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Warum das Sterben der Krypto-Börsen ein gutes Zeichen ist

BitMEX, BitMart, AscendEX: Warum gerade so viele Krypto-Börsen schließen, wer als Nächstes folgt – und wieso das Börsensterben ein gutes Zeichen für Krypto ist.

Warum das Sterben der Krypto-Börsen ein gutes Zeichen ist
Kettenbrief Logo - Peter Grosskopf abgebildet

Vergangene Woche kam eine Nachricht, die mich kurz innehalten ließ: BitMEX macht dicht. Am 23. September, nach elf Jahren, stellt die Börse den Betrieb ein. Für alle, die erst seit dem letzten Bullenmarkt dabei sind, mag das ein Randthema sein. Für mich ist es ein Stück Krypto-Geschichte, das zu Ende geht. BitMEX hat 2016 den Perpetual Swap erfunden, das Derivat, das bis heute den Großteil des Krypto-Handelsvolumens ausmacht. Auf dem Höhepunkt 2019 liefen über eine Billion Dollar Jahresvolumen über die Plattform, mehr als die Hälfte des globalen Krypto-Derivatemarktes. Jetzt ist die Börse weg  – einfach so. 

Und BitMEX ist kein Einzelfall. Nur wenige Tage später kündigte BitMart seine Abwicklung an, Anfang Juli hatte bereits AscendEX das Ende seines Geschäftsbetriebs bestätigt. Und ja, man kann die Schließungen als Einzelschicksale lesen. Bei BitMEX kamen viele Dinge zusammen: die US-Anklage wegen mangelnder Geldwäscheprävention 2020, rund 200 Millionen Dollar an Strafen, der Rücktritt der Gründer um Arthur Hayes, zuletzt ein gescheiterter Verkaufsprozess. Aber Branchendienste zählen für dieses Jahr Dutzende Krypto-Projekte und -Firmen, die aufgeben. Das lässt mich drei Fragen stellen: 

Was ist da los? 

Werden noch mehr folgen? 

Und wäre das wirklich so schlimm?

Das Geschäftsmodell Casino erodiert

Das klassische Geschäftsmodell einer Krypto-Börse war über Jahre denkbar einfach: Menschen spekulieren, die Börse kassiert Gebühren. Je heißer der Markt, desto besser das Geschäft. Dieses Modell erodiert nun von drei Seiten gleichzeitig.

Erstens: Das Retail-Volumen kommt nicht zurück. Der spekulative Kleinanleger-Boom der Jahre 2020/21 hat sich nicht wiederholt und die Gebühren stehen dort, wo noch gehandelt wird, massiv unter Druck.

Zweitens: Die Regulierung ist da. MiCA in Europa, ein neues Regime in den USA und Asien, was ich grundsätzlich für richtig halte, denn genau dafür haben viele von uns jahrelang gearbeitet. Aber Compliance ist ein Fixkostenblock und Fixkosten kann nur tragen, wer genug Umsatz und Gewinn macht. Übrig bleiben gerade deswegen wenige große, regulierte Anbieter, wie zum Beispiel Coinbase, Kraken, OKX, Bybit, während der Long Tail der kleinen Plattformen die Rechnung schlicht nicht mehr bezahlen kann.

Drittens, und das wird gern unterschätzt: Die Konkurrenz kommt inzwischen von On-Chain und Decentralized Finance (DeFi). Dezentrale Derivate-Plattformen wie Hyperliquid wickeln mittlerweile Wochenvolumina von mehreren zehn Milliarden Dollar ab und haben sich einen deutlich zweistelligen Anteil am Krypto Futures-Markt erobert. Ausgerechnet das Produkt, das BitMEX erfunden hat, wird heute am dynamischsten dort gehandelt, wo es gar keine klassische Börse mehr braucht.

Eine zentralisierte Börse, deren einziges Angebot Spekulation ist, sitzt damit in der Zwickmühle: von oben die Regulierungskosten, von unten die Protokolle. Was also tun?

