Auf der Suche nach dem heißen Scheiß…

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…oder ist es vorbei und wir haben alles gesehen?

Ist es vorbei? Geht das Ende nun los? Das Ende des FinTech Hypes? Es wird Zeit, oder? Lang genug haben viel zu viele Menschen über Themen geredet, welche eigentlich Experten (also uns :-)) vorbehalten waren.

Auf der Such nach dem heißen Scheiß....
Photo credit: funkandjazz

Im Ernst – Wann habt ihr zuletzt eine echte FinTech Überraschung gesehen? Etwas echt Neues und nicht nur eine verbesserte oder leicht abgeänderte Art von schon Bekanntem?
Modelle und Unternehmen werden erwachsen, wie Scalable oder auch Player der frühen FinTech-Jahre wie Sumup oder RatePay. Zudem werden Modelle die im Consumer-Umfeld ausprobiert und in Teilen erfolgreich waren (z.B N26) werden in neue Zielgruppen getragen (Kontist, Tide etc). B2C Angebote werden zu B2B und Revolutionäre der Branche werden nun zu etablierten Dienstleistern (figo, gini, idnow etc).

Oder ist genau diese langsame Veränderung, die eigentliche Revolution? Eine dauerhafte nicht reversible Anpassung der Nutzungsverhalten – veränderte behavior Patterns, welche die etablierten Player in andere Rollen zwängt?

Insurance scheint schneller als Banking / Payment es war – hier geht man rascher ins echt Eingemachte. Eigene Versicherer, eigene Infrastrukturen wie element, Oscar, Ottonova oder one.
Daneben noch viel Buzz um die Blockchain und Kryptowährungen mit all den damit einhergehenden Herausforderungen und Unsicherheiten.
Was sagt Ihr? Wie sind eure Wetten? Was findet Ihr gerade gut? Oder ist das Thema durch?

Wir haben in die Runde gefragt und freuen uns über eure Einschätzungen…

Jochen:

  • Wie oft hörte ich in den letzten Wochen etwas hämisch: “Ach ihr FinTechs, erst großspurig den Mund zu voll nehmen, dann passiert nichts und Angriff wird kleinlaut abgeblasen”. Soso…
    Die Fakten: Wenn man die Einlagevolumen von Savedo, Weltsparen und Zinspilot anschaut, sind wir nach nur grob 3 Jahren am Markt schon bei kumuliert jenseits der € 6 Mrd angekommen und das weitere Wachstum ist exponentiell. Wenn ich mir Adyen oder Klarna anschaue, die jeweils +- 10 Jahre alt sind, liegen schon klare Category Leader vor, die Banken mit ihren Zahlungsverkehrs-Produkten längst massiv überholt haben und dominieren. Ein FinTech der “ersten Stunde” wie Worldpay wurde gerade für eine Bewertung von 10 Mrd übernommen – diese “alten” FinTechs haben Bewertungen erreicht, die höher oder zumindest auf Augenhöhe mit ganzen Banken sind! Soviel zum Thema der Mund wird zu voll genommen.
    FinTech Marktentwicklung dauert länger als z.B. die der Ecommerce StartUps wie Zalando oder z.B. Lieferheld, die gerade IPO gingen. Die oben aufgeführten Beispiele zeigen doch recht klar: Die erfolgreichen und überlebenden FinTechs skalieren massiv und nehmen Banken Marktanteile ab. Nur nicht über Nacht und nicht in 2 Jahren.
    Größter Fehler ist sich jetzt zurück zu lehnen und zu glauben, dass es nicht so schlimm kommen wird. Fast Forward in 10 Jahren wird die Bankenwelt signifikant anders aussehen und etliche Banken werden ihren “Kodak-Moment” gehabt haben, wie der ehemalige Barclays CEO kürzlich vorhersagte, wenn Sie nicht auf die angestoßenen Entwicklungen z.B. durch Kooperationen reagieren.
    Auch sehe ich derzeit keine Stagnation von neuen FinTech-Ideen/Gründungen. Nach der ersten (sehr öffentlichwirksamen) Welle im Bereich Retailbanking, passert derzeit viel an Neugründungen im weniger sichtbaren Firmenkundenbereich und natütlich im Backendbereich (Stichwort: Blockchain).
    Jedoch: Wir haben uns im Bereich FinTech ein wenig im Hype-Cycle vom “Peak” der aufgeblasenen Erwartungen weiter entwickelt, was für die Industrie gesund ist.
Auf der Suche nach dem heißen Scheiß
Photo credit: G A R N E T

