Kolumne Krypto /& Tokens Teil 1

Da wir bei Payment & Banking gerne über die Zukunft der Finanzbranche philosophieren, wollen wir naturgemäß auch neue Technologien mit aufnehmen und diskutieren. Die Blockchain hat das Potenzial die Finanzindustrie radikal zu verändern. In der neuen Kolumne Krypto & Tokens von unserem Gastautor Emanuel Coen werden wir daher regelmäßig Meinungsartikel veröffentlichen mit dem Ziel interessante Debatten anzustoßen und unserer Leserschaft das Thema näher zu bringen.

Warum Bitcoin nicht „zu langsam“ ist

Der Start des neuen Jahrzehnts ist ein guter Zeitpunkt um eine Prognose zur Zukunft von Bitcoin zu wagen und die letzten Jahre Revue passieren zu lassen. Es gibt wenige Technologien über dessen Erfolgsaussichten und Daseinsberechtigung Experten sich so uneinig sind wie über die von Bitcoin. Aus meiner Sicht, fängt das Problem damit an, dass kein Konsens darüber herrscht, was Bitcoin genau ist und welches Problem es lösen soll. Ohne solch eine Definition ist es jedoch schwer ein Urteil zu dieser Frage zu fällen. Zum Beispiel werden immer wieder Stimmen laut, die auf Grund der Tatsache, dass man noch immer nicht flächendeckend mit Bitcoin bezahlen kann, behaupten, dass Bitcoin gescheitert sei. 

Die gleichen Leute weisen gerne darauf hin, dass Bitcoin unüberwindliche Skalierungsprobleme hat und deswegen nie die Transaktions-geschwindigkeit eines Visa oder Mastercard Netzwerks erreichen kann. Zum Hintergrund: Visa kann nach eigenen Angaben etwa 4000 Transaktionen pro Sekunde abwickeln, Bitcoin dagegen nur zwischen 4-5. In diesem Beitrag möchte ich verdeutlichen, dass diese Eigenschaft des Bitcoin Netzwerks jedoch keineswegs ein Bug sondern vielmehr ein Feature ist. Denn Bitcoin ist in erster Linie kein Payment Netzwerk, sondern vielmehr das erste dezentrale Geld-Protokoll, das die Welt gesehen hat.

Wenn man Bitcoin mit etwas in Konkurrenz stellen möchte, dann eher mit einer Währung wie dem Euro, dem Dollar oder Gold da Bitcoin de facto Geld-Eigenschaften besitzt. Und wenn man Bitcoin unbedingt mit einem Institut aus der heutigen Finanzwelt vergleichen möchte, dann sollte man es lieber mit einer Zentralbank tun die in erster Linie für eine stabile Geldpolitik sorgt und damit den Wert einer Währung garantiert, als mit Visa oder Mastercard.

Warum Bitcoin nicht "zu langsam" ist

Was ist die Aufgabe eines dezentralen Geld-Protokolls?

Wenn man Bitcoin nun als dezentrales Geld-Protokoll betrachtet, sind andere Charakteristiken bedeutender als Transaktionsgeschwindigkeit. Der Heilige Gral bei Bitcoin ist das Prinzip “digitaler Knappheit”. Es umfasst Bitcoins gesamte Geldpolitik. Im Protokoll ist verankert, dass insgesamt nur 21 Millionen Bitcoin herausgegeben werden. 

Das zweite grundlegende Prinzip an dem nicht gerüttelt werden darf, ist das Prinzip der Dezentralität. Damit ist die Eigenschaft gemeint, jeglicher Einwirkung von böswilligen Akteuren widerstehen zu können. Bitcoin soll selbst dann (oder gerade dann) funktionieren wenn höhere Mächte mit aller Kraft versuchen dies zu unterbinden. Aus diesen zwei Prinzipien leitet sich ab, dass Bitcoins Hauptfunktion, ein sicherer und zensur resistenter Wertspeicher für all diejenigen zu sein, die sich von der Geldpolitik ihres Landes im Stich gelassen fühlen, ist. Wenn ich mit Bekannten über die Zukunft von Bitcoin rede und die oben genannten Eigenschaften hervorhebe, höre ich oft, dass sei ein Nischenproblem.

