Alles schon gesehen, erwartet, da gewesen…

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…die Apple Keynote und der fehlende x-Faktor

Geeks und Nerds, Jünger und Kritiker unter sich….?! Was man meistens nur von heißbegehrten Massensportarten kennt, schafft Apple spielend zu meistern, ein Public Viewing der besonderen Art, zwar sitzen die meisten nur vor ihrem eigenen MacBook, aber das Gefühl Teil einer Gemeinschaft zu sein, zählt bestenfalls als ebendieses. Die alljährliche September Keynote holt sie alle sklavisch an den Bildschirm und eint dann doch allesamt, irgendwie. Trotz der vorhandenen Leaks, wollte jeder sehen, wie Apple seine neusten Spielereien präsentiert und inszeniert.

Vorhang bei Seite, was haben wir gesehen und was eben nicht, was hatten wir uns erhofft und wo sind wir enttäuscht? Hier Spalten sich dann die Lager…Eine Zusammenfassung der Eindrücke.

die Apple Keynote und der fehlende x-Faktor
Photo JJ Thompson via Visualhunt

André: Der Desillusionierte

Was ist los? Ich habe mich auf die Apple Keynote gefreut und dann war sie schon vorbei und ich ratlos. Eigentlich wollten wir dazu sogar einen Podcast machen, da wir irgendwie erwartet/erhofft hatten, dass es echte Implikationen für unsere Branche gibt.

Ja, das war früher oft so und Apple und das iPhone haben direkt und indirekt massiv viel im Banking und Payment verändert.

  • Apps sind bei vielen Banken der Zugangsweg Nummer 1 geworden
    • binnen weniger Jahre haben sich komplette Behaviors von Kunden verändert
    • Neue Banken werden sozusagen als iPhone Bank gegründet
    • Für viele Bank CEOs ist das Hochhalten des IPhones weiter Zeichen für: Wir haben verstanden
  • Das iPhone und vor allem das iPad haben eCommerce auf die Couch und die S-Bahn geholt
    • damit haben sich auch die Anforderungen an Bezahlverfahren und Schemes grundsätzlich verändert und Player die in einer „Vor-Iphone Phase“ nicht da waren oder wenig bekannt, sind die führenden Anbieter in der neuen Welt (PayPal, Stripe, Adyen)
  • Auch am POS hat Apple viel verändert
    • Square als Vorbild haben sich mobile Terminals dank Sumup, Payleven und iZettle auch in Europa in den Metropolen etabliert
  • Und natürlich Apple-Pay und Siri-Pay! mit P2P
    • Viele unserer Hoffnungen für den kommenden Schritt sind hier verankert. Siri-Überweisungen sind zwar da (werden sie denn auch wirklich genutzt?!), aber auf Apple Pay und weitere Ideen warten wir in GER weiterhin.
die Apple Keynote und der fehlende x-Faktor
Photo Yuanbin Du via Visualhunt

Was ist los?

Liegt es an Apple? Liegt es an unseren hohen Erwartungen? Oder sind wir einfach am Ende der sichtbaren und greifbaren Innovationen oder sogar Revolutionen angekommen und die echten Veränderungen finden nur noch unter der Haube statt (Chips, AI, AR etc).?  Oder leben wir einfach nur in einer Parallelwelt ?

Das iPhone und das iPad waren solche großen Schritte – aber seitdem? Ja klar, es kamen Kindles und auch Alexa von Amazon sind echte Game-Changer. Aber sonst? Jetzt kann ich mit der Uhr ab kommende Woche surfen, dabei telefonieren oder Musik hören…

Irgendwie steht vieles auf der Stelle und mir ist LANGWEILIG!!

Was sagt Ihr? Ich habe das Ratpack gefragt und die Antworten bekommen, die ich verdiene und in teilweise auch schon kannte oder ahnte:

die Apple Keynote und der fehlende x-Faktor
Photo Beni Krausz via Visual Hunt

Rafael: Der enttäuschte Ex-Nutzer

  • Wie auch die letzten Keynotes, war es auch diesmal langweilig. Lag es an dem Leak davor, was ja quasi alles vorweg genommen hat? Umgehauen hat mich nur der Preis für ein Telefon was nix kann was nicht schon andere können. Über 1000$? Nicht mit mir.
    FaceID? Oh mein Gott! Was soll der Spielkram? Zunächst einmal klappt es bei der Demo nicht und dann will mir Apple ernsthaft erzählen, dass “raise it, look at it and swipe up” schneller sein soll als mein Patsch-Finger auf den Sensor zu legen? Im Ernst jetzt? Das Ding war so schnell, dass ich nicht mehr die blöde Uhrzeit lesen konnte! Was für ein Humbug.
    Im Apple Pay Case soll ich jetzt DOPPELKLICKEN (hallo???) und dann das Telefon angucken und dann zahlen? Wer denkt sich sowas aus? Wurden Apple Pay Nutzer mit TouchId in der Londoner U-Bahn schon bisher fast verprügelt weil das zu lahm war, was blüht dann den armen Nutzern jetzt? Stau-Verursacher-Zuschlag?
    Dazu noch etliche neue Gesten die ich mir jetzt merken soll nur weil jemand meinte auf den Home Button verzichten zu müssen.

