Digifin25: Alles Wichtige zum Nachlesen
Payment and Banking meets Bitkom: Zur Digifin25 bündeln wir in Berlin unsere kreativen wie organisatorischen Kräfte. Was auf dem Gipfel der digitalen Finanzindustrie passiert, lest Ihr live hier.
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Opago, Xaver, Klarna: Das sind die Fintechs des Jahres
Und jetzt – Trommelwirbel, bitte – noch ein Highlight, ja vielleicht das Highlight des Tages. Wir krönen die Fintechs des Jahres. Der Preis hat einiges an Prestige, wie PAB-Geschäftsführerin Nicole Nitsche nochmal anhand vergangener Sieger wie Raisin und Upvest aufzeigt.
„Ich habe das Gefühl, dass wir gerade in einer guten Marktphase, es gibt wieder gute Finanzierungsrunden und spannende Projekte“, sagt Kevin Hackl, im Hauptberuf bei NAO und heute als Präsident der Jury vor Ort.
Zuerst zeichnet Stefan Krautkrämer den Newcomer des Jahres aus. Der Preis geht an AllUnity, entgegen nimmt die Auszeichnung der Chef (und unser geschätzter Fach-Kolumnist) Peter Großkopf.
Dann wird das etablierte Fintech des Jahres ausgezeichnet (ist das nicht ein Oxymoron?). Und der Sieger ist auf jeden Fall voll etabliert, es ist nämlich der BNPL-Gigant Klarna. Deutschland-Chef Nico Schenck darf sich über den Preis freuen, der ein rundes Jahr für die schwedische Firma abschließt.
Weiter geht es mit dem Unternehmer des Jahres, Lea Maria Siering von Zalando Payments übernimmt Laudatio und Verleihung. Sie berichtet von angeregten Diskussionen in der Jury, es war wohl keine leichte Entscheidung. Die Wahl ist am Ende auf Ralf Heim gefallen. Der Gründer von Fincite ist nicht selbst da, schickt aber Grüße per Video. So wird man wohl Unternehmer des Jahres, Arbeit geht dann schon mal über Vergnügen.
Dieses Jahr gibt es auch etwas Neues: Das Insurtech des Jahres, präsentiert vom Insurance Monday Podcast. Von dort kommt auch der Preisverleiher Simon Moser, der erstmal ein paar warme Worte für Deutschlands Versicherungen findet und dann den Preis an Xaver vergibt.
Und wer Unternehmer sagt, der muss auch Unternehmerin sagen. Den Preis laudatieren die zwei Moderatoren selbst, ist ja bei der Preisträgerin auch verständlich. Gloria Bäuerlein gewinnt, tut es aber ihrem Bruderpreisträger Ralf Heim gleich und ist leider nicht da. Trotzdem herzlichen Glückwunsch an die Founding Partner von Puzzle Ventures.
Ihr Besuch hätte sich aber gelohnt, gewinnt Puzzle Ventures doch auch noch den Preis für den Investor des Jahres. Na gut, dann geht eben ein dickes Paket ans Puzzle-Ventures-Büro.
Last but not least: Wir haben noch das Fintech des Herzens, der Publikumspreis. Hier gewinnt, wer die aktivierungsfreudigste Community hat. Und das war dieses Jahr Opago, der Stablecoin-Infrastrukturdienstleister der Herzen. Da soll noch mal einer sagen, Stableocins seine sperrig, das Publikum scheint das Thema zu lieben.
So, das war es jetzt aber mit der Digifin25. Wir hatten Spaß vor Ort, Ihr hoffentlich auch ein bisschen beim Lesen. Bis zum nächsten Jahr!
KI wird erwachsen: Was nun?
Künstliche Intelligenz ist kein Wundermittel: Das haben mittlerweile alle verstanden. Aber wie fängt man an, die Technologie nach und nach in Prozesse einzubauen? „Wir haben Beispiele von Risikoanalysen, die von zwei Wochen auf drei Stunden verkürzt werden”, sagt Bastian Bahnemann, Financial Services Industry Compliance & Business Development Lead, Microsoft Deutschland. Prüfungsprozesse, die über Dokumentenerkennung erleichtert werden, ist für Matthias Terlau, Partner bei Görg, ein Beispiel, wie KI schon jetzt Arbeit erleichtert.
