Payment & Banking Banner

KI Agenten als Finanzmanager: Wer spielt Feuerwehr wenn's schief geht?

KI-Agenten bewegen schon jetzt echtes Geld und beeinflussen Finanzentscheidungen. Die Verantwortung liegt aber noch beim Kunden.

Nicola Breyer, Autorin der Kolumne „Nicola macht Daten klar", über KI-Agenten als Finanzmanager und die Frage der Haftung
Nicola Breyer analysiert in ihrer Kolumne „Nicola macht Daten klar" wer die Verantwortung trägt, wenn KI-Agenten Finanzentscheidungen treffen – und warum das eine Chance für regulierte Banken ist.

Anna ist Deutsche und arbeitet als Projektmanagerin in Tallinn. An einem Sonntagabend nimmt sie sich zwanzig Minuten für ihre Finanzen und fragt Claude: „Ich möchte jeden Monat Geld zur Seite legen. Wie viel kann ich mir leisten, und in welche Anlagen soll ich es stecken?“ Der Assistent schlägt vor, sich dafür mit ihrer Bank zu verbinden, deren Schnittstelle er kennt, und führt sie durch den Flow. Ein Log-In Fenster der Bank öffnet sich, Anna meldet sich mit ihrer Smart-ID an. Zurück im Chat analysiert die KI Annas Transaktions- und weitere Daten über Konten, die die Bank freigibt: Nach Miete, Fixkosten und einem Puffer seien gut 200 Euro im Monat realistisch. 

Zur Anlagefrage erklärt er zunächst, Finanzberatung dürfe er nicht geben und erläutert dann präziser als in manchem Beratungsgespräch Annas derzeitige finanzielle Situation, und legt Kriterien dar, nach denen Anna ihre ETFs auswählen sollte oder ob sie sich für Tagesgeld entscheiden sollte. Umsetzen kann Claude allerdings nichts davon, denn an ihrem Konto darf er nichts veranlassen, er darf nur lesen. Anna entscheidet sich zunächst für Tagesgeld und richtet den Dauerauftrag in der Banking-App ein. Nicht mal zwanzig Minuten später ist alles erledigt.

Banken öffnen ihre Kontodaten freiwillig für die KI der Kunden

Anna ist erfunden, ihre Bank gibt es wirklich. Die estnische LHV bietet ihren Kunden seit diesem Sommer offiziell an, die eigenen Konten mit KI-Assistenten zu verbinden. Angemeldet wird mit denselben Verfahren wie im Internetbanking, jede Abfrage wird protokolliert, der Zugriff lässt sich jederzeit widerrufen und es gibt derzeit noch eine klare Grenze: Lesen darf die KI, handeln nicht.

Der Trend zu solchen MCP-Server Verbindungen hat Deutschland längst erreicht, und die Grenzen verschieben sich von Anbieter zu Anbieter. Da Anna nebenbei selbständig ist, führt sie ein Geschäftskonto bei Qonto, und auch das lässt sich mit ihrem KI Assistenten verbinden. Dort darf er bereits mehr als bei ihrer Bank in Tallinn: Karten anlegen und Kartenlimits ändern, nur Überweisungen bleiben ihm verwehrt. 

Auf Revoluts Krypto-Börse Revolut X setzen verbundene Assistenten seit Juni sogar Orders auf. Jede einzelne muss der Kunde freigeben, und für Fehler des Assistenten übernimmt Revolut ausdrücklich keine Verantwortung. In den USA ist diese Schwelle ebenfalls gefallen. Bei Robinhood handeln angebundene Agenten für den Kunden und führen Trades durch, und Plaid arbeite nicht nur mit OpenAI zusammen, sondern hat auch gemeinsam mit Sierra angekündigt, dass Service-Agenten sich den Zugriff auf Kontodaten künftig mitten im Chatgespräch einholen, um Kunden anhand ihrer eigenen Daten weiterzuberaten.

Von harter Regulierung zu einer tolerierten Grauzone?

Wer bisher auf fremde Finanzdaten zugreifen oder Kunden zuGeldanlagen beraten wollte, brauchte dafür eine regulierte Rolle, vom Kontoinformationsdienst bis zum Anlageberater. Annas KI Assistent hat keine, und er beginnt Stück für Stück, auf Basis dieser Daten in ihrem Namen zu handeln. Auf den Menschen selbst als letzte Kontrollinstanz der erarbeiteten Entscheidungen sollte sich dabei niemand verlassen, denn von den amerikanischen Kunden, die Finanztipps einer KI befolgen, handelt schon heute jeder Fünfte sofort, ohne Gegenprüfung. Bleibt eine Frage: Wer steht eigentlich dafür ein, wenn der Assistent sich irrt?

