In den 80gern warnte die Christliche Literatur-Verbreitung im Buch “Wir wollen nur deine Seele” noch nicht vor Mobile Payment sondern vor den satanischen Gefahren der Rock- und Heavy Metal-Musik. Das Buch wollte “mysteriöse, größtenteils wenig bekannte Hintergründe anhand zahlreicher Daten und Fakten beleuchten” und “schockierende Zusammenhänge” aufdecken. Wie viele Seelen der Autor mit seinem Buch am Ende vor den satanischen Dämonen retten konnte, ist nicht belegt. Wirklich belegt wurde ohnehin wenig in seinen (unterhaltsamen) Theorien über diverse Rock ‚N‘ Roll Bands und Rückwärtsbotschaften auf Schallplatten.

Man könne meinen Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur von „Finanztip, hat erwähntes Buch gelesen, bevor er sich aufmachte um in seiner Kolumne bei Spiegel Online über die Gefahren beim mobilen Zahlen zu warnen. Nicht nur die Überschrift liest sich wie eine Drohung: sein ganzer Artikel, ist voll mit “mysteriösen, größtenteils wenig bekannten Hintergründen” und am Ende eine einzige Warnung. Ein Melodram, wie es Fassbinder nicht besser schreiben hätte können: Angst essen Seele auf. Tenhagens Variante eines modernen Melodram findet man bei Spiegel zum Nachlesen. Etwas weniger Drama, weniger spektakuläre Hintergründe und weniger mysteriöser Zusammenhänge hat dieser Beitrag.

Mastercard kann in die Zukunft sehen

Tenhagen startet mit einem Angszenario, was größer nicht hätte sein können: Mastercard kann in die Zukunft sehen. Als Beweis wird ein Zitat von IT-Professor Key Pousttchi angeführt wo Pousttchi sagt “Mastercard kann seit Jahren weit besser vorhersagen, ob Sie sich scheiden lassen als Sie selbst“. Wer jetzt Mastercard nach seiner Zukunft ausfragen möchte, dem sollte vorher gesagt sein, was Mastercard weiß – und was eben nicht.

Mobile Payment und Banking: Sie wollen nur deine Seele

Zunächst einmal gibt es in der EU so etwas wie die DSGVO. Da steht z.B. drin das Benutzer dem Verwerten ihrer Daten zu Werbezwecken per Opt-in explizit zustimmen müssen. Anders gesagt: Ohne Zustimmung darf Amazon, VISA oder sonst wer, schon mal gar nichts. Die USA arbeiten übrigens gerade an einem ähnlichen Gesetz. So viel zur rechtlichen Grundlage. Erhoben werden bei einer Kreditkartenzahlung natürlich Transaktionsdaten.

Das kann man sogar bei Mastercard, Visa und Co nachlesen: Transaktionsdaten wie zum Beispiel die persönliche Kontonummer, der Name und Standort des Händlers, das Datum und der Gesamtbetrag der Transaktion werden erfasst. Es mag verrückt klingen, aber ohne diese Transaktionsdaten kann ein Acquirer weder abrechnen noch Betrug verhindern. Würden diese Daten nicht analysiert wäre dem Kreditkartenbetrug alle Tore geöffnet. Im übrigen kennt die eigene Hausbank nicht nur die Transaktionsdaten einer Girocard-Transaktion, sondern weiß auch von wem das Gehalt kommt und wohin das Geld geht. Wer glaubt, dass die eigene Hausbank keine Transaktionen analysiert möge einfach mal in den Verwendungszweck “waffenfähiges Uran” schreiben und dann langsam bis 10 zählen. Die Frage ist am Ende auch nicht ob wer irgendetwas weiß, sondern vielmehr was mit diesem Wissen passiert? Diese Antwort gibt Tenhagen nicht, sondern bleibt in allgemeinen Mutmaßungen.

Der Datenteppich von GAFA

Weiter geht es mit GAFA: Google, Facebook, Amazon und Apple verfügen über einen Datenteppich, wird Key Pousttchi weiter von Tenhagen zitiert.

Bei Unternehmen deren Geschäftsmodell auf Daten basiert, ist das eine Binsenweißheit. Aber auch hier gibt es, man mag es kaum glauben, die DSGVO. Und während wir allesamt uns der Dienste von Google und Facebook erfreuen und gleichzeitig bei Amazon einkaufen, hält Tenhagen es für wichtig noch mal darauf hinzuweisen, wie böse die Sammelwut ist.

