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Kinderkontos sind egal

Alle großen Fintechs wollen jetzt mit Kinderkonten punkten. Der Hype darum aber ist völlig unnötig. Die neue Folge von „Nils nörgelt”.

Portrait Nils Heck mit seiner Kolumne Nils nörgelt
Portrait Nils Heck mit seiner Kolumne Nils nörgelt

Alle großen Fintechs wollen jetzt mit Kinderkonten punkten. Der Hype darum aber ist völlig unnötig. Die neue Folge von „Nils nörgelt”.

Die Payment- and Banking-Szene ist zweifellos niemals langweilig. Kein Monat vergeht, ohne dass neue Produkte, Banken, Fintechs und Payment-Lösungen auf den Markt kommen. Aber wer braucht das eigentlich alles und muss man das alles gut finden? Unser Autor Nils Heck beleuchtet in seiner Kolumne „Nils nörgelt“ monatlich ein Produkt, Thema oder eben den „letzten heißen Scheiß“. Etwas zu meckern gibt es schließlich (fast) immer.

Die deutsche Fintech-Szene hat es mal wieder geschafft: Sie hat ein völlig neues, bahnbrechendes Produkt erfunden, das noch keine Bank vor ihr auch nur ansatzweise erdenken konnte. Zu komplex, zu großartig, zu gut durchdacht – mindestens einmal der neue Heilsbringer ist es zweifelsohne und wer sich so in der Fintech-Szene umhört, der hört schon Gerüchte von mehr. Vielleicht, ja vielleicht kann dieses neue Produkt wirklich die Welt verändern, nein: revolutionieren. Ja, schon Archimedes soll einst gesagt haben: Gebt mir ein Kinderkonto und ich hebe die Bankenwelt auseinander.

Wer an dieser Stelle noch nicht begriffen hat, dass der gesamte erste Absatz ironisch gemeint ist, hier ein vielleicht nötiger Einschub: Achtung, Ironie. Denn ja, die Fintechs von Revolut bis N26 prahlen zurzeit überall mit ihren Kinderkonten und was die nicht alles können. Gleichzeitig sehen sich Wirtschaftsmedien von Handelsblatt bis Wirtschaftswoche offenbar genötigt, die ganz große Vergleichstabelle für das beste Kinderkonto rauszuholen und bei manch junger Bank wird das gar als Meilenstein verkauft. Ich wiederhole das nochmal für Euch, damit Ihr es Euch auf der Zunge zergehen lassen könnt: Der Meilenstein im Banking der Zukunft ist jetzt ein Kinderkonto. Da muss ich doch fragen: ernsthaft?

Wenn Kinderkonten die beste Idee sind, dann Gute Nacht

Mir als kinderlosem Großstadt-Yuppie erschließt sich das gesamte Thema bisher absolut gar nicht, der Hype darum könnte mir fremder nicht sein. Denn mal ehrlich, liebe Fintecherinnen und Fintecher: Glaubt Ihr wirklich, dass Euch ein Kinderkonto irgendwie nach vorne bringt? Wenn ich mich recht entsinne, hatte schon die Kölner Volksbank ein solches Angebot in meiner Jugend und auch die Sparkassen haben eine lange Tradition an Angeboten, die sich an die sechs- bis sechzehnjährigen richten. Warum also glauben Fintechs, dass sie die Welt neu erfunden haben, wenn sie eines der ältesten Angebote im Banking jetzt auch endlich im Angebot haben? Natürlich klingen die Kinderkonten besser, weil sie zur Hälfte aus englischen Wörtern bestehen. Natürlich soll alles viel einfacher sein, weil ist ja digital und toll und ohooooo. Aber DAS soll Euer großer Wurf für 2026? Ich bitte Euch. Das wäre, als würde ich als Angriff auf die Zeitung jetzt auch einfach eine Zeitung machen – aber sie halt Newspaper nennen. Das ist nicht innovativ. Das ist nicht neu. Das ist bocklangweilig und vor allem eines: egal.

