Tag 2: Darüber diskutieren die Panelist*innen auf der PEX26
EUDI-Wallet, Loyalty Payments und Stablecoins: Am zweiten Tag der PEX gehen unseren Speaker*innen die Themen nicht aus. Hier sind ihre Aussagen zum nachlesen.
EUDI-Wallet, Loyalty Payments und Stablecoins: Am zweiten Tag der PEX gehen unseren Speaker*innen die Themen nicht aus. Hier sind ihre Aussagen zum nachlesen.
Die letzte Nacht mag für einige lang gewesen sein. Trotzdem ist das Tipi am Kanzleramt schon früh morgens gut gefüllt. Ein paar fleißige sind heute früh schon den Payment & Banking Run mitgelaufen oder haben den Tag beim Yoga auf dem Sonnendeck des Tipis begrüßt. Nun geht es wieder zur Sache.
Erschaffen wir durch die EUDI-Wallet die Super-App?
Die EUDI-Wallet, da waren sich beim ersten Panel des Tages Peter Frey von der Kanzlei Annerton, Oliver Lauer vom DSGV, Eva-Maria Lindig von Paypal und Mauritz Wilkes vom Softwareentwickler Authada einig, birgt großes Potenzial. Die Runde diskutierte, ganz anders als noch auf der PEX25, über die Vorteile der Infrastruktur, welche die EU schaffen möchte. Die EUDI-Wallet soll im Grunde so etwas werden, wie eine digitale Brieftasche für Ausweise, Führerscheine, Zeugnisse und andere Dokumente. Gelingt das, müsste man zum Beispiel seinen Führerschein oder Personalausweis nicht mehr mitnehmen.
Die Payment- und Banking-Branche überlegt bereits eifrig, wie sich das mit ihrem Angebot verknüpfen lässt. Beispiel Sparkassen: „Wir versuchen Identity mit dem, was wir unserer App haben, zu verbinden“, sagte Oliver Lauer für den Sparkassenverband. Gelingt das, hätten Kund*innen womöglich eine App, über die sie ihr Banking und Identifizierungen vornehmen könnten. Die theoretischen Anwendungsfälle erscheinen grenzenlos: Wer eine Reise für mehrere Personen bucht, muss aktuell bei jedem Anbieter, von der Fluggesellschaft bis hin zum Hotel, die persönlichen Daten erneut eingeben. Mit der EUDI-Wallet könnte das mit nur einem Klick gehen, hofft Lindig von Paypal.
Das ganze hat allerdings ein paar Hürden. Europa gehe zwar voran, betone Lindig und auch das rechtliche Rahmenwerk sei gut. Entscheidend wird laut Frey von Annerton aber das Kund*innen-Erlebnis, oder noch besser: die Akzeptanz der Nutzer*innen. Auch die Akzeptanzstellen, also zum Beispiel Händler müssten dem System vertrauen und es als leicht handhabbar empfinden. Die konkreten Lösungen müssen also so gut sein, dass alle von den Vorteilen überzeugt sind. Und hoffentlich schaffen es Anbieter und EU auch, die EUDI-Wallet so sicher zu gestalten, dass Nutzer*innen bereitwillig ihre Dokumente dort hochladen.

EUDI: Der neue Branchenstandard?
Die Fintech-Welt nahm die staatlichen Regulatoren lange Zeit, eher als Verhinderer war. Das soll sich bei der digitalen Identität ändern: „Die EUDI ist ein ermöglichungsraum für europäische Geschäftsmodelle”, sagt Hagen Saxowski vom Digitalministerium. Andere Länder wie Indien hätten gezeigt, welche wirtschaftlichen Hebel damit einhergehen können. Wir sind darauf angewiesen mit der Finanz- und Techbranche daran zu arbeiten.
„Wir wollen die Diskussion mit euch führen”, sagt Norbert Sagstetter von der Europäischen Kommission und spricht zu den Teilnehmer*innen im Saal. Seine Institution ist für die Regulatorik der Digitalen Identität zuständig. „Der Staat muss schon der Orchestrator sein”, pflichtet ihm Saxowski bei. Er sei nicht der beste Produktdesigner, aber könne am Aufbau eines Layers mitwirken. „Wir brauchen eine starken Schulterschluss zwischen Staat und Privatwirtschaft. Wir möchten nicht nur neue Compliance-Projekte für die Wirtschaft schaffen”, sagt er.
