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OpenAI unter Druck, China greift durch und Stripe baut eine Wallet für KI-Agenten

In Folge 9 von AI in Finance sprechen Maik und Sascha über einen Nachrichtenstrom, der in den letzten zwei Wochen kaum eine Pause gelassen hat

OpenAI unter Druck, China greift durch und Stripe baut eine Wallet für KI-Agenten

In Folge 9 von AI in Finance sprechen Maik und Sascha über einen Nachrichtenstrom, der in den letzten zwei Wochen kaum eine Pause gelassen hat: OpenAIs strategischer Schwenk und verfehlte Quartalsziele, das explosive Wachstum von Anthropic, die geopolitischen Verwerfungen rund um die Manus-Übernahme durch Meta, den Zustand der europäischen KI-Souveränität und eine Produktneuheit von Stripe, die den Agentic-Commerce-Hype in echte Infrastruktur verwandelt.

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OpenAI: Missionswechsel, Kostendruck und verfehlte Ziele

OpenAI überarbeitet gerade sein Mission Statement. Nicht mehr nur AGI als Nordstern, sondern eine konkrete Machtfrage im Hier und Jetzt: Wer baut es, wer kontrolliert es, wer profitiert davon? Demokratisierung, gesellschaftliche Kontrolle, Machtverteilung, das sind die neuen Begriffe. Gleichzeitig investiert das Unternehmen 600 Milliarden Dollar in Rechenzentren, Chips und Energie, allein in diesem Jahr.

Sascha bringt es auf den Punkt: Das ist eine ambivalente Botschaft. Dezentralisierung als Rhetorik, zentralisierte Infrastruktur als Realität. Maik ergänzt den strategischen Subtext: Je größer die Machtkonzentration, desto lauter der Ruf nach Regulierung. Wer sich frühzeitig als „die Guten“ positioniert, dämpft die Kritik.

Dazu kommt ein ernüchterndes Zahlenwerk aus Q1 2026, reportiert im Wall Street Journal: Umsatz und Nutzerwachstum verfehlt, die angestrebte Milliarde Weekly User noch nicht erreicht (Stand: 850 Millionen). OpenAI hat sich gegenüber Microsoft für 250 Milliarden Dollar an Serviceleistungen committet, Microsoft hält fast 30 Prozent an OpenAI. Eine Abhängigkeitsstruktur, die bei ausbleibenden Wachstumszahlen gefährlich wird.

Ein letzter interessanter Datenpunkt zum Thema Marktbewertung: Auf dem Sekundärmarkt werden OpenAI-Anteile aktuell mit Abschlag zur letzten Finanzierungsrunde gehandelt. Anthropic-Anteile hingegen sind stark nachgefragt. Der Markt fängt an, neu zu bewerten.

Spezialisierte KI-Modelle und Cybersecurity: AI gegen AI

OpenAI bringt mit ChatGPT 5.4 Cyber ein dediziertes Sicherheitsmodell auf den Markt. Zugang ist eingeschränkt, nur verifizierte Forscher und ausgewählte Teams dürfen testen. Anthropic hat mit Mythos einen ähnlichen Weg eingeschlagen. Der gemeinsame Trend: weg von horizontalen Modellen, die alles ein bisschen können, hin zu vertikalen Systemen, die einzelne Domänen tief abdecken.

Für Banking ist das hochrelevant. Spezialisierte Sicherheitsmodelle finden Schwachstellen, ohne Quellcode zu sehen. Sie können verteidigen, aber eben auch angreifen. Regierungen, Zentralbanken und große Tech-Konzerne führen bereits Gespräche mit den Modellanbietern. Wenn Security-Modelle zum proaktiven Akteur im Cyberraum werden, verändert sich die Bedrohungslage exponentiell. Und damit, wie Sascha es formuliert, müsste sich auch die Sicherheitsarchitektur von Banken verändern.

Anthropic: 9 auf 30 Milliarden Dollar Jahresumsatz

Anthropic hat seinen Umsatz offengelegt. Das Wachstum von 9 auf 30 Milliarden Dollar in wenigen Monaten ist bemerkenswert, auch wenn es in Deutschland noch kaum angekommen ist (laut Bitkom-Studie nutzen nur 5 Prozent der befragten Unternehmen Anthropic). In den USA sieht das Bild anders aus: Ein großer Anteil der Fortune-500-Unternehmen setzt auf Claude, getrieben durch Coding-Anwendungen und Enterprise-Nachfrage.

Saschas Lesart: Der entscheidende Kampf wird nicht beim Consumer, sondern im Enterprise entschieden. Coding und echte Produktivität bringen Traktion und Zahlungsbereitschaft. Anthropic hat das gezeigt, OpenAI muss es noch beweisen, vor allem im Hinblick auf das Börsengangprospekt.

Das Webinar, das Anthropic für dienstags angekündigt hatte, soll zeigen, wie das Unternehmen die Zukunft seiner Modelle für Banken und Financial Institutions sieht. Philipp Klöckner hat schon vorgewarnt: Wenn Anthropic öffentlich über Software-as-a-Service-Auswirkungen spricht, tendieren SaaS-Aktien dazu, nach unten zu marschieren.

Meta, Manus und die geopolitische Logik Chinas

Meta hat Manus übernommen, das agentic-AI-Startup, das in China gegründet und später nach Singapur verlagert wurde. Jetzt greift Peking durch: Ausreiseverbote für die Gründer, Pässe eingezogen, klare Forderungen, die Technologie und die Daten aus Singapur und den USA zurückzuführen.

Das Problem: Die Technologie ist bereits in Meta-Systeme integriert. Investoren wurden ausgezahlt. Eine Rückabwicklung ist juristisch komplex und operativ fast unmöglich. Software lässt sich nicht einfach zurückgeben, wenn sie Teil eines integrierten Systems ist.

