Office of the CFO: Wenn der Finanzbereich zum strategischen Betriebssystem wird
Julian Ostertag von Drake Star Partners erklärt, warum CFO-Software derzeit zu den spannendsten Softwaremärkten gehört. Im Fokus: AI, Regulierung, Konsolidierung und die Zukunft des Office of the CFO.
Der Markt für CFO-Software erlebt gerade eine Verschiebung, die lange überfällig war. Was jahrelang als Backoffice-Thema galt, Buchhaltungssoftware, Jahresabschluss, Rechnungsverarbeitung, wird gerade zum strategisch wichtigsten Software-Stack eines Unternehmens umgebaut. Regulierung, künstliche Intelligenz und eine außergewöhnliche Welle von Investitionen und Übernahmen treiben diesen Wandel gleichzeitig an. Wer das noch nicht auf dem Radar hat, wird es bald.
In dieser Podcast-Folge spricht Nicole Nitsche mit Julian Ostertag, Managing Partner bei Drake Star Partners, über einen Markt, den viele unterschätzen und der gerade neu definiert wird. Grundlage des Gesprächs ist der „Office of the CFO Sector Report H2-2025", den Drake Star kürzlich veröffentlicht hat: C-Level-Interviews mit acht europäischen Gründern und CEOs, eine vollständige Marktlandkarte mit hunderten von Anbietern und die Auswertung von über 120 Transaktionen allein im zweiten Halbjahr 2025.
Was braucht heute ein CFO eigentlich?
Der moderne CFO ist längst kein reiner Zahlenverwalter mehr. Er ist strategischer Co-Pilot der Geschäftsführung, zuständig für Planung, Liquidität, Compliance, Reporting und zunehmend auch für ESG-Berichterstattung. Der Software-Stack, mit dem er das tun soll, ist in vielen Unternehmen noch ein Flickenteppich: ein Tool für Rechnungen, ein anderes für Budgets, ein drittes für Treasury, dazwischen Excel. Das funktionierte, bis es nicht mehr funktionierte.
Neue regulatorische Anforderungen machen diesen Zustand unhaltbar. Internationale Steuerreformen, EU-Mehrwertsteuerpflichten, verpflichtende Nachhaltigkeitsberichterstattung, all das landet auf dem Schreibtisch des CFOs und erzwingt Modernisierungen, die viele Unternehmen ohne diesen Druck noch jahrelang aufgeschoben hätten. Der Report beschreibt das als einen der stärksten Kaufbeschleuniger im gesamten B2B-Softwaremarkt.
120 Deals in einem Halbjahr
Dass Private-Equity-Investoren das ähnlich sehen, zeigt die Transaktionsdichte: Über 120 Übernahmen und Finanzierungsrunden im zweiten Halbjahr 2025, mehr als 80 davon Sponsor getrieben. Investoren bauen hier systematisch Plattformen durch gezielte Zukäufe und zahlen dafür im Schnitt fast das Zehnfache des Jahresumsatzes. Zum Vergleich: Börsennotierte Vergleichsunternehmen werden aktuell mit etwa dem Viereinhalbfachen bewertet. Die Prämie auf gut positionierte, tief in Kundenprozesse eingebettete CFO-Software ist real und wird von Investoren bewusst gezahlt.
Acht europäische Gründer – und eine unbequeme Beobachtung
Für den Report hat Drake Star acht europäische CFO-Software-Unternehmen porträtiert: Candis, Embat, EMAsphere, Everest Systems, iplicit, Moss, TIS und xSuite. Alle haben große Ambitionen: Candis will das autonome Finanzbetriebssystem für den Mittelstand werden, Moss die zentrale Ausgabenplattform für SMEs in Europa, TIS der globale Orchestrierungs-Layer für Zahlungen und Liquidität. Alle kämpfen um den gleichen Platz im Stack des CFOs.
Was dabei auffällt: Europäische Kunden fragen AI-Lösungen in diesem Bereich deutlich seltener aktiv nach als nordamerikanische. Die Nachfrage ist moderat, nicht hoch. Was das über den Stand der Digitalisierung in europäischen Finanzabteilungen aussagt und wie schnell sich das ändert, ist einer der pointiertesten Gesprächsmomente.
AI frisst Enterprise Software und der CFO-Stack ist das erste Opfer
Der Kontext dieses Gesprächs ist größer als ein einzelner Report. Julian Ostertag spricht auf der KEX 2026 über eine Frage, die den gesamten Enterprise-Software-Markt gerade destabilisiert: Is AI eating Enterprise Software?
Was passiert mit der IT-Landschaft von Unternehmen und mit den Geschäftsmodellen etablierter SaaS-Anbieter, wenn künstliche Intelligenz die Geschwindigkeit der Softwareentwicklung und -anpassung dramatisch erhöht und gleichzeitig die Kosten massiv senkt? Wer setzt sich durch in den nächsten „Architecture Wars" der Enterprise IT, die großen Plattformen, die AI einbauen, oder neue AI-native Angreifer, die ohne Legacy-Ballast starten? Welche Unternehmenstypen entstehen neu, welche alten Modelle verschwinden?
Der CFO-Stack ist dabei kein Randbereich, sondern Frontlinie. Genau hier treffen etablierte ERP-Riesen wie SAP und Oracle auf eine neue Generation AI-nativer Anbieter und genau hier entscheidet sich, ob die Plattform-Logik der letzten zwanzig Jahre noch gilt.
Julian Ostertag sitzt seit Jahren in den Räumen, in denen über diese Deals entschieden wird, auf der Seite der Gründer, der Käufer und der Investoren. Im Gespräch erklärt er, welcher der fünf großen Markttreiber aus seiner Sicht der nachhaltigste ist, warum europäische Anbieter ihren regulatorischen Heimvorteil zu selten nutzen, und was einen CFO-Software-Anbieter heute wirklich wertvoll macht, jenseits der Wachstumszahlen.
Und er gibt eine klare Einschätzung zu einer Frage, die den gesamten Markt beschäftigt: Gibt es in diesem Segment Platz für mehrere große Plattformen oder läuft es auf eine Handvoll Gewinner hinaus, die alles andere verdrängen?
Der vollständige „Office of the CFO Sector Report H2-2025" von Drake Star Partners ist findet ihr hier:
Julian Ostertag spricht auf der KEX 2026 am 23. Juni in Hamburg. Tickets und Programm unter ki.exchange.
Jetzt reinhören.