Interview: Auswirkungen von FinTech auf den Finanzmarkt

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Kürzlich habe ich der dualen Studentin Karina Vida (Finanz Informatik) auf ein paar Fragen geantwortet. Als ich es dann nachher lass, fand ich, es ist etwas für den Blog. Hintergrund der Fragen sind Karinas Masterthesis über den Finanzmarkt und die Auswirkungen von FinTech auf diesen. 

Der Einfluß der Digitalisierung auf die Finanzbranche

Karina Vida Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf Ihren Alltag speziell für Sie? Wie würden Sie das beschreiben?

André Bajorat (Lachen) Also sie ist einfach ein elementarer Bestandteil unseres – meines – Lebens hier in meiner Familie und in unserem Alltag. Angefangen davon, dass wir von einer Sonos, diesen Musiklautsprechern, geweckt werden. Das geht dann weiter, dass wir hier im Haus Tado und natürlich auch die eine oder andere Amazon Alexa haben. Für mich ist Digitalisierung komplett in unserem Alltag und auch mit den Kindern komplett angekommen. Ein fester, integraler Bestandteil eben.

Karina Vida Also auch gar nicht mehr wegzudenken?

André Bajorat Das würde ich jetzt so nicht sagen, so ticke ich nicht. Ich bin nicht so jemand der sagt, es geht gar nicht mehr ohne. Aber es ist natürlich etwas, was im Alltag und wenn wir über Alltag sprechen und nicht darüber, was ich mir alles vorstellen könnte, wenn ich anders leben möchte, dann ist es natürlich etwas, was ein fester Bestandteil geworden ist und auch etwas, was ich nicht schlecht finde. Und ich meine, wir sind da so bilateral eingestellt – gleichzeitig habe ich auch jeden Morgen eine Printzeitung Zuhause liegen, weil ich mich nicht daran gewöhnen kann, auf dem iPad oder dem Kindle Bücher oder Zeitungen zu lesen. Das ist für mich etwas, das ich gerne in der Hand habe und auch lese als Papier. Ich weiß natürlich auch, dass wenn ich das lese und es gedruckt ist, es schon gar nicht mehr aktuell ist – gar keine Frage und natürlich lese ich auch News auf allen digitalen Geräten, aber ich finde am Morgen das Ritual des „Zeitungaufschlagens“ gut.

Andre M. Bajorat

Karina Vida Und wie würden Sie sagen, hat die Digitalisierung – auf das Ganze gedacht – den Markt, die Kunden und die Wertschöpfung verändert, wie hat das dort reingespielt?

André Bajorat Ich glaube, es hat hauptsächlich Dienste und Services verfügbar gemacht. Also Digitalisierung beziehungsweise Innovation, sind ja in der Regel etwas, was eine gewisse Zeit lang nur einer exklusiven Gruppe zur Verfügung gestellt wird und dann für uns alle zugänglich – quasi demokratisiert wird. So kann man eigentlich jede Innovation betrachten. Wenn man sich anschaut, wie viele Menschen zu Beginn Auto fahren konnten, dann waren das wenige Privilegierte. Wie viele Leute am Anfang Eisenbahn fahren konnten, wie viele Leute am Anfang fliegen konnten: überall das Gleiche. Und wie viele Leute am Anfang beispielsweise irgendwann exklusive Musik hören konnten. Und Digitalisierung hat dazu geführt, dass wir Dienste, Services, Leistungen global in Teilen nutzen können, die bis dahin halt nur wenigen Leuten zugänglich waren und das ist glaube ich etwas, was man, wenn wir es auf den Finanzdienstleistungssektor übertragen und ebenfalls als Folge der Digitalisierung sehen kann. Heute kann man Dinge, die eigentlich auch im Finanzdienstleistungsumfeld möglicherweise nur exklusiven Kundengruppen vorbehalten waren, plötzlich der breiten Masse zur Verfügung stellen und gleichzeitig werden damit auch die Erwartungen der breiten Masse an die Services ganz andere. Aber grundsätzlich sind nun plötzlich auch Asset-Klassen im Finanzdienstleistungsumfeld verfügbar, die halt bis zu einem gewissen Zeitpunkt nur exklusiven Leuten zur Verfügung gestanden haben. Und das ist nun technisch einfach plötzlich möglich.

Der Benchmark ist nach oben getrieben worden und das verändert gerade die Finanzdienstleister.

Ich hab gestern zufälligerweise das Buch Silicon Germany von Christoph Keese als Hörbuch gehört und das fand ich auch so augenscheinlich, weil er darstellt, dass Leute – also die breite Masse – plötzlich in der digitalen Welt angekommen sind, weil sie von den großen globalen Ökosystemen sehr, sehr gute Apps, sehr, sehr gute Services angeboten bekommen, nun erwarten, dass sie auch von jedem kleinen Player, der sich plötzlich in dem gleichen Teich tummelt und eine App oder ein digitales Produkt rausbringt, eine ähnlich gute Leistung und einen ähnlich guten Service abliefert. Der Benchmark ist nach oben getrieben worden und das verändert gerade die Finanzdienstleister. Wenn ich mir beispielsweise die App – und jetzt will ich hier kein Bashing gegen die Sparkassen-Finanzgruppe betreiben, weil ich auch lang genug Teil der S-Finanzgruppe war – aber wenn ich mir die App angucke, dann ist das fast zum Weinen. Die sehen aus wie vor zehn Jahren, auch wenn man immer ganz stolz darauf ist, wie viele tolle Dinge da drin sind. Aber wenn man das vergleicht mit den Apps und den Services der richtig guten Player, ist es halt bitter, zu sehen, wie schlecht wir Deutschen in Teilen diese digitalen Dienste umsetzen, da eben der Benchmark steil nach oben gegangen ist. Und das ist eben spannend, im Finanzdienstleistungssektor zu sehen, ob Banken das schaffen, diesen digitalen Benchmark, der in der digitalen Welt plötzlich entstanden ist und den wir als User mittlerweile erwarten, weil wir halt so was wie Google, so was wie Facebook oder Spotify so einfach und easy und convinient nutzen können, dass wir weiter akzeptieren, dass Banken in weiten Teilen immer noch so schlecht aussehen, anfühlen und nutzbar sind. Und das wird echt eine spannende Frage.

Hinken bei der Digitalisierung hinterher

Karina Vida Also würden Sie sagen, dass Deutschland in Sachen Digitalisierung global hinterher hinkt?

