Outer Limits, Teil 1: Doppelmoral im Payment und Zahlungsdienstleister in der Schmuddelecke

Im E-Commerce gibt es nicht nur ein Bezahlverfahren, sondern meist ein Zahlungsmittelmix. Aber im E-Commerce gibt es auch Bereiche, mit denen mancher Payment-Provider nichts zu tun haben möchte. Denn wenn es um anrüchige Themen wie Porno, Poker, Cannabis & Co geht, wird der Zahlungsmittelmix manchmal recht dünn.

Das hat natürlich Gründe und diese wollen wir in unserer Reihe “Outer Limits: Zahlungsverkehr in Grenzbereichen” unter die Lupe nehmen. Im ersten Teil setzen wir uns einmal die moralische und gesellschaftspolitische Brille auf, während es im zweiten Teil um das Thema Risiko und Fraud geht.

In diesem Teil widmen wir uns dem moralischen Kompass mancher Zahlungsdienstleister, denn: Wasser predigen aber Wein saufen gilt auch im Payment. Während Porno für manche ein Tabu zu sein scheint, wickelt man auf der anderen Seite gern die Spenden für die AFD ab.

Porno

Geld stinkt nicht, oder nur manchmal und wenn man sich im Internet mal umschaut, dann wird überall bezahlt: Porno, Poker, Pillen, Cannabis oder Hoster für illegale Downloads – alles kostet Geld. Jeder hat einen Bekannten, der einen kennt, dessen Cousin so etwas schon mal genutzt hat. Und dieser Cousin hat dann auch erzählt, dass einige der Dienste kostenpflichtig sind. Und da es so viele Bekannte gibt die einen kennen, der einen Cousin hat, der für so was bezahlt, wird in diesen uns unbekannten Bereichen viel Geld verdient. Wir haben uns mit virtuellem Desinfektionsspray mal auf die Suche gemacht und geschaut, wer eigentlich mit diesen Unternehmen zusammenarbeitet und die Zahlungen abwickelt.

Teil 1 Outer Limits: Doppelmoral im Payment und Zahlungsdienstleister in der Schmuddelecke

Der Luxemburger IT- und Medienkonzern Mindgeek macht einen weltweiten Umsatz von 460 Millionen US-Dollar, davon alleine in Deutschland ca. 30 Millionen USD. Die wenigsten Leser werden Mindgeek und dessen Dienste kennen. Mindgeek betreibt Portale wie zum Beispiel Youporn, Pornhub oder Xtube. Dabei handelt es sich um Plattformen für sogenannte Vollerotik. Diese bieten oft kostenpflichtige Premium-Inhalte an, die in irgendeiner Weise abgewickelt werden. Aber welcher Zahlungsdienstleiter legt sich mit einem solchen Unternehmen ins Bett?

Nur selten Full-Service-Provider

Der Bereich für Premium-Inhalte auf Youporn & Co wird von der MG Billing, einer Tochter von Mindgeek, abgewickelt. Bezahlt werden kann dort nur über Kreditkarte und SEPA-Lastschrift. Warum Mindgeek ein eigenes Unternehmen für Zahlungs-abwicklungen hat, kann zwei Gründe haben:

1. Niemand möchte mit solchen Diensten in Verbindung gebracht werden

2. Mindgeek möchte die erforderlichen Gebühren nicht an Zahlungsdienstleister abgeben, die durch die Cousins generiert werden

Funfact: Die MG Billing bietet eine eigene deutsche Support-Seite an, falls ein Cousin versehentlich ein Abo abgeschlossen hat. Auch bietet Aboalarm für die Cousins des Bekannten ein automatisiertes Kündigungsschreiben an. Auch das zeigt: Es gibt Nutzer (und Nutzerinnen) und es werden nicht wenige Zahlungen abgewickelt. Diese werden aber meistens nicht über einen Full-Service-Provider abgerechnet, sondern man integriert die unterschiedlichen Bezahlverfahren selbst. Diese sind in den meisten Fällen immer die gleichen: Kreditkarte, Paysafecard, Bitcoin und Klarna (Sofort). PayPal findet man auf Seiten für Vollerotik nicht.

Youporn hat auch einen eigenen Webshop. Dieser wird von Shopify betrieben.

Aber Shopify möchte das scheinbar nicht an die große Glocke hängen. Obwohl Shopify auf der eigenen Webseite die weltweit am schnellsten wachsenden Marken auflistet, hat man Youporn vergessen. Dabei findet man im Youpornshop T-Shirts, Kappen und sogar Rucksäcke, die dann dank Shopify auch mit Kreditkarte, Apple Pay oder PayPal bezahlt werden können.