Wer A sagt muss auch B sagen, hat meine Ur-Oma immer gesagt und so ist es auch hier: Wer tolle kostenlose Dienste nutzen will muss damit Leben einen Preis zu bezahlen, und wenn es eben die eigenen Daten sind. Was Apple in dem Zusammenhang soll, weiß vermutlich niemand, denn das Geschäftsmodell von Apple sind eben nicht Daten. Das auch Deutsche Unternehmen, wie z.B. die Schufa, Daten sammeln, bleibt unerwähnt. Diese sammelt nämlich, ebenfalls mit Zustimmung, Daten und das seit 1927. Es stimmt, wenn Tenhagen weiter schreibt, dass Tech-Giganten Transaktionsdaten (wenn sie diese denn hätten) nutzen um bessere Empfehlungen aka Werbung anzeigen zu können. Wenn das unter Zustimmung der Nutzer geschieht, ist dagegen absolut nichts einzuwenden. Ob das ohne Zustimmung passiert, kann Tenhagen natürlich nicht belegen. Aber warnen kann man ja trotzdem: Man solle sich nicht auf die Beteuerungen der Internetgiganten verlassen. Als abschreckendes Beispiel und Beweis wird das Zusammenlegen der Messengerdienste (Whastapp, Instagram und Messenger) angeführt. Auch hier fehlt eine differenzierte Betrachtung, einen Hinweis dazu, dass ganz vielleicht Facebook nicht die Heilsarmee ist und es natürlich darum geht bessere Werbung auszuspielen. Das der Anwender ein Mündiger sein könnte und sich gar entscheiden kann diese Dienste in Anspruch zu nehmen, auf die Idee kommt der Autor nicht.

Mobile Payment macht Angst

Quasi ohne Überleitung geht der Autor über zum Start von Mobile Payment. Das Tenhagen mobiles Bezahlen auf den Bezahlvorgang am POS reduziert ist das Eine. Etwas mehr Recherche und man hätte feststellen können, das Mobile Payment sehr viel mehr ist, als bei Aldi, Rewe und Co. mit dem Smartphone an der Kasse zu zahlen. Dann kommen eine Reihe von Zahlen die belegen sollen, das wir in Deutschland noch gar kein Mobile Payment Land seien. Das zeigen zwar die Zahlen der Bundesbank seit Jahren, aber sein Hinweis dient vermutlich der Dramaturgie und seinem Fazit:

Mobile Payment und Banking: Sie wollen nur deine Seele

Die Nutzer und der Gesetzgeber könnten erst einmal “lernen” wie mobiles Bezahlen im Ausland funktioniert um für mehr Datenarmut und eine bessere Datentrennung beim Mobilen Bezahlen zu sorgen, so Tenhagen. Das eine Bezahlung mit Google und Apple Pay im Grunde nichts anderes ist als eine stinknormale Kreditkartentransaktion, wird ignoriert. Das der Warenkorb Google, Apple und Co nicht bekannt ist und die Transaktion über Tokens realisiert werden, wird ebenso ignoriert. Auch das man bereits seit Jahren “lernen” kann wie diese Bezahlverfahren im Ausland funktionieren – geschenkt. Bei den nachfolgenden “Tipps”, der Nutzer solle vor dem Einsatz des Smartphones als Geldbörse oder Bankkonto in jedem Fall seinSmartphone “sicherheitstechnisch hochrüsten” weiß man nicht ob man lachen oder weinen soll.

Fazit

Datenschutz ist wichtig und jede Technologie bringt neue Angriffszenarien mit sich. Darüber zu diskutieren ist legitim und wichtig. Was nicht wichtig ist, ist eine sinnlose Lobhudelei auf Bargeld und eine undifferenzierte Warnung vor mobilen Bezahlverfahren und Kartenzahlungen. Vor allem dann nicht, wenn man schlichtweg nur warnt um der Warnung willen. Die Schattenseiten von “anonymen Bargeld” werden genau so wenig beleuchtet wie die Vorteile barloser Bezahlverfahren. Warum Tenhagen am Ende den Tipp bringt im Sexshop doch lieber bar zu bezahlen, darüber kann man nur spekulieren. Denn a) ist der Einkauf im Sexshop nicht illegal, b) kann man auch im Internet bestellen und c) sind es die neutralen Einkaufstaschen, die den Einkauf verraten. Nur so als Tipp.


Autor
Maik Klotz

Maik Klotz ist Berater, Sprecher und Autor zu den Themen Banking, Payment und Retail. Seit vielen Jahren berät Maik Unternehmen zu kundenzentrierten Innovationsmethoden und der Fokussierung auf den Nutzer. Aktuell ist er Head of Communication bei der YES.com AG. mehr

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