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Nach GAFA kommt MANGO: Der zweite Kampf um die Kundenschnittstelle

Vor gut 15 Jahren verloren die Banken das Mobile-Zeitalter an die Smartphone-Hersteller. Mit Anthropic, Nvidia, Google & OpenAI formiert sich nun eine neue Generation von Technologiekonzernen, deren Zugriff auf das Bankgeschäft deutlich weiter reicht, als GAFA je versucht hat.

Nach GAFA kommt MANGO: Der zweite Kampf um die Kundenschnittstelle
KI Bild im Stil Underground: Nach Gafa kommt Mango

Eine Bestandsaufnahme in drei Akten.

Als der Software-Entwickler Krishna am 8. Juni auf X fünf Firmenlogos veröffentlichte und dazu den Satz „It's not FAANG anymore. It's MANGO" schrieb, verdichtete er eine Woche, in der sich die Machtverhältnisse der Tech-Industrie vor aller Augen verschoben. Anthropic hatte gerade vertraulich seinen Börsengang eingereicht, OpenAI zog wenige Tage später nach, beide mit erwarteten Bewertungen in der Größenordnung von einer Billion Dollar, und SpaceX stand unmittelbar vor einem Debüt, das mit einem Volumen von rund 75 Milliarden Dollar zum größten IPO der US-Geschichte werden sollte. Wer in diesen Tagen auf den Ticker schaute, sah eine Branche, deren Schwerkraftzentrum sich von den Konsumplattformen der vergangenen Dekade zu den Architekten der KI-Infrastruktur verlagerte.

Krishnas Beitrag sammelte nach Angaben von Fast Company binnen weniger Tage mehr als zwei Millionen Views, wenig später hatten Finanzmedien von New York bis Tel Aviv das Kürzel übernommen. MANGO steht für Meta, Anthropic, Nvidia, Google und OpenAI, aufschlussreich ist dabei vor allem die Besetzungsliste. Amazon, Netflix und Apple, allesamt Stammbesetzung des alten Akronyms, fehlen, an ihre Stelle rücken zwei KI-Unternehmen, die noch gar nicht börsennotiert sind, dazu Nvidia, das im Original nicht einmal vorkam und heute fast ausschließlich durch die Nachfrage nach seinen KI-Chips zu einem der wertvollsten Unternehmen der Welt aufgestiegen ist. Der Ideengeber selbst erklärte gegenüber Fast Company, das Kürzel sei ihm beim Beobachten dieser Unternehmen an der Spitze des KI-Booms eingefallen, und die Resonanz habe ihn überrascht. FAANG beschrieb eine Ökonomie der Konsumenten-Aufmerksamkeit, gebaut auf Social Media, Streaming und E-Commerce. MANGO beschreibt eine Ökonomie der intelligenten Infrastruktur, gebaut auf Modellen, Chips und Plattformen. Für die Finanzbranche folgt daraus eine Zumutung neuer Qualität.

GAFA machte den Banken vor allem die Oberfläche streitig, mit Apple Pay, Google Wallet und dem Amazon-Checkout. Das Produkt selbst, vom Girokonto über den Kredit bis zur Beratung, verblieb damals bei den Instituten. Die MANGO-Konzerne setzen mehrere Etagen tiefer an. Sie entwickeln die Modelle, die künftig beraten und entscheiden, sie kontrollieren die Chips und Rechenzentren, auf denen diese Modelle laufen, und sie bauen die Plattformen, über die Finanzprodukte ihren Weg zum Kunden finden. Wer heute die Parallele zur Mobile-First-Ära zieht, beschreibt das Szenario also eher zu harmlos als zu dramatisch.

Ein Blick zurück lohnt dennoch, weil er zeigt, woran die Verteidigung damals scheiterte. Die Banken reagierten auf den Siegeszug des Smartphones keineswegs passiv, sie investierten früh und erheblich in Mobile Banking. Verloren ging trotzdem die entscheidende Ebene, weil Apple und Google die Betriebssysteme, die App-Stores und schließlich die Wallets kontrollierten. Um den Zugriff auf die NFC-Schnittstelle des iPhones rangen europäische Institute jahrelang vergeblich, und als der Digital Markets Act Apple schließlich zur Öffnung zwang, hatte Apple Pay den Markt längst besetzt. Die unbequeme Lehre aus dieser Episode lautet, dass Exzellenz auf der Anwendungsebene wenig hilft, sobald die Plattformebene verloren ist. Diese Konstellation kehrt nun zurück, mit dem Unterschied, dass die Plattform diesmal das KI-Modell selbst ist.