André Bajorat Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich glaube, dass wir durchaus in der Lage sind, digital zu denken, und dass wir in unserer Ingenieurskunst digitale Dinge bringen. Wo wir hinterher hinken ist, dass wir in Branchen, wo wir bisher die Digitalisierung eher als Thema im Keller gesehen haben – also auch so etwas, wo Sie jetzt grade sitzen – das ist ja etwas, was lange Zeit als Servicecenter gesehen wurde für viele Sparkassen. Und nun ist es so, dass was aus dem „Keller“ kommt, eigentlich das ist, was das größte Asset einer Bank ist: Software zu bauen, Softwareentwickler zu haben. Und jetzt wird es spannend: User-Experience-Leute, Data-Analysten, die aus den ganzen Daten etwas machen, zu haben. Und das haben viele Leute vermutlich noch nicht verstanden, die sich bisher darauf ausruhen konnten, dass sie im Grunde genommen Filialen hatten, Kunden hatten und auf die Trägheit der Masse setzen konnten. Und da hinken wir hinter her, im Mindset.

Das kann es doch nicht sein vom Anspruch her! Ihr seid die größte Finanzgruppe Europas und orientiert euch an einem winzig kleinen StartUp in Berlin!

Wir hinken nicht hinterher, dass wir das nicht könnten, oder nicht sogar in Teilen Marktführer bei digitalen Produkten sind, aber dort, wo der große Wandel grade ansteht, da hinken wir im Anspruch, richtig gut zu sein und richtig gute Produkte zu liefern, hinterher. Wir machen dann halt nach, auch wenn ich mir grade angucke, was ihr (Sparkassen-Finanzgruppe) mit YOMO macht, als ich damals den ersten Namen vom Konzept zu dem Thema gehört habe, war das ja Number26. Das kann es doch nicht sein vom Anspruch her! Ihr seid die größte Finanzgruppe Europas und orientiert euch an einem winzig kleinen StartUp in Berlin!

Karina Vida Aber warum? Weil es dementsprechend auch Erfolg damit hat. In die Richtung „was können wir von den Kleinen lernen und auf uns adaptieren?“ geht das, schätze ich. Ich hab den Eindruck auch, dass in der Sparkassen-Finanzgruppe nach dem Motto „das war schon immer so, das ist schon immer so gewesen und das bleibt auch so.“ Man ist da meiner Meinung nach nicht so offen für Neues.

André Bajorat Absolut, absolut. Aber gut, das ist aber das, was ich mit Mindset meine. Ich glaube nicht, dass wir das nicht könnten, sondern dass das eine Frage von „Wollen wir das?“ ist, eine Frage des Anspruchs. Ich glaube auch, dass da das Wort „Hinterher hinken“, was Sie grade angesprochen haben, da dann auch stimmt, sich aber wirklich auf das Wollen bezieht nicht das Können. Im Ergebnis hinken wir hinterher, da haben Sie Recht.

Karina Vida Okay, dann hat sich natürlich auch das Bankenwesen in den letzten Jahren drastisch geändert. Ich kann beispielsweise über mein Handy komplett eine Überweisung tätigen oder brauche nicht mehr bei der Bank etwas einschmeißen, weil ich sogar schon im Bestellvorgang bezahlen kann. Wie hat sich so was auf den Finanz-Sektor ausgewirkt? Die Bank ist jetzt ja teilweise komplett raus aus diesem Bezahlvorgang und wie hat sich das Bankenwesen im Rahmen der Digitalisierung denn noch verändert?

André Bajorat Ich glaube, dass ist so was, wo wir alle immer das, was kurzfristig passiert, überschätzen und das, was langfristig die Folge ist, unterschätzen. Und alle haben so vor zwei, drei Jahren die FinTech-Revolution ausgerufen und haben gesagt, dass Banken sterben. Das war damals quatsch und wir haben mittlerweile gesehen, dass das Quatsch ist. Gleichzeitig merken wir aber, dass da eine substanzielle Veränderung der vorhandenen Assets notwendig ist, um zukünftig noch erfolgreich Bankprodukte, Banking und Bank zu machen. Ich glaube, was sich komplett verändert, ist, dass man vorher „Bank“ immer ganzheitlich gedacht hat und damit muss ich als Bank immer alles anbieten: von der Filiale, über Online-Banking bis zur kompletten Infrastruktur und dem Host hinten dran.

Da gab es natürlich gewisse Ausnahmen, schon so vor zwanzig Jahren sind die Online-Broker entstanden, die sich erst mal nur auf das Thema Online- und Wertpapier-Geschäft konzentriert haben. Die haben sich dann aber im Laufe der Zeit immer breiter gemacht und wurden zu Komplettbanken, nur ohne Filialen. Aber man hat ja heute weder eine Comdirect oder Consors, die nicht nur Broker sind, sondern auch Vollbanken. Und das wird sich aus meiner Perspektive in der Zukunft noch mehr verändern. Das Banking im Vordergrund steht, jedenfalls für uns Kunden und nicht die Bank. Die Bank ist mir als User eigentlich egal. Komplette Commodity. Und ich will halt Bankdienstleistung und Banking haben. Das ist so was wie Kredite, Zahlen, Konto – aber mir ist eigentlich egal, wo das ist und entscheidend wird sein, wer mir diese Bank oder eher dieses Banking am Besten zur Verfügung stellt und am expirience-haftesten zur Verfügung stellt. Ich brauche dafür nicht unbedingt eine Banklizenz, allerdings muss ich das beste Frontend sein. Und das ist das Spannende für die Zukunft daran: Wer wird das digitale finanzielle Zuhause für den Kunden? Das, was die Sparkassen und Genossenschaftsbanken in der Fläche irgendwo waren, das digitale Zuhause für den Kunden, den Berater, das ist noch nicht wirklich gefunden und da kämpfen gerade viele drum.

Und das wird sich aus meiner Perspektive in der Zukunft noch mehr verändern. Das Banking im Vordergrund steht (…)

Die Rolle der Fintechs als Treiber der Banken

Karina Vida Würden Sie dann sagen, dass aus diesen Bedürfnissen oder eher diesen Anforderungen heraus – weil dem Kunden jetzt letztendlich egal ist ob das eine Sparkasse, Commerzbank oder deutsche Bank ist – die FinTechs auch entsprungen sind?

André Bajorat Woraus die FinTechs jetzt entsprungen sind oder wie meinen Sie das? Ich glaube, FinTechs sind daraus entsprungen, dass in der Technologie ganz, ganz viele Sprünge drin waren. Man war plötzlich mit relativ wenig Geld – weil es Cloud-Computing, Open Source-Software und so was wie APIs gibt – in der Lage, ohne ein Rechenzentrum zu bauen, wie ihr bei der FI das habt, oder ohne große Oracle-Lizenzen zu kaufen, wie es viele Banken noch tun, auf ein Level zu kommen, das man sich ins Banking-Business begeben konnte. Das wäre vor zehn Jahren nicht gegangen. Und das war sozusagen die Grundlage, also dass im Finanzdienstleistungsbereich die Markteintrittsbarrieren durch Technologien herabgesetzt wurden und ein Eintreten auf den Markt möglich war. Zusätzlich kam die Finanzkrise dazu, in der viele Banker entlassen worden sind und somit auch Bankwissen. Und daraus ist so was wie FinTechs plötzlich entstanden.