Was steckt dahinter? Sascha sieht ein Signal an chinesische Gründer: Bleibt regiebetreu. Wenn ihr zu weit ausbüxt, können wir euch abschalten. Die klassischen M&A-Logiken greifen nicht, wenn ein Staat eingreift und Grenzen zieht, die vorher niemand auf dem Radar hatte.

Europäische KI-Souveränität: Ehrliche Bestandsaufnahme

Maik und Sascha haben sich in diesem Punkt vor der Aufnahme schon gestritten, freundschaftlich. Die Bilanz fällt ernüchternd aus: Search verloren. Cloud nicht auf die Kette gekriegt. Zahlungsverkehr schwierig. KI: keine belastbare Antwort.

Das übliche Argument, Europa habe schlicht nicht das Geld, zieht nicht mehr, wenn man auf DeepSeek schaut. Das chinesische Modell ist hocheffizient gebaut, ohne amerikanische Chips, teilweise mit Hardware, die auf eBay ersteigert wurde. Der Mitteleinsatz war ein Bruchteil dessen, was US-Modelle verschlungen haben.

In Deutschland läuft die Debatte über Regulierung, während alle anderen auf den Markt setzen. Mistral ist das einzige europäische Modell mit nennenswerter Aufmerksamkeit, schneidet in Benchmarks aber schlecht ab. Alef Alva, als große deutsche Hoffnung beworben, hat bei näherer Betrachtung wenig substanzielles Kapital bekommen. Sascha fasst es zusammen: USA geben das Tempo vor, China industrialisiert, Europa reguliert.

Chinas Geschwindigkeit zeigt sich auch im Robotics-Bereich: Beim Halbmarathon für humanoide Roboter war der schnellste Teilnehmer dieses Jahr schneller als ein Mensch, 24 bis 25 km/h, komplett autonom, auf schwierigem Untergrund. Vor einem Jahr hatte kein einziger Roboter die Strecke beendet.

KI-Nutzung in Deutschland: Was die Bitkom-Zahlen sagen

Aktuelle Bitkom-Umfrage vom 28. April 2026: 34 Prozent der Befragten nutzen KI mindestens einmal pro Woche, 15 Prozent täglich. 22 Prozent sind komplette Verweigerer, 18 Prozent nutzen es nicht, weil sie es nicht verstehen. Insgesamt haben also über die Hälfte der Befragten schon mindestens gelegentlich KI eingesetzt.

Marktanteile bei den Tools: ChatGPT führt mit 71 Prozent, Google Gemini folgt mit 50 Prozent, Microsoft Copilot mit 43 Prozent. Anthropic liegt bei 5 Prozent, Grok bei 6 Prozent.

Randbemerkung am Rande: In Microsofts Lizenzbedingungen für Copilot steht explizit, das Produkt sei „nur zu Unterhaltungszwecken“ gedacht. Better safe than sorry.

Das konkreteste Produkt dieser Folge kommt von Stripe. Stripe Link ist eine Wallet, in die beliebige Zahlungsverfahren integriert werden können, die man dann einem KI-Agenten hinterlegt, damit dieser autonom einkaufen oder bezahlen kann. Beide, Maik und Sascha, haben es bereits ausprobiert. Setup: ein Klick. Ergebnis: eine virtuelle Visa-Kreditkarte, hinterlegt im Agenten.

Was Stripe damit macht, ist das, worüber Agentic Commerce bisher viel gesprochen wurde: einfach machbar und direkt nutzbar. Maximal niedrige Hürde, sofort integrierbar. Für Banken und PSPs ist das ein weiteres Signal, dass die Infrastruktur für autonome Zahlungen nicht auf eine große Branchenentscheidung wartet, sondern von einzelnen Playern Stück für Stück gebaut wird.

Peter Steinberger und der OpenClaw-TED-Talk

Sascha empfiehlt den TED-Talk von Peter Steinberger, dem österreichischen Gründer von OpenClaw. Steinberger hat gezeigt, wie er einen vollständig eigenständigen Agenten gebaut hat, ohne Theorie, ohne Demo, mit echtem Ergebnis, und wie man strategisch über Use Cases, Governance und Architektur sprechen kann. Mittlerweile ist er bei OpenAI und hat OpenClaw dort eingebracht. Der Talk hat mehrere Millionen Aufrufe. 18 Minuten, empfohlen besonders für Banker und Finanzer, die sehen wollen, wie das in der Praxis aussieht.

Customers Bank und der CEO-Klon

Eine kuriose Note zum Schluss: Sam Sidhu, CEO der amerikanischen Customers Bank, hat beim letzten Conference Call die ersten 15 Minuten von einem KI-Klon von sich selbst bestreiten lassen. Anlass war eine Zusammenarbeit mit OpenAI. Die Pointe liegt auf der Hand, ohne weitere Kommentierung.

Disclaimer

Was ihr hier hört, sind unsere Gedanken und Meinungen, nicht die unserer Arbeitgeber, Zimmerpflanzen oder Haustiere. Als Enthusiasten versuchen wir, euch Einblicke in die Welt von künstlicher Intelligenz in Finance zu geben, aber wir sind nur AI-Enthusiasten, keine Hellseher. Unsere Einschätzungen könnten genauso gut aus einem Horoskop stammen. Also, macht’s euch gemütlich und genießt die Show!

Autor

Maik Klotz
Maik Klotz

Maik ist Strategieberater, Autor, Speaker und Podcaster mit 15+ Jahren in der Finanz- und Paymentbranche. Beim DSGV verantwortet er die Strategie für digitale Wallets. Gründer von Payment & Banking und Host von „AI in Finance".