Natürlich gibt es immer noch den wow-Faktor mit ARKit und den Animoji’s – man stelle sich die grimassen-schneidenden Massen demnächst vor. Aber ist das wirklich etwas was ich tagtäglich brauche?

Dann dieses unglaublich kaputte Display im iPhone X – dieser schwarze Block oben am Lautsprecher. Das sieht alles andere als so gewollt aus. Statt auch noch die letzten Pixel heraus zu quetschen hätte man es sein lassen sollen mit diesem kaputten Ding live zu gehen.

Leider ist in den letzten 10 Jahren seit der ersten iPhone Vorstellung eins verloren gegangen: Hardware und Software aus einer Hand und damit die beste User Experience. Das Control Center in iOS11 sieht aus wie direkt aus der UX Hölle. Notifications haben in Android Oreo einen Quantensprung nach vorn gemacht, bei iOS nix – immer noch der alte Käse.
Was mir aber vor allem fehlt bei Apple das nahtlose Hand in Hand von Hardware und Software und Services. Damals da ging das, aber auch nur weil es keine Alternativen gab. Der Mail Client auf iOS – unerträglich, Maps – sprechen wir nicht drüber, iTunes – Moloch, iCloud – immer beten, dass nix schief geht. Es bleibt bei der alten Binsenweisheit – Apple kann kein Web und keine Services.

Obwohl ich die letzten 9 Jahre bekennender Apple Fanboy war, so hat mich Google mit dem Pixel von Android überzeugt. Ich werde sicherlich kein überteuertes iPhone 8 mit alter Technik für ungeheures Geld kaufen und schon gar nicht ein $1000 Smartphone – bleibt das iPhone 6S wohl doch das letzte Apple Smartphone (trotz Batterie Problemen, die natürlich laut Apple nie existiert haben und auch nicht kostenlos zu reparieren sind).

die Apple Keynote und der fehlende x-Faktor
Photo via Visualhunt.com

Maik: Der echte Fan-Boy und Versteher

  • Jedes Jahr das gleiche Ritual: Das ist alles nicht revolutionär, das ist alles nichts Neues. So gesehen war es das bei Apple noch nie. Spulen wir 10 Jahre zurück und gehen zur Vorstellung des ersten iPhones. Das erste iPhone war im Grunde ein Handheld mit Telefonie. Gab es Jahre zu dem Zeitpunkt auch schon, als Pocket PC oder Palm Pilot. Nichts Neues. Aber die Art und Weise wie Apple Technologie und Software zusammenbringt, darin liegt die Innovation. Und das Ökosystem Apple, sofern man sich dort wohl fühlt, funktioniert nun einmal sehr gut. Das kann man mögen, oder nicht. Apple verkauft schon lange nicht mehr die meisten iPhones, aber setzen immer wieder im Markt neue Maßstäbe. Und dabei spielt es keine Rolle ob Apple die Ersten sind, die ein Feature bringen, sondern wie eine Funktion umgesetzt wurde. Face-ID ist ein schönes Beispiel: Gesichtserkennung gibt es bei Android seit Jahren. Ob es mit der von Apple mithalten kann, wird sich zeigen. Ich glaube nicht. Der AHA-Moment fehlte bei der Keynote, was an den zahlreichen Leaks lag. Das alles schmälert in keinster Weise die Neuerungen.

Wer eine Revolution bei solchen Events erwartet, der schaut sich am besten die Keynotes von Google oder Samsung an – und wird sie dort auch nicht finden. Vielleicht ist es an der Zeit sich damit abzufinden, das es keine riesigen Sprünge mehr zu erwarten sind, sondern jetzt die Details zählen. Und diese Details sind es, die Apple aus meiner Sicht immer wieder sehr richtig macht. Sei es nun die Entwicklungen im Health-Bereich, Fotografie oder wie das mit iOS 11 vorgestellte AR-Kit (welches Google erst Monate später angekündigt hat). Mein persönliches Fazit: Gute Weiterentwicklung des gesamten Portfolios. Schöne Softwarefeatures von iOS 11. Wem das nicht gefällt, kann ein Android-Gerät nutzen und mit etwas Glück gibt es sogar dann und wann ein Update vom Hersteller dazu.