Ideen sind in London, New York und natürlich auch Deutschland hochgekommen, Technologie war plötzlich vorhanden und Geld wurde für dieses Thema auch locker gemacht – da haben sich lange Zeit viele mit schwer getan in den Bereich Banking zu investieren. Payment war schon länger ein Thema, aber in den Bereich Bank hat das bis dato niemand so richtig gemacht und das war dann so der Grund, weshalb FinTechs so plötzlich hoch gekommen sind. Und dass zusätzlich das Vertrauen in Banken vermeintlich geringer geworden ist und man sich somit mit neuen Dienstleistungen auf dem Markt anbieten konnte. Das war natürlich auch ein Nebeneffekt der Finanzkrise. Oh, und natürlich hat das Thema Handy, Smartphone und Access, den wir erwarten als Kunden. Und die Banken haben darauf in den letzten zehn Jahren – seit dem es das iPhone gibt – in der Massenbewegung der letzten fünf bis acht Jahren eher, haben Banken auch dieses Thema always-on – ich möchte meine Dienste immer dabei haben, sie müssen so richtig ansprechend sein – da haben Banken halt wenige richtig gute Antworten gefunden für den Kunden.

Karina Vida Sind dann daraus auch Vorteile entstanden, die sie (FinTechs) gegenüber traditionelle Banken haben, zum Beispiel, dass sie Kundenbedürfnisse besser erfüllen können – einfach da sie sich auf einen Prozess oder ein Produkt fokussiert haben. Oder sehen Sie da noch weitere Vorteile?

André Bajorat Ja natürlich, das auf jeden Fall. Klar, wenn man eine Voll-Bank ist – so wie die Sparkassen – muss man sich natürlich irgendwie mit hunderten Prozessen und Produkten beschäftigen und wenn dann hunderte StartUps daher kommen und jedes StartUp stürzt sich nur auf ein Thema, kann jedes dieser StartUps ein konzentriertes Thema deutlich besser machen als hundert. Sie schreiben zurzeit ja auch nur eine einzige Bachelor-Arbeit und nicht mehrere parallel, ganz bewusst, da Sie nur eine richtig gut schreiben wollen. Zehn Stück hingegen parallel gut schreiben, auch wenn Sie sich das im Detail mit drei Leuten teilen würden – das ist nicht so richtig gut möglich.

Karina Vida Gibt es da in diesem Umfeld auch aktuelle Vorreiter? Auf eurem Blog (Paymentandbanking.com) sucht ihr immer ein StartUp des Jahres – haben Sie da spontan schon einen Favoriten von 2016? Quasi ein StartUp das sich für Sie persönlich von der breiten Masse abhebt und herauskristallisiert hat?

André Bajorat (kurze Pause) Also 2016 war ja schon so ein bisschen das Jahr des Realismus. Man muss natürlich sagen, dass Number26 da auf einem Level schon ziemlich, ziemlich gute Sachen gemacht hat. Aber ich glaube, dass mein StartUp des Jahres 2016 die Solaris Bank ist.

Karina Vida Und was macht die Solaris Bank zum StartUp des Jahres 2016?

André Bajorat Die Solaris Bank ist im Grunde genommen eine Bank, die sich darauf konzentriert, Dritten ihre Banklizenz zur Verfügung zu stellen über IT. Und wenn man einen Dienst anbieten will, der eine Bank im Hintergrund benötigt, man aber selbst keine Bank sein will, nutzt man die Solaris Bank als Whitelabel-Bank.

Karina Vida Ah! Also so was wie die WireCard-Bank im Hintergrund für Number26 fungiert hat.

André Bajorat Genau. Das ist ganz genau so was. So eine Solaris Bank ist halt sehr Technologie-getrieben. Die haben erst mal einen Software-Stack gebaut, so dass man halt sehr, sehr schnell einen Access zu dieser Bank hat. Und die sind eben in 2016 neu gegründet worden.

Karina Vida Inwiefern würden Sie sagen, dass StartUps oder FinTechs sich auf dem Markt gegenüber den großen, traditionellen Banken durchsetzen werden? Und wie unterscheiden sie sich von eben diesen?

André Bajorat Ich glaube ja, dass man als FinTech wahrscheinlich nur in bestimmten Nischen den Banken wirklich richtig wehtun wird. Ansonsten wird es dann häufig auf Zusammenarbeiten münden. (kurze Pause) Da man in der Regel – und das ist unserer Trägheit als Kunde geschuldet – wahrscheinlich dann doch, bei den klassischen Banken bleiben wird als Kunde. Die (klassische Banken) werden dann aber trotzdem sehen, dass sie als Bank etwas tun werden müssen und folglich mit den FinTechs kooperieren, sprich zusammenarbeiten oder deren Dienstleistung einkaufen. Und das ist glaube ich eher der Weg, auf dem wir uns alle so zurzeit rein bewegen.

Das sieht man zum Beispiel bei Gini, die ja mittlerweile auch mit Ihnen (Finanz Informatik) zusammenarbeiten oder Optiopay und mit ganz vielen verschiedenen FinTechs, die gerade Lieferanten-Beziehungen mit Banken eingehen. Und das wird glaube ich der normale Weg sein. Und wenn ich ganz kurz auf Banken gucke, wie die sich unterscheiden, dann denke ich, dass die große Herausforderung für die ist, die dezentral organisiert sind – also Sparkassen und Volksbanken – dass die große Herausforderung so was wie Digitalisierung oder Antworten auf diese zu finden, dass es eben leichter für diejenigen ist, die zentral gesteuert sind. Und dezentrale Strukturen haben ja eher was basis-demokratisches. Und Basis-Demokratie ist ja was tolles, aber wenn man schnelle Entscheidungen treffen muss, führt dieses Basis-Demokratische zu Langsamkeit und Gleichzeitig oft auch zu Kompromissen und momentan ist die Zeit keine gute für Kompromisse sondern für harte und klare Entscheidungen.

Fintech: Gefahr oder Bedrohung?

Karina Vida Also würden Sie auch eher sagen, dass FinTechs so was wie ein Add-On sind zu dem „normalen Bankgeschäft“ als eine Gefahr oder Bedrohung?

