Ende des Wachstums? Die Entwicklung des europäischen Fintech-Ökosystems

Ein Gastbeitrag von Tuomas Toivonen – Co-Founder Holvi

Technologie im Bereich der Finanzdienstleistungen ist seit Jahrzehnten Teil der Branche und beispielsweise in Form von Geldautomaten oder Girokarten präsent. Nichtsdestotrotz hat sich das Konzept von Fintech erst in den letzten Jahren zu einer festen Größe in Europa entwickelt. Allein in Deutschland konnten laut Ernst & Young Start-ups mit Schwerpunkt Fintech im ersten Halbjahr 2018 Risikokapital in Höhe von 396 Millionen einsammeln. Die Unternehmen haben in den vergangenen Jahren einen regelrechten Hype erlebt, Fintech-Start-ups schossen wie Pilze aus dem Boden. Zuletzt machte die Branche jedoch den Eindruck, dass der große Boom vorbei sei. Wie hat sich der Sektor entwickelt? Wie steht es um ihn? Eine Bestandsaufnahme.

Aufstieg des Fintech-Sektors

Der kometenhafte Aufstieg und das rasante Wachstum von Fintech-Start-ups begann mit dem Einsetzen der Finanzkrise im Jahr 2009. Die traditionellen Banken standen sowohl kundenseitig als auch von Seiten der Behörden massiv unter Druck. Als Folge daraus konzentrierten sie sich auf die Stabilisierung des Unternehmens und vernachlässigten Investitionen in digitale Strategien. Enttäuscht von den renommierten Bankhäusern, wandten sich die Kunden neuen Playern zu: anfangs Monzo und Fidor, später beispielsweise Holvi oder N26.

Neue Technologien, allen voran das allgegenwärtige Smartphone, veränderten zudem den Kundenkontakt und machten den physischen Besuch einer Bankfiliale, insbesondere für jüngere Generationen, überflüssig. Es wundert daher wenig, dass die Anzahl von Bankfilialen weltweit zurückgeht. Allein in Deutschland prognostizieren die Experten von Oliver Wyman in einer Studie, dass die Anzahl der heute noch 1.600 aktiven Banken in Deutschland deutlich reduziert wird. Sie gehen davon aus, dass es in zehn bis 15 Jahren nur noch 150 bis 300 Banken mit nachhaltig erfolgreichen Geschäftsmodellen in Deutschland geben wird. Zum Vergleich: Derzeit weist der deutsche Markt rund 1.600 Banken und mehr als 27.000 Filialen auf.

Ende des Wachstums? Die Entwicklung des europäischen Fintech-Ökosystems

Seit dem Jahr 2010 betrugen die durchschnittlichen Wachstumsraten für den deutschen Fintech-Sektor laut Bundesfinanzministerium etwa 150 Prozent pro Jahr. Im Februar 2016 waren demnach in Deutschland 433 Start-ups in dem Bereich vertreten.

Europaweit haben sich die Fintech-Investitionen laut einer Accenture-Studie zwischen 2014 und 2015 mehr als verdoppelt, auf rund 2,9 Milliarden US-Dollar. Im Zuge dieser Entwicklungen entstanden auch die ersten europäischen Fintech-Schwergewichte wie Revolut und Klarna mit Bewertungen von über einer Milliarde US-Dollar.

Ist das das Ende des Booms?

Trotz der steigenden Popularität des Fintech-Sektors und der zunehmenden Offenheit der deutschen Verbraucher gegenüber Themen wie Mobile-Payment und digitalen Versicherungsdienstleistungen ist es dennoch unwahrscheinlich, dass das Wachstum auf diesem Niveau bleiben wird. 2017 wurden bis Ende September erst 30 neue Finanz-Start-ups registriert, wie eine Studie der Bank Comdirect zeigt. Zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres sind es bereits 49 gewesen. Laut einer KMPG-Studie haben zudem Investoren weltweit 2017 deutlich weniger Geld in Fintech-Start-ups gesteckt als im Jahr zuvor. Besonders auffällig ist der Rückgang der Investitionen in Europa gewesen. Warum nimmt das Interesse der VCs ab?

