Vom Saulus zum Paulus? Chinas grüne Finanzindustrie

Für Franziska Schmid sind Ökonomie und Ökologie kein Widerspruch. Im Gegenteil: Künftig kann es nur noch zusammen gehen! In ihrer monatlichen Kolumne „Let’s think! Green!“ kommentiert sie nachhaltige Entwicklungen im Banking und Payment-Sektor und fordert mehr Umsetzungswille ein!

China gibt sich gerne den grünen Anstrich, das noch weit vor den USA weiterhin der größte CO2-Emittent ist. Allerdings hat China in den letzten Jahren viel für den Umweltschutz und für Nachhaltigkeit in erneuerbaren Energien getan.

Auch im Finanzsektor wurden große Anstrengungen unternommen. So wurde ein Branchenleitfaden für die „grüne Industrie“ entwickelt, der auf Chinas ökologischem Zivilisationsplan basiert. Er zielt darauf ab, die „grünen Industrien“ zu identifizieren und Investitionen zur Förderung der Entwicklung dieser attraktiv zu machen.

Grüne Energiepunkte animieren Kunden

Alipay hat erkannt, dass es wichtig ist, Menschen direkt in nachhaltige Verhaltensweisen einzubeziehen und nutzt seit August 2016 die Macht seiner digitalen Technologie, um den Klimaschutz voranzutreiben. Das Alipay-Ant-ForestProjekt, das auf der mobilen App des Unternehmens gestartet wurde, belohnt seine User mit grünen Energiepunkten für jeden Schritt, den sie unternehmen, um ihre Emissionen zu reduzieren, z.B. durch Nutzung von Fahrräder oder den Kauf nachhaltiger Produkte.  

Gamification pur: In der App wachsen die Punkte Stück für Stück zu einem virtuellen Baum heran. Wurden ausreichend Energiepunkte gesammelt, können User „echte“ Bäume im Nordwesten Chinas pflanzen lassen. Vor Ort arbeitet das Unternehmen mit lokalen NGOs zusammen, die die Pflanzung und die Pflege der Bäume übernehmen. Der Fortschritt des  grünen Punktescores kann in Echtzeit in der App verfolgt und über soziale Medien geteilt werden. User sollen so ein Bewusstsein für ihren persönlichen CO2-Fußabdruck bekommen.

Aktive Nutzer von Ant Forest geben an, dass sich ihr Nutzungs- und Konsumverhalten zugunsten nachhaltigerer Varianten verändert hat. Sie entwickeln zudem ein Verständnis dafür, was CO2 bedeutet und welche Auswirkungen der jeweilige Lebensstil auf die Umwelt hat. Diese Entwicklung ist positiv. Über 500 Millionen User von Ant Forest haben dazu beigetragen, dass inzwischen über 100 Millionen reale Bäume im Nordwesten Chinas mit einer Gesamtfläche von 156.862,7 Fußballfeldern gepflanzt wurden.

Vom Saulus zu Paulus - Chinas grüne Finanzindustrie
Bäume gegen die Wüstenbildung in China

Appell an das grüne Gewissen als Wachstumsmotor

Hinzu kommt, dass Ant Forest mit diesen Maßnahmen zur Schaffung von rund 400.000 Arbeitsplätzen und einem Einkommen von 60 Millionen RMB (8,4 Millionen USD) beigetragen, indem es gemeinsam mit Landwirten Bäume pflanzt, ökologische landwirtschaftliche Produkte entwickelt und diese mit E-Commerce-Plattformen verbindet.

Klingt doch alles in allem nach einer guten Lösung. Oder nicht? Immerhin trackt und fördert Alipay über Payments das nachhaltige Konsumverhalten der User und kurbelt gleichzeitig die Wirtschaft an – die Zahlen sprechen für sich.

Vom Saulus zu Paulus - Chinas grüne Finanzindustrie
Chinas Industrie wächst in den Städten rasant

Doch passt das ungebremste Wirtschaftswachstum in China mit einem nachhaltigen Lebensstil zusammen? Zunächst: Warum nicht? Wagen wir auch folgende Lesart: Bisher hatte der Zahlungsanbieter WeChat-Pay in China eine höhere Nutzerfrequenz als Alipay WeChat-Pay zeichnet sich durch einen besonderen Komfort für User aus, indem es nicht nur Payments anbietet, sondern auch das Hauptkommunikationstool der Chinesen ist.

Will Alipay den Rückstand aufholen, indem es User ermutigt, das Zahlungstool in verschiedenen Alltagsszenarien aktiver zu nutzen? Hierfür bietet Ant Forest einen neuen Weg die User-Interaktion zu stimulieren.

Vorteil: Aus der erhöhten User-Frequenz resultieren wichtige Nutzerdaten, die Ant Group vermutlich zu nutzen weiß. Derzeit verdient die Ant Group auch durch Werbeanzeigen von vermeintlich umweltfreundlichen Anbietern auf Ant Forest mit, wie z.B. Fahrrad- und Auto-Verleih-Anbietern mit. Geplant sind zudem Reiseangebote, damit die Nutzer „ihre“ real gepflanzten Bäume besuchen können.

Energiebedarf der App nicht durch Bäume zu kompensieren

Und was hat das alles mit Nachhaltigkeit zu tun? Zunächst wenig, solange die Nutzung der vielen verschiedenen Funktionen von Ant Forest allesamt mehr Energie benötigen, als durch das Pflanzen eines Baumes kompensiert werden kann. Hier ist Entschlossenheit gefordert: Erst, wenn die Energie aus erneuerbaren Energien gewonnen wird, verbessert sich die Bilanz.

Alipay gelingt es mit Ant Forest die User zu motivieren, regelmäßig ihren grünen Punktescore zu checken und gibt Anreiz für ein Umdenken. User sind durchaus bereit, sich nachhaltiger zu verhalten. Je mehr einfache, alltägliche Möglichkeiten geboten werden, desto aufgeschlossener sind Nutzer.  Ant Forest verbindet monetäre Anreize mit einem ökologischen Umdenken und macht so gleichzeitig auch Profit.

Aber ein Ant Forest Modell ist hierzulande noch nicht in Sicht.

Theoretisch könnte das übrigens auch für die Nutzer europäischer Paymentanbieter gelten – schafft Anreize für die Nutzer und macht sie dadurch zu Klimaaktivisten! Eine Idee, die konsequent zu Ende gedacht werden muss, um nicht Äpfel und Birnen zu vermischen. Ohne eine kluge Energiestrategie bleiben solche Vorhaben Augenwischerei. Aber ein Ant Forest Modell ist hierzulande eh noch nicht in Sicht.

Autor
Franziska Schmid will den gesellschaftlichen Wandel hin zu einer nachhaltigen Zukunft aktiv mitgestalten. Als Customer Experience Managerin bei CodingPassion beschäftigt sie sich intensiv mit den Bedürfnissen der Millenials, um einschlägige digitale Produkte zu entwickeln. Nachhaltiges, soziales und ökologisches Verhalten und... mehr

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