FinTech – eine Beziehungskrise

Von der Minimisation der FinTech Revolution

FinTech – Ich war so verliebt. Damals als wir uns kennenlernten wusste ich gleich: Das ist was besonderes. Nach jahrelangem Stillstand in der Finanzindustrie kamst Du – frisch, wild und so rebellisch. Ich mochte Dich vom ersten Augenblick an. Am Anfang sah alles so hoffnungsvoll aus, dann kam der Alltag und Du hast Dich angepasst. Jung und wild warst Du. Heute schon fast spießig. Ich höre den Song der Band „Die Sterne“ und denke: „Was hat Dich irritiert? Was hat Dich bloss so ruiniert?“

FinTech - eine Beziehungskrise. Von der Minimisation der Revolution
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2011 hab ich zum ersten mal von Dir gehört. Dein Name eine Offenbarung, FinTech – Finance & Technology. Es sollte endlich zusammen kommen, was zusammen gehört. Dein Anspruch war so hoch, nichts weniger als die Revolution sollte es geben. Und heute? Du hast es schleifen lassen.

Eine Revolution ist ein grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel eines oder mehrerer Systeme, der meist abrupt oder in relativ kurzer Zeit erfolgt.

Die Fintech Revolution – am Ende eine Evolution

In den letzten Jahren hat sich in der Payment- und Banking Branche viel getan. Die Branche hat sich mit vielen Veränderungen auseinandersetzen müssen. Sei es im Zahlungsverkehr, die Senkung der Interchange Gebühren, neue Zahlungsanbieter oder die Bestrebungen von den großen Internetcompanies, wie Google, Apple, Amazon und Co, eine Rolle zu spielen. Oder die PSD2 Regulierung, welche die Banken z.B. dazu zwingt Kontoinformationen in die Hoheit der Nutzer zu legen, damit sie z.B. Dritten zugänglich gemacht werden können. Oder Themen wie Instant Payments, welche endlich Überweisungen in Echtzeit zulassen. Die Liste der Veränderungen lässt sich noch weiter fortführen, aber nüchtern betrachtet sind es evolutionäre Entwicklungen. Die Revolution in der Payment- und Banking Branche hat es bisher nicht gegeben. Schaut man sich “The Fintech Wave” von Chris Skinner, aus dem Februar letzten Jahres an, dann sieht er ebenfalls in einigen Bereichen eine Ernüchterung – gerade was das Thema Neobanking betrifft. Er sieht zwar Themen wie Mobile Payments und Wallets im Mainstream angekommen, aber es lohnt sich genauer hinsehen.

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Mobile Payment und Mobile Wallets

Eine Vielzahl von Startups bzw. FinTechs kamen und gingen. Alle wollten irgend etwas revolutionieren. Wer erinnert sich noch an Yapital, die Tochter der Otto Gruppe die nichts weniger wollten, als Mobile Payments in Deutschland zu etablieren. Auch die Telekom, Vodafone oder O2 hatten das gleiche vor. Dazu kamen diverse Lösungen anderer FinTechs, die es allesamt nicht mehr gibt. Obwohl wir seit Jahren jedes Jahr vor dem Durchbruch stehen: Mobile Payments gibt es nicht. Nicht in Deutschland, nicht in Europa. Die Mobile Wallets Infografik von Jochen bringt es auf den Punkt: Viele gab es, wenige gibt es noch. Nur in Asien hat sich das Bezahlen mit dem Smartphone mit Lösungen wie Alipay oder Wechat durchgesetzt. China gilt als am stärksten wachsender Markt beim Mobile Payment. Alleine im Jahr 2016 gab es 469 Millionen Mobile Payment Nutzer – 30 Prozent mehr als 2015. Außerhalb von Asien sieht es nicht so gut aus. Trotz Lösungen wie Apple- oder Google Pay (ehemals Android Pay). Nicht einmal 6 Prozent der Nutzer, welche Apple Pay in den USA nutzen können und auf ihrem Smartphone aktiviert haben, nutzen Apple Pay tatsächlich als bevorzugte Bezahlmethode.