Wird KI traditionelle Geschäftsmodelle aber auch angreifen, statt sie zu unterstützen? Für Tabitha Kleine, Geschäftsbereichsleiter Aktivgeschäft Privatkunden und KI bei der Finanz Informatik, ist KI nur Mittel zum Zweck. Aber ein ziemlich starkes Mittel, sagt Bastian Bahnemann: „Die KI schafft ganz neue Wertschöpfungspotenziale.“ Wer diese Effizienzen nicht hebe, werde gejagt.
Und was ist mit den Gefahren? Noch seien sie meist gering, sagt Matthias Terlau. Denn KI werde meist nur als Assistenz und nicht als Agent eingesetzt: Es gibt also einen Human in the Loop, der oder die im Zweifel korrigieren oder eingreifen kann. Der Knackpunkt für die Panelisten ist viel mehr: Wie man Daten aus Unternehmen nutzbar macht. Wie setzt man dabei die richtigen Prioritäten? Sicherheit spielt für Tabitha Kleine die größte Rolle, weil es sich bei Bankdaten um sensible Informationen handelt. Matthias Terlau setzt auf interne Experte, die auf Probleme und bewährte Verfahren hinweisen.
Und dann gibt es noch ketzerischen Statements zum Abschluss: Die Regulierung der EU hat auch seine Vorteile, sagt Tabitha Kleine. „Doch die Bafin erlaubt das”, findet Bastian Bahnemann, der sich damit gegen notorische Bedenkenträger:innen stellt. Und Matthias Terlau glaubt, dass 2050 die Fragen auf dem Panel von einer Agentic-AI beantwortet wird. Und mit dieser beunruhigenden Prophezeiung entlassen wir das Publikum in die mit Spannung erwartete Verleihung des Fintechs des Jahres.
Die Fresssucht der Tokenisierung wird überschätzt
Nach Stablecoins folgt die Tokenisierung. Für den Außenstehenden mag das im Prinzip dasselbe sein, wo die Unterschiede liegen, erklären uns aber die Panelisten des Programmpunkts mit dem plakativen Titel „Tokenisierung frisst Finanzwelt“. Unter Tokenisierung fallen im Prinzip dutzende Märkte, wie Radoslav Albrecht, Gründer und CEO von Bitbond erklärt. Aktien, Anleihen, Immobilien, Kunst: Fast alles lässt sich tokenisieren, verkaufen und dann handeln.
Aber „frisst“ die Tokenisierung tatsächlich die Finanzwelt? Das vielleicht nicht, sagt Julia Urmann, Legal- und Compliance-Managerin bei 360X. „Aber gerade institutionelle Investoren und Anleger nehmen das Thema ernster, es verbreitet sich immer mehr“. Genannt werden Vorhaben von Unternehmen wie Google oder JPMorgan.
Wie so oft heute schwingt auch beim Thema Tokenisierung die Sorge mit, dass Europa den Anschluss verlieren könnte. „Wir hatten dank MiCAR einen riesigen Vorsprung, den wir aber etwas verspielt haben“, kritisiert Jan Sell, Venture Partner bei Angel Invest Ventures. Und die USA holen unter Präsident Donald Trump auf. Egal, was man von dem halte: Die Regulierung von Tokens habe er konsistenter gemacht, meint Albrecht.
Noch ist der MiCAR-Vorsprung noch nicht ganz weg. Wie wir ihn verteidigen? „Es braucht dringend mehr Harmonisierung in Europa, vor allem ein einheitliches Wertpapierrecht“, sagt Julia Urmann.
Wie man es bei Stablecoins ausnahmsweise richtig macht
Es sieht ganz so aus, als habe die EU mit MiCAR mal etwas früh richtig gemacht: Davon profitieren gerade besonders Stablecoin-Emittenten, wie es zu Beginn des nächsten Panels anklingt. Doch auch wenn die EU bei diesem Thema tatsächlich auch aus Sicht der Branche mal etwas ermöglicht statt blockiert hat, geht die Arbeit jetzt erst richtig los. Denn es gibt noch offene Fragen: Zum Beispiel, wie man Stablecoins über Ländergrenzen tauschbar machen kann, wenn die Reserven für Stablecoins innerhalb von Ländergrenzen festsitzen?
