Parametrik – das nächste große Ding für Insurtechs?

Eine Versicherung, die automatisch zahlt, wenn der Schadensfall eintritt? So ohne langwierige Schadensmeldungen und Nachfragen des Versicherers? Klingt ein bisschen wie Science-Fiction, aber genau das sind parametrische Versicherungen, von denen es in Zukunft mehr geben wird. Könnte Parametrik „the next big thing“ für Insurtechs werden?

Das ist durchaus möglich, denn im Interview mit dem Handelsblatt hatte Eric Schuh von Element bereits mit „massiven“ Wachstumsraten bei parametrischen Versicherungslösungen gerechnet. Und mit einer neuen Cloud-Versicherung hat das Insurtech auch gerade ein passendes Produkt herausgebracht. Aber was genau ist eigentlich eine parametrische Versicherung?

Versicherungsschutz basierend auf Messgrößen

Der Name verrät die Funktionsweise: Die parametrische Versicherung reguliert einen Schaden auf Basis einer vorher definierten Messgröße. Die Versicherung zahlt, wenn ein Schwellwert erreicht ist – und zwar unabhängig vom Eintritt eines konkreten Schadens. 

Die von Element in Kooperation mit dem US-Unternehmen Parametrix herausgebrachte Cloud-Versicherung ist ein gutes Beispiel für eine solche Police. Mit ihr können sich Unternehmen gegen den Ausfall ihrer Cloud-Lösungen absichern. Dauert der Ausfall bzw. die Störung länger als in der Police vereinbart, zahlt die Versicherung. Die Versicherten müssen also weder den Beweis führen, dass die Cloud ausgefallen ist, noch ihren konkreten Schaden belegen.

Voraussetzung für eine parametrische Versicherung ist also, dass es einerseits einen Wert gibt, der messbar ist und Sensoren, die diese Werte ermitteln. Die Versicherungswelt bezeichnet dieses Ereignis als „Trigger“. Es hat grundlegende Bedeutung, dass weder die Versicherten noch die Versicherungsgesellschaft diesen Trigger beeinflussen können. Keine der Seiten kann manipulieren.

Technisch möglich wurden diese besonderen Policen erst durch die fortschreitende Digitalisierung (Stichwort Sensorik und Internet of Things), neue Datenquellen und Fortschritte bei der Datenanalyse in Form von KI und Mustererkennung. 

Beispiele für parametrische Versicherungen

Die ersten Beispiele für Policen, die auf Parametern beruhen, greifen auf sehr naheliegende Daten zurück:

  • Bei der Hagelgilde oder Wetterheld spielen Wetterdaten eine große Rolle. Landwirte können sich so gegen Umsatz- und Ernteeinbußen aufgrund von extremer Hitze, großer Kälte, Dürre oder übermäßigen Regen versichern. Hoteliers in Skigebieten etwa gegen Schneemangel. Dank eines dichten Netzes an Wetterstationen stehen entsprechende Daten rund um die Uhr zur Verfügung.
  • Bereits vor rund zwei Jahren wurden die ersten Reiseversicherungen (z. B. von BD24 Berlin Direkt) vorgestellt, die bei Verspätungen oder Flugausfällen entschädigen. Auch hier gibt es exakte Daten über die Ereignisse.
  • Parasyl überwacht die Kühlketten sensibler Produkte auf dem Frachtweg.
  • Anansi Technology wiederum widmet sich dem Versandschutz für Händler, in dem es die Dauer des Transportweges ermittelt.

Grundsätzlich lassen sich alle immateriellen Risiken versichern, die sich mit Hilfe von Daten belegen lassen. Kommt es in der Lieferkette eines Unternehmens zu Problemen, kann das einen Betriebsstillstand verursachen. Werden Materialien per Schiff transportiert, könnte sich die Parametrik an den Pegelständen von Flüssen orientieren, die belegen, dass keine Schiffe fahren konnten. In Gebieten, die einen hohen Risiko von Erdbeben ausgesetzt sind, bieten sich die Werte der Richterskala an. 