Banking

Oder die Entwicklungen der so genannten Challenger Banken wie z.B. N26 und Revolut: 500.000 Kunden, wie sie N26 z.B. seit der Gründung 2013 generiert hat, muss man auch erst einmal schaffen. Auch Revolut scheut  die Superlativen nicht: Laut eigener Aussage europaweit eine Millionen Nutzer. Zum Vergleich: Die Direktbank der Frankfurter Sparkasse (1822direkt) und der Deutschen Bank (Norisbank) haben, obwohl viele Jahre länger auf den Markt, konnten keine solche Wachstumskurve hinlegen. Und trotzdem: Nüchtern betrachtet bieten Challenger Banken oft einen besseren Zugang zum Nutzer, bieten modernere Lösungen wie die der etablierten Retailbanken, aber unter dem Strich dreht es sich am Ende um ein Konto. Revolutionär ist da wenig. Und neu schonmal garnicht. Zweifelsohne waren und sind diese Entwicklungen wichtig und haben schlußendlich auch die etablierten Retailbanken beeinflusst, aber hat sich dadurch der finanzielle Alltag der Nutzer maßgeblich geändert? Eine eindeutige Antwort darauf findet man nicht. So beeindruckend die Wachstumszahlen der Challenger Banken sein mögen, wie viele aktive Nutzer N26, Revolut & Co haben, tatsächlich wissen wir es nicht. Und am Ende kann es sein, dass das Girokonto vielleicht zu belanglos ist, als das Heerscharen von Nutzern von ihrer alten Bank zu einer der neuen wechseln würden.

Peer-2-Peer Payment

Peer-2-Peer Payment war auch so ein Thema. Ist Geldtransfer, also die Überweisung, außerhalb des SEPA-Raums zum Teil ein echtes Problem, ist es bei uns in Europa maximal nervig. Aber es scheint nicht nervig genug zu sein, als dass ein Nutzer zu den durchaus vorhandenen Alternativen greift. Das mag daran liegen, dass diese zum Teil schlichtweg schlecht umgesetzt waren, oder aber es keinen Bedarf gibt. Und wenn, kann man im Zweifel immer noch PayPal nutzen um schnell und einfach Geld von A nach B zu senden.

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Kryptowährungen

Wenn selbst die Tagesschau über Kryptowährungen wie Bitcoin berichtet, muss was dran sein. Betrachtet man Bitcoin aber mal nicht als spekulative Geldanlage, stellt sich auch hier die Frage: Wo kann ich am Ende mit der Kryptowährung bezahlen? So schlecht ich im Retail mit Goldbarren bezahlen kann, bei den Kryptowährungen sieht es nicht besser aus. Anders ausgedrückt: Kryptowährungen sind am Ende so alltagstauglich wie die Anzahl der Nutzer und Akzeptanzstellen.

CROWDFUNDING

Den Kreditmarkt wollte man aufmischen. Unabhängig von Banken Geld verleihen. Zu besseren Zinsen und Konditionen, schneller sein in der Abwicklung. So der Anspruch. Die Entwicklungen eher ernüchternd.

  • Der Auxmoney Antragsprozeß ist mindestens genauso unbequem wie bei einer Bank. Unzählige Datenfelder und ein zusätzlicher KYC-Prozess – bei kleinen Beträgen. Warum muß der Nutzer für 2.000 EUR sich das alles antun, kann aber für 2000 EUR einen Notebook mit Klarna auf Kredit kaufen und dort reicht nur die Adresse? Man weiß es nicht.
  • Smava war der erste P2P-Kreditanbieter in Deutschland. Kredit ohne Bank im Peer-2-Peer Modell. Das lief nicht und heute ist Smava eine Kreditvermittler-Plattform, die Kunden mit Banken zusammen bringt. Das funktioniert, ist aber nicht wirklich revolutionär und reihen sich damit in das Tätigkeitsfeld vieler anderer Plattformen,

Dazu kamen einige Pleiten von Crowd-Investment-Plattformen, weil man nur die Kreditnehmer anlockte, die überall anders abgelehnt wurden. Die Anbieter in diesem Segment haben es einfach nicht geschafft “bessere” Kreditnehmer zu begeistern durch bessere UX, besseren Service, bessere Prozesse, als die verkrusteten Banken. Auch hier gab es am Ende Verbesserungen aber eben keine Revolution.

