Wirecard: ein Sommernachts-Albtraum

Hinweis: Diese Einordnung der Causa Wirecard wurde vor dem Insolvenzantrag der Wirecard veröffentlicht.

Wir haben die Wirecard-Entwicklung seit letzter Woche täglich in unserem Newsletter begleitet: Der digitale Hoffnungsträger der Paymentbranche, das größte Fintech Deutschlands, das Enfant Terrible der Deutschen Banken befindet sich im freien Fall. Wirecard, einst größer als die deutsche Bank, hat einen Skandal ausgelöst, der in der Liga von „Enron“ spielt und dessen Ausgang offen und ungewiss ist. Gewiss ist aber schon jetzt die Auswirkung auf die Branche, denn an allen Stellen herrscht große Ungewissheit. Anleger fürchten um ihr Geld, Kreditgeber sind nervös, Partner müssen sich gedanklich mit Alternativen auseinandersetzen und selbst Endnutzer der ein oder anderen B2C-Lösung von Wirecard fragen sich wie es weiter geht.

Wenn man sich wie wir um die Entwicklungen der Branche beschäftigt stellt sich zwangsläufig auch bei uns die Frage nach der Auswirkung für die deutsche Payment- und Banking-Landschaft?

André M. Bajorat

Dieser Skandal – und so darf oder muss man es wohl nennen – wird die Finanz-Branche und Aufsicht nachhaltig verändern. Die schon immer als ‘hart’ geltende deutsche Aufsicht wird ihr Vorgehen im Umgang mit sogenannten neuen Geschäftsmodellen seit letzter Woche sicherlich überdenken und ab sofort eine angepasste Verwaltungspraxis an den Tag legen. So kann und muss man wohl auch die aktuellen Aussagen des BaFin Chefs verstehen. Das wird sicherlich Folgen für den Markt haben und vermutlich den bewährten Playern leichter fallen.

Mittelfristig wird es aber vor allem dazu führen, dass technisches und ein echtes Geschäftsmodellverständnis sowohl aufseiten der Aufsicht als auch bei den sogenannten Betriebsleitern in den Unternehmen noch wichtiger sein wird.

Wirecard: ein Sommernachts-Albtraum

Ist das gut oder schlecht: Ich fürchte beides. Gut, da es das Vertrauen ins System stärkt. Schlecht dann, wenn das Pendel in ungebührender Härte ausschlägt und wir dadurch in leere Lösungsmengen laufen. In den letzten Jahren hat es auf vielen Ebenen einen sehr guten Austausch und gemeinsames Lernen und Verständnis zwischen neuen Playern und z. B. der Aufsicht gegebenen. Diese Nähe sollte auch jetzt genutzt werden, um mit Augenmaß die richtigen Justierungen vorzunehmen. Das schlimmste wäre, wenn wir plötzlich wieder in ein Regulierungs-Arbitrage kommen, wie wir sie aus der Payment Welt kennen.

Traurig ist für mich, dass die Gier Einzelner hier die Ideen und Vorstellungen einer sich nachhaltig wandelnden Industrie schwer schädigen. Und ja, wir als Szene müssen uns auch an die eigene Nase fassen, dass wir die vielen Hinweise nicht ernster genommen und zu einer Aufklärung klarer beigetragen haben. Gut ist allerdings auch, dass sich im Laufe der Jahre andere neue Player in Spielfeldern von Wirecard etabliert haben, sodass die vermeintliche Abhängigkeit für Modelle nicht mehr so groß ist, wie sie vielleicht vor fünf Jahren gewesen wäre.

Maik Klotz

Die Finanzbranche hat schon die ein oder andere Krise bewältigen müssen. Sei es die globale Finanzkrise 2007 oder die Euro-Krise 2010. Die Krise von Wirecard in einem Atemzug von globalen Finanzkrisen zu nennen ist der Tatsache geschuldet, dass die Geschichte und die Hintergründe mindestens genauso filmreif sind wie die der Finanzkrise 2007 (Film-Tip The Big Short).