Marvin Schulz, Mitglied der CDU/CSU-Bundestagsfraktion möchte die Stablecoin-Branche an dieser Frage nicht scheitern sehen: „Unsere Idee ist es, die europäische Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten”, sagt Schulz. „Wir wollen deshalb keine Grenzen im digitalen Zahlungsverkehr setzen.” Man beobachte jedoch weiter die Debatte derjenigen, die sich damit besser auskennen.
Und die sind von der EU ganz angetan: „Wir regulieren aus der EU heraus global Stablecoins”, sagt etwa Patrick Hansen, Senior Director, EU Strategy & Policy beim Stablecoin-Emittenten Circle. Das gilt auch für heimische Initiativen wie Allunity. Dessen CTO und COO Peter Großkopf sieht die Konkurrenz aus den USA nicht als Gefahr. Denn Stablecoins sollen sowieso eine globale Infrastruktur werden. Es gebe deshalb nur einen globalen Markt. Doch er warnt: Es dürfe keine regulatorische Arbitrage entstehen: „Wir müssen sicherstellen, dass Akteure, die sich streng an die Regeln halten, nicht aus dem Markt gedrängt werden.”
Für ein wenig Verwirrung sorgte da, dass Stablecoins zwischen Zahlungsinstrument und Kryptoasset liegen: „Vielen war nicht so klar, dass sie eine Lizenz nach PSD2 brauchen”, sagt Großkopf. „Wir tun deswegen gut daran, zunächst Übergangsfristen zu setzen.” Man müsse aufpassen, die Hürden nicht unnötig hoch zu legen.

Wenn die KI meinen Kühlschrank versichert
Jetzt wird es Zeit für einen richtigen Gassenhauer: Das Versicherungsgeschäft. Aber keine Angst, Barara Karuth-Zelle, COO bei der Allianz, will uns nicht mit Schadenstabellen und Selbstbeteiligungen beglücken, sondern mit dem Einsatz von KI, der nicht nur ihren Mitarbeiterinnen, sondern auch den Versicherten das Leben leichter machen soll. „Wichtig ist, dass wir es an der ganzen Wertschöpfungskette einsetzen und jeder Mitarbeiter mitzieht“, erklärt Karuth-Zelle. Sie ist sich sicher: Ohne ein grundlegendes Verständnis, das alle Mitarbeiter für das Thema haben, wir die Allianz nicht langfristig konkurrenzfähig bleiben.
Wie so oft beim Thema KI stellt sich die Frage: Gibt es abseits großer Ankündigungen auch praktische Beispiel? Tatsächlich hat Karuth-Zelle ein paar mitgebracht. Unser Favorit: Die Kühlschrankinhaltsversicherung in Australien, bei der Schadenfälle mittlerweile weitestgehend autonom von der KI bearbeitet werden. Klingt wie ein Scherz. „Aber in einem Land, in dem der nächste Supermarkt vier bis fünf Stunden weit weg sein kann, ist das ein hochrelevantes Thema“, sagt die Managerin.
Wichtig ist hier, dass der KI-Einsatz das Vertrauen der Kunden erhöht, nicht torpediert. „Unsere Kunden wollen im besten Fall einmal mit uns zu tun haben bei einem Schadensfall und dann einfach Hilfe bekommen“, sagt sie. Und wer in letzter Zeit mal einen Versicherungsfall hatte – ob Kühlschrankinhalt oder anderweitig – der weiß, dass das ein sehr erstrebenswertes Ideal ist.

Warum Europa zu wenig wagt
Wenn es um die Versorgung von Start-ups mit Wagniskapital geht, wird in Europa gerne gemeckert. Da mag es überraschen, dass zwei der drei nächsten Panelist:innen – Robin Binder, Gründer von Nao und Nathalie Schwarzkopf, Fintech Investorin bei BlackFin – dem europäischen Ökosystem 7 von 10 Punkten geben würden.
Ein wenig düsterer sieht es Julian Ostertag, Managing Partner bei Drake Star. In Europa hänge man besonders den USA stark hinterher, wenn es um Wagniskapital gehe. „Es kann nicht sein, dass die führenden Firmen in Deutschland nicht investieren können”, sagt er. „Gründer haben wir, die haben auch gute Ideen, aber wir müssen ihnen auch Geld geben.” Das liege auch am regulatorischen Umfeld durch Regelungen wie Basel III und Bürokratisierung. Aber nicht nur.
