Fintech-Funding in der Krise

Fintech-Funding im ersten Quartal: Der Bank-Blog bejubelt den „positiven Start“, das Handelsblatt beschwört einen „Marktschock“. Wir haben Erik Podzuweit, CEO und Mitgründer von Scalable Capital, gefragt: Ja was denn nun?

Erik, angeblich ist die Stimmung unter Fintech-Investoren schlecht, befinden sich Geldgeber in einer Schockstarre. Wie ist dein persönlicher Eindruck?

Viele Fintechs profitieren von der Krise, siehe PayPal oder Adyen. Das wird sich mittelfristig auch im Investitionsverhalten niederschlagen. Man darf aber nicht vergessen: Die meisten Investoren sind keine reinen Fintech-Investoren. Dafür ist die Branche in Deutschland nicht groß genug. Das Geld der Investoren steckt meist auch in Firmen aus anderen Industrien.

Anstatt in neue Unternehmen zu investieren, haben viele Geldgeber erst mal ihre Budgets zusammengehalten und abgewartet, wie sich das bestehende Portfolio entwickelt. Auch LPs wie Pensionsfonds oder Versicherungen verteilen ihre Geldspritzen gerade zögerlicher. Haben sie vor der Krise vielleicht 100 Millionen Euro in Aussicht gestellt, müssen 40 Millionen nun erst mal reichen.

Fintech-Funding in der Krise

Jetzt, wo sich die Stimmung an den Börsen verbessert und die Staatshilfen anlaufen, wagen sich auch die Geldgeber wieder nach draußen. Aber die Welt ist unsicherer geworden, auch für den risikoliebenden Risikoinvestoren. Niemand weiß, wie das Kundenverhalten in der Zukunft aussieht. Wird alles wieder normal? Oder droht jedes Jahr eine neue Welle, ein neuer Lockdown? Welche großen Firmen gehen noch pleite? Bisher gab es wenige große Insolvenzen und kamen Unternehmen mit Kostensenkungen, Kurzarbeit und Mietverhandlungen einigermaßen gut durch die Krise.

Die Zahlen zeigen, dass es auch ohne Corona immer weniger Transaktionen gibt, bei gleichbleibendem oder sogar höherem Gesamtwert. Wird dieser Trend durch Corona verstärkt? Werden wir mehr große Finanzierungsrunden wie bei Revolut, N26 oder Qonto sehen und gleichzeitig einen Einbruch im Frühphasensegment?

Der Trend zur Konsolidierung wird durch Corona sicherlich befeuert, aber grundsätzlich ist das eine normale Entwicklung in allen jungen Industrien. Die Fintech-Branche ist heute viel größer als vor ein paar Jahren; Geld und Kunden konzentrieren sich auf wenige große Player. Bis vor ein paar Jahren wurde Investorengeld fast ausschließlich an Startups im E-Commerce verteilt. Heute gründet dort fast niemand mehr, das Ding ist gegessen. Entweder du bist Zalando, oder du bist ein Spezialanbieter, dazwischen gibt es nahezu nichts.

Eine größere Herausforderung sehe ich für das Frühphasensegment, in dem Business Angels eine relativ große Rolle spielen. Man stelle sich den Zahnarzt vor, der bisher dachte, ich diversifiziere mal meine Anlagestrategie und investiere in ein Startup – wenn dem jetzt die Kunden ausbleiben, dann ändert sich das. Wer diese Business Angels ersetzen wird und kann, ist noch offen.

Was bedeutet mutmaßlich weniger Funding für die Startup-Landschaft in Deutschland?

Ich denke, dass jetzt erst mal weniger gegründet wird und sich manch potentieller Gründer doch lieber eine Festanstellung sucht. Auch ohne Krise sorgt Gründen für schlaflose Nächte – ich spreche da aus Erfahrung.

Andererseits bieten Krisen immer auch Chancen: Viele der richtig großen Sachen wie Uber oder Airbnb wurden in der Finanzkrise gegründet. Abstellkammer frei räumen und Luftmatratze reinlegen, Fremde im Auto mitnehmen – das konnte sich vor der Finanzkrise niemand vorstellen und hat damals vielen einen Nebenverdienst ermöglicht.