Die Auswirkungen werden so oder so immens sein, denn es ist so unendlich viel Vertrauen verloren gegangen und zeigt aber auch das man sich mit den Wunderkindern unserer Branche auch kritisch auseinandersetzen muss und nicht alles immer nur abfeiert, nur weil Fin und Tech als Label irgendwo drauf klebt.

Nicht wenige FintechTStartups vertrauten oder vertrauen auf die Technologie oder die Issuing-Lizenz von Wirecard. Wie kein anderes Unternehmen hat Wirecard die Nähe zu Startups gesucht und ist Kooperationen eingegangen. Nur um ein paar Beispiele zu nennen:


  • Curve
  • Kontist: Die Mastercard bei Kontist kommt von Wirecard
  • pockid
  • Allianz Pay
  • Savedroid
  • Laterpay
  • Hauseigene boon und boon. planet
  • Aldi Geschenkkarte
  • Bluecard
  • uvm.

Alle die Fintechs, Partner oder sonstige Unternehmen, die heute noch Wirecard nutzen, müssen sich Gedanken machen, wenn sie ein Produktversprechen für die Zukunft anbieten wollen. Ich würde mich nicht wundern, wenn einige Lösungen von Wirecard oder dem Partner eingestellt werden, weil man sich schlicht die Arbeit nicht machen möchte. Einige werden sich nun auf die Suche nach Alternativen machen. Das kostet Zeit und Geld. Zwei Dinge die insbesondere junge Startups oft nicht im großen Maße haben. Wird es zu einem flächendeckenden Brand kommen? Vielleicht nicht, aber es wird brennen und dabei wird das ein oder andere Unternehmen oder Produkt auf der Strecke bleiben.

Kritik an Wirecard gab es schon früher und es stellt sich die Frage, ob man das alles absehen hätte können? Hätte, hätte Fahrradkette. Hinterher ist man bekanntermaßen immer schlauer und Glückwunsch all denen, die es immer gewusst haben. Wenn sie es denn wirklich gewusst oder geahnt haben? Mutmaßlich ist bei Wirecard einiges dramatisch schlecht gelaufen und die Aufklärung wird Monate dauern. Und genauso lange wird es auch ein Kluggescheiße darum geben. Am Ende schadet aber das der Branche und der Idee “Fintech” vielleicht genau so viel wie die Sache an sich.

Nicole Nitsche

Die verschwundenen 1,9 Milliarden Euro existierten mit „überwiegender Wahrscheinlichkeit“ nicht – puh, das kann als Aussage ohne großes Kommentar schon so stehenbleiben. Indirekt bestätigte Wirecard somit einen gigantischen Betrug. On top Vergleiche mit dem größten Finanzskandal der Geschichte plus das Einräumen der BaFin das private und öffentliche Institutionen, einschließlich sie als Behörde, versagt hätten. Was ein Wirtschaftskrimi – da hätten bestimmt viele versierte Drehbuchautoren dran gesessen. Der einstige mit Ruhm gepflasterte Weg vom Hoffnungsträger Wirecard führt nun direkt zu den zuständigen Ermittlungsbehörden, zumindest für die ehemaligen Vorstände, wenn die nicht gerade auf der Flucht sind.

Wirecard: ein Sommernachts-Albtraum

Dieser Fall wird die Finanzwelt noch lange begleiten. Und er wird Konsequenzen haben müssen. Zusammensetzung und Qualifikation von Aufsichtsräten müssen ebenso beleuchtet werden wie die Arbeitsweise von Prüfungsgesellschaften. Vielleicht haben Aufsicht, Prüfung und der bisherige Anspruch an gute Unternehmensführung mit dem technologischen Wandel einfach nicht Schritt gehalten.

