In den letzten Tagen gab es eine Reihe von Neuigkeiten rund um die Google Wallet.
Zuletzt die Entscheidung seitens Google keine eigenen Plastik Kreditkarte herausgeben zu wollen.
Bisher schien die Plastikkarte als Brücke zwischen alter und neuer Verhaltenswelt ein wichtiger Bestandteil der Strategie oder zumindest der Taktik von Google zu sein. Nun also will Google auf diese Brücke verzichten.
Was bedeutet diese Entscheidung von Google?
Eigentlich kann man zwei Extreme denken:
die Plastikkarte ist Tod
oder das Google Wallet ist Tod
Für beides kann man gute Argumente finden – als Beobachter der Payment Szene überraschen mich die Schwierigkeiten von Google mit ihrem Wallet nicht. Auch die reinen Online-Vorgänger wie Google Checkout haben den großen Durchbruch trotz großer Ambitionen nicht geschafft.
Warum eigentlich tut sich Google beim Payment so schwer? Ich will versuchen ein paar Gründe zu liefern:Google hat keinen Fokus auf dem Thema Bezahlen
Bezahlen steht und stand nie im Mittelpunkt der Aktivitäten von Google. Anders als zum Beispiel bei PayPal schien es immer nur ein weiterer Dienst und Mittel zum Zweck für die eigentlichen Kernprodukte zu sein.
Google betrachtet das Thema mit einer eingefärbten US Brille
Gerade bei der Online Version der Google Wallet, vormals Checkout, wird es deutlich. Google setze hier auf amerikanische Bezahlmuster und damit lange Zeit ausschließlich auf die Kreditkarte. Was in den USA und in Teilen in UK klappt, scheitert in der Form aber spätestens im Rest Europa und erst Recht in Deutschland.
Ähnliches gilt auch für das mobile Wallet. Ohne die direkte Verbindung zum Girokonto wird es in Deutschland schwer ein neues Bezahlen einzuführen. Daher muss man ELV und die Girocard in erfolgreiche Produkte integrieren.
Folge von zwei ist, dass Google die nationalen Besonderheiten im Verhalten der Konsumenten und auch in den technischen Rahmenbedingungen nicht ausreichend beachtet
Wie oben bereits beschrieben, kann ein neues Wallet nicht bestehende Verhaltensmuster und Gewohnheiten komplett verändern. Man muss den Nutzer aus meiner Sicht da abholen wo er heute ist und kann ihn dann unter Nutzung des Bekannten zu etwas neuem hinleiten.
Google Reader und andere Dienste werden eingestellt. Vielleicht ist das Ende des Plastiks auch der erste Schritt auf dem Weg zum Ende der Google Wallet Ambitionen.
Die kleine Meldung, dass PayPal wohl in Google Play als weitere Bezahloption einziehen soll, kann man unter den neuen Gegebenheiten als weiteres Indiz für die Abkehr vom Payment bei Google sehen. Bisher hat man immer den Eindruck bekommen können, dass Google selber mehr und mehr Bereiche abdecken will, die PayPal heute besetzt. Ein Einzug von PayPal in den Play-Store wäre eine Abkehr von dieser Strategie.
Verlust von Personen und Know-How
Fast zeitgleich mit der PayPal Ankündigung und dem Ende der Plastik Ambitionen wurde verkündet, dass der bisherige Kopf des Google Wallet Teams Google verlässt. Ein weiteres Indiz für eine Veränderung der Strategie bei Google.
Was spricht für den Tod der Karte?
Auch wenn Google sich wirklich aus dem Payment-War zurückziehen sollte, so wird der schleichende Tod der Plastikkarte nicht aufzuhalten sein. Sie wird nicht heute und auch nicht morgen komplett verschwinden. Aber die Karte wird in immer mehr Use Cases dematrialisiert, so dass es über kurz oder lang immer weniger Einsatzorte für Plastik geben wird.
Die heute schon funktionierenden Lösungen wie PayPal, mytaxi, Starbucks und vielleicht auch jetzt netto machen es vor. Das sind die Lösungen der Zukunft und ich bin sicher, dass ich spätestens bei meiner übernächsten Bank und Kreditkarte die Wahl zwischen Plastik und virtueller Karte habe. Eine Zeitlang werde ich es beides haben wollen, aber irgendwann wird Virtuell der Standard sein und Plastik ein Premium, den ich extra zahlen muss.
Von daher hat Google sicher langfristig Recht, auf Plastik zu verzichten, ob allerdings schon jetzt der richtige Zeitpunkt ist, glaube ich nicht.
Vielleicht bahnt sich aber auch was ganz großes an und wir sehen schon bald ein mobiles Google Wallet inklusive PayPal? Aber dieses Szenario bietet Raum genug für einen eigenen Beitrag.
André M. Bajorat ist seit fast 30 Jahren in der deutschen Digitalwirtschaft zu Hause. Über die Stationen SK Online, Star Finanz, giropay und Number Four kam er 2012 als Business Angel zu figo. Das Unternehmen führte er von 2014 bis September 2019 als CEO von einer b2c App zu einem von der BaFin regulierten Banking as a Service Provider. Seit 2020 ist er Teil des deutsche Bank Konzerns und seit Mitte 2022 Managing Director bei einem deutschen Assetmanager.
Er ist zudem Gründer und Herausgeber des erfolgreichen Branchen-Portals paymentandbanking.com, Podcaster, Investor (figo, Finleap, Loanlink, Sparkdata, Weddyplace, nufin, portify, moss, compa, brygge, embeddedcapital, PlanetA, Naro), Mitglied im Digital Finance Forum des Bundesfinanzministeriums, aktives Mitglied im Bitkom, Herausgeber des Buches “Köpfe der digitalen Finanzwelt” und international gefragter Speaker. Inhaltliche Schwerpunkte sind Banking, Payment, FinTech, API-Banking, digital Assets und Crypto.
Außerdem ist er Mit-Initiator und Ausrichter der Wahl zum „FinTech des Jahres” sowie der Eventreihen Bankathon, Payment Exchange, Banking Exchange und Transactions.io.
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