Miriam

  • Gerade ist Worldpay für 10 Milliarden Dollar an Vantiv verkauft worden. Worldpay war ein FinTech der ersten Stunde, damals kannte niemand dieses Wort. Vom Start bis zum Milliarden-Unternehmen hat es fast 20 Jahre gedauert. Das ist kein schneller Hype, eher eine langsame Veränderung vom kleinen Anbieter hin zum prozessgetriebenen Tech-Unternehmen mit starkem Kundenfokus.Im FinTech- und Payment-Bereich dauert es sehr lange einen namhaften Player aufzubauen. Die Hürden der Regulatorik sind extrem hoch und eine Skalierung aufgrund der vielen Prozesse äußerst mühsam. Man muss lange durchhalten. Das können nur wenige. Ich bin sehr froh, dass wir es mit RatePAY geschafft haben. Wir waren sehr sparsam und haben jeden Euro dreimal umgedreht.Viele FinTechs, die ich im Laufe der letzten Jahre gesehen habe, gibt es heute nicht mehr. Sie hatten tolle Ideen, gutes Seedfunding, wunderschöne Büros und die coolsten Gründer. Trotzdem sind sie gescheitert. Das Produkt war nicht der Heilsbringer und die vielen Nervthemen wie z.B. KYC, Risikomanagement, Lizenzen, Datenschutz und Verbraucherschutz haben wahrscheinlich das Durchhaltevermögen zerstört.FinTech ist harte Arbeit und ziemlich unsexy!Diejenigen die es geschafft haben profitabel zu werden bzw. sich etablieren konnten, haben gerade jetzt gute Chancen sich zu verbrüdern oder zu verschwestern.Die gigantische Kaufsumme von Worldpay wird den Markt jetzt noch stärker erhitzen. Wahrscheinlich wird es in der nahen Zukunft noch ein paar große Akquisitionen und Konsolidierungen geben. Hier könnte ich mir auch PayPal als großen Käufer vorstellen. Die großen Anbieter kommen unter Druck. Kein Wunder, wenn man die Zahlen von Tencent oder Alipay betrachtet.Aber was ist dann der neue heiße Scheiß? Meiner Meinung nach kann das nur echte Innovation sein, ein Produkt, welches Verhalten verändert. Im Payment-Bereich könnte ich mir Lösungen für Voice, In-App, Mobility oder IoT vorstellen.

Maik:

  • Wenn wir unsere eigene Definition von FinTechs einmal herannehmen, dann sind FinTechs/Startups diejenigen, die unter Zu­hil­fe­nah­me moderner Technologien neue Produkte oder Produktvariationen in der Finanzdienstleistungsbranche anbieten. Neue Technologien führen zu neuen Entwicklungen im FinTech Bereich. Das Kernproblem ist, dass die traditionellen Finanzunternehmen und Banken, diese ganzen neuen Entwicklungen nicht verstehen. Dies liegt wiederum am fehlenden Verständnis der ganzen technologischen Entwicklungen und den nicht vorhandenen Ideen etwas damit anzufangen. Wenn man sich die kommenden Entwicklungen im Bereich Augmented Reality, Voice oder AI einmal anschaut, braucht es nicht viel Phantasie einzuschätzen, was auch im Bereich der Finanzindustrie auf uns zu kommt. Ich persönlich glaube, dass der anfängliche Hype vielleicht vorbei ist, es jetzt aber ernst wird.
Auf der Suche nach dem heißen Scheiß
Photo credit: Johnny Clark

Kilian:

  • Der Standardspruch “Evolution statt Revolution” passt hier finde ich ganz gut (im Sinne der “Überraschung”). Die Revolution ist eher auf der Meta Ebene zu finden, die Produkte per se haben sich nicht geändert. Es ist immer noch ein Konto, eine Karte, ein Kredit. Der Hype ist nicht vorbei, denn der ist aus meiner Sicht ein Maß der Aufmerksamkeit (durch was auch immer getrieben). Die Versicherungen sind nicht “schneller”, denn auch bei den “FinTechs before FinTechs” gab es vieles schon (z.B. Fidor war vor N26 schon lange am Markt; nicht dasselbe Produkt, aber ein ähnlicher Approach).
    Was mich am meisten überrascht hat, wie wenig “FinTech” im Mainstream angekommen ist. Lackmus Test beim Fussballturnier am Wochenende.