So sieht das auch Oliver Lauer, Entwickler beim Sparkassenverband. Mit der EUDI könne auch die Privatwirtschaft verschiedene Anwendungen zusammenlegen und damit Investitionen vereinfachen, sagt Lauer. Wer die Infrastruktur betreiben wird? Das sei noch nicht klar, sagt er. „Es wird nicht die zentrale Stelle geben.” Es handele sich vielmehr um einen Branchenstandard, an dem unterschiedliche Akteure mit Zertifizierungen teilhaben könnten.
Die EU mache eine iterative Entwicklung in Zusammenarbeit mit den Playern: „Alles was wir machen, kan man auf GitHub prüfen und uns Feedback geben”, sagt Sagstetter. Es sei ein echtes Open-Source-Projekt. Diese Feedback-Loops seien eine völlig neue Erfahrung: “Das Volk schreibt das Gesetz“, sagt Lauer. Die Entscheidung über die Wallet liege bei den Mitgliedstaaten, meint auch Sagstetter. „Wir müssen den Bürger*innen klarmachen, dass wir sie auch irgendwo vor möglichen Grenzüberschreitungen von Tech-Konzernen schützen”, sagt Sagstetter. „Wir müssen dieses Vertrauen nun auch selbst schaffen.”
Seien wir ehrlich: Ein Lounge-Zugang ist doch was tolles
Seit Oktober gibt die Deutsche Bank der Lufthansa-Kreditkarte Miles & More heraus. Vorher hatte die DKB die Karten betreut. Das ist Grund genug, mal wieder zu hinterfragen, ob Loyalty und Payments endlich zusammenfinden, ein Klassiker der Diskussionen in der Payment-Welt. Zu 100 Prozent passten beide Welten nicht zusammen, sagte Kilian Thalhammer von der Deutschen Bank dazu. Zwar habe Loyalty einen transaktionellen Charakter, doch die Welten seien immer noch unterschiedlich. Den einen Durchbruch könne es also gar nicht geben.
Der Vorteil aber, wenn beide Welten verschmelzen: Loyalty hat Emotionalität zu tun. Und genau das kann laut Panajiota Papas von Miles & More bestenfalls dazu führen, dass Kunden wiederkommen. Mit klassischen Cashback-Systemen sei das nicht zu schaffen. „Das schaffe ich eher mit Meilen“, sagte sie. Denn auch wenn so mancher Händler auf Cashback setzt, für emotionale relevant halten das beide nicht. Damit bleibe man immer in der Welt der Transaktionen, sagte Thalhammer, der auch Teil von Payment & Banking ist. „Der richtige Wert entsteht nicht beim Sammeln von Punkten, sondern beim Einlösen“, ergänzte Papas. Es ist also die Belohnung, die Menschen anzieht. Das kann zum Beispiel bedeuten, endlich mal das Upgrade in die erste Klasse zu bekommen, weil man vorher tapfer eingekauft hat. Und für die Deutsche Bank wäre es sicherlich nicht nur emotional gut, wenn viele Miles-&-More-Karten-Inhaber*innen nun auch Kund*innen des Instituts würden.

Stablecoin: Wann holt die Realität das Buzzword ein?
Sie sind das Hot Topic der Stunde: Die Volumen der Stablcoins sind gewaltig, werden aber noch selten für Payments eingesetzt. Was ist also der Use-Case? Für Luis Schaubhut von Allunity liegt der beispielsweise bei B2B2C-Zahlungen, die über die Blockchain direkt von Händlern an Produzenten weitergeleitet werden können. „Es ist gleichzeitig eine Chance für europäische Souveränität.”