Für Robin Binder hat die Zurückhaltung besonders kulturelle Gründe. Das sieht auch Ostertag so. „Wir müssen unsere Mentalität ändern”, sagt er. Wagniskultur sei in Europa nicht angekommen, obwohl das Problem seit Jahren bekannt sei. Er hofft dabei, dass jüngere Generationen eine neue Risikobereitschaft in Unternehmen und Gesellschaft tragen.
Wie kann man mehr Investitionen erheben? Robin Binder glaubt, dass private Investitionen hier ein Schlüssel sein können. Ein anderes Mittel sei, europäischer zu denken, etwa Investitionsfonds, sagt Nathalie Schwarzkopf. „Das ist der einzige Weg, wie Start-ups in Europa schnell zu Scale-ups werden können.” Also gilt die alte europäische Losung: Es geht nur zusammen.

Die Schweiz zeigt, wie es geht
Komplizierte Prozesse leicht aussehen zu lassen, das können sie in der Schweiz. Was auf der Digifin einmal mehr Ralf Jenzer (Mesoneer) und Beat Steiner (Swisscom) demonstrieren. In knackigen 15 Minuten demonstrieren die beiden, wie das Onboarding eines Kunden bei einer Bank im Idealfall laufen könnte. Fazit: Wenn man wollte, ginge es innerhalb kürzester Zeit. „Wichtig ist, dass die Prozesse, gerade die Kundenüberprüfung, im Hintergrund laufen und der Kunde dadurch nicht behelligt wird“, sagt Jenzer. Im Idealfall mache das nicht nur dem Kunden, sondern auch der Bank das Leben leichter.

Digitaler Euro: Auch die Privatwirtschaft ist am Zug
Der Digitale Euro ist mittlerweile der ständige Begleiter auf unseren Podiumsdiskussionen geworden. Heike Winter ist als Bereichsleitung „Analyse, Policy, Ökosystem Digitaler Euro“, bei der Deutschen Bundesbank genau für dieses Thema zuständig. Sie sieht gerade Bewegung in der Sache, etwa im EU-Parlament startet die Diskussion gerade und auch der EZB-Rat hat die nächste Phase eingeleitet. Trotzdem müsse es mit der Entwicklung jetzt weitergehen. „Wenn wir einigermaßen schnell sein wollen, sollten wir nicht auf den Gesetzgeber warten.”

Die Diskussion um die Konkurrenz des Digitalen Euros mit privaten Initiativen wie EPI sieht sie entspannt: „Wir sehen den Digitalen Euro nicht als Konkurrenz.” Lösungen wie Bizum und Wero hätten weiterhin Chancen, sagt sie und wird deutlich: „Wenn wir in Europa etwas haben wollen, was mithalten soll, brauchen wir ein einheitliches System.”
Einer der Baumeister des Digitalen Euros ist Barnabas Ferenczi, der mit Giesecke+Devrient den Zuschlag für das Offline-System des Digitalen Euro erhalten hat, das auf einer Prepaid-Karte basieren soll. Fragmentierung sei nicht unbedingt ein Problem, findet er. „Das kann auch durchaus den Wettbewerb ankurbeln.” Das glaubt auch Kilian Thalhammer von der Deutschen Bank. „Wir glauben, alle Lösungen können interoperabel funktionieren.” Anders als auf der emotionalen Kundenschnittstelle, solle man auch auf anderen Ebenen offen für eine Zusammenarbeit sein, findet er.
In Sachen Wallets kämen zudem nicht viele Initiativen aus der Privatwirtschaft, sagt Jochen Siegert von Payment & Banking. Die Banken hätten am lautesten nach der DMA geschrien, sagt er. „Aber bisher hat das nur PayPal genutzt, um auf Apple Pay aufzuholen.” Private europäische Initiativen müssen nun schnell aufholen, darüber ist man sich einig.
LBBW-Manager im KI-Selbstgespräch
KI eignet sich zum Glück nicht nur für Betrugsmaschen. Was mit ihr so alles möglich ist, das erläutert uns nun Stephen A. Paxmann, Chief Innovation Officer der LBBW. Seine Meinung: Bald werden wir all AI-Buddies haben, die uns die Arbeit bei der Geldanlage und Vermögensverwaltung abnehmen. Dafür gibt es auch eine kleine Vorführung, bei der Paxmann auf der Bühne mit seinem LBBW-KI-Berater spricht.
