damals, bevor wir zu verwöhnten Amazon-Kunden wurden, eine Innovation. Irgendwann wurde PayPal erfolgreicher als seine Mutter Ebay – das Online-Auktionshaus hatte PayPal 2002 für 1,5 Milliarden Dollar gekauft – und hatte zur Folge, dass die Unternehmen seit 2015 getrennte Wege gehen. Dem Erfolg von PayPal tat dies keinen Abbruch.

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Zu groß, zu teuer, zu eigensinnig: Nicht jeder liebt PayPal

Lange Zeit gab es kaum ernsthafte Wettbewerber für PayPal. Und auch heute sind die Bezahllösungen der meisten Unternehmen, die mit der ehemaligen Ebay-Tochter konkurrieren wollen, zu nah dran am Geschäftsmodell von PayPal. Jochen Siegert, ein deutscher Experte für Onlinezahlungen, fragte mich bei meinen Recherchen zu Recht: „Welches Kundenproblem lösen die vielen PayPal-Kopien, das PayPal nicht schon selber löst?“

Denn naturgemäß ist die heutige Marktmacht von PayPal vielen Marktteilnehmern ein Dorn im Auge, egal ob Nutzer, Händler oder Wettbewerber. Händler monieren, dass die Gebührenstruktur von PayPal an Abzocke grenze. Nutzer beschweren sich, dass der viel gepriesene Käuferschutz eher ein Verkäuferschutz sei und man sich im Fall der Fälle besser nicht darauf verlassen solle.

Laut Jochen Siegert muss in Deutschland dringend ein großer Wettbewerber für PayPal her: „PayPal ist als günstigere Alternative zum damaligen Marktführer Kreditkarte gestartet. Seit die Kreditkartengebühren gesunken sind, gehört PayPal zu den teuersten Zahlungsmethoden im deutschen Markt. Außerdem hinkt PayPal beim Thema Innovationen hinterher und hat sein ursprüngliches Produkt bis heute kaum erweitert.“

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Wer kann mit PayPal konkurrieren?

Es ist erstaunlich, dass es bisher noch niemand geschafft hat, beim Thema Onlinebezahlung ernsthaft mit PayPal zu konkurrieren. Immerhin sind die Unternehmen, die es versuchen, groß und nahe dran am Kunden:

Amazon: Amazon hat ein eigenes Bezahlsystem namens Amazon Payments. Durch seine Marktmacht ist der Versandriese eigentlich prädestiniert, sich als PayPal-Konkurrenz zu etablieren. Jedoch spielt Amazon Payments immer noch keine größere Rolle auf dem Gesamtmarkt. Das liegt unter anderem an der weitverbreiteten Amazon-Angst des Onlinehandels, weswegen man den übermächtigen Konkurrenten nicht an den eigenen Verkaufsprozessen teilhaben lassen möchte.

Apple und Google: Google Payments wurde trotz kostenintensiver Entwicklung schon wieder eingestampft. Der Suchmaschinenriese konzentriert sich jetzt auf Android Pay und will seinen Nutzern damit eine Wallet-Lösung bieten, die auf allen Android-Geräten läuft. iOS-Devices werden von Apple mit Apple Pay bedient. Zwar rechnen Experten sowohl Apple Pay als auch Android Pay gute Chancen im mobilen Bezahlmarkt aus; bisher lässt der große Erfolg aber auf sich warten, da noch zu wenige Nutzer mit ihrem Handy bezahlen. In Deutschland sind beide Dienste noch nicht offiziell gestartet.

Mastercard und Visa: Auch die großen Kreditkartenfirmen haben parallel zur klassischen Kreditkarte Wallet-Lösungen beziehungsweise PayPal-Klone in den Markt gebracht. Sie heißen Masterpass und Visa … ja wie eigentlich? Visa verfolgt eine unklare Strategie mit unterschiedlichen Produktbezeichnungen, hier ist erst einmal nicht viel zu erwarten.

Alibaba und Tencent: Alibaba ist das chinesische Amazon und riesengroß. Seine Bezahltochter Alipay könnte dank seiner Nutzer- und Transaktionszahlen und seines Innovationspotenzials der größte Konkurrent von PayPal werden. Auch für seinen chinesischen Wettbewerber Tencent mit dem Produkt WeChat stehen die Chancen nicht schlecht. Bisher konzentrieren sich beide Unternehmen aber vor allem auf die asiatische Kundschaft.

Deutsche Kreditwirtschaft: Lange hat’s gedauert, aber seit einiger Zeit ist auch die deutsche Bankenszene mit einem eigenen Produkt am Markt: Paydirekt wurde von vorneherein als das deutsche PayPal vermarktet. Im Moment sieht es nicht danach aus, als würde sich Paydirekt zur heimischen Erfolgsgeschichte entwickeln, zu gering sind Nutzer- und Händlerzahlen.

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Wettbewerb für PayPal – eigentlich ganz einfach

In den Augen von Payment-Experte Jochen Siegert gibt es nur wenige, aber zentrale Punkte, die über den Erfolg eines PayPal-Herausforderers entscheiden werden:

Kostenstruktur: Die Achillesferse von PayPal ist seine Kostenstruktur. Möchte man PayPal wirklich herausfordern, kann man dies über die Entgelte für den Handel schaffen.

Probleme des Kunden lösen: Zahlungsprozesse im Onlinehandel könnten noch kundenfreundlicher, noch nahtloser ablaufen. PayPal hat hier in den 90er-Jahren eine Lücke geschlossen, und auch heute wird derjenige Anbieter das Rennen machen, der eine extrem kundenfreundliche und intuitive Bezahllösung anbietet.

Zur Autorin:

Miriam Wohlfahrt

Miriam Wohlfarth ist ein festes Mitglied bei paymentandbanking. Als Gründerin und Geschäftsführerin von RatePay mischt sie seit einigen Jahren die FinTech-Szene auf, und ist mittlerweile ein festes Gesicht in der Branche, dabei engagiert sich gerade für die weibliche Riege in ihrem Arbeitsumfeld. Sie ist Autorin, Rednerin sowie Ideengeberin und Initatorin der Payment-Exchange. Seit geraumer Zeit auch BILANZ-Kolumnistin für die WELT.

Die Kolumne werden wir hier künftig regelmäßig abbilden.


Autor
Nicole Nitsche

Nicole Nitsche ist studierte Theaterwissenschaftlerin und hat mehrere Jahre als Regieassistentin beim Thalia Theater Hamburg gearbeitet. Danach war Nicole Leiterin der Presse-und Marketingabteilung eines Hamburger Musiklabels. Zu ihren täglichen Aufgaben zählten dort, neben dem Verfassen von Pressetexten, die Umsetzung und... mehr

Nicole Nitsche