Erster Akt: Der Angriff auf die Kundenbeziehung

Seit Mitte Mai können ChatGPT-Pro-Nutzer in den USA ihre Bank-, Depot- und Kreditkartenkonten direkt mit dem Chatbot verbinden. Die Anbindung läuft über den Open-Banking-Anbieter Plaid und umfasst nach Unternehmensangaben mehr als 12.000 Finanzinstitute, darunter Chase, Fidelity und Robinhood. Wie heise online berichtet, erhält ChatGPT dabei ausschließlich Leserechte auf Kontostände, Transaktionen, Anlagen und Verbindlichkeiten, bereitet diese Daten aber in einem eigenen Dashboard auf und beantwortet Fragen zur persönlichen Finanzplanung auf Basis der tatsächlichen Zahlungsströme. OpenAI selbst begründet den Schritt mit der Beobachtung, dass sich bereits mehr als 200 Millionen Menschen monatlich mit Finanzfragen an ChatGPT wenden. Nahezu zeitgleich brachte Anthropic mit „Claude for Small Business" eine Agenten-Suite für Kleinunternehmen auf den Markt.

Wie ernst die US-Bankenbranche diese Entwicklung nimmt, lässt sich an der Wortwahl ihrer eigenen Analysten ablesen. Die Strategen der SouthState Bank warnen, dass Institute binnen kürzester Zeit zu reinen Datenlieferanten degradiert werden könnten und die Kundenbeziehung an die KI-Plattformen übergeht. Die Applikationsschicht, die Banken und Fintechs über Jahre aufgebaut haben, liegt in diesem Szenario unter einer Konversationsebene, die ihnen weder gehört noch von ihnen kontrolliert wird.

In Europa verschafft die Regulierung den Instituten vorerst eine Atempause, denn Plaid verfügt hierzulande über keine flächendeckende Anbindung, und die Funktion bleibt bislang auf den US-Markt beschränkt. Zur Wahrheit gehört allerdings, dass die PSD2-Richtlinie die rechtliche Grundlage für einen solchen Kontozugriff längst geschaffen hat. Dieselben standardisierten Schnittstellen, die europäische Banken einst für Fintechs öffnen mussten, stehen im Prinzip auch einem ChatGPT offen. Die Schonfrist hat also regulatorische Gründe, strategisch belastbar ist sie kaum.

Zweiter Akt: Der Maschinenraum

OpenAI adressiert die Kundenschnittstelle, Anthropic arbeitet sich parallel durch das Backoffice der Branche. Anfang Mai stellte das Unternehmen in New York, flankiert von JPMorgan-Chef Jamie Dimon, zehn produktionsreife KI-Agenten für Finanzdienstleister vor, die Pitchbooks erstellen, Underwriting und KYC-Prüfungen unterstützen, Finanzmodelle bauen und den Monatsabschluss übernehmen. Wie Fortune berichtet, gehören zu dem Paket außerdem eine vollständige Microsoft-365-Integration, eine Datenpartnerschaft mit Moody's über rund 600 Millionen Unternehmensprofile sowie ein 1,5-Milliarden-Dollar-Joint-Venture mit Blackstone, Goldman Sachs, Apollo und weiteren Investoren, das Claude in mittelständische Portfoliounternehmen tragen soll. Goldman Sachs, Visa, Citi und AIG zählen bereits zu den Anwendern, und nach Unternehmensangaben ist Financial Services inzwischen Anthropics zweitgrößtes Geschäftssegment. OpenAI antwortete noch in derselben Woche mit einer Partnerschaft mit PwC für Treasury-, Forecasting- und Reporting-Prozesse.

Damit verschiebt sich der Charakter der Bedrohung erheblich. Die Modelle beschränken sich längst nicht mehr auf den Chatbot am Frontend, sie wandern in Beratung, Risikoentscheidung und Compliance und damit in jene Wertschöpfung, die bislang als uneinnehmbarer Kern der Institute galt.