Kooperation statt Konkurrenz

Untersuchungen des Beratungs- und IT-Dienstleistungsunternehmen Capgemini haben ergeben, dass Fintech Start-ups erkennen, dass sie im Sinne der regulatorischen Vorgaben keine Banken sein können und mit Finanzdienstleistungen nur schwer Erfolg haben, da ihre Geschäftsmodelle weniger nachhaltig sind als die der traditionellen Unternehmen. Für Fintechs ist es zudem schwierig, überhaupt in den Markt einzutreten. Die Gründe sind vielfältig: begrenztes Kapital, rechtliche Vorgaben und Mangel an Erfahrung. Komplexe juristische Einschränkungen können die Geschäftsfähigkeit der Unternehmen darüber hinaus gefährden. In diesen Bereichen liegen die Stärken der etablierten Banken.

Ende des Wachstums? Die Entwicklung des europäischen Fintech-Ökosystems

Laut Capgemini liegt die Antwort für Fintechs in  Zukunft darin, sich mit den alten Playern zusammenzuschließen. Sie müssen auf Kooperationskurs mit den traditionellen Finanzinstituten gehen, um selber erfolgreich zu sein. Drei Viertel der Fintechs sehen ihr primäres Geschäftsziel mittlerweile in der Zusammenarbeit  mit traditionellen Finanzfirmen. Das gestiegene Interesse an Partnerschaften zwischen den Newcomern und den etablierten Unternehmen könnte das sinkende Interesse der Investoren erklären, da bestehende Start-ups nicht mehr das gleiche Maß an Fundraising benötigen.


Mit weniger Tempo in Richtung Zukunft

Auch wenn die bisher rasante Wachstumsgeschwindigkeit ein wenig abnimmt und die Gesamtzahl der Gründungen zurück geht, sieht die Zukunft gut aus. Die Geschäftsmodelle werden reifer, die Zusammenarbeit von Fintechs und Finanzinstituten betont die komplementären Stärken beider Seiten und die Branche geht gemeinsam in die nächste Entwicklungsphase. 2018 trat zudem die erweiterte Zahlungsdienste-Richtlinie PSD2 der EU in Kraft. Sie schreibt Banken vor, Drittparteien einen sicheren Zugang zur Verfügung zu stellen, um Kontodaten einzusehen und Zahlungen zu veranlassen. Dies ermöglicht Finanzanbietern, digitale Plattformen zu schaffen, auf denen sowohl eigene Produkte, als auch die von externen Dienstleistern ein umfangreiches Leistungsangebot abbilden, und damit Kunden erfolgreich an sich binden können. Die großen Profiteure des Fintech-Wachstums im Finanzdienstleistungsbereich sind ohnehin die Verbraucher. Sie genießen breitere Angebote, neue Technologien und ein besseres Kundenerlebnis.

Zum Autor:

Die Idee hinter Holvi wurde von Co-Founder Tuomas Toivonen entwickelt. Als leidenschaftlicher Unternehmer und visionärer Techie ist Tuomas selbst ein erfahrener Entrepreneur. Vor Holvi gründete er mehrere Payment- und Technologie-Unternehmen, darunter die Software-Beratung Fishpool und die Peer-to-Peer-Geld-Plattform Scred. Nachdem er 15 Jahre lang Regierungen und Mobilfunkbetreiber auf der ganzen Welt beraten hatte, beschloss er, eine eigene Business-Banking-Lösung zu entwickeln: Holvi.

Autor
Nicole Nitsche
Nicole Nitsche ist studierte Theaterwissenschaftlerin und hat mehrere Jahre als Regieassistentin beim Thalia Theater Hamburg gearbeitet. Danach war Nicole Leiterin der Presse-und Marketingabteilung eines Hamburger Musiklabels. Zu ihren täglichen Aufgaben zählten dort, neben dem Verfassen von Pressetexten, die Umsetzung und... mehr

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