Zensurresistentes und inflationssicheres Geld brauche niemand. Ich halte diese Aussage für fundamental falsch. Ich war dieses Jahr im Iran und im Libanon. In beiden Ländern hatten die Menschen jeden Glauben in die lokale Währung verloren und klagten darüber nicht in ihre Zukunft investieren zu können, weil sie keinen Zugang zu sicheren Anlagewerten haben die ihr Vermögen schützen. Oft gibt es in solchen Ländern einen Schwarzmarkt von physischen amerikanischen Dollarnoten doch dies skaliert mangels Liquidität (als Konsequenz aus Sanktionen und Kapitalmarkt-Kontrollen) nur begrenzt. Bitcoin funktioniert trotz Sanktionen und Kapitalmarkt-Kontrollen. 

Warum Bitcoin nicht "zu langsam" ist

Diese Beispiele sind keine Ausnahmen. Mit Venezuela und Argentinien kommen gleich zwei weitere Länder in den Sinn, die mit ähnlichen Problemen kämpfen. In Hong Kong haben Banken jüngst Spendengelder von Protestgruppen in Höhe von $10 Millionen Dollar auf Druck der chinesischen Regierung eingefroren.

Wikileaks erlitt vor einigen Jahren ein ähnliches Schicksal als Mastercard, PayPal & Co. ihnen die Konten einfroren und Wikileaks somit keine Spenden mehr einsammeln konnte.

Langsamkeit als Feature

Um in den oben genannten Szenarien als Ersatz zu fungieren, muss Bitcoin Kerneigenschaften priorisieren und in anderen Bereichen Abstriche machen. So wäre es zum Beispiel trivial die Blockgröße (derzeit max. 4MB oder ~2700 Transaktionen ), und somit das Transaktionsvolumen, zu erhöhen, doch würde es weitreichende Folgen mit sich bringen. 

Die Knappheit von Bitcoin äußert sich nämlich nicht nur durch die auf 21 Millionen begrenzte Bitcoinmenge sondern auch durch die begrenzte Blockgröße. Durch die Begrenzung wird der Speicherplatz in den Blöcken zum kanppen Gut. Es entsteht ein Wettstreit indem Nutzer ihren Transaktionen Gebühren anhängen müssen damit ihre Transaktionen von Minern validiert werden. Die Miner, rationale, Gewinn getriebene Akteure, arbeiten der Reihe nach Transaktionen aus einem Pool ab und priorisieren logischerweise die profitabelsten.

Mit anderen Worten: die begrenzte Blockgröße gewährleistet einen profitablen Gebührenmarkt der die Miner für ihre Arbeit entlohnt und somit die Sicherheit des Netzwerks für die nächsten Tausend Jahre finanziert. Gäbe es  unbegrenzt Platz in Blöcken und somit auch keinen Gebührenmarkt, würden die Miner nämlich nur auf die sogenannten “block rewards” angewiesen sein. Diese Belohnung bekommt der Miner, der ein mathematisches Puzzle als erster löst und somit einen Block validiert. Aktuell beträgt die Belohnung 12.5 Bitcoin. Jede 4 Jahre wird die Belohnung jedoch halbiert bis irgendwann die harte Grenze von 21 Millionen Bitcoin erreicht wird. Von diesem Tag an, müssen alleine die Gebühren die Miner (und damit die Sicherheit des Netzwerks) finanzieren, da es keine Inflation in Form von “block rewards” mehr geben wird. 