Dritter Akt: Distribution und Zahlungsverkehr

Auf der Distributionsebene tobt unterdessen ein Wettlauf der Standards. Google präsentierte im Januar gemeinsam mit Shopify auf der Handelsmesse NRF das Universal Commerce Protocol, hinter dem sich unter anderem Mastercard, Visa, Stripe und PayPal versammelt haben. Das hauseigene Agent Payments Protocol regelt ergänzend, unter welchen Bedingungen KI-Agenten im Auftrag ihrer Nutzer bezahlen dürfen, abgesichert durch kryptografisch signierte Mandate für Kaufabsicht, Warenkorb und Zahlung. Revolut hat als eines der ersten europäischen Bezahlverfahren angekündigt, dieses Protokoll zu adaptieren. Und Anfang März meldeten Mastercard, Santander und PayOS die nach eigener Darstellung erste europäische Live-Transaktion, die vollständig von einem KI-Agenten über echte Bankeninfrastruktur ausgeführt wurde, wohlgemerkt in kontrollierter Umgebung und ausdrücklich noch ohne kommerziellen Rollout.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch ein prominenter Fehlschlag. Den im September 2025 gemeinsam mit Stripe gestarteten Instant Checkout stellte OpenAI nach Recherchen von Forrester bereits im März wieder ein, weil die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückblieben. Der erste große Plattform-Anlauf im Agentic Commerce ist damit gescheitert, was den Banken und Payment-Anbietern ein Zeitfenster öffnet, das sich freilich in dem Tempo wieder schließt, in dem sich die neuen Protokolle als Standards durchsetzen.

Und Meta? Das M in MANGO wirkt auf den ersten Blick wie der finanzfernste Kandidat, verfügt jedoch über zwei Trümpfe, die kein anderer Akteur der Gruppe vorweisen kann. Über WhatsApp, Instagram und den Messenger erreicht der Konzern Milliarden Nutzer und schiebt seinen Assistenten Meta AI in die Kanäle, in denen viele Banken ohnehin schon Kundenservice anbieten. Zugleich liefert Meta mit seinen offen gewichteten Llama-Modellen die technische Basis, auf der Finanzinstitute eigene, selbst gehostete KI-Anwendungen entwickeln können. Der Konzern tritt damit gleichzeitig als Torwächter zur Kundin und als Lieferant der Banken auf, eine Doppelrolle, die sich durch die gesamte MANGO-Gruppe zieht und ihre strategische Einordnung so schwierig macht.

Nvidia, das stille N in der Gleichung

Unter alldem liegt die Infrastrukturfrage. Nvidia kontrolliert nach einer Analyse der Cloud Security Alliance 80 bis 90 Prozent des Markts für KI-Beschleuniger, drei Hyperscaler stellen zudem den überwiegenden Teil der KI-tauglichen Rechenkapazität. Die Autoren der Studie vergleichen diese Marktstruktur ausdrücklich mit jenen Konzentrationen, die Regulierer in Telekommunikation und Finanzwesen über Jahrzehnte zu verhindern suchten. In den Banken selbst wird die Abhängigkeit erstaunlich offen benannt. Bahadir Yilmaz, Chief Analytics Officer der ING, bezeichnet sie als eines der größten Risiken bis hin zum Vendor-Lock-in, und Joanne Hannaford, Technologiechefin der Unternehmensbank der Deutschen Bank, räumt ein, dass sich der nötige Rechenbedarf realistisch nur über Big Tech decken lässt. Die Aufsicht zieht nach und behandelt KI-Konzentrationsrisiken zunehmend als Frage der Finanzstabilität, in Europa greifbar in den DORA-Vorgaben zu kritischen Drittdienstleistern.

Was Banken jenseits von Copilot tun können

Die Standardantwort der Branche bestand bislang darin, ChatGPT, Copilot oder Gemini zu lizenzieren und intern auszurollen, was die Produktivität hebt, die strategischen Fragen aber unbeantwortet lässt. Interessanter sind die Häuser, die echte Architekturentscheidungen treffen. Die Commerzbank stattet im Rahmen ihrer Strategie „Momentum 2030" die gesamte Belegschaft parallel mit Microsoft 365 Copilot und Google Gemini Enterprise aus und begründet die bewusste Zweigleisigkeit ausdrücklich mit den Konzentrationsrisiko-Vorgaben von DORA, flankiert von KI-Investitionen in Höhe von rund 600 Millionen Euro bis 2030. Die Sparkassen-Finanzgruppe wählt den souveränen Weg, indem die Finanz Informatik ihren S-KIPilot an rund 190.000 Arbeitsplätzen ausgerollt hat und dabei gezielt auf europäische Modelle setzt, insbesondere von Mistral, um von US-Anbietern und Hyperscalern unabhängig zu bleiben. Die DKB hat in ihrer im März vorgestellten Strategie „DKB 2030" eine halbe Milliarde Euro für Technologie und Künstliche Intelligenz reserviert und erklärt KI zum zentralen Wachstumstreiber im gesamten Bankbetrieb. Der hauseigene Digital Agent hat nach Unternehmensangaben binnen eines Jahres mehr als 2,5 Millionen Kundenanfragen bearbeitet und soll sich vom Problemlöser zu einem vollwertigen Banking-Assistenten weiterentwickeln, im Laufe des Jahres kommen ein Enterprise Chat und eine zentrale Automatisierungsplattform für alle Mitarbeitenden hinzu. Vorstandschef Sven Deglow betont, KI sei im Haus kein Leuchtturmprojekt und gehöre fest zum laufenden Betrieb. Die Deutsche Bank wiederum kündigte über ihren Privatkundenvorstand Claudio de Sanctis für die zweite Jahreshälfte einen digitalen Assistenten für Privatkunden an, die DZ Bank arbeitet mit „DZ Chat", die Genossenschaftsbanken erproben „GenoGPT".