Aber ist das am Ende auch mehr als ein nettes Gimmick? Paxmann glaubt das: „Wir haben heute so viel Informationen wie noch nie, aber gleichzeitig weder die Zeit noch die Kapazität, diese sinnvoll zu verarbeiten.“ Der KI-Assistent helfe dabei, sei die Lösung für dieses grundlegende Paradox der digitalen Epoche.
Wie nah das alles ist? Fraglich, denn auch der KI-Berater, den Paxmann vorführt, war am Ende „nur“ ein Video, echte Interaktion fand nicht statt. Als Grund nennt der LBBW-Mann das WLAN. Immerhin: Cool sah die Demonstration aus.

Mensch oder Maschine: Wo beginnt die Verteidigungslinie gegen KI-Betrug?
Nach der Mittagspause geht es gleich mit einem Krimi-Thema weiter: KI ist eine große Chance für den Finanzsektor, stattet aber auch Betrüger mit großen Möglichkeiten aus. Nicht-autorisierter Betrug sei fast vollständig verschwunden, berichtet Katharina Paust-Bokrezion, Head of Payments & Digital Policy, Government & Public Affairs der Deutschen Bank. „Bei Betrug, der autorisiert ist, sehen wir dagegen steigende Zahlen”, sagt sie. Betrügereien wie Enkeltricks werden durch Voice Cloning viel schwerer erkennbar. Auf der anderen Seite könne KI dabei helfen, Betrug zu erkennen, sagt sie. Etwa indem sie Muster erkennt – technologische Lösungen seien also unerlässlich.
Mit Besorgnis beobachtet Bundebänker Dirk Schrade das Thema. Besonders beim Kartenbetrug sieht er noch Sicherheitslücken. Dabei seien alle Altersgruppen gefährdet. „Man sieht, dass Angreifer den menschlichen Faktor in den Mittelpunkt rücken.“ Seine These: „Da hilft Technik wenig: Der Verbraucher ist die erste Verteidigungslinie”, findet er. Aber man müsse auch andere Akteure wie Telekommunikationsunternehmen und Finanzakteure an einen Tisch bringen. „Betrugsprävention funktioniert nur in Zusammenarbeit und nicht im Wettbewerb.” Dafür brauche es mehr Datenaustausch.
Dass Technik bei Betrugsprävention schnell an seine Grenzen kommt, glaubt Tobias Schweiger nicht: „Die „Guten” müssen in der gleichen Geschwindigkeit wie die „Bösen” Innovationen vorantreiben”, sagt Schweiger: Ein digitales Wettrüsten. Man brauche den Willen, neue Verfahren einzuführen. Betrugsprävention muss automatisiert funktionieren. Besteht die Gefahr von zu vielen Fehlalarmen, fragt Dirk Schrade. Schweiger antwortet: Der Kontext könne durch KI einbezogen werden, um die Plausibilität von Transaktionen einzuschätzen. Unterm Strich also: Mehr Wachsamkeit sowohl durch Mensch als auch Technik.
Die große Chance in der Lücke
Auch Philipp Bohrn, seines Zeichens Geschäftsführer und VP Governance bei der Kryptoplattform Bitpanda, fände etwas weniger Regulierung gut. „Es brauch Mut zur Lücke“, betont er. Vorgaben wie MiCAR seien prinzipiell richtig. „Aber wir können nicht immer jedes einzelne Risiko schon im Vorhinein ausschließen“, kritisiert er.

Vor allem, weil so auch wirklich technologische Souveränität nicht erreicht werden könnte. Lokalisierung sei da nicht der Königsweg. Stattdessen gehe es darum, die nächsten technologischen „Generationsschritte“ in Europa zu ermöglichen. Und auch Bohrn schreibt der deutschen Regierung weniger Goldplating ins Aufgabenheft: „Wenn es eine EU-Regel gibt, dann reicht die oft auch einfach.“ Und mit dieser weisen Einschätzung geht es dann in die Mittagspause.

Hat sich Deutschland im Regulierungsdschungel verirrt?
Nun tauchen wir in den Dschungel der deutschen Finanzregulierung ab, der in der Branche für Verwirrung sorgt und Gemüter erhitzt. Für Orientierung sorgen Moritz Heuberger von der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Frederike Lange, Referatsleiterin Digitale Finanztechnologien im Finanzministerium und Marcus W. Mosen, CO-Chef von N26.