Warum parametrische Versicherungen für Insurtechs interessant sind

Es geht um (digitale) Daten, Analysen und Automatisierung; das klingt technisch bereits alles nach einem optimalen Spielfeld für innovative Insurtechs. Das gilt auch für Geschäftsmodelle.

  • Abdeckung von bisher nicht versicherbaren Risiken: Mit Sensorik, IoT und KI-Analysen werden plötzlich Risiken versicherbar, die zuvor entweder als gar nicht zu versichern oder zu teuer galten. Underwriting- und Schadenprozesse sind deutlich kostengünstiger.
  • Geschwindigkeitsgewinn: Dank des Triggers gibt es einen objektiven und nicht manipulierbaren Sachverhalt. Es muss kein Sachverständiger oder Backoffice-Mitarbeiter den Schaden begutachten und die Versicherten müssen keine ausführlichen Schadensmeldungen und Beweise einreichen. Somit kann auch die Entschädigung schneller ausgezahlt werden.
  • Geringere Kosten: In den Prämien klassischer Policen sind jede Menge Kosten eingerechnet, die einem Versicherer sonst entstehen: Personal in der Schadensabwicklung, Gutachter, Rechtsbeistand usw. Zudem stehen keine konkreten Schadenssummen fest. Im Rahmen einer Mischkalkulation belasten die Prognosen auch die Prämienhöhe. Das alles entfällt bei parametrischen Policen.
  • Höhere Kundenflexibilität: Sicherlich eines der größten Assets einer parametrischen Versicherung, denn die Kunden entscheiden selbst, wie hoch die Abdeckung (Schadenssumme) sein soll, welches Ereignis sie versichern wollen und welcher Schwellenwert gilt. Beispiel Cloud: Wer mit einem Ausfall von 60 Minuten leben kann, versichert sich erst ab diesem Niveau und zahlt weniger, als ein anderer Versicherter, für den bereits 30 Minuten zu viel sind. Die Kunden passen eine solche Police also an seine individuelle Situation und Risikobereitschaft an.
  • Größere Transparenz: In der herkömmlichen Versicherung bewertet die Gesellschaften den Schaden. Dabei kann es bekanntlich zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Kund:innen und Versicherer kommen. Und umgekehrt machen Versicherte auch häufig den Schaden größer als er gewesen ist. Parametrik zahlt aus, wenn der Auslöser erfüllt ist. Keine Diskussion auf irgendeiner Seite.
  • Gut kalkulierbar: Bei allen aktuellen parametrischen Versicherungen ist das Risiko vorab gut einschätzbar und somit kalkulierbar. Es liegen historische Wetterdaten, Flugdaten usw. vor, so dass mittels KI und Machine Learning bessere Prognosen aufgestellt werden können.

Neugierig darf man sicherlich auf die Bemühungen des Insurtechs Mosaic sein, das die Gewerbeversicherungen in einer Kombination aus Parametrik und Blockchain neu entwickeln will. Gerade durch die objektiven Auslöser und dem Potential des „Smart Contracting“ mit einer Blockchain dürften sich hier einige Möglichkeiten ergeben; beispielsweise eine Versicherung, die den Ausfall von Maschinen versichert.


Dank der Blockchain läge die Schadensmeldung sofort vor und gäbe es dann bereits eine programmierbare CDBC erfolgt auch die Regulierung mehr oder weniger sofort. Das ist jetzt aber doch etwas zu viel Science-Fiction.

Autor
Stephan ist seit Anfang der 90er Jahre online und hat eine ausgeprägte Fintech-Vergangenheit (Star Finanz, Hypoport). Bei der Hypoport-Tochter Dr. Klein war er u.a. für das Produktmanagement und den Bereich Business Development verantwortlich. Seit über 10 Jahren schreibt er über... mehr
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