André Bajorat Ja, da haben Sie Recht. Ich glaube in Teilen sind sie so was wie ein Add-On, ja genau. Weil man an Funktionen in Banken halt kommt, aber in bestimmten Nischen glaube ich auch, dass Banken dauerhaft Geschäft weggeben werden. Schauen Sie sich doch mal so eine Nische an, das wird immer wieder passieren. PayPal zum Beispiel war ein Nischenplayer. PayPal hat damals etwas übernommen, was die Banken bis dahin komplett beherrscht haben: den Online-Payment-Markt in Deutschland. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem PayPal gekommen ist, hat niemand die Notwendigkeit gesehen, in Deutschland an den bisherigen Bezahlverfahren, wie damals Lastschrift, Rechnung, Kreditkarte und Vorkasse zu ändern. Dann kam PayPal und alle haben sie ausgelacht oder noch schlimmer: Ignoriert. Klar kann das immer mal wieder passieren. Ich will nur sagen, dass diese ganze FinTech-Bewegung wirklich nicht dazu führen wird, dass plötzlich alle Banken wegfallen. Aber bestimmte Bereiche können von irgendeinem übernommen werden. Das merkt man gar nicht direkt am Anfang. Und das ist glaube ich etwas, wo FinTechs halt beidseitig unterwegs sein werden und sich bestimmte Nischen suchen. Das sind teilweise noch unsichtbarere Player im Sinne des Retail-Geschäftes. Wir konzentrieren uns ja momentan immer in unserer Sicht und auch in der öffentlichen Wahrnehmung sehr stark auf das Thema Retail, weil das uns alle – Sie, mich, unsere Freunde – sehr beschäftigt. Wie bezahlen wir, wie ist unsere Karte und all so was. Ich glaube, dass man noch richtig erfolgreiche FinTechs im tieferen Bereich der Bank oder Prozesse sehen wird. Und die werden der Bank Geschäft wegnehmen und ihr richtig wehtun.

Die ganze FinTech-Bewegung wird wirklich nicht dazu führen wird, dass plötzlich alle Banken wegfallen

Es ist ein bisschen abstrakt, aber ich hoffe, dass das trotzdem einigermaßen verständlich ist. (kurze Pause). Oder Traxpay, ebenfalls aus Frankfurt – das macht ein Freund von mir, der Jochen Siegert. Traxpay ist zum Beispiel gerade mit der NordLB in die Kooperation gegangen. Die versuchen auch für größere und mittelständige Unternehmen die direkte Anbindung an die ERP-Systeme, also Buchhaltungs-Systeme, zu bekommen. So dass man halt schnellere Cash-Flows hinbekommt und die Liquidität eben steuerbarer ist, da man direkt sieht, wo der Lieferant grade ist, wann die nächsten offenen Posten reinkommen und so was. Das sind Dinge, die Banken natürlich auch machen könnten, da sie sehr viel über den Kunden wissen – tun sie aber nicht. Vernetzung eben.

Das habe ich vorhin auch schon so ein wenig angedeutet, als ich meinte, dass die Bank sich eben auch accessable machen muss. Banken denken heute viel zu sehr in ihrem Silo. Man hat natürlich immer einen Touch-Point in die Bank hinein. Das ist Onlinebanking, Mobilebanking oder teilweise die Filiale. Aber das man sozusagen das Banking in den Kontext für den Kunden reinbringt, also in das ERP-System, oder in eine App für das Thema Peer-to-Peer-Zahlungen, weil plötzlich dein Bankkonto dahinter liegt. Die Bank selber glaubt immer, sie muss sichtbar sein und ich als Kunde muss immer sehen, dass ich gerade bei der Sparkasse Paderborn-Detmold zum Beispiel sein muss. Oder von mir aus bei meiner Sparkasse Harburg-Buxtehude – ich bin ja selber noch Sparkassenkunde. Dieser Anspruch immer, HKS13 – das Sparkassenrot – zu sehen, der ist ja nicht nur Sparkassenlike – ich erwähn das jetzt nur so stark, weil Sie da (Sparkassen-Finanzgruppe) auch grade sitzen. Das kann man auf eine Volksbank, Deutsche Bank oder auf wen auch immer übertragen.

Und das ist falsch. Uns als Kunden, uns ist egal ob das die Sparkassen-App ist – wir wollen eine Leistung haben, das ist für Firmenkunden noch viel stärker so. Da machen Banken das auch schon lange, also das man sein Konto in zb die Datev einbinden kann und so was, aber das geht sehr viel weiter. Die Industrie vernetzt sich und die ganzen Systeme, die wir als Unternehmer nutzen, vernetzen sich. Und da ist die Bank hinten dran. Sie fragten mich ja auch grade, ob FinTechs Banken überholen oder ob da jemand entsteht. Und ich glaube, dass wir da so Hidden Champions haben werden, die wir noch nicht wahrnehmen und genau die werden den Banken fürchterlich Geschäft wegnehmen. Auf einer Seite, die wir beide auch grade gar nicht im Blick haben, eben weil wir auch dafür viel zu wenig tief in diesem Thema drin sind. (kurze Pause) Das ist glaube ich eher die Gefahr und daran müssen Banken eben arbeiten, dass sie ihre Systeme so flexibel gebaut haben, dass sie in der Lage sind, so etwas selber zu machen.

Karina Vida Sie hatten eben auch gerade gesagt, dass es vielen Kunden egal ist, womit sie eben ihr Banking abwickeln, Hauptsache es läuft einfach – nach Möglichkeit vielleicht noch in einer schicken App – würden Sie da auch sagen, dass die Tendenz eher dazu geht, dass man als Kunde bereit ist, einfach „irgendwo“ seine Daten einzugeben und dass der Gedanke, seine Daten nicht jedem preiszugeben schwächer geworden ist? Dass man sagt, ich will diesen Service lieber nutzen als dass ich jetzt darüber nachdenke, wer eigentlich was alles über mich weiß?

André Bajorat Ich glaube, dass Datenschutz ein Thema ist, was so deutsch und so europäisch auf der einen und so dermaßen überschätzt auf der anderen Seite ist. Wenn man einen Dienst hat und dieser Dienst einen Mehrwert bringt und dieser Dienst sich für einen nicht ganz crappy und komisch anfühlt, sondern irgendwo ein vertrauensvoller Partner oder Co-Branding-Partner ist, dann spielt das keine Rolle. Banken – nicht nur Banken, viele – glauben immer, uns Kunden beschützen zu müssen. Beschützen zu müssen im Sinne von „Eure Daten – wir passen darauf auf“. Eigentlich geht es darum, dass die Bank sagt „Meine Daten“ also meine Daten als Bank. Und ich glaube einfach, dass wir dahingehend hindenken müssen, dem Kunden – also uns beide – viel mehr zutrauen und ihn souverän entscheiden lassen, wo und wie er seine Daten nutzen will. Und was wir (Finanzdienstleister) immer machen – wir over-protecten unseren Kunden.