„Auch wegen Finanzskandalen wie dem Fall von Wirecard ist die Regulierung ausgebaut worden“, sagt Frederike Lange. Die Regulierung möchte man in Paketen zusammenfassen, um Komplexität rauszunehmen, erklärt sie. Andere Länder setzten mehr auf Innovation. In Deutschland sei dagegen der Verbraucherschutz so wichtig, dass er teilweise Innovationen verhindere, findet Marcus W. Mosen von N26. „Wirecard liegt immer noch wie eine graue Wolke über unserem Standort”, sagt er. „Für mich steht Wirecard nicht für die Fintech-Branche. Es war kein innovatives Unternehmen.” Deshalb mache es die Branche nicht sicherer, Innovationen zu verhindern.
Mosen möchte in Zukunft früher ins Gespräch mit Regulierern kommen. „Heute sind diese Dialoge eher reaktiv – wir sind dafür ein gutes Testimonial”, sagt der Chef der Digitalbank, die in letzter Zeit ins Kreuzfeuer der Aufsichtsbehörden gekommen war. Um das in Zukunft zu verhindern, müsse man früher und praktischer über Innovationen sprechen. Im Januar ist dafür ein Treffen zwischen dem Finanzministerium und N26 geplant. Doch es brauche ein ganz anderes Verständnis von Regulierung: „Sie ist meist hinter dem aktuellen Verständnis von modernen Finanztechnologien hinterher.” Die Regulierung selbst brauche also eine Transformation.
Sandboxes und Regulierung anhand von echten Lebenssituationen in einem Praxischeck zu prüfen, seien hier eine gute Möglichkeit, vor die Geschehnisse zu kommen, sagt Frederike Lange. Die MiCAR-Regulierung habe zumindest gezeigt, dass ein frühes Handeln Krypto-Start-ups frühzeitig anlocken konnte, sagt Lange. Das zumindest könnte Hoffnung machen, dass Deutschland einen guten Weg finden kann. Lange stellt auch für KI-Themen eine Sandbox in Aussicht. Das geht in die richtige Richtung, finden auch die anderen Panelist:innen.

Alle lieben die Frühstartrente – aber als das Wort Zertifizierung fällt, kracht es
Bisher ging alles recht gesittet zu, aber jetzt wird es doch etwas aufgeladener. Denn es geht um die Frühstartrente, Teil des Rentenpakets von Union und SPD, das aktuell so heiß diskutiert wird. Leider sitzt kein Regierungsvertreter auf dem Podium, dafür der Grüne Stefan Schmidt. Und der bricht tatsächlich eine Lanze für die Idee des politischen Gegners: „Ich finde das gut, wir haben zu wenig Menschen, die am Kapitalmarkt anlegen.“ Schade sei nur, dass zunächst nur ein Jahrgang bedacht werde.
Einig sind sich Schmitt und seine Mitdiskutanten – Daniel Auer von R+V, Scalable-Gründer Erik Podzuweit und Moderatorin Nicole Nitsche – dass die Frühstartrente nur ein Erfolg wird, wenn sie mit entsprechenden Finanzbildungsprogrammen einhergeht. „Wer mit 0 oder einem Jahr anfängt, der kann sich sehr einfach einen sechsstelligen Betrag bis zur Rente ansparen, das müssen wir vermitteln“, meint Auer. Podzuweit glaubt immerhin, dass sich gerade jüngere Menschen die Bildung aktiv selbst holen. „Schaut Euch Eure Kinder an, die holen sich Wissen und Ratschläge aus dem Internet, sei es für Sport, Mode oder eben Geldanlage“, sagt er.
Allgemein also viel Zustimmung zur Frühstartrente. Wo soll das jetzt aufgeladen sein? Zum Beispiel bei der Frage, wer am Ende die passenden Produkte anbieten soll. Daniel Auer von der R+V Versicherung fände eine Zertifizierung für Anbieter gut, womit er dann den Neobroker-Mann Podzuweit auf die Palme bringt. „Ich finde das absurd, das ist nur ein weiterer Bürokratie-Layer“, schimpft er. Es dürfe doch auch bisher nicht jeder Wertpapiere verkaufen. Auer verweist auf Verbraucherschutzbedenken, die man mit einer solchen Zertifizierung ausräumen könnte. Vielleicht ist das aber auch der zweite Schritt vor dem ersten, wie der Bundestagsabgeordnete Schmidt nicht ganz zu Unrecht einwirft: „Wir müssen erst einmal klären, welche Produkte im Rahmen der Frühstartrente erlaubt werden: Nur ETFs, oder doch auch Einzelaktien?“ Zunächst bleibt nun aber abzuwarten, ob die Frühstartrente überhaupt zum 1. Januar kommt – oder sich die aktuelle Regierung nicht über das Thema Altersvorsorge endgültig zerstreitet.