Annas Entscheidungen fallen im Gespräch mit der KI - dem Gespräch, dem die KI den Satz voranstellt, Finanzberatung sei nicht Teil des Angebots. In diesem Disclaimer geht es letztlich nur um die Haftung. Herr Weber hingegen, Annas früherer Anlageberater in Frankfurt, arbeitet unter der Bafin-Lizenz seiner Bank; seine Beratung wird dokumentiert, und für seine Fehler haftet sein Institut. Ein Robo-Advisor wie Scalable Capital bräuchte für die gleiche Tätigkeit eine Erlaubnis zur Finanzportfolioverwaltung und haftet seinen Kunden gegenüber. Annas KI fusst auf einem LLM und Annas Daten, und Robinhood schreibt die Konsequenz ganz offen in die eigenen AGBs: Verantwortlich für die Geschäfte des Agenten ist der Kunde. Drei Anbieter derselben Leistung, drei Regelwerke und beim modernsten ist die Kundin auf sich allein gestellt.

Ich sehe darin eine Chance für die europäische Finanzindustrie. Das Produkt der Finanzberatung war immer von Verantwortungsübernahme und Kundenkenntnis gekennzeichnet: Kunden zahlen unter anderem auch dafür, dass jemand für die Empfehlung einsteht und vertrauen darauf, dass die Anlage oder der Kredit für ihre Situation passend sind. Derzeit fehlt dieses Angebot  im KI-/Agentenzeitalter, und die KI-Anbieter wollen es erkennbar nicht bauen — ihre Disclaimer und Nutzungsbedingungen sagen es deutlich. Haftungsfähigkeit aber setzt eine Lizenz voraus. Sie ist damit das eine Asset im KI-Rennen, das den Plattformen fehlt und das regulierte Institute längst besitzen. Die meisten wissen es nur nicht.

In der EU steckt das Gesetz zur Datenbereitstellung fest 

In Brüssel wird derweil weiter (langsam) über FIDA verhandelt. Die Kunden haben längst entschieden, dass sie ihre Daten teilen möchten. In den USA nutzt inzwischen mehr als die Hälfte der Menschen KI für ihre Finanzen, mehr als sich von einem Menschen beraten lassen, und ihre Daten geben sie selbst weiter — als Upload oder gleich als Verbindung im Chatfenster (Hallo Plaid). Die PSD2 kennt den Kontoinformationsdienst, der FiDA-Entwurf den Finanzdatendienstleister, den Agenten des Kunden kennt keiner von beiden. Dass FiDA in ihrer heutigen Form nicht mehr zeitgemäß ist, ist inzwischen klar. Wie aber gehen wir mit KI Agenten um?

Die Antwort kann aus dem Markt kommen. Mastercard und Visa zeigen bereits im Agentic Payment, wie es geht: Sie geben Agenten eine eigene Kennung und ein eng umrissenes Zahlungsrecht — bislang zum Beispiel für den Kauf von Sneakern. Für Finanzentscheidungen müssen wir weiterdenken, und hier sollten die aktiv werden, die qua Rolle und Lizenz in die Haftung gehen „dürfen”. Der Einstiegspunkt: Jedes Mal, wenn eine KI erklärt, Finanzberatung dürfe sie nicht geben, zeigt sie eine Lücke auf, die abgesehen von sehr gebildeten Kunden nur ein reguliertes Institut füllen kann. Dies sollte der Moment der Vermittlung sein — denn die Assistenten öffnen sich über dieselben Schnittstellen, über die Anna ihre Bank verbunden hat, auch für andere Anbieter, und sie führen Verzeichnisse, aus denen sie im Gespräch passende Dienste vorschlagen.

Beratung für die breite Masse war mit Menschen allein nie profitabel zu skalieren. Mit Agenten, die vorarbeiten — auf Daten, die genau dafür bereitgestellt werden —, Instituten, die ihre regulatorische Pflicht über eine moderne Schnittstelle wahrnehmen, und Menschen, die bei den großen Entscheidungen einschreiten, kann sie es werden. Anna wäre eine der ersten Kundinnen.

Anna und Herr Weber sind erfunden; die Banken, Konten und Nutzungsbedingungen sind es nicht

Autor

Nicola Breyer
Nicola Breyer

Nicola Breyer ist Open-Finance-Expertin, Senior Advisor bei Roland Berger und Board Advisor für KI-FinTech-Start-ups. Bis 2024 war sie CEO bei Qwist, davor in Führungsrollen u. a. bei OptioPay und PayPal. Sie sitzt in Gremien von FRIDA und HoFT.