Und da kommen wir zum eigentlichen Problem in Deutschland: Hier wird immer nur in die offensichtlichen Sachen investiert, in Geschäftsmodelle, die jeder kapiert. Man stelle sich vor, hier hätte jemand gesagt, ich mache mal so eine App, wo Fotos und Videos nach 24 Stunden verschwinden – in Deutschland hätte Snapchat bestimmt keine Geldgeber gefunden.

Erik Podzuweit

„Wenn die Zeiten unsicher sind, wird es bei uns wahrscheinlich noch weniger innovativ zugehen. Für Innovationen braucht es Tüftler und Zufälle, keine hochgeklappten BWL-Kragen, die Geschäftsmodelle aus den USA kopieren.“

Was verändert sich für etablierte Player? Werden Bewertungen künftig realistischer, die ja in letzter Zeit ohne entsprechende Marktkapitalisierung immer höher geworden sind?

Wer die bisherigen Krisengewinnler sind, sieht man ja. Zoom und Amazon zum Beispiel. Meine Eltern haben vor Corona nicht bei Amazon bestellt, jetzt schon. Der Shift ins Digitale ist enorm. Gleichzeitig hat mancher Überflieger harte Einschnitte zu verkraften, man denke an Monzo, das gerade nur noch halb so viel wert ist wie vor der Krise.

Krisen haben gesundende Effekte, manche Bewertung ist inzwischen etwas realistischer als vor Corona. Aber grundsätzlich sind viele Bewertungen gar nicht so verrückt, wie es vielleicht scheint. Wenn ich heute beim Investoren mit meiner PowerPoint-Präsentation anrücke und 300.000 Euro bekomme, dann wird mein Unternehmen auf 1-2 Millionen Euro bewertet. Im Sinne einer Bewertungsperspektive, als Anreiz für die Gründer, weiter Gas zu geben. Der wirkliche Wert zeigt sich erst bei Verkauf oder Börsengang.

Ist es jetzt ein noch größeres Problem, dass vor allem ausländische Firmen in Deutschland investieren?

In den Frühphasen kommt relativ viel Geld aus Deutschland, aber ja, sobald die großen Finanzierungsrunden ab 100 Millionen Euro anstehen, ändert sich das. Da kommen die Investoren fast ausschließlich aus China, Japan und den USA. Wir bei Scalable sind mit unserem Investoren Blackrock sehr happy, die sind natürlich extrem bekannt, und als Gründer ist es schon cooler zu sagen, dass unser Investor Blackrock heißt und nicht „Sparkasse Hintertupfingen“.

Fintech-Funding in der Krise

Gleichzeitig zeigt uns die Krise, dass es bei infrastrukturell relevanten Themen schwierig ist, wenn alles am Ausland hängt. Man denke an die Impfstoff-Diskussion. Oder an Diabetikermedikamente, die fast ausschließlich in Indien und Pakistan produziert werden. In Krisenzeiten möchtest du deine Daten und Patente nicht woanders hinschicken.

Wird sich die Funding-Landschaft durch Corona nachhaltig verändern?

Das hängt vom Ablauf der Krise ab. Im besten Fall sind wir bald durchs Gröbste durch. Optimal wäre der Impfstoff. Wenn wir Verläufe wie bei der Spanischen Grippe erleben und dadurch immer wieder in große Probleme geraten, dann werden Investoren ihre Schatullen zuklappen. Da unsere physische Welt durch Corona aber immer kleiner und die digitale, automatisierte Welt immer größer wird, wird auch diese Krise neue Marktführer hervorbringen. Und die werden auch weiterhin Geldgeber finden.

Autor
Miriam Wohlfarth
Miriam Wohlfarth ist ein bekanntes Gesicht in der Payment-Welt. Als Gründerin des Vorreiter-Fintechs Ratepay GmbH hat sie die Startup- und Online-Payment Szene besonders geprägt und mitgestaltet. In ihrer Rolle als CSO verantwortet sie die Bereiche Marketing und Vertrieb und vertritt... mehr

Der beste Newsletter ever.

Wir versorgen dich wöchentlich mit News, ausgewählten Artikeln und Kommentaren zu aktuellen Themen, die die Finanz-Branche bewegen. Jetzt anmelden!