DKB: Wie sich eine Bank erfolgreich digitalisierte
Wie so eine Transformation in der Praxis funktionieren kann, erklärt Jan Walther, CFO der DKB. Als sich die Direktbank dazu entschied, sich digital zu transformieren, habe es nicht nur Verständnis in den eigenen Reihen gegeben. Doch die Notwendigkeit erkannte die Führungsriege früh: „Wir wussten, wenn wir nichts tun, werden wir langfristig zurückfallen.”
Die erste Phase sei dann von Frustration und Enttäuschung geprägt gewesen. Das Dilemma: Während man viel Geld für digitale Infrastrukturen ausgibt, muss man als Bank auch profitabel bleiben und im Wettbewerb bestehen: „Als digitale Bank werden wir von den Start-ups herausgefordert.” Mittlerweile sei die Strategie aufgegangen: Der Beweis dafür? Das alleine zeige das gute Ergebnis der Direktbank. Jetzt möchte man den Weg weitergehen: Wir geben mindestens 100 Millionen für Transformation aus. Der nächste Schritt sind KI-Anwendungen bei Chatbots, bei der Kreditvergabe beispielsweise bei der Baufinanzierung und Betrugserkennung.
Die wichtigsten Erkenntnisse für Walther: „Es braucht ein konsistentes Verhalten der gesamten Führungsetage.” Dabei spiele Kommunikation besonders an Mitarbeiter:innnen eine zentrale Rolle. „Man kann hier nicht zu viel kommunizieren.”

Mehr EU-Regulierung? Ja, bitte!
Die Grußworte sind gesprochen, nun gilt es, in die Details zu gehen. Den Start machen Julia Koch, Geschäftsführerin beim Sparkassen-Digitaldienstleister Finanz Informatik, und Christoph Kuban, der General Manager der Onlinebank Revolut.
Gemeinsam mit der Raisin-Managerin Verena Thaler diskutieren sie, wie Europa im Kampf um seine digitale Souveränität dasteht. Will man die Einschätzung der Fachleute in eine Schulnote gießen: Vielleicht eine 3 minus?
Überraschend gut kommt da zunächst tatsächlich die so oft gescholtene EU weg. Die PSD-Richtlinien und auch der AI Act finden lobende Erwähnung als Schritte in die richtige Richtung. Das Problem, wenn man Koch und Kuban glauben darf, liegt eher in den Mitgliedsstaaten. „Die Umsetzung ist von Land zu Land sehr unterschiedlich“, beklagt Kuban: „Wir würden bei Revolut gerne viel mehr länderübergreifend harmonisieren, das geht aber nicht ohne Weiteres.“
Ein Eindruck, den Julia Koch bestätigen kann und vor allem auf das Thema Kunden-ID und KYC zu sprechen kommt. „Wir wollen dem Kunden möglichst einfache Lösungen anbieten, aber da fehlt es bisher an Angleichung“, sagt sie. Große Hoffnung mache ihr die EuD-Wallet, die genau solche Fälle regeln könnte – wenn denn die EU-Mitgliedsstaaten auf das gefürchtete „Goldplating“, also Überregulierung, verzichten.
Gerade Deutschland müsste wohl aufpassen, sich hier nicht zu verrennen. Das zeigt Revolut beispielhaft: Das neue Hauptquartier für Westeuropa steht nämlich nicht in Frankfurt oder Berlin, sondern in Paris. Warum das so ist? Richtig rausrücken mit den Gründen will Christoph Kuban nicht, nur so viel: Frankreich sei der dynamischste Markt für Revolut aktuell, mit 150.000 neuen Kunden im Monat.
Wie kommen wir vom Gold-Plating weg?
