Wie KI die Karten in der Softwarewelt neu verteilt
An der Börse geht die Angst vor SaaSpokalypse um. Doch in der Softwareindustrie entsteht gerade ein deutlich größerer Gedanke. Die neue Kolumne von Ralf Heim
In unserer ersten Kolumne haben wir gefragt: Steht Software auf der Speisekarte der künstlichen Intelligenz? Aber ist das überhaupt der Fall?Oder sind Softwareunternehmen vielmehr der Gast und etwas ganz anderes steht auf dem Menü?
Während das Narrativ vom „SaaSmageddon“ noch die Finanzmärkte prägt, entsteht in der Softwareindustrie gerade ein anderer, deutlich größerer Gedanke:
👉 „Services are the new Software.“ Und das könnte wirklich viel verändern.
Das Ende der SaaS-Euphorie
Aber von vorn. Bald eine Dekade lang war Software-as-a-Service (SaaS) das liebste Geschäftsmodell der Investoren: Hohe Margen mit wiederkehrenden Umsätzen (den Annual Recurring Revenues – ARR), die zudem noch nutzungsbasiert skalieren. Also hohe Profitabilität gepaart mit starker Skalierbarkeit. Doch seit wenigen Monaten stellen die Finanzmärkte dieses Modell in Frage:
Die Gründe für den Abverkauf von SaaS-Unternehmen sind dreigeteilt. Zum ersten wird Software günstiger, wodurch Eintrittsbarrieren sinken. Dann treten zweitens die LLM-Anbieter Konkurrenz zu den klassischen Software-Firmen. Mal direkt,wie Claude es mit einigen Angeboten tut, mal indirekt durch das Befähigen neuer Anbieter und der Inhouse-IT in Unternehmen. Es beginnen also schon bald die Architekturkriege. Und Drittens benötigen Unternehmen weniger Menschen, wodurch der Lizenzumsatz sinken könnte,
Die Konsequenz: Viele Softwareanbieter haben 40 bis 60 Prozent ihres Marktwertes in den vergangenen Monaten eingebüßt. Der Totengesang auf die Softwarebranche gipfelt darin, dass auf einer Webseite (https://deathbyclawd.com/) jeder ein beliebiges Modell durch die KI auf ihre Überlebensfähigkeit bewerten kann. Spoiler: Laut der Webseite sind fast alle Softwaremodelle, die keine Hardware haben, in wenigen Monaten tot. Auch wenn diese Einschätzung viele Faktoren auslässt ist sie Produkt des Zeitgeist: Die goldenen Zeiten der Softwareindustrie sind vorbei.
Doch parallel tritt in der Softwareindustrie selbst eine Gegenthese in Erscheinung: Ist vielleicht die KI gar nicht das Ende der Softwareunternehmen, sondern ihre größte Chance seit der Cloud?
Die Logik hinter dieser Idee ist simpel.
In der heutigen Welt unterstützt Software nur die Arbeit, die Menschen erledigen. Morgen erledigt die Software die Arbeit selbst.
Nicht vollständig. Aber zunehmend. Und das in der „mitarbeiter-ähnlichen“ Gestalt von Agenten. Softwareanbieter liefern in diesem Bild gesprochen nicht nur code aus, sondern gleich auch die digitale Workforce, die den Job erledigt. Oder wie Julian Bek von Sequoia es formuliert: „Die nächste legendäre Firma unterstützt nicht Deinen Buchhalter. Sie übernimmt Deine Buchhaltung.“ Und weiter:
Julian Bek erklärt das im Kontext der US-amerikanischen Buchhaltungssoftware QuickBooks. Auf 10.000 US-Dollar Softwarelizenz kommen etwa 120.000 US-Dollar Kosten für den Nutzer.. Wird aus dem Markt der 10.000 US-Dollar-Lizenz nun ein Markt ein 120.000 US-Dollar Potential pro kleinem Unternehmen?
Frisst AI vielleicht gar nicht Software und den Softwareanbieter? Ist vielleicht der Softwareanbieter der Gast, der bestellt?
Vom Effizienztool zum Teammitglied
Dass wir Effizienzgewinne über Software heben, ist nicht neu. Neu ist die Perspektive: Software wird nicht mehr nur bewertet danach, was sie spart, sondern danach, was sie selbst erledigt.
Agenten werden wie Mitarbeiter betrachtet. Aus einem vierköpfigen Team wird so ein Team mit zwei Menschen und sechs Agenten. Das ist günstiger, schafft aber mehr.
In den 2000er Jahren gab es den Spruch: There is an app for that. In 2026 gilt: There is an agent for that. Die Frage ist nur: Welcher Job wird konkret übernommen – und wer stellt den Agenten?
Werden in ein paar Jahren Salesforce und Hubspot die größten Vertriebsdienstleister werden? Wird ein Maschinenbauer in 2030 Salesforce pro qualifiziertem Lead oder gar gewonnenen Vertrag bezahlen, nachdem der Agent aus der Agentforce die Bestellung angelegt hat? Oder wird ein IT-Service Desk komplett aus von Atlassian mit Jira ausgeliefert und pro Anfrage und abhängig von der Kundenzufriedenheit bewertet? Oder wird eine Intuit oder Lexware Deine Buchhaltung komplett übernehmen, einen Steuerberatungsagenten integrieren und Deine Buchhaltung per Beleg abrechnen?