Der moralische Kompass im Zahlungsverkehr

Und das Beispiel bei Mindgeek ist kein Einzelfall. Mit nackter (und legaler) Haut möchte man nicht in Verbindung gebracht werden, bei anderen Themen ist man weniger zimperlich. Wer aber zum Beispiel bei der AFD spenden oder im AFD-Fanshop ein paar Bücher bestellen möchte, der kann das bequem per Überweisung oder noch viel bequemer mit Paypal tun.

„Mit nackter (und legaler) Haut möchte man nicht in Verbindung gebracht werden, bei anderen Themen ist man weniger zimperlich.“

Überhaupt ist PayPal ein gern genutzter Dienstleister für allerlei Shops. Sei es die Seite der Impfgegner, des rechten Kopp-Verlages oder eben der AFD. Überall findet man dort PayPal. Nur nicht auf Seiten wo zu viel freie Haut zu sehen ist.

Auch Klarna scheint das nicht sonderlich zu stören, findet man Klarna doch auch in allerlei Onlineshops von Anbietern grenzwertigen Gedankenguts. Geld stinkt nicht und der moralische Kompass hat viele Himmels-richtungen. Dabei gibt es keine Verpflichtung eines Payment Service Providers mit irgendwem zusammenzuarbeiten. Wenn es medienwirksam genug ist, scheint PayPal die eigene Moral auch gerne mal mitteilen zu wollen.

So stoppte PayPal-CEO Dan Schulman im Jahr 2016 als Konsequenz zu einem homosexuellen-feindlichen Gesetz in North Carolina die Öffnung eines neuen PayPal-Büros vor Ort: “The new law perpetuates discrimination and it violates the values and principles that are at the core of PayPal’s mission and culture. As a result, PayPal will not move forward with our planned expansion into Charlotte.” Gleich-zeitig hat man kein Problem neue Büros in Dubai (Todesstrafe auf Homosexualität) oder Moskau (Verbot von Homosexualität) oder eben Dienstleister von deutschen Parteien zu sein, die auch so ihre Probleme mit unterschiedlichsten Menschengruppen haben.

Die Doppelmoral der Anbieter
Teil 1 Outer Limits: Doppelmoral im Payment und Zahlungsdienstleister in der Schmuddelecke

Eine doppelte Moral findet man auf allen Seiten. So ist es mindestens lustig, dass (sehr auf nationale Interessen) gerichtete Parteien, die sich auch gerne mal über die Marktmacht von großen amerikanischen Internetkonzernen aufregen, ebendiese in ihren Shops integrieren.

Und zwar nur diese. Im CSU-Fanshop (ja, so was gibt es), kann man nur mit PayPal und Amazon Pay bezahlen. Der AFD-Fanshop bietet immerhin noch die Überweisung an – neben PayPal. Da haben wir in Deutschland schon nationale Bezahlverfahren und es stellt sich die Frage, wer diese nicht implementieren will: der Anbieter oder der Betreiber der Plattform? Vielleicht wissen auch beide nichts voneinander.

Fazit

Die Gesellschaft hat sich in vielerlei Hinsicht verändert. Abends zur Prime-Time läuft Werbung von Amorelie oder Eis.de. Themen wie Online-Glücksspiel und die Bestellung der Haumich-Kaumich-Lakritzpeitsche sind gesellschaftlich akzeptiert. Ob das gut oder schlecht ist, mag jeder für sich selbst beantworten. Trotzdem scheinen Paymentprovider weniger Probleme mit Unternehmen, Parteien, Diensten zu haben, die mindestens destruktives Gedankengut verteilen. Anders sieht es mit Themen aus, die der Kategorie “Schmuddel” zuzurechnen sind. In Anbetracht dessen, dass vermutlich gerade dort großes Transaktionsvolumen abgewickelt wird, könnte man die These aufstellen, dass es eine Auszeichnung ist, wenn man solche Volumia abwickelt. Ob es eine Auszeichnung ist, die Spenden destruktiver Organisationen abzuwickeln, darf bezweifelt werden.

Autor
Maik Klotz
Maik Klotz ist selbständiger Berater, Sprecher und Autor zu den Themen Banking, Payment und Retail. Seit vielen Jahren berät Maik Unternehmen zu kundenzentrierten Innovationsmethoden und der Fokussierung auf den Nutzer. mehr

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