ISO 20022 – der 22 Jahre alte Standard, der Banken überfordert
Jahrzehnte sind in der Digitalisierung eine Ewigkeit. Doch viele Banken behandeln den globalen Standard ISO 20022 auch mehr als zwei Jahrzehnte später immer noch als reines IT-Projekt und schöpfen sein Innovationspotenzial nicht aus.
Das Thema ISO 20022 zeigt anschaulich, dass regulatorische Vorgaben nicht automatisch zu Innovation führen. Der schon 2004 eingeführte Standard sollte der Start einer einfacheren Ära im Zahlungsverkehr sein – mit strukturierten Zahlungsdaten, die grenzüberschreitende Transaktionen reibungsloser machen und neue Möglichkeiten im Zahlungsverkehr eröffnen. Doch viele Banken schöpfen das Potenzial von ISO 20022 bis heute nicht aus.
Mit der Umstellung auf Instant Payment im vergangenen Herbst endete für Europas Banken jedoch endgültig die Übergangsfrist: Seither ist der Standard die verpflichtende Grundlage für grenzüberschreitende Zahlungen und Überweisungen im internationalen Interbankenverkehr.
Die technischen Herausforderungen
ISO 20022 war immer mehr als ein IT-Migrationsprojekt. Ja, dieser Teil ist herausfordernd, da jedes Zahlungsnetzwerk den Standard ein bisschen anders umsetzt. Und die Anforderungen rund um ISO 20022 verändern sich ständig. Banken müssen nicht nur mit den internationalen Unterschieden umgehen, sondern auch mit dem, was ihre lokale Marktinfrastruktur jeweils verlangt.
In vielen Instituten fließen inzwischen bis zu 60 Prozent des IT-Budgets allein in regulatorisch bedingte Änderungen. Um ihre Ausgaben zu reduzieren, verfolgen viele Banken bereits einen zurückhaltenden Ansatz und setzen nur das Nötigste um. Für die Investitionen in die Innovation, die nötig wäre, um Standards wie ISO 20022 voll auszuschöpfen, bleibt kaum Spielraum.
Was ISO 20022 möglich macht
Dabei verzichten sie auf die Verbesserungen, die ISO 20022 eigentlich für den Zahlungsverkehr verspricht. Der Standard erlaubt es, deutlich mehr Informationen in einer Zahlung mitzugeben, in klar strukturierter, maschinenlesbarer Form. Das ermöglicht mehr Transparenz, bessere Betrugsprävention und neue digitale Services, etwa automatische Benachrichtigungen, präzisere Statusabfragen oder Self-Service-Angebote.
Statt wie bisher nur einzelne Abschnitte im Zahlungsprozess zu sehen, könnten Banken künftig den gesamten Ablauf – von der Überweisung bis zur Klärung möglicher Rückfragen – durchgängig abbilden. Auch Prozesse wie das Liquiditätsmanagement lassen sich dadurch effizienter gestalten. Und: ISO 20022 ist flexibel genug, um auch auf neue Technologien oder Anforderungen reagieren zu können. Voraussetzung ist, dass Institute mehr tun als nur das Nötigste.
Wie Banken dem Anpassungsdruck entkommen können
Dafür brauchen sie eine klar definierte Strategie zur Modernisierung der Zahlungsinfrastruktur entlang dreier Entwicklungsrichtungen:
- Technologische Modernisierung: APIs, SaaS und Cloud-Technologien verstehen und gezielt einsetzen, um flexible, skalierbare IT-Systeme zu bauen.
- Anschlussfähigkeit an Marktinfrastrukturen: Die Regeln und Vorgaben von Abwicklungssystemen und Zahlungsnetzwerken verändern sich ständig. Wer dauerhaft regelkonform bleiben will, muss auf ständige Weiterentwicklung vorbereitet sein – eine einmalige Umstellung reicht nicht.
- Neue Services erschließen: Auf der Basis von detaillierteren und strukturierteren Zahlungsdaten können Banken Services mit Mehrwert entwickeln und anbieten, die mit älteren Formaten kaum möglich waren
Das alles umzusetzen, ist unter Zeit- und Kostendruck allerdings eine Herausforderung. Gefragt sind Plattformen, die sich flexibel an neue Anforderungen anpassen, sich über APIs mit bestehenden Systemen verbinden lassen und genug Spielraum bieten, um neue Funktionen zu pilotieren, ohne die gesamte Infrastruktur umbauen zu müssen.
Ein Praxisbeispiel aus Großbritannien
Eine britische Retailbank hat mit einem solchen System ihre über Jahrzehnte gewachsene Zahlungslandschaft modernisiert. Deren Prozesse liefen auf einem Mainframe aus den 1980ern und mehreren veralteten Anwendungen. Besonders problematisch war die Abwicklung von Sammelzahlungen im Batch-Verfahren. Die Folgen: verspätete Auszahlungen, Ausfälle, Wissensverluste und steigende Kosten.
Mit der neuen Infrastruktur konnte die Bank ihr Zahlungsvolumen von knapp drei Milliarden Transaktionen jährlich effizient abwickeln. Innerhalb von sechs Monaten wurde ein neuer Standardprozess für Sammelzahlungen umgesetzt – mit messbarem Erfolg:
● Zahlungen erreichen die Empfänger wieder zuverlässig und pünktlich.
● Kundenanfragen lassen sich durch die höhere Transparenz schneller beantworten.
● Die neue Infrastruktur ersetzt mehr als acht Altsysteme, was den Betrieb vereinfacht und Raum für weiteres Wachstum schafft.
Das Beispiel zeigt, wie Institute durch gezielte Modernisierung ihre Zahlungsprozesse zukunftssicher aufstellen können, ohne ihre bestehende Architektur komplett über Bord werfen zu müssen.
ISO 20022 zwingt zur Veränderung und das ist gut so
Gerade darin liegt eine der größten Chancen von ISO 20022: Der Standard zwingt zur Veränderung und dazu, alte Strukturen zu hinterfragen. Wer mehr als das Nötigste tut, verbindet Compliance mit echter Innovation.