Passend dazu betritt gleich jemand die Bühne, an den diese Bedenken gerichtet sind. Michael Schrodi, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen, sieht die Lage nicht ganz so düster: „Wir haben schon ein gutes Fintech-Ökosystem”, mit Frankfurt, München und Berlin habe man attraktive Standorte für die Branche. Er sieht die deutsche Fintech-Branche im europäischen Vergleich vorne: „Wir möchten den Vorsprung nicht nur halten, sondern ausbauen.” Deutschland habe beim gestrigen Spiel der Nationalmannschaft gegen die Slowakei bewiesen, dass man im Fußball wettbewerbsfähig sei: „Ich glaube, in der Finanzbranche können wir das auch schaffen.”

Schrodi geht das Thema gemäß seines Amtes politisch an: Resilienz, Unabhängigkeit und geopolitische Konflikte hätten sehr wohl etwas mit der Finanzbranche zu tun. Digitale Resilienz sei wichtig, um die Finanzbranche als kritische Infrastruktur zu schützen. Dafür sei DORA ein entscheidender Schritt zur europäischen Sicherheit. Regulierung müsse Vertrauen schaffen und Innovation fördern. „Wir signalisieren auf EU-Ebene, dass wir keine neuen Regelwerke schaffen sollten, ohne alte abzuschaffen.”
Teil dieser Transformationshilfe sei auch, die Souveränität des Zahlungsverkehrs zu unterstützen: „Wir brauchen neben dem privatwirtschaftlichen Engagement auch den digitalen Euro.” Das wird man bei den Vertretern von EPI, dem Unternehmen hinter Wero, die sich erst gerade in einem Brief über den Digitalen Euro beschwerten, nicht so gerne hören: „Der Digitale Euro wird uns digitale Souveränität geben”, sagt dagegen Schrodi. „Eine Partei schürt die Angst vor digitalen Zahlungsmittel.” Man wolle deshalb die Wahlfreiheit ermöglichen. Dafür solle der Digitale Euro die Grundlage bieten.

Warum sich Gründer:innen nicht wieder für Deutschland entscheiden würden
Fintechs Fördern und level playing field in Europa schaffen: Das ist die Priorität für Aiga Senftleben Mitgründerin und General Counsel von Billie und Mitglied im Bitkom Präsidium: Ihr geht es um wirtschaftliche Transformation: „Fintechs sind die Keimzelle der Innovation”. Doch diese Keimzelle könnte besser sprießen: „Die Realität sieht leider nicht so rosig aus”, sagt Senftleben. Das zeigt eine aktuelle Bitkom-Umfrage. Demnach würden nur 20 Prozent der Fintech-Gründer:innen noch einmal in Deutschland gründen.
Für Senftleben liegt das vor allem am regulatorischen Umfeld: „Deutschland neigt zum Gold-Plating”, sagt sie. Das gelte auch im Vergleich zu anderen EU-Ländern: „Unsere liebe Bafin steht im Wettbewerb mit anderen Aufsichtsbehörden in der EU.” Mittlerweile sei diese Erkenntnis auch bei Politik und Regulator:innen angekommen. Trotzdem schaffe man es häufig nicht, Bürokratisierung abzubauen. Die zweite Verbraucherkreditrichtlinie, die zeitgleich, wird gerade ein paar Kilometer westlich im Bundestag diskutiert: Die Bereitschaft bei den Fintechs sei zumindest da: „Ich blicke in einen Saal voller Tatendrang”, wendet sich Senftleben ans Publikum.
Berlin erwacht
Guten Morgen aus der Hauptstadt, wo sich an diesem berlin-typisch eiskalten Dienstagmorgen alles trifft, was in der Fintech-, Banken- und Digitalwelt Rang und Namen hat. Wir decken uns erstmal mit Kaffee ein und halten dann live drauf. Was gesagt und was verschwiegen wird, gibt es im Laufe des Tages hier zu lesen.
Das Motto der diesjährigen Digifin ist „A New Era of Finance.” Heute sollen wichtige Fragen und Streitpunkte der Zukunft der Finanzbranche besprochen werden. Zum ersten Mal haben sich die Akteure Bitkom und Payment & Banking zusammengetan. Ganz bewusst – denn es ist eine Schlüsselzeit dieser Branche: Es geht um nichts weniger als die Zukunft der Finanzwelt. Entsprechend ist ein langer Tag geplant. Gleich auf drei Bühnen wird die Zukunft der digitalen Finanzbranche besprochen. Mit dabei Politiker:innen, Regulator:innen und Branchenköpfe. Den Einstieg macht Moderatorin Susanne Schöne, die durch den Tag führen wird.