Egal wie dieser Krimi ausgeht, wer letztendlich wie zur Rechenschaft gezogen wird und egal wie sich alle Hintergründe aufklären, dieser Skandal wird Wirecard ein Leben lang bleiben und auf Dauer anhaften. Dass sich die jetzigen Probleme irgendwann in Luft auflösen, die Dauerkritiker ihr wettern gegen Wirecard einstellen, die zahlreichen Kläger ihre Klagen zurückziehen und wieder so etwas wie Normalität eintritt – eher unwahrscheinlich. Gegen Betrug ist man zwar nie gefeit aber hoffen wir, dass Fintechs mit guten Lösungen und herausragenden Technologie ohne Bilanzmanipulation nicht ebenfalls darunter leiden müssen und zumindest eine Menge aus diesem Unternehmens-Albtraum lernen. Denn manchmal reicht es schon, wenn nur ein bisschen richtig macht und eben nicht alles falsch.

Jochen Siegert

Entsetzen, Schock, Ungläubigkeit, Albtraum, ja Albtraum ist vermutlich die beste Beschreibung dessen, was sich da bei Wirecard gerade zeigt. Aber es ist harte Realität und das passiert alles bei uns in Deutschland und nicht in einer der vielen Regulierungsoasen. Vorwürfe standen ja seit Jahren im Raum und daher müssen sich vor allem Abschlussprüfer und Aufsichtsrat sehr unangenehme Fragen stellen. Vergleiche mit dem Enron-Skandal im Jahr 2001 liegen durchaus auf der Hand. Trotzdem: Wirecard hatte und hat gut funktionierende innovative digitale Finanzprodukte. Diese werden breit genutzt von namhaften Kunden, wurden gebaut und vertrieben von Menschen, die ich oft auch persönlich seit Jahren kenne. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie diese sich aktuell fühlen. Ähnlich geht es wohl Gründern und Mitarbeitern von Startups, die mit Wirecard kooperieren und nun in einer Unsicherheit leben was mit ihrem Partner passiert und welche Effekte auf ihr Geschäftsmodell durchschlagen. Leider sind Fehler Einzelner nur wieder Wasser auf die Mühlen der ewigen Skeptiker. Wir werden daher die Nachwirkungen des Wirecard-Skandals noch sehr lange spüren: Vermutlich wird regulierten Unternehmen bald noch deutlich stärker auf die Finger geschaut. Der Aufbau des notwendigen Vertrauens in innovative Startups dauert noch länger als ohnehin schon. Das kriminelle Handeln Einzelner schlägt durch auf Viele.

Christina Cassala

Ich halte es mit den Worten von BaFin-Chef Felix Hufeld: Der Skandal um den Dienstleister ist ein „totales Desaster“, doch seine Selbstkritik hilft nun auch nicht mehr. Das Kind ist in den Brunnen gefallen und die Signalwirkung für den Finanzplatz Deutschland ist durch die Causa Wirecard verheerend, denn hier haben alle Kontrollgremien schlichtweg versagt. Wie kann es sein, dass sich die Journalisten der FT seit Jahren die Finger wund schreiben, doch niemand hört ihnen zu. Waren etwa alle zu sehr geblendet von der Erfolgsgeschichte “made in Germany”. Vielleicht nicht zu Unrecht, denn immerhin hat Wirecard innovative Produkte an den Markt gebracht und namhafte Kunden von ihrer Dienstleistung überzeugt.
Schade, dass kriminelle Machenschaften von wenigen zulasten der Mitarbeiter und einer ganzen soliden Branche geht. Doch ist das neu?

Seit Jahren überziehen Skandale den Standort Deutschland Volkswagen, Deutsche Bank, Tönnies, Bayer, und nun eben Wirecard. Deutschland muss aufpassen, sich nicht das Vertrauen der Anleger und Investoren zu verspielen. Aber wie heißt es so gerne? Skandale? Können nur die anderen!