Das ist teilweise auch der Verbraucherschutz, da denk ich mir „Das kann doch nicht wahr sein, wir sind ja nicht alle dumm!“ An der Stelle muss ich wirklich sagen, dass man viel eher so an das Thema herangehen muss. Und ich glaube auch, dass ist auch etwas, wenn wir so in Richtung Banking, Richtung PSD2 grade mal so einen Spot werfen – da geht es ja auch in diese Richtung. Da geht es in das Thema Offenheit von Systemen, damit Kunden ihre eigenen Daten woanders nutzen können. Und das muss ich natürlich so machen, dass der Kunde sich bewusst ist, was er tut. Und das ist glaube ich der Spagat, den man hinbekommen muss: Das ich dem Kunden klar mache, was er tut und ihn gleichzeitig dabei nicht für dämlich halte, indem ich ihn over-protecte – und dazu neigen wir. Vor allem auch dadurch, dass wir immer direkt am Anfang die Datenschutzkeule rausholen.

Karina Vida Das stimmt, auch wenn man so darüber nachdenkt. (kurze Pause) Hr. Schaffranski hatte zum Beispiel hierzu auch erwähnt, dass Deutschland das einzige Land ist, in dem Facebook mit Datenschutz wirbt.

André Bajorat Ja! Und na ja, wenn wir mal kurz zurückdenken. Klar sind Sie jetzt viel jünger als ich, aber Sie werden bestimmt mitbekommen haben, als irgendwann WhatsApp von Facebook übernommen worden ist. Das ist auf jeden Fall schon Jahre her. Viele haben damals angefangen mit „Boah, ich nutze kein WhatsApp mehr“ und sind dann kurzzeitig auf Treema, Telegram und sonst was zu nutzen übergegangen. Für eine Woche vielleicht, weil diese Leute dann plötzlich gemerkt haben, dass sie sich in Silos befinden, wo kein anderer drin ist. Und jetzt? Jetzt sind alle wieder zurück bei WhatsApp. Selbst meine Frau, die in ihrem Leben noch nie Facebook benutzt hat, benutzt WhatsApp. Und wenn ich ihr sage, dass das total egal ist, ob sie jetzt WhatsApp oder Facebook benutzt, da ihre Daten sowieso bei den gleichen landen, sagt sie: „Mir doch egal.“

Und das liegt einfach daran, dass diese ganzen Dienste mittlerweile so in unserem Alltag angekommen sind. Vielleicht holt uns das alles irgendwann mal ein und ich kann plötzlich nicht mehr in die USA einreisen, weil ich auf Twitter irgendwann mal den Hashtag #goldenshower benutzt habe – kann ja sein (Lachen). Aber so ticke ich einfach nicht. Ich laufe auch nicht mit dem Aluhut rum, weil ich glaube, dass irgendwelche Strahlen auf mich eintreffen. Sondern ich versuche im Hier und Jetzt zu leben. Und wenn genau solche Leute, die auf so was achten, die IT-Strategie in den Unternehmen machen – und das ist in der Sparkassen-Finanzgruppe lange so gewesen – dann hat man auf gut Deutsch gesagt, verloren. Es müssen ja nicht alle im Hoodie und T-Shirt rumlaufen wie Zuckerberg, darum geht es ja nicht. Aber es geht um Mindsetting und Offenheit.

Was Banken von Fintechs lernen können

Karina Vida Wir hatten eben bereits schon das Thema Zusammenarbeit von Banken und FinTechs, dass sie sich ergänzen werden oder ich als Kunde auf beides zurückgreifen werden. Inwiefern oder was können denn Banken speziell Ihrer Meinung nach von FinTechs lernen? Oder wo – in welchem Prozess zum Beispiel – sind FinTechs den Banken voraus?

André Bajorat Ich glaube, wo FinTechs den Banken voraus sind, ist halt in der Art, wie wir – ich bin ja selber quasi in einem drin – Produkte bauen. Wir sind auch bereit, Dinge auszuprobieren und bereit, dass Dinge schiefgehen. Wenn man in der FI ein Projekt schaffen will, ist es zum Erfolg verdammt. Scheitern ist in eurer (Finanz Informatik) Kultur gar nicht drin. (kurze Pause). Es ist total okay, dass Projekte eben ein bisschen länger dauern, aber sie müssen zu Ende geführt werden. So was gibt es bei uns (FinTechs) nicht. Wir versuchen, bei den Dingen innerhalb kürzester Zeit herauszufinden, klappt es oder klappt es nicht? Und wenn es nicht klappt, dann werfen wir sie weg und setzen uns an das nächste Projekt und das ist auch in unserem Mindset so verankert. Gelebte Agilität – und nicht nur auf der Tonspur – da rein bringen. Da sind wir (FinTechs) euch (Banken) voraus. Ich glaube, wir sind euch auch Voraus, dass wir in vielen Teilen interdisziplinärer arbeiten und unsere Teams anders aufstellen und verschiedene Menschen auch in die Teams reinbringen.

Ich hatte gestern zum Beispiel ein Treffen bei einer großen Bank in München und da saß ich mit den IT-Leuten zusammen. Und beim Thema PSD2 sitzen dann reine ITler – nichts gegen ITler, aber man braucht da dann auch Business-Menschen. Business-Menschen, die dann in so einem Thema nicht nur die IT betrachten, weil man sonst nur schlechte Lösungen – jene, die am Kunden vorbei ziehen – baut. (kurze Pause) Kommen wir noch mal kurz auf Christoph Keese und das Buch Silicon Germany zurück: Ich habe gestern dieses Beispiel von ihm gehört mit dem Rasenmäherroboter. Da ist es zum Beispiel so, dass Bosch den Rasenmäherroboter in England bauen lässt und die bauen das dann da. Und die Vermarktung dieses Produktes findet in Deutschland statt. Die Teams arbeiten nicht zusammen! Die Leute, die in England das Ding bauen, würden niemals diese Aussagen auf die Verpackung drauf schreiben. Was ich damit sagen will – man muss interdisziplinär zusammenarbeiten. Man muss von vorne herein wissen, was das Produkt wirklich leistet und was als Aussage nach außen hin getragen werden kann, und was der Markt will. Die Teams müssen eng zusammenarbeiten. Das probiert ihr (Finanz Informatik) ja teilweise auch, in dem ihr Projekte aufsetzt mit den Sparkassen, damit die auch mit reinkommen und dass der Markt sofort dabei ist. Das ist so ein Punkt, bei dem ich glaube, dass das künftig noch viel, viel stärker gemacht werden muss, da sind FinTechs voraus. Und wir (FinTechs) sind euch voraus, da wir neuere Technologien und nicht nur Mainframe-Kram benutzen.

