Suchtgefahr Trading-Apps – helfen Warnhinweise?

Broker auf dem Smartphone führen zu schnellen Entscheidungen und machen uns dank spielerischer Elemente womöglich süchtig. Warnhinweise wären eine gute Idee. 

Die Payment and Banking-Szene ist unzweifelhaft niemals langweilig. Kein Monat vergeht, ohne dass neue Produkte, Banken, Fintechs und Payment-Lösungen auf den Markt kommen. Aber wer braucht das eigentlich alles und muss man das alles gut finden?
Unser Autor Nils Wischmeyer beleuchtet in seiner Kolumne „Nils nörgelt“ ab sofort monatlich ein Produkt, Thema oder eben den „letzten heißen Scheiß“. Etwas zu meckern gibt es schließlich (fast) immer.

Die Corona-Pandemie ist für viele Menschen eine Möglichkeit, sich endlich mal mit Aktien auseinanderzusetzen. Davon reden schließlich ständig alle, dass man sein Geld anlegen muss, um die Rente auszugleichen. Da kommt es zudem gelegen, dass es mittlerweile super einfache Smartphone-Apps gibt, mit denen man je nach Werbung schnell, kostenfrei oder unkompliziert Aktien handeln kann. Angeführt von Robinhood haben Trading-Apps auch hierzulande gigantischen Zulauf bekommen. 

Ein wahrer Glückstreffer für alle Privatanleger? Im Gegenteil. 

In dem Moment, in dem hunderte oder tausende Euro mit fünf oder sechs Klicks auf dem Display mal eben so verschoben werden können, werden die Nutzer schnelle, unüberlegte Entscheidungen treffen. Immerhin können sie Aktien nachts betrunken in der Bar, morgens verschlafen in der Bahn oder auf der Toilette kaufen. Wer beobachten will, wohin das führt, muss nur zehn gelangweilte Menschen beobachten, die sich in der Straßenbahn durch die Shopping-App klicken und Hose nach Hose, Shirt nach Shirt kaufen – pling, deine Größe ist wieder da – rein in den Warenkorb. 

So lassen sich hunderte Euro in zehn Minuten verpulvern, aber zum Glück auch wieder zurückschicken – der kostenlose Retoure sei Dank. Bei Trading-Apps geht das nicht.
Die 100 Euro für den “heißen Scheiß” sind angelegt, Gebühren abgezogen und der unerfahrene Trader, nennen wir ihn wahlweise Paul oder sie Silvia, die in der Straßenbahn gerade ein Fünftel ihres Bafögs investiert haben, glauben, sie könnten jetzt ordentlich Gewinn machen. Was für ein Unsinn. Klar, jeder kann theoretisch gewinnen. Aber jeder kann eben auch theoretisch in Las Vegas am einarmigen Halunken den Jackpot knacken.

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Hallo, Gamification! Investment wird zum Spiel

In der Folge führt dieser einfache Zugang dazu, dass Paul oder Silvia jetzt zwar 100 Euro investiert haben, aber auch dazu, dass sie ständig in ihre Depots gucken und folglich viel öfter traden werden, weil “es so schön einfach ist”, wie es die Werbung einer Trading-App verspricht. Dumm nur: Es ist nachweislich ineffizient. 

Suchtgefahr Trading-Apps - helfen Warnhinweise?

Hinzu kommt der perfide Versuch, das Aktieninvestment zu einem großen Spiel zu machen. Robinhood ist da Vorreiter. Es sprüht digitales Konfetti, wenn man eine Aktie gekauft hat. Merken Sie was? Spätestens an dem Punkt ist die “Gamification” perfekt und das Investment wird zum Spiel – mit womöglich weitreichenden Folgen, bis hin zur Sucht.

Auch wenn die Macher das gerne abstreiten, führen solche Anreize dazu, dass Leute – getriggert durch blinkende Emojis oder Alerts – noch häufiger traden und in der Folge mehr Geld verlieren und tief verzweifeln, weil sie im schlimmsten Fall für den Aktien- oder Optionskauf noch Schulden aufgenommen haben. Währenddessen kassieren Robinhood und andere dick ab. 

Manchmal darf es auch einfach langweilig sein

Mein Vorschlag: Trading gehört einfach nicht aufs Smartphone. Und wenn doch, sollten alle Apps die gleichen Warnhinweise dick anzeigen müssen, die es auch für andere Suchtmittel gibt. Wie erfolgreich wäre Robinhood wohl, wenn am Anfang fett und auffällig dort stehen würde: “Dieser Trade macht süchtig”. Oder: “Nur X Prozent aller Optionskäufe bei uns sind erfolgreich.”? 

Nicht falsch verstehen: Günstige, einfache Möglichkeiten an Aktien zu kommen, sind wichtig, um es allen Menschen zu ermöglichen, ihr Kapital anzulegen. Aber dafür reicht ein gähnend langweiliger ETF-Sparplan, in den man jeden Monat ein paar hundert Euro investiert. Diese nutzen die Deutschen glücklicherweise immer öfter und bieten auch für die Unternehmen Chancen: Seid anders. Seid langweilig, macht eure Kunden nicht süchtig. Sie werden es euch danken.

Autor
Nils Wischmeyer ist Gründer des Journalistenbüros dreimaldrei und schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, die Wirtschaftswoche und die brandeins. An der Finanzbranche findet er (fast) immer was zum Nörgeln. mehr

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