Kilian: Der Windows95 Nutzer

  • Die Erwartungen an Apple sind immer hoch und eigentlich nicht mehr erfüllbar. Ende der Fahnenstange. Parallel werden einige der Grundfesten von Apple aufgeweicht. Man weiß alles schon vorher… die große Show ist es nicht mehr…. Steve Jobs ist immer noch allgegenwärtig… und es ist eigentlich nur noch eine Hardware Show (nix Ökosystem, keine Disruption, keine neuen Geschäftsmodelle (ja klar, es gibt noch die Dev Konferenz etc… aber mehr als neue Hardware aus der Inneren Mongolei hatte ich schon erwartet))… alles etwas abgenutzt… das ganze Format…. Aber das Ökosystem wird uns weiter an die Hardware binden… schade nur, dass man nicht mehr Wert darauf legt…..
    Auch wenn es nicht einfach ist, ganz oben an der Kette immer noch einen draufzusetzen, hatte ich mir vom “wertvollsten Unternehmen der Welt” einen anderen Anspruch erhofft. Man ist nicht alleine in dem Markt.
die Apple Keynote und der fehlende x-Faktor
Photo via VisualHunt.com

Jochen: Der Realist

  • Leider waren alle News schon vorab bekannt/geleakt. Entsprechend gab es das “Übliche”. Kamera wieder besser, Display noch schöner etc. Ein nettes Gimmick sind die Animojis – vor wenigen Jahren ging das nur in Hollywood-Studios, jetzt auf jedem Phone…. FaceID bei ApplePay fand ich toll vor allem im Kontrast zu Dingen wie Flicker-TAN und sonstigen (deutschen) UX-Verbrechen. Die Flicker-TAN möchte gerne von FaceID aus dem DK-Kinderparadies abgeholt werden!
    Ansonsten André: Revolutionen wie das iPhone 1 gibts nicht alle paar Jahre – wenn Mercedes die neue S-Klasse vorstellt, wird auch nicht gejammert, dass seit der Pferdekutsche nichts nennenswertes passiert ist und doch endlich das fliegende XZY als DIE neue Personenbeförderung erwartet wird…
    Ach ja: ApplePay und Deutschland – kommt wohl doch nicht mit iPhone X sondern erst mit Einführung des iPhone M (Römisch für Tausend) oder spätestens mit der Marktführerschaft von Paydirekt auf dem europäischen Kontinent.

Arnulf: Der Ernüchternde

Tja, so sieht’s aus, wenn man am oberen Ende der S-Kurve ankommt, der letztendlich jede neue Entwicklung folgt: Erst läuft es schleppend an, dann geht’s heiß her und der Zusatznutzen steigt dramatisch – aber zuletzt wird es unmöglich, weiteren Nutzen zu stiften.
Und es braucht einen neuen Innovationsschub. So ging es dem Web, eCommerce und Social Media.
Aber: Jedesmal kommt etwas Neues hinterher, das die vorherige Entwicklung in den Schatten stellt.
Wenn sich also die Ära der Smartphones ihrem Ende nähert – was kommt als nächstes?
Ich denke es wird eine Mischung aus Voice, Brain und Gestensteuerung sein, die auf Basis massiver künstlicher Intelligenzunterstützung die Intention des Nutzers erkennt, bzw. vorhersagt und erwartet. Letztendlich dienten alle Maschinchen vor dem Smartphone, vom Röhren-ENIAC über Lochkartenrechner und die PC’s samt Mäusen immer nur dazu, den Befehl eine Benutzers zu erkennen und auszuführen. Wenn dieses Interface nun den Menschen direkt versteht, braucht es keine Touchscreens und Mäuse mehr.
Schade nur, dass Apple bislang weder bei Voice noch Geste geschweige denn Brain irgendeine Vorreiterrolle, bzw. Überhaupt mitspielt.
Die Revolution frisst ihre Kinder.

André M. Bajorat

CEO figo GmbH bei figo GmbH
André M. Bajorat ist Unternehmer, Berater, Speaker, Business-Angel und Mentor im deutschen Startup- und FinTech-Umfeld aktiv. Aktuell ist er als CEO bei figo.io, Partner bei KI-Finance sowie im Advisoryboard von FinLeap und Cringle aktiv. Initiator der Abstimmung „Fintech des Jahres“ und des „Bankathons„.

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