Karina Vida Sie hatten ja eben von Ihrem FinTech gesprochen – figo heißt das, wenn ich mich richtig erinnere – können Sie kurz ein paar Sätze dazu sagen? Banking as a Service ist ja Euer Slogan dabei.

André Bajorat Ja genau. Was wir halt machen, ist im Grunde genau das Gleiche, was die Finanz Informatik mit AHOI aufstellt, eine Banking-API. Wir leben quasi das, was PSD2 mitbringen wird. Wir haben eine Infrastruktur gebaut, also einen Software-as-a-Service-Stack, auf dem es obendrauf eine API gibt, auf der sich Entwickler anmelden können, um dann über unsere API auf alle europäischen Konten, Kreditkarten, Depots oder Dienste wie PayPal zugreifen können, um dann Apps, Services und so was mit Banken zu connecten. Grundlage ist immer, dass oben drauf ein Kunde sitzt, der hat dann seine Online-Banking-Daten in den Dienst eingegeben und dieser Dienst wirft die über uns in die Bank, wir holen aus den Banken die Daten raus und liefern sie wieder nach oben. (kurze Pause) Das machen wir.

Karina Vida Das war jetzt deutlich einfacher erklärt, danke! Nutzen Sie denn selbst auch Mehrfach-Verbindungen? Eben hatten Sie kurz erwähnt, dass Sie selbst Sparkassen-Kunde sind, haben Sie noch weitere Konten woanders?

André Bajorat Ich glaube ich hatte in meiner Hochphase 85 Konten, als ich bei der Star-Finanz war. Ich war ja selber zehn Jahre bei der Star-Finanz – ich hab insgesamt 13 Jahre Sparkassen-Finanzgruppe hinter mir. Mittlerweile hab ich glaube ich immer noch mit meiner Frau gemeinsam sechs oder sieben Konten – also klar, ich nutze Mehrfachbankverbindungen.

Karina Vida Ging das dann nach Konditionen, Services oder wollten Sie einfach alles verteilt haben?

André Bajorat Nein, mein Sparkassen-Konto habe ich noch aus der Historie, meine Frau ist bei der Apo-Bank, weil sie Ärztin ist. Sie ist auch eben da, weil die für Ärzte den besten Service haben. Ich bin bei der Sparkasse, weil ich das Filialnetz, also das Geldautomatennetz, teilweise immer noch nutze; ich hab noch ein Konto bei der NetBank, da ich noch als Freiberufler arbeite – weil mich die DKB damals als Freiberufler nicht akzeptieren wollte. Ich habe dann noch ein Depot bei der Comdirect, hab mehrere PayPal-Accounts, einen Number26-Account und einen Fidor-Account zum ausprobieren – also die Neo-Banks wenn Sie das so wollen, die nutze ich einfach so. Ansonsten habe ich noch ein 1822direkt-Konto, das ist quasi mein Cash-Konto, weil das in der Vergangenheit eins der besten Tagesgeldkonten war. Mittlerweile gibt es ja kein Geld mehr darauf, aber da bin ich trotzdem noch Kunde.

Karina Vida Also dann einfach weil das Konto dann an der Stelle jeweils die besten Konditionen angeboten hat?

André Bajorat Ja genau, Anfang der 90er-Jahre haben die damit angefangen und ehrlich gesagt bin ich seit dem einfach dort geblieben. (Lachen) Ich bin bei denen sogar einer der ersten hundert Kunden und wurde zur 20-Jahr-Feier eingeladen.

Karina Vida Oh, wow! (kurze Pause) Also auf der FinTech-Schiene war das jetzt eher mehr zum ausprobieren oder sagen Sie da jetzt „Boah, das haben die richtig gute gelöst, das will ich jetzt nutzen!“

André Bajorat Also ich finde, Number26 hat viele Sachen richtig gut gelöst. Wenn man jetzt diesen Sicherheits-Hack der da aufgelistet wurde, außer Acht lässt. Die haben einfach viele Dinge richtig gut gelöst – ich nutze das einfach so und nicht über Gebühr. Irgendwo bin ich auch ein alter Mann und mache Banking am PC – das ist irgendwo auch richtig pervers (Lachen). Ich mein, ich rede über mobile und promote das Gerät und wie mache ich Banking? Am PC. Das liegt aber einfach daran, dass ich den ganzen Tag an dem Ding dran sitze.

Karina Vida Dann einfach weil das komfortabler und bequemer ist, wenn Sie den ganzen Tag sowieso am PC sitzen. Funktioniert dass dann ausschließlich über den PC oder gibt es auch mal Situationen, dass Sie was über das Handy machen, weil Sie da grade eh was mit machen.
André Bajorat (kurze Pause) Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich hab zwar noch Kontoalarm mit drauf auf dem Smartphone und Apps und so was, aber was ich sonst nutze ist Peer-to-Peer-Payment. Also um Geld zu senden, dafür nutze ich dann das Handy, da nutze ich dann aber PayPal und manchmal cringle – kwitt ist eine Katastrophe. (kurze Pause) Sorry, aber ihr (Finanz Informatik) könnt das nicht in dieser so schlechten Banking-App drin verstecken. Die App ist allgemein eine Katastrophe. Das darf von mir aus gern da drin sein, aber das muss auch eine Stand-Alone-App sein.

Karina Vida Was würden Sie sich denn von Ihrer Bank oder von einer Bank wünschen? Was fehlt Ihnen momentan im Banken-Umfeld?
André Bajorat Auf einer abstrakten Ebene kann ich Banken immer nur eins wünschen: das ist mehr Mut. (kurze Pause) Habt mehr Mut und habt mehr Mut, etwas falsch zu machen! (längere Pause) Auf einer ganz operativen Ebene wünsche ich mir von meiner Sparkasse, dass sie mir meine Bezahlidentität mobil anbietet. Einfach, dass ich irgendwas in meinem Handy hinterlege – und da ist es mir wirklich egal was, mein Konto direkt, eine Kreditkarte, eine Debitkarte, egal was – ich hinterlege das einfach in meinem Handy irgendwo und kann dann mit meinem Handy bezahlen. Ich will diese störende Karte nicht mehr. (kurze Pause)