Ist das die Zukunft? Wollen Kunden diese Zukunft von Softwareanbietern kaufen? Und sind die bestehenden Anbieter bereit auf ihre lukrativen ARR zu Teilen zu verzichten, um diese Transformation zu schaffen?
Eine These, die ich dabei habe, fängt mit der Frage an: Welcher Job wird denn überhaupt zuerst „agentifiziert“?
Der Endnutzer macht den Unterschied
Hier hat die Szene ihren eigenen Humor: Auf die Frage, welchen Job KI wegnehmen wird, heißt es: Es ist nie dein eigener. Oder als Softwareanbieter: Es ist nie der deines „User Buyers“ (der Zielnutzer der Applikation).Warum ist das mehr als ein Witz?
In meiner letzten Kolumne hatten wir als Beispiel Product Owner, User Experience Manager und Softwareentwickler. Die These: KI befähigt jede der drei Rollen, den anderen beiden ihren Job weg zu nehmen. Durchsetzen wird sich, wer das beste Gesamtverständnis der Arbeit hat und die beste Software beziehungsweise die Fähigkeit, Technologie einzusetzen.Also der Endnutzen, wenn Du als Softwareanbieter Deinen Job gut machst.
Zur Illustration zwei Beispiele aus meinem privaten Portfolio:
Fincite bietet Software für die Finanzberatung. Die Kunden sind die Berater, die ihre Kunden betreuen. Als SaaS-Anbieter kann ich diese Berater jetzt befähigen, mehr Aufgaben selbst wahrzunehmen, für die er vorher auf andere Mitarbeiter angewiesen war. Ich biete Ihnen Zugang zu Fähigkeiten an, die sie selbst nicht haben, aber häufig benötigen. Im Kontext der Finanzberater sind dies zum BeispielAgenten für das Research von Aktien, für die Vermögensstrukturierung mit steuerlich oder rechtlichen Aspekten oder für die Back-Office-Dokumentation und vieles mehr. Wie Fincite in seiner Keynote gezeigt hat, geht es also nicht um den User Buyer (hier: Berater) als Agenten. Sondern die Rollen, die die Arbeit User Buyer aufwerten.1
Ein anderes Beispiel ist Companyon, eine Controlling-Software für SaaS. Hier ist der User Buyer der Geschäftsführer, der in der Regel noch keine Finanzabteilung hat. Die Agenten sind auch hier nicht der Geschäftsführer. Es sind die Rollen, die er in einer Finanzabteilung sonst einstellen würde: der Finanzcontroller, der Vertriebscontroller, der Agent für Planung und Forecasting oder die Buchhaltung.
Was haben beide Beispiele gemeinsam? Die Agenten, die ausgeliefert werden, machen nicht den Job des eigentlichen Nutzers, sondern bieten dem Endnutzer Zugang zu den Fähigkeiten der Profile um den Nutzer herum.
Übernehmen KI Agenten die Softwareimplementierung?
Neben diesem vergrößerten Markt bietet KI Softwareunternehmen Zugang eine weitere margenträchtige Dienstleistung zu übernehmen:
Die Implementierung der Software.
Der Markt für Softwareimplementierung durch Systemdienstleister wird je nach Umfang der Definition von Implementierungsleistungen auf 60% bis 120% des Softwaremarkts geschätzt. In großen Unternehmen kostet die Anpassung, datentechnische Integration, Konfiguration, Erweiterung und begleitende Einführung einer Software oft deutlich mehr als die Jahreslizenz der jeweiligen Software.
Einige dieser Leistungen, wie Anpassung, Integration, Konfiguration und Erweiterung sind potentiell durch Agenten abbildbar.
In der Vergangenheit hatten Softwareanbieter oft nicht die menschlichen Kapazitäten, um viele Implementierungen parallel zu stemmen. Daher, und wegen der geringeren Margen, haben viele Softwareanbieter Implementierungsleistungen gerne den Systemdienstleistern überlassen.
Sind im Zeitalter von Agenten die begrenzten Kapazitäten und geringeren Margen ein Problem der Vergangenheit? Wird die Softwareimplementierung damit eine weitere Chance für die Softwareanbieter ihren Markt zu vergrößern?
Das Wettrennen um die Agentifizierung hat begonnen
Die Softwarewelt ist also in Bewegung und die Architekturen der Unternehmen sind es auch. Meine Thesen sind zusammengefasst:
Gute Softwareanbieter werden ihre Rolle und die ihrer User Buyer stark ausweiten.
Mitarbeiter, mit Zugang zu guter Technologie werden verwandte Rollen selbst ablösen. Und der Verdrängungswettbewerb wird durch die Mitarbeiter (als User Buyer) und ihre Softwarepartner entschieden.
Geringere Entwicklungs- und Implementierungskosten befähigen Anbieter neue Software schnell zu entwickeln und auch zu implementieren.
In den nächsten fünf Jahren wird sich bei Enterprise Software – wie bei Mitarbeitern auch – die Spreu vom Weizen trennen. Der Gap zwischen leistungsstarker und führender Software und den zu langsamen Anbietern wird rasant wachsen. Die Gewinner werden die Verlierer in den Architekturen der Unternehmen zunehmend verdrängen und über agentische Dienstleister ihren Markt vergrößern. Für die Verlierer des Rennens, war das SaaSpokalypse ein Vorgeschmack. Sie landen auf der Speisekarte.