Gib auf, Commerzbank
Das deutsche Geldhaus wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die Übernahme durch die Unicredit. Das ist unnötig. Die neue Folge von „Nils nörgelt.”
Die Payment- and Banking-Szene ist zweifellos niemals langweilig. Kein Monat vergeht, ohne dass neue Produkte, Banken, Fintechs und Payment-Lösungen auf den Markt kommen. Aber wer braucht das eigentlich alles und muss man das alles gut finden? Unser Autor Nils Heck beleuchtet in seiner Kolumne „Nils nörgelt“ monatlich ein Produkt, Thema oder eben den „letzten heißen Scheiß“. Etwas zu meckern gibt es schließlich (fast) immer.
Die Nachricht kam am Mittwoch schon am Mittag: Die bisherigen Aktionär:innen der Commerzbank haben der italienischen Unicredit mehr Aktien angedient als zu erwarten gewesen sei. Zusammen mit allerlei Finanzinstrumenten kam die Unicredit am Mittwoch auf fast 50 Prozent der Anteile. Die Übernahme der Commerzbank steht damit kurz bevor, Andrea Orcel ist so gut wie am Ziel. Und Gott, ja, der Aufschrei dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Der Kampf der Commerzbank gegen die Übernahme durch die Unicredit ist schließlich längst ein politischer und einer, in dem es um alles zu gehen scheint. Um die Unabhängigkeit der deutschen Bankenlandschaft. Um den Zugang zu Krediten für Mittelständler:innen. Um generell die Zukunft oder eben den Ausverkauf Deutschlands.
Doch wer genauer hinschaut, sieht: All diese Argumente sind zu entkräften, während die Argumente für eine Übernahme durchaus valide sind. Denn ja, Europa braucht große Banken, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können und auch weiterhin eine Finanzierung der europäischen Wirtschaft gewährleisten zu können. Bettina Orlopp und ihre Führungsmannschaft sollten dafür endlich den Weg frei machen und einer Übernahme durch die italienische Bank zustimmen. Auch, wenn das im ersten Moment wie eine Niederlage aussieht, könnte es der Beginn einer Erfolgsgeschichte werden.
Bankenlandschaft ist fragmentiert
Schon ein Blick auf die Zahlen zeigt deutlich, was viele Banker:innen gerne ausblenden: Die europäische und erst recht die deutsche Bankenlandschaft ist schlicht zu fragmentiert, um eine große internationale Schlagkraft entwickeln zu können. Allein in Deutschland gibt es mehr als 1.400 eigenständige Banken, in der gesamten EU sind es mehr als 5.000 und viele davon sind kleine, regionale oder mittelgroße Banken, die sich gegenseitig Geschäft wegnehmen. Auf kleinerer Ebene sehen wir aus genau diesem Grund seit Jahren Fusionen bei Volksbanken und auch im Sparkassensektor.
Das ist durchaus vernünftig, denn es braucht oft nicht die gleiche Infrastruktur zwei- oder dreimal in ein paar Kilometern Entfernung. Darauf können sich eigentlich alle Bankerinnen und Banker einigen und sehen in dem Trend durchaus eine positive Entwicklung. Warum aber sollten die gleichen Argumente nicht auch auf einer deutlich größeren Skala gelten, warum nicht auch bei nationalen oder eben grenzüberschreitenden Instituten?
Der Mittelstand ist nicht in Gefahr
Oft erwähnt wird, dass die Commerzbank maßgeblich dafür ist, dass Mittelständler:innen in Deutschland an Geld kommen. Und, so las man zwischen den Zeilen, wenn die Commerzbank nicht mehr existieren würde, dann sähe es ja durchaus schlecht aus um den Mittelstand. Immerhin, das muss man sagen, ist die Commerzbank wirklich ein Schwergewicht in der Mittelstandsfinanzierung, hat tausende Kund:innen. Doch das Argument, all das würde sofort zusammenbrechen, ist mehr als dünn. Denn wo ein Bedarf ist, wird es immer auch ein Angebot geben. Wenn die Unicredit die Commerzbank schlucken würde, würde sie sicherlich nicht einen der profitabelsten Zweige des Instituts dicht machen oder stark verkleinern. Immerhin lässt sich die Bank die Übernahme Milliarden kosten. Warum dann ausgerechnet das Kerngeschäft zerschießen? Das wäre nicht im Interesse der italienischen Großbank, die ja am Ende auch nur eines will: Geld verdienen.
Auch wird gerne betont, dass durch die Übernahme zusätzliche Arbeitsplätze wegfallen. Tatsächlich ist das ein valides Argument, die Hypovereinsbank (HVB) ist schließlich nur noch der Schatten einer Bank, auch dort hatte die Unicredit die Mehrheit übernommen. Doch auf der anderen Seite stellt sich die Frage: Ist das Commerzbank-Personal-Tableau vielleicht wirklich etwas voll? Bereits im Mai diesen Jahres überraschte die Bank mit einem weiteren Stellenabbau von mehr als 3.000 Mitarbeiter:innen, zusätzlich zum bereits beschlossenen Stellenabbau von ebenfalls mehr als 3.000 Stellen. Das zeigt: Auch eine Nicht-Übernahme führt also offenbar zu herben Jobverlusten. Und noch etwas sticht ins Auge: Bei der Commerzbank gab es offenbar durchaus Potenzial für Kürzungen, genau wie Andrea Orcel von Anfang an gesagt hat.
Unabhängig? Ja, aber bitte europäisch!
Gerade die Argumente zur Unabhängigkeit klingen alle sehr vernünftig auf den ersten Blick. Doch die Commerzbank ist weit davon entfernt, das Powerhouse zu sein, das sie gerne wäre. Nach der Finanzkrise musste der Staat eingreifen, später dümpelte das Institut unter seiner alten Führung lange herum, ehe die mögliche Übernahme tatsächlich für Betriebsamkeit in den Büros der Commerzbank sorgte. Die Bewahrung der Unabhängigkeit ist sicherlich ein großes und wichtiges Thema, seit Donald Trump wieder an der Macht ist und diese, wo es nur geht, missbraucht. Doch Andrea Orcel liegt vollkommen richtig, wenn er argumentiert, dass es viel sinnvoller wäre, diese Unabhängigkeit auf europäischer und nicht auf nationaler Ebene zu verteidigen. Auch könnten Synergien durchaus viel Geld und auch Arbeitsplätze einsparen. Das ist für den einzelnen Banker und die einzelne Bankerin schmerzhaft, für ein stabiles System aber womöglich genau das, was es braucht. Gerade wer sich die Größe von US-Banken oder japanischen Geldinstituten anschaut, merkt schnell: Europa kann dem oft wenig entgegensetzen. Zumindest nicht mit seinem bisherigen Bankensystem.
Angesichts der Tatsache, dass die Unicredit nun bereits fast 50 Prozent hat und viele Argumente für eine Übernahme sprechen, sollten Bettina Orlopp und ihre Führungsmannschaft den Widerstand unbedingt aufgeben und sich gütig mit der Unicredit auf eine Fusion oder Übernahme einige. Alles andere wäre unvernünftig.