Das würde ich mir von meiner Bank gerade wirklich wünschen. Das ist etwas für mich im Alltag, bei dem ich mir denke „Das wär toll!“ Ansonsten würde ich mir von Banken sehr wünschen – und da seid ihr (Finanz Informatik) mit yes auch sehr dran – dass Banken deutlich mehr darüber nachdenken, auf wie vielen Assets sie sitzen und sie diese Assets auch nutzen. (kurze Pause) Vielleicht doch noch eins, was ich mir von meiner Bank wünsche: Das sie mich endlich mal versteht! Meine Sparkasse weiß alles von mir und traut sich nicht, dieses alles, was sie von mir weiß, zu nutzen. Und ich sag denen jedes Mal, dass sie das bitte tun mögen. Die (Sparkasse) weiß, was ich auf meinem Konto haben, die weiß, was ich möglicherweise anlegen kann, die sehen sogar, wo meine Anlagen hinfließen, die sehen, dass ich seit acht Jahren meine Karte benutze und jeden Monat zwischen zwei- und dreitausend Euro Umsatz damit mache – warum in aller Welt bekomme ich kein vernünftiges Angebot von denen? Das ist zum Weinen – wirklich. Die verdienen nichts an mir, da ich immer noch ein kostenloses Konto benutze. Und die sehen, dass ich bestimmt bei fünf oder sieben anderen Banken oder Finanzdienstleistern Geschäft mache und die nutzen das nicht – die nutzen ihr Wissen einfach nicht und das macht mich verrückt, wenn ich da nur drüber nachdenke. Wäre ich Bankvorstand, würde ich schreien. (kurze Pause)

Karina Vida Ja, das kann ich nachvollziehen!

André Bajorat Ja, das macht ja auch keiner, oder?

Karina Vida Nein, macht keiner, stimmt. Ich bekomme das hier ja auch ein wenig mit – ich sitze in der Einsatzberatung wir weinen hier auch regelmäßig und schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Sparkassen bekommen die ganzen Daten und nutzen sie einfach nicht – ich denke aber auch, dass die nicht wirklich wissen was sie da alles haben und damit anfangen können.

André Bajorat Das ist natürlich auch ein Problem. Die Finanz Informatik muss immer 409 Sparkassen aufschlauen und das dann bei X Menschen. Das ist ja das, was ich am Anfang sagte, wenn man Fragen hat. (kurze Pause) Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel. Wir arbeiten als figo mit der Deutschen Bank zusammen und die nutzt unsere Multibanken-Fähigkeit. Und das bedeutet, dass man in der Deutschen Bank App und im Online-Banking seine Konten von der DKB, Sparkasse oder von sonst wo einbinden kann. Das haben die aber nicht nur für den Kunden gemacht, gleichzeitig haben sie den Kundenberater in die Lage versetzt, diese Daten auch zu sehen. (kurze Pause) Das heißt also, dass wenn ich da als Kunde hingehe, weiß der, welche weiteren Depots, Tagesgelder und Girokonten ich habe. Der kann mich plötzlich ganz anders beraten. Das ist der Anfang von „Der kennt mich“. Und das ist etwas, wo Sparkassen echt noch ganz viel aufholen können. Das würde ich mir auch von meiner Bank wünschen.

Karina Vida Dieses aktive auf den Kunden Zugehen, zu sagen „Hallo Kunde, du hast folgende Produkte, wie wär es denn, wenn du dein Kontomodell wechselst?“ – dass der Kunde nicht der Bank oder den Konditionen hinterher rennen muss.

André Bajorat JA! Das ist das eine – auf einer ganz platten Ebene. (kurze Pause) Anderes Beispiel: Vor zwei Jahren war ich in Norwegen unterwegs und hatte mit meiner Frau gewettet, dass ich mit meiner Kreditkarte nicht einmal Bargeld brauche. Ich bin verrückt geworden, weil ich am Ende gemerkt habe, wie viel mich das gekostet hat. Diese doofe Bank hat mit der Kreditkarte für jede Nutzung im Ausland eine Gebühr verlangt, weil das Fremdwährungseinsätze waren. (kurze Pause) Die haben doch gesehen, dass ich in Norwegen bin. Da versteh ich dann nicht, warum ich in diesem Moment nicht eine kurze Info von meiner Bank bekomme, die sagt „Hey, das kostet dich jedes Mal Geld! Willst du nicht für die nächsten X Wochen eine Gebühr bezahlen für den Einsatz der Kreditkarte in Norwegen?“ Das würde ich sofort bezahlen! Und das meine ich mit Smartness – nicht irgendwie nur Kontowechseln, sondern dass die (Banken) wirklich auch ad hoc sehen, was ich tue, wo ich bin und so was und zeitgemäß darauf eingehen. Das ist momentan echt schlecht. Da sind wir bei dem Thema, worüber wir eben schon mal kurz gesprochen haben: Unsere Erwartungen, die wir halt an Banken mittlerweile haben, werden nicht erfüllt. Banken müssen sich mit ansprechenden Diensten messen – so was wie Facebook, WhatsApp – das nutze ich alles täglich. Und die haben ihre User-Experience unglaublich gut gelöst. Da müssen sich Banken dran messen und das ist eine echte Herausforderung.

Karina Vida Was für eine Entwicklung oder was für eine Erwartung haben Sie an den Finanzmarkt und Banken für die nächsten fünf bis zehn Jahre? Was wird sich da noch tun?

André Bajorat Ich glaube, dass viele Banken verschwinden werden. Ich glaube, dass viele Sparkassen und Volksbanken fusionieren werden – das Thema wird sich deutlich konsolidieren. Ich glaube, dass das Retail-Banking europäisch wird – also dass man nicht an der Ländergrenze Schluss macht, das ist völliger Schwachsinn im SEPA-Raum. (kurze Pause) Und ich glaube, dass Banking – und jetzt sage ich bewusst Banking statt Bank – auch in den globalen Ökosystemen rein wandern wird. Das sehen wir auch heute schon, PayPal macht ja Peer-to-Peer – die Überweisung wird also im Grunde genommen im Stück bald überflüssig. Wir werden das Ganze bei den Facebooks und Apples der Welt sehen – dass da Bank- oder Banking-Produkte rein wandern. Im Bereich Wertpapier werden wir eine ganze Menge Veränderungen erleben. Dieses Thema ist mittlerweile so alt – wenn ich eine Wertpapierorder mache, muss ich teilweise zwei bis drei Tage warten, bis die in meinem Depot angekommen ist – da werde ich verrückt! Das ist noch weniger in der Echtzeit angekommen als Zahlungsverkehr. Da werden wir künftig eine ganze Menge sehen und da reden bis jetzt auch nur die wenigsten bisher drüber. Momentan reden ja alle über Blockchain[30] und das halte ich für überbewertet. (kurze Pause) Da sehe ich eben so die Veränderungen. Und die globalen Systeme, die Vorreiter wie Apple, Google, Facebook, Amazon und solche Unternehmen dieser Welt – die werden in das Thema reinkommen. Und was uns glaube ich noch nicht so richtig bewusst ist, ist, dass viel auch aus Asien zu uns überschwappen wird. Da bin ich auch gespannt, das hat gerade erst begonnen mit Alibaba. Das Ganze wird uns in Teilen auch überrollen, das haben wir so noch gar nicht erwähnt.

