„Weibliche Studierende tendieren eher zu den Bereichen Nachhaltigkeit und Marketing”
Marion Festing erforscht, warum Frauen nicht so stark vertreten sind im Finanzbereich. Hier erklärt sie ihre Ergebnisse – und gibt Banken Tipps, wie sie es besser machen können.
Eine Befragung des Women in Finance Chair unter Studierenden der Wirtschaftshochschule ESCP zeigt Interessantes. Denn obwohl Studentinnen an der renommierten Einrichtung das Thema „Finance” für gesellschaftlich attraktiv halten, wählen sie es am Ende seltener als Männer für ihren eigenen Karriereweg. Weniger als 50 Prozent wollen sich darauf spezialisieren, bei Männer sind es fast 80 Prozent. Wie kann das sein? Zeit für einen Anruf bei ESCP-Professorin Marion Festing, die den „Women in Finance”-Chair innehat und genau dazu seit über 20 Jahren forscht.
Frau Festing, Sie forschen seit vielen Jahren zu Diversitätsfragen bei Banken. Welchen Vorteil haben die Institute aus Ihrer Sicht, wenn sie ein diverses Team aufstellen?
Diversität bei Frauen und Männern bildet die Gesellschaft ab. Wenn wir von der Talentseite kommen, gibt es immer noch einen „War of Talent” und in dem Moment, wo man 50 Prozent der Bevölkerung ausschließt, ist das ein unnötiger Verzicht auf Talente – das können sich Banken eigentlich nicht leisten. Diversität führt zudem zu mehr Kreativität, auch darauf würde man bei einem homogenen Team verzichten. Hinzu kommt noch, dass Frauen, die in ihrem Job nie gefördert werden, verlassen das Unternehmen eher, damit sinkt die Quote weiter, mit all den negativen Effekten.
Sie haben unter anderem untersucht, warum Männer in wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen den Bereich „Finance” so viel öfter als Schwerpunkt wählen als Frauen. Was waren die Gründe?
Zunächst einmal ist interessant, dass die weibliche Studierenden an unserer Hochschule durchaus die gleiche Karrieremotivation wie die männlichen haben. Alle sind gleichermaßen an hochrangigen Bildungsabschlüssen interessiert, sind leistungsorientiert und haben Führungsambitionen. Es fehlt also nicht am Ehrgeiz, Business zu studieren und eine Karriere zu machen. Es hat sich in unserer Studie jedoch ein Unterschied gezeigt im Bereich der Interessen – und der war für uns überraschend.
Warum?
Wir haben fast stereotype Antworten gesehen. Weibliche Studierende zeigten im Vergleich zu ihren männlichen Kommilitonen ein deutlich geringeres Interesse an Aktienmärkten und Finanzanlagen. Stattdessen fühlten sie sich eher zu Bereichen wie Reisen, Kultur, Mode und Design hingezogen. Eine Kluft haben wir auch gesehen, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ging.
Wie sah die aus?
Weibliche Studierende legten deutlich mehr Wert auf diesen Aspekt, was den allgemeinen gesellschaftlichen Erwartungen hinsichtlich Geschlechterrollen und Karriereprioritäten entspricht, was aber auch gleichzeitig dem Image der Finanzbranche widerspricht, wo unter anderem, lange Arbeitszeiten und ein kompetitives Umfeld dominieren. Männliche Studierende entschieden sich deutlich häufiger für eine Spezialisierung im Finanzwesen, da sie diesen Bereich als attraktiveren Karriereweg betrachteten. Weibliche Studierende hingegen tendierten eher zu den Bereichen Nachhaltigkeit und Marketing.
Sind Stereotypen der einzige Erklärungsansatz für diese Unterschiede?
Definitiv nicht. Interessanterweise deuten unsere Studienergebnisse auf einen alternativen Faktor hin: Erfahrung im Finanzbereich – oder vielmehr der Mangel daran. Die Daten zeigten, dass fast die Hälfte der befragten männlichen Studierenden bereits über Erfahrungen im Finanzbereich verfügte, beispielsweise durch Praktika, während dies bei den weiblichen Studierenden nur bei einem Drittel der Fall war. Studierende mit vorherigen Erfahrungen im Finanzbereich setzen jedoch weitaus häufiger ihre Ausbildung in diesem Bereich fort. Wenn Studentinnen nicht schon früh Einblicke in die Finanzbranche erhalten, ziehen sie diese möglicherweise nie als realistischen Karriereweg in Betracht. Natürlich haben wir auch andere potenzielle Einflussfaktoren untersucht, wie beispielsweise Eltern oder enge Bekannte, die im Finanzwesen tätig sind oder Führungspositionen innehaben – dies hatte jedoch keinen signifikanten Einfluss auf die Berufswahl der Studierenden. Stattdessen deuteten Diskussionen in Fokusgruppen darauf hin, dass vielen Studentinnen das Bewusstsein für die breite Palette an verfügbaren Rollen im Finanzwesen fehlte.
Was kann helfen, so eine Barriere zu durchbrechen?
Wir haben beispielsweise ein Mentorenprogramm hier an der Universität und das macht einen deutlichen Unterschied. Das kann ich auch bei Banken oder Fintechs empfehlen. Denn durch so ein Mentorenprogramm finden viele unserer Studierenden erst heraus, wie die Arbeit wirklich ist.
Und was finden die dann über solch ein Mentoringprogramm heraus?
Dass die Arbeit sehr spannend sein kann, dass es auch viele Mythen rund um kompetitive Arbeitsbedingungen gibt und dass auch im Bereich Finance alle nur mit Wasser kochen. Es kann vielen Frauen das nötige Selbstvertrauen geben, dass sie dort doch eine Karriere machen könnten.
Was würden Sie Banken und Fintechs noch empfehlen?
Was man besser machen kann, ist, dass man auf Beförderungen von Frauen achtet. Das wäre ganz einfach. Man sollte das also monitoren, einige Unternehmen machen das bereits recht gut. Eine neue Studie von uns hat zudem untersucht, was es bringen würde, wenn man nicht immer bei den Frauen ansetzt, sondern eben bei den Männern. Konkret haben wir untersucht, was passiert, wenn Firmen über den gesetzlichen Anspruch hinaus eine Elternzeit anbieten. Und die Ergebnisse haben mich tatsächlich ein bisschen überrascht.
Was kam raus?
Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich die Kultur eines Unternehmens, die Werte und Normen durch solche Maßnahme verändern kann. Die Familienarbeit liegt nicht nur bei der Frau, sondern kann geteilt werden, wodurch sich durch die eigene Erfahrung der Väter gegenseitiges Verständnis und Verantwortung entwickeln können, die mit veränderten Erwartungen im Arbeitskontext und darüber hinaus einhergehen.
Man könnte auch in Schulen schon früher anfangen. Was denken Sie dazu?
Wir müssen auch viel früher anfangen mit der Berufsorientierung. Es gibt ja viel Förderung im MINT-Bereich und vielleicht brauchen wir so etwas auch für den Bereich Finanzen. Wir brauchen dazu eine gesellschaftliche Diskussion und in den Schulen könnte man viel aufklären, einfach auch Informationen zu verbreiten, kann helfen. Wir nehmen auch Videos von Finanzmanagerinnen auf, damit Menschen sehen, was die tagtäglich machen und wir haben das Gefühl, das hilft schon, weil viele das eben nicht wissen.