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Rettet die EUDI Wallet, bitte!

Die digitale Super-Brieftasche könnte ein Quantensprung in der Digitalisierung Deutschlands sein. Doch die aktuelle Planung wird keine Menschen begeistern. Ran da, Karsten!  Die neue Folge von „Nils nörgelt.”

Nils Heck über die EUDI Wallet und warum Deutschland bei der digitalen Brieftasche mehr liefern muss
Nils Heck, Autor der Kolumne „Nils nörgelt", fordert eine EUDI Wallet, die Menschen wirklich begeistert – statt einer abgespeckten Version, die nur Nerds herunterladen.

Die Payment and Banking-Szene ist unzweifelhaft niemals langweilig. Kein Monat vergeht, ohne dass neue Produkte, Banken, Fintechs und Payment-Lösungen auf den Markt kommen. Aber wer braucht das eigentlich alles und muss man das alles gut finden? Unser Autor Nils Heck beleuchtet in seiner Kolumne „Nils nörgelt“ monatlich ein Produkt, Thema oder eben den „letzten heißen Scheiß“. Etwas zu meckern gibt es schließlich (fast) immer.

Wenn ich aus dem Haus gehe, dann habe ich in den allermeisten Fällen schon heute nur noch ein Smartphone dabei. In den 13 Jahren in denen ich den Führerschein habe, wurde ich schließlich noch nie von der Polizei angehalten, im Supermarkt sieht man anhand des lichten Haaransatzes und der Falten längst, dass ich die 16 Jahre überschritten habe, wenn ich Bier kaufen will und Bezahlen kann ich die allermeisten Dinge ja sowieso längst mit dem Smartphone – selbst auf irgendwelchen Hütten in den Alpen. Entsprechend lästig empfinde ich es, wenn ich die gute alte Brieftasche dann doch einmal mitnehmen und darin nach Bargeld, meinem Ausweis oder meiner Krankenkassen-Karte kramen muss. 

Karsten, was ist da los?

Abhilfe soll das vielleicht wichtigste Digitalisierungsprojekt von Karsten Wilderberger (das ist übrigens unser Digitalisierungsminister, von dem ihr sicher schon ganz viel gehört habt…) schaffen: die EUDI Wallet. Diese digitale Brieftasche soll ab 2026 in jedem EU-Land angeboten werden und die gesamte Brieftasche digitalisieren. Das halte ich – anders als unsere Kolumnistin Lilith Wittmann – für eine großartige, nein, eine sogar phänomenale Idee. Denn ich sehe weniger den technischen Aspekt, der ihr zufolge „Lebensmenschen gefährden” kann, sondern vielmehr die Bequemlichkeit, die mir und den anderen 80 Millionen Deutschen die neue Wallet bringen könnte. 

Die EU nun verpflichtet allerdings lediglich das Angebot einer staatlichen Brieftasche, für die Nachfrage müssen die Staaten selber sorgen und genau das ist das Problem in Deutschland. Denn zum verspäteten (immer noch Deutschland hier) Anfang 2027 soll die Wallet nur mit einem äußerst begrenzten Umfang an Leistungen auflaufen. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, soll es beispielsweise nicht möglich sein, sein Alter an der Supermarktkasse nachzuweisen, seinen Lichtbildausweis mit Foto hochzuladen, digital zu unterschreiben, sich zwischen Wallets auszutauschen und so weiter. 

Zu wenig, zu spät: Eins von beidem könnte man verkraften

Kurzum: Die Wallet, die am 02. Januar 2027 auf den Markt kommen soll, ist eine so abgespeckte Version, dass maximal Nerds sie herunterladen und nutzen werden. Und das ist ein riesiges Problem. Denn wenn Deutschland die Digitalisierung packen will, dann braucht Deutschland eben auch digitale Projekte, die mal leuchten und die die Menschen begeistern. Projekte, bei denen die Menschen sagen: Wow, das ist ja einfach, cool, dass mein Staat mir das zur Verfügung stellt.

In Finnland beispielsweise gibt es eine Steuererklärung in fünf Minuten, in Estland sind alle Behördengänge digital, das finden die Leute total geil und das erhöht die allgemeine Zufriedenheit. In Deutschland gibt es solche Projekte leider nicht, weil sie im Chaos, Klein-Klein oder technischen Versagen enden. Das beste Beispiel ist hierfür die Ausweis-App, die so weit vom modernen UX entfernt ist, dass viele Menschen doch immer noch zur Post stapfen, um sich auszuweisen, als dieses Bund-Projekt zu nutzen. 

Dann können wir es lassen

Die EUDI-Wallet des Bundes sollte so ein Dasein nicht fristen müssen. Ihre Idee nämlich ist so gut, dass sie wirklich ein „Verkaufsschlager” (halt kostenlos) werden könnte. Nur, und das muss die Politik begreifen, dafür muss man dann halt auch mal liefern. Und da reicht es sicherlich nicht, eine komplett abgespeckte Version ein paar Tage zu spät auf den Markt zu werfen, liebe Bundesregierung. Mein Vorschlag stattdessen: Bringt die Wallet erst ein halbes oder ein ganzes Jahr später – aber dafür in extrem geil. Das würde dann vielleicht auch mal ein paar Leute begeistern. Und ganz ehrlich, das hat Deutschland dringender nötig als noch eine halbgare staatliche App ohne Funktion. 

Autor

Nils Heck
Nils Heck

Nils Heck ist Gründer des Journalistenbüros dreimaldrei, Buchautor und seit März 2024 Redaktionsleiter bei Payment and Banking. In seiner Kolumne „Nils nörgelt“ kommentiert er kritisch die Branche. Nebenbei jongliert er professionell.