Frage an mich: “Was machst du eigentlich ?”

Antwort: “Was mit FinTech ?”

Reaktion: Keiner konnte mit dem Begriff etwas anfangen, noch es irgendwie greifen. So lange der Mainstream so weit weg ist, ist noch viel Potenzial für FinTech… (ob mit oder ohne Hype).
Für “Nerds” wie uns ist die Hürde für Überraschungen auch sehr hoch. Wir bewegen uns seit Jahren in derselben Suppe, da kommt wenig “Neues”. Auch da die Frage, wann werden wir betriebsblind…?

Auf der Such nach dem heißen Scheiß....
Photo credit: campra

 

Rafael:

  • FinTech hat nur noch selten den Novelty-Faktor zumindest in Europa. Manchmal entsteht aber der Eindruck, dass die USA plötzlich die Entwicklungen aus Europa nun auch entdeckt hat und dort jetzt ein neuer Hype entsteht. Es bleibt abzuwarten ob daraus nicht wieder eine Welle zurück schwappt.
    So richtig super duper Neuigkeiten sieht man selten. Die Begeisterung für B2C ist etwas abgeflacht obwohl das Thema bisher nur an der Oberfläche in der Gesellschaft angekommen ist, ab jetzt wird es halt harte Arbeit auch tatsächlich Verbreitung und Akzeptanz im Markt zu etablieren. Nun versuchen sich viele an B2B was aber ein langer und steiler Weg ist. Schade ist, dass einige B2B Angebote so ein wenig aussehen wie die B2C Lösungen weil sie auf den Longtail zielen. Good luck with that.
    Es entsteht bei mir ein wenig der Eindruck als ob FinTech in Europa den Weg der Food-Lieferdienste nimmt. Jede noch so kleine sinnfreie Mini-Lücke will besetzt werden – natürlich ohne irgendeinen Bezug zur Realität, Kundennutzen oder gar business case. Wie gut das bei den Lieferdiensten funktioniert hat, weiss man ja.
    Ich glaube nicht, dass wir “durch” sind mit FinTech aber echte Innovation als Produkt ist nicht mehr so einfach. Curve’s “back in time” ist ein interessantes Feature, aber halt weder innovativ (Google Wallet hatte das schon) noch revolutionär.
    InsurTech geht m.E. gerade durch den gleichen Hype-Cycle wie FinTech vor ein paar Jahren. Alles ist super, toll und aufregend (nee ist es nicht). Im InsurTech Bereich prognostiziere ich in max 2 Jahren genau die gleiche Kleinteiligkeit mit wenigen größeren Playern (ich freu mich schon auf die dutzend Handy-, Koffer-, Reise-, Auto- und Zahnversicherer – NOT) und auch dort werden wir vermutlich den Schwenk von B2C auf Longtail B2B sehen.Wie jede gute Revolution im echten Leben gibt es die spannenden, aufregenden, hektischen Phasen am Anfang und dann die mühsamen Evolutionsphasen wo sich einige wenige “Überlebende” darum kümmern ein neues Ökosystem auszubauen und immer wieder kleine Feuer aufflackern. Bis es dann ruhig wird, sich langsam wieder Unzufriedenheit aufbaut und die nächste Revolution ausbricht.
Auf der Such nach dem heißen Scheiß....
Photo credit: Thomas Hawk

 

André M. Bajorat

CEO figo GmbH bei figo GmbH
André M. Bajorat ist Unternehmer, Berater, Speaker, Business-Angel und Mentor im deutschen Startup- und FinTech-Umfeld aktiv. Aktuell ist er als CEO bei figo.io, Partner bei KI-Finance sowie im Advisoryboard von FinLeap und Cringle aktiv. Initiator der Abstimmung „Fintech des Jahres“ und des „Bankathons„.

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