Wer das AV-Depot nicht umsonst anbietet, wird gnadenlos untergehen
Einige „Experten” sagen, dass es dringend eine Beratung fürs AV-Depot braucht und dieses auf keinen Fall umsonst sein könnte. Doch diese Annahme beruht auf einem fatalen Denkfehler. Die neue Folge von „Nils nörgelt“.
Die Payment and Banking-Szene ist unzweifelhaft niemals langweilig. Kein Monat vergeht, ohne dass neue Produkte, Banken, Fintechs und Payment-Lösungen auf den Markt kommen. Aber wer braucht das eigentlich alles und muss man das alles gut finden? Unser Autor Nils Heck beleuchtet in seiner Kolumne „Nils nörgelt“ monatlich ein Produkt, Thema oder eben den „letzten heißen Scheiß“. Etwas zu meckern gibt es schließlich (fast) immer.
Das Altersvorsorgedepot (AV-Depot) ist die wahrscheinlich beste Chance für alle klassischen Broker und Anlageberater:innen, sich für immer ins Aus zu schießen. Denn während die ersten Neobroker bereits – völlig zurecht – mit Kampfpreisen den Markt überziehen und sich die Gunst der Kundinnen und Kunden sichern, gibt es da draußen immer noch Beraterinnen und Berater (oder besser: Verkäuferinnen und Verkäufer) und Fondsgesellschaften wie Banken, die etwa davon schwadronieren, dass es das Altersvorsorgedepot nicht umsonst geben könne.
Union Investment beispielsweise lässt sich in einem sehr guten Übersichtsstück des Manager Magazin doch tatsächlich mit der haarsträubenden Aussage zitieren, es gebe „keine Nullkostenprodukte”. Nein, Alberto del Pozo, Leiter der Vorsorge bei Union Investment setzt sogar noch einen drauf und sagt: „Altersvorsorge kostet etwas, Kapitalanlage kostet etwas, Vertragsbearbeitung kostet etwas.” Damit zeigt sich anhand eines einzelnen Beispiels erst einmal deutlich, dass es offenbar immer noch Anbieterinnen und Anbieter von Vorsorgeprodukten gibt, die keine Ahnung haben, was für ein Tsunami da gerade auf sie zurollt – und wie gnadenlos er die klassischen Verkaufsmodelle für Altersvorsorge hinwegtragen wird. Und was für ein Bild der Verwüstung er hinterlässt.
Das Provisionsmodell der Banken wird schwinden
Die Einführung des Altersvorsorgedepots und die Abschaffung von Riester-Neuveträgen ist zweifelsohne die beste Idee der Regierung Friedrich Merz. Diese Kombination nämlich macht es möglich, dass Menschen tatsächlich eine ehrliche Chance darauf bekommen, fürs Alter privat vorzusorgen, und vernünftig und ohne horrende und versteckte Kosten von den durchschnittlichen Renditen an den Börsen zu profitieren. Die staatliche Förderung schon ab Kindesalter in Form der Frühstartrente ist dabei noch die beste Kombination, weil sie es tatsächlich möglich macht, dass Kinder schon früh sparen können.
Für die Branche wiederum bedeutet das eine große Umstellung. Bis dato verdienen viele Banken und Versicherer daran, dass ihre Kundinnen und Kunden die Produkte für die Vorsorge viel zu wenig verstehen und deshalb auch nicht genau hingeschaut haben, wenn es darum ging, wie hoch die effektiven Gebühren für so einen Riester-Vertrag tatsächlich waren. Das wird künftig schon deshalb nicht mehr möglich sein, weil immerhin das Standard-AV-Depot eine staatliche Deckelung der Effektivkosten von einem Prozent vorsieht. Schon das ist ein Zugeständnis an die Banken- und Versichungslobby, aber eben auch deutlich weniger als noch bei Riester-Verträgen möglich war. Außerdem sind viele Menschen von ihren Riester-Verträgen bis dato enttäuscht, weshalb sie sich diesmal sicherlich genauer darum kümmern, welche Kosten sie wirklich zahlen – und was am Ende bei ihnen hängen bleibt.
Wer keine Nullkosten kann, sollte es vielleicht lassen
In Kombination führen diese beiden Faktoren dazu, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher beim AV-Depot ganz sicher nicht mehr darauf schauen werden, wie nun die Beratung aussieht, sondern schlicht, wie teuer das Produkt ist und dort ihr Depot eröffnen. Weil das Wechseln der Stromverträge den meisten schon zu lästig ist, werden sie sicherlich nicht ihre AV-Verträge alle fünf oder sechs Jahre umschichten. Wer also einmal die Kunden für sich gewonnen hat, der wird sich voraussichtlich auch über Jahrzehnte hinweg behalten können und ihnen so immer weitere Produkte vom Girokonto über den Kredit bis hin zum Immobiliendarlehen verkaufen können. Neobroker wie Scalable Capital oder Trade Republic haben das schon vor Monaten erkannt und ihre gesamte Strategie auf Angeboten aufgebaut, bei denen die Kosten für ein Standardkonto eben null Prozent betragen.
Sie lösen also genau das ein, was bei der Union Investment keiner zu glauben wagt: Sie bieten ein Nullkostenprodukt an. Weil es eben doch geht, wenn man weiß, dass der wahre Goldschatz beim AV-Depot eben nicht – wie bei früheren AV-Produkten – die Provision, sondern der Kund*innen-Zugang ist. Das muss man aber einmal verstanden haben. Sonst fegt einen der Tsunami gnadenlos davon.