Fazit

Je mehr man kritisch in die Branche schaut, um so mehr stellt man fest: Es kochen am Ende alle mit Wasser. Investoren scheinen das zu erkennen, denn 2017 waren die Investitionen zurückhaltender. Mit 716 Millionen EUR erhielten FinTechs zwar eine neue Rekordsumme an Investitionen. Allerdings lag die Wachstumsrate von 9 Prozent, gemessen am Vorjahr, deutlich unter den Steigerungen von 2016 (45 Prozent) und 2015 (135 Prozent). Fernab der Investitionen ist die FinTech-Branche erwachsen geworden. Auf der einen Seite ist das gut, weil es zeigt, das es sich beim FinTech nicht um eine Phase handelt, die wieder weg geht. Auf der anderen Seite geht dadurch der jugendliche Leichtsinn verloren, den es meiner Meinung nach weiterhin braucht. In diesem Sinne: Don’t grow up, it’s a trap!

 

Autor
Maik Klotz
Maik Klotz ist selbständiger Berater, Sprecher und Autor zu den Themen Banking, Payment und Retail. Seit vielen Jahren berät Maik Unternehmen zu kundenzentrierten Innovationsmethoden und der Fokussierung auf den Nutzer. mehr

4 Kommentare

Jochen Siegert
Hallo Andreas,sorry, aber das "Händlerprivileg" bei der Absatzfinanzierung gibt es seit Jahrzehnten, bitte mal recherchieren :) Dadurch konnten und können Otto, Quelle und viele andere Katalogversender Ratenzahlung gegen Zinsen anbieten ohne jegliche KYC und Banklizenz. Genau dieses Konzept nutzen Klarna, Ratepay und co in ihrem Set-Up und genau dieses Set-Up hätten auch die Absatzfinanzierungsbanken anwenden könnnen, machten Sie aber nicht. Stattdessen bestanden sie auf Antragsprozesse für 30+ Datenfelder und KYC. Konsequenz: Sie spielen keine Rolle mehr, da die Händler Abbruchquoten von 95%+ wegen der komplexen Antragsprozesse und KYC der Kunden nicht tolerieren.Genau diesen Punkt machte Maik: Manche FinTechs waren sehr kreativ für den Kunden, andere nicht so und das für den identischen Use Case: Kunde braucht 2.000 EUR für die Finanzierung von z.B. Elektronikgeräten.VGJochen
2. Februar 2018
Andreas
Guten Morgen Jochen,ich weiß ja bestimmt nicht alles, aber im GwG Bereich gibt´s keine Privilegien. Es macht halt einen Unterschied, ob jemand - wie im Beispiel oben - 2000€ ausbezahlt bekommt oder den Betrag finanziert (mit wem auch immer). Daher habe ich mich über Maiks Aussage gewundert.Frohes Schaffen, Andreas
30. Januar 2018
Jochen Siegert
Hallo Andreas,naja naja... Die alte falsche Mär bewahrheitet sich nicht, nur weil man sie oft genug wiederholt. Die allermeisten seriösen FinTechs machen ihre Hausaufgaben bei der Compliance sehr wohl! Die Realität ist aber, daß FinTechs mit findigen Anwälten gängige Ausnahmen nutzen. Der Grund, daß Klarna, Ratepay, Billpay und so vieeeele andere Online-Absatzfinanzierer kein KYC machen müssen, liegt am Händlerprivileg der Absatzfinanzierung. Wie viele Banken mach(t)en auch Absatzfinanzierung und wie lange gibt es das Händlerprivileg der Absatzfinanzierung *ohne* KYC? Seit Jahrzehnten! Seit dem Markteintritt von Klarna, Ratepay und co spielen die klassischen Banken Online-Absatzfinanzierer (zurecht) im Onlinegeschäft keinerlei Rolle mehr... Das hat eher damit was zu tun, daß manche Banken ihre Hausaufgaben nicht machten, anders als die Gründer!VGJochen
26. Januar 2018
Andreas
" Warum muß der Nutzer für 2.000 EUR sich das alles antun, kann aber für 2000 EUR einen Notebook mit Klarna auf Kredit kaufen und dort reicht nur die Adresse? Man weiß es nicht. " Da bin ich jetzt etwas entäuscht. Jeder der ein wenig mit AML/GwG zu tun hat, weiß da ganz genau den Grund. Die meisten Fintechs machen halt schlichtweg ungern Hausaufgaben und die Investoren noch viel weniger. Allzugern glaubt der jungdynamische Gründer von sich, dass er eine Idee hat, die sonst noch niemand - oder zumindest bei den doofen alten Banken - noch niemand hatte. Allzuoft kennt der Banker halt die Regulatorik und der Gründer kriegt´s dann von der BAFIN beigebracht.
23. Januar 2018

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