Eine vierte Option kommt in der Debatte bislang zu kurz. Banken verfügen über jahrzehntelange, verifizierte Finanzdaten ihrer Kundinnen und Kunden samt dem regulatorischen Mandat, damit zu arbeiten, ein Fundament, das keinem MANGO-Konzern zur Verfügung steht. Häuser, die diese Daten in eigene, fein abgestimmte Modelle für Bonität, Vorsorge oder Liquiditätssteuerung überführen, bauen Wertschöpfung auf, die sich nicht über eine API zukaufen lässt. Die ING deutet mit ihrer KI-gestützten Baufinanzierung, die Kreditentscheidungen auf rund 30 Minuten verkürzen soll, an, wohin diese Richtung führen kann. Das Modell dahinter mag eingekauft sein, doch Daten, Prozesskompetenz und Haftung bleiben im Haus.

Und Europa? Substanz mit Fragezeichen

Ob europäische Alternativen tragen, lässt sich derzeit nur mit einem geteilten Befund beantworten. Mistral ist mit einer Bewertung von rund 11,7 Milliarden Euro und dem Sparkassen-Engagement der unbestrittene Champion, DSGVO-konform, mit offenen Modellgewichten und Datenresidenz in Frankreich. Aleph Alpha, lange das deutsche Aushängeschild souveräner KI, erzählt inzwischen eine kompliziertere Geschichte, seit das kanadische Unternehmen Cohere im April die Übernahme und Fusion mit den Heidelbergern bekanntgab, bei einer Gesamtbewertung von rund 20 Milliarden Dollar und verankert durch ein 600-Millionen-Dollar-Investment der Schwarz-Gruppe. Man kann darin einen Skalierungssprung sehen oder den Beleg, dass europäische Souveränität am Ende transatlantische Partner braucht. Ehrlicherweise gehört zur Bilanz zudem, dass die größten multimodalen Modelle weiterhin aus den USA stammen. Zugleich entwickelt sich der ab August vollständig greifende AI Act für Hochrisikosysteme zum Standortfaktor, weil EU-konforme Anbieter ihren Kunden aufwendige Compliance-Nachrüstungen ersparen. Souveränität wandelt sich damit vom politischen Schlagwort zum handfesten Beschaffungskriterium.

Die Entscheidung, die ansteht

Die historische Parallele trägt weit, hinkt aber an einer entscheidenden Stelle. Beim Smartphone verloren die Banken die Oberfläche und behielten das Produkt. MANGO greift alle drei Schichten gleichzeitig an, das Interface über ChatGPT und Gemini, die Produktion über Finanz-Agenten im Maschinenraum und die Infrastruktur über Chips und Cloud. Zugleich zeigen das Scheitern des Instant Checkout und die betont vorsichtigen Formulierungen der Payment-Pioniere, dass die Plattformen die Banken weiterhin brauchen, für Lizenzen, für Haftung und vor allem für Vertrauen. Worum es für die Institute jetzt geht, ist eine bewusste Entscheidung darüber, welche Schicht sie zu welchem Preis verteidigen wollen. Wer ausschließlich lizenziert, hat diese Entscheidung bereits delegiert. Die Häuser, die heute Architektur, Datenhoheit und Kundenschnittstelle aktiv gestalten, verhandeln in fünf Jahren auf Augenhöhe mit MANGO, alle anderen finden sich in deren Lieferkette wieder.

Wie Banken auf die MANGO-Welle antworten sollten, diskutieren wir am 4. November auf der Banking Exchange (BEX) in Frankfurt.

Autor

Nicole Nitsche
Nicole Nitsche

Nicole Nitsche, studierte Theaterwissenschaftlerin, leitete Presse und Marketing eines Hamburger Musiklabels, bevor sie bei Payment & Banking die Kommunikation und Redaktion aufbaute. Seit August 2021 ist sie Geschäftsführerin.