Das Interesse von Banken an den an Währungen gekoppelten Kryptotoken sei groß, meint Jan-Oliver Sell, CEO vom Stablecoin-Konsortium qivalis, an dem mehrere große europäische Banken beteiligt sind: Sie wollen den ersten Token im zweiten Halbjahr in den Niederlanden lunchen. „Stablecoins ermöglichen die schnellere und sichere Abwicklung von komplizierten Zahlungsabläufen”, sagt er. Auch grenzüberschreitende Zahlungen erleichterten die Stablecoins. Laut Maximilian Baum von der Deutschen Bank arbeite man gerade ein Stablecoin-Custody-System auf und die Möglichkeit die Währungen in Fiat-Geld zu tauschen.
Das alles ist für den etablierten Krypto-Emittenten Circle weit weg. „Ich bin der Überzeugung, dass man nicht den dritten Schritt vor dem ersten gehen kann”, sagt Patrick Hansen, der sich für Circle um die EU-Strategie kümmert. Man selbst baue trotzdem gerade an anderen Anwendungen für den Währungsumtausch und grenzüberschreitende Zahlungen auf. Der Markt werde sich konsolidieren: „Es wird keine 20 erfolgreiche Euro-Stablecoins geben.” Die Nachfrage sei gerade vor allem im B2B-Bereich, der Konsumentenseite fehle gerade die Nachfrage, außerdem fehle es an Liquidität im Markt.
Aber ist das Zahlungsverkehrssystem nicht schon effizient genug? Es geht immer noch mehr, findet Luis Schaubhut von Allunity. „Blockchains können das Vier-Parteien-System ausmerzen”, sagt Schaubhut. „Ich glaube, wir können mit Stablecoins ein europäisches Settlementsystem alternativ zu Visa und Mastercard aufbauen.” Die Währung trete wahrscheinlich in den Hintergrund, glauben die Panelisten.
Und der Digitale Euro? Sei keine Konkurrenz für Stablecoin-Systeme. Die Gegenüberstellung sei komplett schief, sagt Patrick Hansen von Circle. Die Anwendungsfälle seien komplett verschieden, sagen die Panelisten. Also: Bahn frei für europäische Stablecoin-Systeme.
Personalisierung ist für Anfänger*innen, Hyperpersonalisierung ist für Profis
Was könnte man doch für tolle Angebote an seine Kund*innen machen, wenn man die Daten über sie vernünftig verknüpft. Doch oft klappt das noch gar nicht. Zwei Beispiele brachte dazu Moderator Nicolas Allebrodt von Wesolveproblems direkt mit. Das erste: In dem einen schickte Eurowings ihm eine Pushnachricht, ob er sich schon freue in zwei Tagen nach Düsseldorf zu fliegen. Allebrodt tat das so gar nicht, er war schließlich noch mitten im Urlaub auf Mallorca. Das zweite: In einer Stadt passierte ein Unfall und die Ergo-Versicherung verschickte dann die Pressemitteilung der Polizei an Kund*innen in der Region – gepaart ganz unten mit dem Hinweis, jetzt schnell eine Versicherung abzuschließen.
In beiden Fällen ist also so einiges schief gelaufen. Gemeinsam mit seinen Panelist*innen Sandra Krah-Schymetzki von der DeutschlandCard, Ella Mueller-Baum von Digital Online Media und Jonas Barre von Alphacomm diskutierte er, was da hätte besser laufen können. Lösungen gibt es viele: „Sobald klar ist, dass man nach Hause fliegt, könnte die Fluggesellschaft eine Nachricht schreiben und sagen: Hey, dein Kühlschrank ist leer, hier ist ein 5-Euro-Wolt-Gutschein“, sagte Krah-Schymetzki.
Auf eine abstraktere Ebene gezogen müsste das alles laut Mueller-Baum folgendermaßen laufen. Unternehmen müssten herausfinden, welche Daten sie über ihre Kund*innen haben, sie vernünftig miteinander verknüpfen, Regeln bestimmen, wie man damit umgehen soll und dann passende Angebot ausspielen. So in etwa funktioniert eine gute Hyperpersonalisierung. Und die lässt sich natürlich auch mit Payment verbinden. Welche Bezahlmöglichkeit etwa passt zu einem Produkt und zu einzelnen Kund*innen am besten? Es ist also, das machte das letzte Panel der PEX26 deutlich, vieles möglich. Schauen wir doch mal, welche Beispiele die Teilnehmer*innen dazu nächstes Jahr mitbringen werden.