Das Wachstum liegt längst woanders

Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: kein Casino mehr sein. Denn während die Casino-Etage schließt, zeigt sich, dass im Rest des Gebäudes viel zu holen ist. Die Stablecoin-Marktkapitalisierung beispielsweise liegt inzwischen bei über 300 Milliarden Dollar, rund ein Viertel mehr als vor einem Jahr – und das völlig unabhängig von Preiszyklen, die so ein Wachstum bisher bestimmten. Ein ähnliches Bild sehe ich bei der Nutzung: Der Anteil echter Zahlungsvorgänge, das heißt Firmen, die Lieferanten bezahlen, grenzüberschreitende Überweisungen und Treasury-Anwendungen, wachsen stetig. In Umfragen berichten Unternehmen, die Stablecoins im Zahlungsverkehr einsetzen, von Kosteneinsparungen von zehn Prozent und mehr. 

Dasselbe Bild bei tokenisierten Real World Assets: Der Markt hat sich binnen kurzer Zeit auf über 30 Milliarden Dollar vervielfacht. Blackrocks tokenisierter Geldmarktfonds BUIDL, Ondo mit tokenisierten Treasuries, in Europa Spiko mit regulierten Geldmarktfonds auf der Blockchain: All das sind keine Whitepaper-Fantasien mehr, sondern Produkte mit Assets under Management, Rendite und institutionellen Kunden.

Ich habe an dieser Stelle schon einmal geschrieben, dass sich der Kryptomarkt vom Casino zur kritischen Infrastruktur wandeln muss, wenn er eine Zukunft haben will. Und ich sage seit Jahren: Investments in Kryptowährungen sind nur dann eine gute Idee, wenn für diese Währungen ein echter Business Case entsteht. Das Schöne ist jetzt: Genau der entsteht gerade. Wenn Stablecoins und tokenisierte Wertpapiere über öffentliche Blockchains laufen, dann wird jede dieser Transaktionen in der nativen Währung des Netzwerks bezahlt. Aus Spekulationsobjekten werden Nutzungs-Assets mit realen Erlösströmen, also Transaktionsgebühren aus echter wirtschaftlicher Aktivität. Das ist der Moment, in dem eine Bewertung nicht mehr nur auf Hoffnung basiert, sondern auf Cashflow-Logik. Krypto wird – man traut es sich kaum zu schreiben – erwachsen.

Werden noch mehr Börsen sterben?

Zurück zur Ausgangsfrage: Werden noch mehr Börsen sterben? Die Antwort ist so simpel wie einleuchtend: Ja, es werden weitere folgen. Die Konsolidierung hat gerade erst begonnen und sie folgt einer bekannten Logik, wie wir sie bei Banken, bei Brokern und bei Zahlungsdienstleistern gesehen haben. Am Ende bleiben wenige große, regulierte Plattformen mit Skaleneffekten, dazu eine wachsende On-Chain-Welt, die Handel ohne Intermediär organisiert. Dazwischen wird es eng.

Überleben werden die Börsen, die verstehen, dass ihre Zukunft nicht im Spekulationsgeschäft liegt, sondern in der Infrastruktur: Verwahrung für Institutionelle, Tokenisierung von Wertpapieren, Stablecoin-Rails für den Zahlungsverkehr, der regulierte Brückenkopf zwischen Fiat- und On-Chain-Welt. Das Sterben der Krypto-Börsen ist deshalb kein Zeichen dafür, dass Krypto stirbt. Es ist ein Zeichen dafür, dass eine bestimmte Phase von Krypto stirbt, die Phase, in der die Branche vor allem mit sich selbst gehandelt hat. Was danach kommt, ist unspektakulärer, langsamer, regulierter. Und genau deshalb zum ersten Mal wirklich relevant.

Autor

Peter Grosskopf
Peter Grosskopf

Peter Grosskopf ist Softwareentwickler und Mitgründer regulierter Unternehmen wie Solaris, BSDEX, Unstoppable Finance und AllUnity. Er übersetzt zwischen TradFi, CeFi und DeFi. Seit 2025 erscheint seine Kolumne „Kettenbrief“ auf Payment & Banking.