Digitaler Euro: Genos und Sparkassen glauben ihre eigene Geschichte nicht mehr
Lange lobbyierten die Verbände der Sparkassen und Genobanken gegen den digitalen Euro. Nun haben sich zwei ihrer Mitglieder als Versuchskaninchen beworben. Haben sie sich in Wahrheit längst damit abgefunden?
Lange haben sich die Banken mit Händen und Füßen gegen den digitalen Euro gewehrt. DSGV-Präsident Ulrich Reuter äußerte sich häufig kritisch gegenüber dem EZB-Projekt. Die Zentralbank sei als Marktteilnehmer unerfahren und würde dem Geldkreislauf die Bankeinlagen entziehen. Mit seiner Kritik ging er noch weiter: Der digitale Euro sei ein Türöffner für Tech-Riesen: „So wird das Ziel europäischer Souveränität ins Gegenteil verkehrt”, schrieb er in einem Gastbeitrag für Table Media. Auch Tanja Müller-Ziegler, die Vorständin des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) äußerte sich kritisch. Zudem ging eine Studie des Beratungshauses Pricewaterhouse Coopers (PwC) durch die Medien, die von europäischen Bankenverbänden in Auftrag gegeben wurde und dem digitalen Euro Kosten von bis zu 30 Milliarden Euro attestierte.
Dass sich nun mehrere Banken, darunter die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) und die DZ Bank, laut einem Bericht des Handelsblatts für eine Teilnahme an dem Pilotprojekt des digitalen Euro beworben haben, wirkt widersprüchlich. „Nach dem vielen Widerstand scheinen die Verbände nun doch operativ klein beizugeben", sagt Jochen Siegert, Gesellschafter von Payment & Banking und Experte für Zahlungsverkehr. Immerhin waren es ausgerechnet der DSGV und der BVR, also die Verbände für die Helaba und DZ Bank den Zahlungsverkehr regeln, die am meisten Stimmung gegen den digitalen Euro machten. Wie lässt sich das erklären?
Bewerbung mit Verbänden abgesprochen
Wenn man den DSGV fragt, gibt es da keinen Widerspruch: Die Bewerbung der Helaba sei in Absprache mit der Sparkassen-Finanzgruppe erfolgt, teilt der Verband auf Anfrage mit. Sie sei es gewesen, die über die Helaba und Payone ihr Interesse an einer Teilnahme an der Pilotphase mitgeteilt habe. Man sei bisher immer „konstruktiv kritisch” gegenüber dem digitalen Euro gewesen. „Daher ist es aus unserer Sicht nur folgerichtig, sich am Piloten zu beteiligen.” Laut Plan werde die Teilnahmevereinbarung mit der EZB und der Bundesbank im Juli unterzeichnet – sofern diese ihre Bewerbung annehmen, versteht sich. Die Helaba antwortet mit demselben Statement.
Auch der BVR, dessen Zentralinstitut, die DZ Bank sich nun ebenfalls beworben hat, sieht keinerlei Widerspruch zu seiner bisherigen Haltung und antwortet für die DZ Bank gleich mit. „Wir haben uns von Beginn an intensiv in die Überlegungen zu einem digitalen Euro eingebracht und immer dafür geworben, die Kreditwirtschaft in die Konzeption und Umsetzung einzubeziehen”, heißt es. „Daher ist es für uns nur konsequent, dass sich die Genossenschaftliche FinanzGruppe Volksbanken Raiffeisenbanken auch im EZB-Pilotprojekt einbringt.” Also alles eigentlich nicht so schlimm?
Die Verbände können nach den Maßstäben ihrer vergangenen Forderungen mit der derzeitigen Ausgestaltung des digitalen Euro eigentlich nicht zufrieden sein. So forderte der BVR beispielsweise, dass der digitale Euro sich am physischen Bargeld orientiere und ein reines Inhaberinstrument sei. Im Gegensatz dazu, soll der digitale Euro nun doch mit einem Zentralbankkonto verbunden werden. Tatsächlich dürften sie mit ihren Vorstellungen aber nicht wirklich weiterkommen. Denn in der jetzigen Phase geht es darum, die Technik zu bauen, nicht Grundsatzfragen zu diskutieren. Die Banken könnten nun bestenfalls Erfahrungen mit dem System sammeln, glaubt Experte Siegert.
Der Pragmatismus zieht ein
Für viele Banken scheint also klar zu werden, dass der digitale Euro kommen wird. „Die Zeit, den digitalen Euro verhindern zu können, ist eigentlich schon vorbei”, sagt auch Jochen Siegert. Nun könnten die Banken an der Ausgestaltung nur noch wenig beeinflussen. Dass sich die Helaba für die Pilotphase bewirbt, sei ein pragmatischer Schritt, der bedeute, die technische Implementierung vorzuziehen. Als Zentralinstitute könnten sich die Banken es nicht leisten, unvorbereitet zu sein.
Auch in der restlichen Branche sickere diese Erkenntnis nun ein. Die Bewerbungen für die Pilotphase sei ein endgültiges Zeichen dafür, dass der Widerstand gegen den digitalen Euro nun zusammenbreche. Für manche sei das ein Weckruf. „Einige Banken haben sich noch zu wenig darauf vorbereitet”, sagt Siegert. Für viele beginne jetzt die echte Vorbereitung.
Weros Position ist geschwächt
Für andere Initiativen ist das ein schlechtes Vorzeichen: EPI, das Unternehmen hinter Wero, an dem auch der BVR und der DSGV beteiligt sind, würde davon profitieren, wenn der digitale Euro nicht kommt. Deren Chefin Martina Weimert war stets kritisch gegenüber dem Konkurrenzprodukt eingestellt und versuchte zuletzt mit einer Art Rollenteilung zu argumentieren. In der Süddeutschen Zeitung sagte sie, der digitale Euro solle als digitales Bargeld ruhig kommen, aber doch bitte auf Lösungen wie Wero, Bizum oder Vipps zurückgreifen. Man selbst könne den digitalen Euro anbieten, sagte Weimert. Doch ihr Problem ist klar: Wenn der digitale Euro kommt, wird es für Händler eine Pflicht zur Akzeptanz geben. Warum sollten sie zusätzlich Wero und gegebenenfalls mit höheren Gebühren integrieren?
Um beides in Einklang zu bringen, wird EPI mit der EZB diskutieren müssen, analysiert Jochen Siegert, der allerdings schwierige Gespräche voraussieht: „Anders als bei den Verbänden müssten dieselben Leute dann darüber verhandeln, die den digitalen Euro vorher scharf angegangen haben.” Das sei nicht gerade vorteilhaft.