Das Jahr 2021 steht Pate für den finalen Fintech-„Durchbruch“

Fintech ist in großem Maßstab in Deutschland angekommen und unsere Branche wird ernst genommen. Die Zeiten sind endgültig vorüber, in denen auf unserem Blog und unseren Podcasts auf die Fintech-Traktion von US Companies wie Paypal, Square, Stripe und Co. verweisen mussten, um die Veränderungen im Payment und Banking zu verdeutlichen. Das Jahr 2021 hat dem Thema Fintech endgültig zum Durchbruch verholfen.

In 2021 haben wir nicht nur einen Durchbruch bei den Bewertungen der hiesigen Unicorns gesehen, sondern auch die damit einhergehende Business-Traktion einzelner Vorzeigeplayer. Das sind Player wie Klarna, Adyen, SumUp, Trade Republic und die Solarisbank, die jeweils in ihren Bereichen einen als Nische geglaubten Produktbereich groß skaliert haben. Es gab eine Menge frisches Geld für die Anbieter, deren Geschäftsmodell sich bewiesen haben. Zeitgleich hörten wir von einer Menge Exits.

Mindeset geht auch in 2021 noch weit auseinander

Die klassischen “Fin”-Player haben längst verstanden, dass die skalierten Fintech-Wettbewerber sie nicht nur bei den Bewertungen teilweise überholt haben, sondern auf der Business-Seite “spürbar” sind. Sie werden mittlerweile als echte Wettbewerber wahr genommen werden. Ein Verständnis, das meines Erachtens im Gegensatz bei den “Tech”-Playern im Finanzdienstleistungsbereich noch völlig fehlt. Die etablierten Tech-Dienstleister scheinen sich weiter auf ihren Namen, Status und etablierten Vendorzugang auszuruhen.

Der Unterschied zwischen Fintech-Anbietern, die sich auf Backend-Infrastruktur fokussieren und den klassischen „Tech“-Incumbents ist enorm – und zum Teil erschreckend. Ein Teil der Schwerfälligkeit etablierter Finanzdienstleister liegt auch im Mindset und am Produktangebot ihrer etablierten IT-Dienstleister. Hier erwarte ich in den kommenden Jahren weitere Veränderungen, denn die IT-Incumbents müssen aufpassen, ihren Marktanteil nicht an deutlich wendigere Fintech-Infrastruktur-Anbieter mit starken Produktfokus oder an BigTechs zu verlieren oder werden ein weiterer Exit-Kanal für Fintechs.

Krypto wird in 2021 Mainstream

2021 steht für mich aber auch für das Jahr, in welchem Krypto den ersten Schritt in den “Mainstream” geht. Coinbase als größte Kryptobörse legte einen beeindruckenden IPO hin. Krypto spielt eine immer stärkere Rolle: in der Akzeptanz, im Corporate Treasury und dem Zugang als neue Asset-Klasse für Anleger. Vieles ist noch heiße Luft, aber immer mehr namhafte Player haben Krypto als neue, ernstzunehmende Asset-Klasse entdeckt. Weitere haben diese in Aussicht gestellt.

Mit der Professionalisierung kam auch eine zunehmende Compliance und Regulatorik. Compliance-Vorstöße wirkten sich in 2021 noch eher “belastend” auf die Kurse der Vorzeige-Kryptowährungen, aber das wird sich meines Erachtens ändern. Mit der Aufsicht kommt auch Professionalität, Vertrauen und Sicherheit – alles Voraussetzungen für eine wirklich breite Marktadaption.

gold and silver round coins

Wertvernichtung und überhöhte Egos

In 2021 hätte ich auch auf einiges verzichten können, beispielsweise auf die massiven Übertreibungen/Stilblüten, mit denen Dritte über den Tisch gezogen wurden. SPACs haben ICOs als Wertvernichtung abgelöst und einzelne erfolgreiche SPACs sollten nicht davon ablenken. Auch der Greensill-Skandal zeigte nach der Causa Wirecard erneut, dass Fintech nicht vor Betrug gefeit ist.

Hinzu kommt: Eine selbstkritischere Kultur, auch in der Tech-Szene täte, uns allen gut. Sie würde dazu führen, nicht nur Fundingmeldungen zu bejubeln, sondern genauer hinzuschauen. Leider hat hier das zurückgezogene, pressefeindliche Thesenpapier vom StartUp-Beirat des Wirtschaftsministeriums viel Vertrauen gekostet. StartUp/Fintech-Gründer sollten sich viel mehr erden und sich auf den Aufbau erfolgreicher und nachhaltiger Unternehmen fokussieren.  

Weiterhin hätte es mir 2021 nicht gefehlt, wenn sich Fintech-Gründer und ihr Ego weniger wichtiger genommen hätten und lieber ihre Company, Mitarbeiter, Kunden, Prozesse und Produkt n den Fokus gestellt hätten. Statt Bewertungssteigerungen als alleinigen Benchmark wahr zu nehmen, wären Investitionen in Prozesse, Produktinnovation, Mitarbeiterzufriedenheit und Kundenfeedback hilfreicher gewesen. Bei mir entstand mitunter das Gefühl, dass Fintech-Gründer das Ego und das vergangene Supermanager-Spiel der DAX-Konzernlenker der früheren Deutschland AG nachspielen müssten. Dabei definiert sich die heutige C-Level Generation der Großkonzerne schon lange nicht mehr über ihr Ego, wie ihre Vorvorgänger, sondern durch Businessfokus. 

… und 2022?

… wird neue Fintech-Entwicklungen mit sich bringen. Challenger werden zu Incumbents und wiederum selbst herausgefordert. Krypto wird noch stärker adaptiert, und die Spreu wird sich bald vom Weizen trennen. Eines ist gewiss: Unsere Industrie bleibt spannend und die Themen, die wir für die PEX22, BEX22, CRYPTX22 und TRX22 in Kopf haben zeigen: Es wird uns nicht langweilig.

Autor
Jochen Siegert ist Co-Founder von Payment & Banking, Unternehmer, Investor und erfahrener Experte für digitale Transformation. Er ist derzeit Managing Director bei einer global führenden Corporate Bank. Er schaut zurück auf über 20 Jahre Erfahrung in Einführung und Management von... mehr
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