Karina Vida Dann kommt ja echt noch einiges auf uns zu.

André Bajorat Ja, aus dem Westen und aus dem Osten.

Karina Vida Oh schön und wir sitzen in der Mitte.
André Bajorat Genau. (Lachen)

Karina Vida Dann eine letzte Frage noch: Wie sieht für Sie die Bank der Zukunft aus – oder eher das Banking der Zukunft? Beschränken wir das nicht mal nur auf die Bank.

André Bajorat Individuell, im Kontext (kurze Pause) und sehr stark in meinem Leben integriert. Das ist jetzt sehr abstrakt, aber wenn ich darüber nachdenke, wie Banking für mich in der Zukunft ist – dann sehe ich momentan so etwas wie eine Alexa[32] vor mir, natürlich sehe ich mein Handy vor mir – aber meine Bank oder das Banking sehe ich nicht konkret vor mir, sondern integriert wie in Momenten, in denen ich gerade einkaufe, im Laden oder digital bei Amazon zum Beispiel. (kurze Pause) Und dort taucht dann meine Bankidentität vor mir auf, die mich fragt, wie ich das gerade bezahlen möchte: Direkt, als Konsumentenkredit und das in den nächsten Monaten abbezahlen? So stelle ich mir Banking in Zukunft vor: individuell, im Kontext und in meinem Leben integriert.

Karina Vida Also wäre das eine Richtung für Sie, in der alles miteinander vernetzt ist und die Bank oder die Sparkasse nicht mehr alleine steht und ich als Kunde nicht mehr in die Filiale gehe – zum Beispiel – sondern es einfach in meinem Leben wirklich mit drin ist.

André Bajorat Wann waren Sie das letzte Mal in der Filiale?

Karina Vida Das kann ich Ihnen jetzt zufällig genau sagen, das war am 4. Januar weil ich Sorten abholen musste. (Lachen)

André Bajorat Okay (Lachen). Wann war ich das letzte Mal in der Filiale? Ich weiß es nicht. In den letzten zehn Jahren war ich nicht einmal nicht in meiner Bankfiliale. Ich habe zwischendurch ein Haus finanziert, Kinder in die Welt gesetzt und so einen Kram. Und ich habe die Bankfiliale nicht besucht – das ist krank irgendwie. Und ich glaube, ich werde auch keine Filiale mehr besuchen.

Karina Vida Und warum nicht?

André Bajorat Weil es mir keinen Mehrwert bringt. Ah Stop! Ich war letztens in einer Filiale – doch! Und ich hab mich fürchterlich aufgeregt. Ich war hier vorne in meiner Sparkassenfiliale – ich war sogar zweimal in meiner Sparkassenfiliale – ich habe gelogen! Ich war da und wollte, weil ich ein Auto verkauft habe, Bargeld einzahlen und stand dann vor dem Geldautomaten in der Selbstbedienungszone bei der Sparkasse hier vorne um die Ecke und da stand alles dran: Einzahlen, Auszahlen, Pin ändern und die ganze Geschichte da. Ich stecke also meine Karte rein und was kommt? Alles außer Geld Einzahlen, ich geh also zum Counter und frage nach, was da los ist und gebe denen meine Karte. Die nette Dame dort meinte dann, dass ich gar nicht bei denen in der Sparkasse Kunde bin. Ich meine nur, dass das stimmt, ich bin bei der Sparkasse Harburg und hier bin ich bei der Sparkasse Südholdstein. Und das geht dann anscheinend nicht. Warum nicht? Und dann erzählen die mir, dass das technisch nicht geht – alle Automaten und Sparkassen hängen an einem Rechenzentrum und an einer Stelle. Ja, das geht aus Complience-Gründen, also aus Geldwäsche-Gründen, nicht. (kurze Pause) Das war das eine mal, dass ich vor der Sparkasse stand und das andere mal war das mit meiner Tochter. Die hat zu ihrem neunten Geburtstag ein Geschenk von ihrer Sparkasse bekommen: eine Knaxx-Karte[33]. Wir sind dann dahin gegangen und dann hat die Filiale montags bis freitags von 8:30 bis 12:30 auf. Wann sind Kinder in der Schule?

Karina Vida Und die hatte auch nicht nachmittags auf?

André Bajorat Nein, da hätten wir in die Hauptstelle gehen müssen. (kurze Pause) Und so was macht mich fuchsig.

Karina Vida Jetzt aber wirklich die letzte Frage: Wir hatten vorher davon gesprochen, dass Zweige des Bankgeschäfts wegfallen werden, mit denen die Banken bis dato ihr Geld verdient hatten. Wie müssen sich Banken dann umstrukturieren, um das kompensieren zu können?

André Bajorat Wie müssten die sich aufstellen? Boah, gute Frage. (Lachen) Ich glaube, sie müssten sich wieder mehr am Markt orientieren und weniger an sich – also an der Bank – orientieren. Und wenn sie das getan haben und zu dem Markt wirklich einen Draht haben und somit auf Marktbedürfnisse Antworten finden – das ist die richtige Antwort darauf. So müssen sich Banken wieder aufstellen: den Markt im Blick haben und nicht nur sich selber im Blick haben.

Karina Vida
Ganz grob, das hängt ja noch mal davon ab was für eine Bank oder Sparkasse das ist und wie groß das Institut ist. (kurze Pause) Herr Bajorat, vielen Dank für Ihre Zeit und dass das vor allem so kurzfristig geklappt hat, auf Wiederhören!

André M. Bajorat

CEO figo GmbH bei figo GmbH
André M. Bajorat ist Unternehmer, Berater, Speaker, Business-Angel und Mentor im deutschen Startup- und FinTech-Umfeld aktiv. Aktuell ist er als CEO bei figo.io, Partner bei KI-Finance sowie im Advisoryboard von FinLeap und Cringle aktiv. Initiator der Abstimmung „Fintech des Jahres“ und des „Bankathons„.

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1 Comment

  1. Interessantes Interview! Ich bin der Meinung dass Fintechs die Ölosysteme der Banken sinnvoll ergänzen werden. Relevante „Gegner“ werden sie nicht werden. Dazu sind ihre Spezialisierungen zu speziell! 🙂 Aber sie verändern das Denken der etablierten Banken – und das ist entscheidend. Die Kundenorientierung rückt in den Mittelpunkt. Die Banken werden herausgefordert! Das gefällt mir! 🙂

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