Wirecard: ein Sommernachts-Albtraum

Marcus W. Mosen

Am 03.06. habe ich im Podcast bei Caspar Schlenk von FinanceFWD noch gesagt, dass “es mich wundern würde, wenn bei Wirecard noch krasse Themen hochkommen“. Ich habe aber auch gesagt, dass wir doch erst einmal den 18.06. (Testat E&Y ja/nein) abwarten sollten. Nun ist der worst case eingetreten! Offensichtlich haben Journalisten der Financial Times in London über bessere Informationen verfügt als viele andere Stakeholder in diesem Thema. Das wird in den kommenden Wochen und Monaten sicherlich intensiv aufbereitet – jetzt mithilfe der Staatsanwaltschaft.

Leider ist es mal wieder traurige Wahrheit geworden, dass „Pferde vor Apotheken kotzen können“. Eine Erfahrung, die ich in meinen verschiedenen beruflichen Stationen der letzten 30 Jahren – angefangen bei der Treuhandanstalt bis hin zur Concardis – auch erleben „durfte“.

Wirecard: ein Sommernachts-Albtraum

Jetzt Wirecard als (ehemaliges) „Vorzeige-Fintech“ in einen Topf mit vielen anderen tatsächlichen Fintech-Unternehmen zu werfen, halte ich für einen unreflektierten Schnellschuss.

Wirecard hat eine ganz andere Genese als jedes andere deutsche Fintech-Startup. Diese Genese haben viele in den letzten Jahren geflissentlich ausgeblendet. Ich habe Wirecard in den letzten 20 Jahren in verschiedenen Situationen erlebt und im Markt angetroffen. In fast allen Fällen war Wirecard mein Wettbewerber – im Sales und vor allem in M&A Projekten. Wirecard kam übrigens nie zum Zuge, zuletzt 2016 und 2017 mit Wirecard als einem der Top-Interessenten im Concardis-Bietergefecht und dann auch im Verkauf von RatePay durch die Otto-Gruppe. Es ist müßig darüber nachzudenken, wie die aktuellen Themen rund um Wirecard diskutiert würden, wenn diese Assets in Aschheim gelandet wären.

Die „Case-Study“ Wirecard wird in nächster Zeit noch viele Gremien beschäftigen und irgendwann vielleicht auch MBA Studenten in Business Schools. Eine Kernfrage wird sicherlich sein, wie Corporate Governance in international aufgestellten, (regulierten) Unternehmen, die Finanzdienstleistungen anbieten, weiterentwickelt werden sollte. Eine andere Frage dürfte sein, wie stellt man sicher, dass Top-Manager einen festen Charakter und fachliche Kompetenz haben.

Auch Cum-Ex- und Dieselskandal haben gezeigt, dass Betrug oft nur sehr schwer aufzudecken ist. Und der aktuelle Fall zeigt abermals, dass man Menschen immer nur vor den Kopf gucken kann – wie in allen anderen Bereichen der Gesellschaft.

Wirecard in eigener Sache

Aus guten Gründen kann und will im Moment nicht jeder aus dem Team oder auch aus der Fintech-Community etwas zur Wirecard-Krise sagen. Die Gründe können darin liegen, dass einfach so sehr viel noch ungeklärt ist, man in einem Arbeits- oder Geschäftsverhältnis steht, oder man einfach entsetzt ist und vieles noch nicht wirklich glauben kann. Und man darf nicht vergessen, welch herber Schlag das für die Fintech-Community ist, für die Wirecard so etwas wie ein wesentlicher Bestandteil der Branche war und auch noch ist.

Zum guten Schluss: man bewertet meist das, was man sieht und das waren bei Wirecard innovative, gute und mutige Produkte. Was man daraus lernt, ist sicher, dass man kritischer mit Unternehmen an sich auseinandersetzen muss. Das gilt dann für alle.

Autor
Maik Klotz
Maik Klotz ist Berater, Sprecher und Autor zu den Themen Banking, Payment und Retail. Seit vielen Jahren berät Maik Unternehmen zu kundenzentrierten Innovationsmethoden und der Fokussierung auf den Nutzer. Maik ist Co-Founder von Payment & Banking. mehr

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