Kein Payment Netzwerk

Wem bewusst wird, dass die Langsamkeit des Netzwerks gewollt ist, wird verstehen, dass das Bitcoin Netzwerk niemals dafür geeignet sein wird, täglich Milliarden an Transaktionen abzuwickeln. Dafür eignet sich eine Blockchain nicht. Zur Erinnerung: jeder Node der am Netzwerk teilnimmt, speichert die gesamte Bitcoin Transaktionshistorie. Diese Art der lokalen Speicherung ist nötig für die Dezentralität und Zensur-resistenz des Netzwerks. Existieren Kopien des Ledgers auf Tausenden Computern weltweit, ist es nämlich fast unmöglich das Netzwerk lahmzulegen. Damit möglichst viele am Netzwerk teilnehmen können und Speicherkosten überschaubar bleiben, ist es wichtig die Größe der Blockchain klein zu halten. Jeden Kaffeekauf als Beispiel für Massenzahlungsverkehr auf Tausenden Computern zu speichern macht daher wenig Sinn!

Genau wie das Clearing System einer Zentralbank ist Bitcoin eher auf das finale Settlement zwischen Parteien zugeschnitten. Wer sich mit Zahlungsverkehr auskennt, weiß, dass bei einer Kartentransaktion meistens Geldbeträge nicht in Echtzeit an den Händler überwiesen werden. Stattdessen, funktionieren diese Systeme durch multilaterale Vereinbarungen, wonach Banken (Schemes & andere Player) erstmal ins Risiko gehen, Transaktionen validieren, sammeln und dann am Ende des Tages die Differenzen zwischen einander ausgleichen. 

Ist es nun ein Erfolg?

Technisch könnte man ein ähnliches System, auf Bitcoin nachbauen. Das Lightning Netzwerk ist nur eine von vielen Formen wie ein solches Payment Netzwerk auf Bitcoin aussehen kann. Der Punkt ist, dass dies nicht die Aufgabe des Bitcoin Netzwerks ist sondern eines sekundären Netzwerks, welches auf Bitcoin aufbaut. Bitcoin muss sich primär als globales, dezentrales, zensur resistentes Settlement System behaupten. Diesem Ziel ist Bitcoin im letzten Jahrzehnt ein gutes Stück näher gekommen. Der Name ist ein Haushaltsbegriff. In jedem Land der Welt kann Bitcoin gegen lokale Währung getauscht werden. Selbst (oder gerade ) in Ländern in denen Kryptowährungen verboten sind, florieren peer-to-peer Tauschbörsen wie LocalBitcoins, über die Käufer und Verkäufer direkt zueinander finden.

Warum Bitcoin nicht "zu langsam" ist

2019 wurden Transaktionen im Wert  von 670 Milliarden Dollar über das Netzwerk abgewickelt. Mehr als 10.000 Nodes in aller Welt lassen die Bitcoin Software auf ihrem Computer laufen und sorgen so für die Sicherheit des Netzwerks. Es gibt sogar eigens für diesen Zweck eingesetzte Satelliten im All, die die Blockchain Daten in Echtzeit an Nodes in Ländern übertragen in denen das Internet zensiert ist und Kryptowährungen verboten sind. Die große Frage für mich ist, ob diese Eigenschaften im nächsten Jahrzehnt nützlich sein werden oder nicht. Das hängt vor allem von der zukünftigen politischen Entwicklung ab.

Zum Autor:

Botcoin & Krypto Kolumne Emanuel Coen

Emanuel Coen ist für Business Development beim Micropayment-Anbieter SatoshiPay verantwortlich. Außerdem betreibt er das Kryptovergleichsportal Cryptotesters (https://cryptotesters.com/), indem er versucht Konzepte rund um Kryptowährungen einfach zu erklären sowie die Suche nach den besten Wallets, Kryptobörsen und anderen Kryptoprodukten zu erleichtern. An der Blockchain-Technologie faszinieren ihn vor allem die langfristigen Implikationen auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. 


Autor
Nicole Nitsche
Nicole Nitsche ist studierte Theaterwissenschaftlerin und hat mehrere Jahre als Regieassistentin beim Thalia Theater Hamburg gearbeitet. Danach war Nicole Leiterin der Presse-und Marketingabteilung eines Hamburger Musiklabels. Zu ihren täglichen Aufgaben zählten dort, neben dem Verfassen von Pressetexten, die Umsetzung und... mehr

1 Kommentar

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