Fintechs versprechen sich von den Kids-Konten sicherlich allerlei Vorteile. Der vielleicht wichtigste: Es soll eine Bindung der Kinder und Jugendlichen entstehen, damit diese mit dem 18. Lebensjahr auch zu braven Kund*innen werden. Doch da muss ich die Damen und Herren in den schicken Berliner und Londoner Büros einmal bremsen: Euer Kinderangebot ist jede*r 18-Jährigen egal. Denn wer zum Studium in die Großstadt zieht, sich eine Lehre beim örtlichen Schreinerbetrieb sucht und endlich, endlich seine Finanzen selbst in die Hand nehmen darf, wird das Konto auswählen, was ihm dann am bequemsten ist. Hat Revolut zu der Zeit das Angebot, wird es die britische Neobank. Kann die DKB durch eine schöne App punkten, dann wird es eben jene. Die Loyalität junger Menschen gegenüber ihrer Bank war vermutlich noch nie so gering wie heute, der Trend geht schließlich nicht mehr zum Zweit- sondern eher Dritt- oder Viertkonto und dazu noch ein Depot. Denn, dass haben Fintechs nicht verstanden: Jungen Leuten ist euer Branding egal. Sie wollen einfach das beste Angebot und zwar in diesem Moment, nicht, als sie 12, 15 oder 17 waren. Es ist also vollkommen egal, wie gut euer Kids-Angebot jetzt ist. Loyale Kund*innen werdet ihr dadurch kaum gewinnen.

Kinderkonten: Die Angebote sind austauschbar

Bleibt noch der zweite, vermutlich gewichtige Grund: Fintechs wollen gerne die Bank einer ganzen Familie werden. Durch das Kids-Angebot wird es natürlich für Väter und Mütter attraktiver, dort ein Konto zu eröffnen, wo die Jugendlichen auch eine Karte oder ein eigenes Konto bekommen. Doch dieses Argument zieht nur so lange, wie man sich mit diesem Angebot vom Markt unterscheidet. Genau diese Unterscheidung aber findet bisher gar nicht oder nur unzureichend statt. Ob DKB, Sparkasse, Comdirect oder irgendein Fintech: Für mich sehen alle Kinderkonten und die Angebote dazu mindestens einmal ähnlich, vielleicht sogar gleich aus. Denn sie sind eigentlich immer kostenlos, mit Prämien versehen und der Möglichkeit, sie von den Eltern überwachen zu lassen. Wir wollen den Helikopter-Millenials ja gefallen. Was also bringt die Einführung eines solchen Kontos konkret für Fintechs? Schlussendlich nicht viel. Denn sie ziehen mit ihrem Angebot so maximal gleich mit etablierten Banken und Sparkassen. Was sie bisher jedoch nicht schaffen, aber wofür man sich so eine Neobank ja aufs eigene Smartphone holt, ist, besser zu sein. Innovativer. Moderner. Einfacher. Oder anders: Keine Bank ist bisher führend beim Kinderkonto. Alle sind gleich. Alle sind austauschbar.

Deshalb bleibt am Ende ein ernüchterndes Fazit für die Banken und Fintechs: Kinderkonto kann jeder. Wenn man es nicht schafft, sich von „jeder” zu unterscheiden, dann hat man gerade vielleicht einen Meilenstein erreicht. Aber eben 15 Jahre nach den meisten anderen Banken in Deutschland. Und genau deshalb ist auch der Hype um die Kinderkonten und Kinderkarten nicht nur übertrieben. Nein, ich würde sogar soweit gehen und sagen: Der Hype um Kinderkonten und Kindergarten ist völlig unberechtigt.

Autor

Nils Heck
Nils Heck

Nils Heck ist Gründer des Journalistenbüros dreimaldrei, Buchautor und seit März 2024 Redaktionsleiter bei Payment and Banking. In seiner Kolumne „Nils nörgelt“ kommentiert er kritisch die Branche. Nebenbei jongliert er professionell.