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„Das ‚Banks are dead‘-Narrativ war Hype“

Dr. Ulli Spankowski ist Co-CEO von Boerse Stuttgart Digital, CEO und Co-Founder der Krypto-Trading-Plattform BISON, sowie Chief Digital Officer der Boerse Stuttgart Group.

Dr. Ulli Spankowski, Co-CEO von Boerse Stuttgart Digital und CDO der Boerse Stuttgart Group, über Krypto, BISON und die Zukunft der Tokenisierung
Dr. Ulli Spankowski, Co-CEO von Boerse Stuttgart Digital und Chief Digital Officer der Boerse Stuttgart Group, spricht zur DigiFin26 über Tokenisierung, MiCAR und warum das „Banks are dead”-Narrativ reiner Hype war.

Dr. Ulli Spankowski ist überzeugt, dass die Zukunft des Finanzwesens nicht im Gegensatz zwischen Banken und Krypto liegt, sondern in ihrem Zusammenspiel.

Sein Weg in die Kryptowelt begann mit einem Experiment: Als Ulli Spankowski 2014 KI-Analysen auf den Kryptomarkt übertrug, funktionierten sie überraschend besser als bei klassischen Aktien. Heute gestaltet er das Digitalgeschäft der Gruppe Börse Stuttgart mit. Im Interview erklärt er, warum die Fintech-Revolution überschätzt wurde, weshalb Regulierung ein Wettbewerbsvorteil sein kann und was Europa im Kampf um seine finanzielle Souveränität dringend ändern muss.

Wer bist Du und was machst Du? 

Ich bin Co-CEO von Boerse Stuttgart Digital, dem führenden europäischen Infrastrukturanbieter für Kryptowährungen und digitale Assets. Als Chief Digital Officer und Mitglied des Group Executive Committees der Boerse Stuttgart Group verantworte ich das Digitalgeschäft der Gruppe mit besonderem Fokus auf BISON, der Trading-Plattform für Privatkunden, sowie auf das Verwahrgeschäft für digitale Assets.

Als Blockchain-Enthusiast und Fintech-Experte setze ich mich dafür ein, eine Brücke zwischen der traditionellen Finanzwelt und der tokenisierten Zukunft des Finanzwesens zu bauen. Mein Ziel ist es, innovative Technologien nicht nur voranzutreiben, sondern sie sicher, vertrauenswürdig und für eine breite Nutzerbasis zugänglich zu machen.

Die wenigsten träumen als Kind davon, in Payment oder Banking zu landen. Erzähl uns deinen Weg – inklusive der Umwege.

Ich habe im Bereich Banking & Finance an der Universität Hohenheim promoviert. Mein weiterer Weg in die Welt der Kryptowährungen war ein Umweg über die Forschung und die künstliche Intelligenz.

2013 habe ich mein erstes KI-basiertes Unternehmen gegründet. Meine Mitgründer hatte ich zuvor kennengelernt, als wir gemeinsam ein europäisches Forschungsprojekt geleitet haben, an dem KI-Forschungsinstitute, mehrere Universitäten und Partner aus der Finanzbranche beteiligt waren.

Ursprünglich beschäftigten wir uns damit, unstrukturierte Datenquellen wie Social Media mithilfe von KI zu analysieren, um daraus Erkenntnisse für den Handel mit Aktien und klassischen Finanzinstrumenten zu gewinnen. 2014 entstand dann die Idee, dieselben Analysemethoden auf die damals noch junge Welt der Kryptowährungen anzuwenden. Das hat überraschend gut funktioniert – sogar besser als bei klassischen Aktienmärkten. Aus diesem zunächst eher ungewöhnlichen Abstecher in die Kryptowelt entwickelte sich in den folgenden Jahren ein wachsendes Unternehmen. 2017 haben wir das Unternehmen schließlich verkauft.

Rückblickend war genau dieser vermeintliche Umweg entscheidend für meinen weiteren Weg: Er hat mir gezeigt, wie viel Potenzial entsteht, wenn man technologische Entwicklungen früh aufgreift und bereit ist, etablierte Denkweisen zu hinterfragen.

Wie möchtest Du den Payment- und Banking-Bereich verändern?

Bei BISON war es von Anfang an unsere Mission, den Handel mit Kryptowährungen und deren sichere Verwahrung so einfach und zugänglich wie möglich zu machen. Indem wir den Zugang zu Kryptowährungen unkompliziert gestalten, fördern wir die Verbreitung digitaler Assets in der Bevölkerung und gestalten so die Zukunft des Finanzwesens mit – eine Zukunft, in der innovative Technologien wie Blockchain selbstverständlich dazugehören.

Mit BISON haben wir eine Plattform geschaffen, die es jedem ermöglicht, ohne technische Vorkenntnisse in die Welt der Kryptowährungen einzusteigen und Bitcoin & Co. einfach und sicher zu handeln. Dabei war uns besonders wichtig, Technologie mit den Werten zu verbinden, die Menschen von einem Finanzdienstleister erwarten: Vertrauen, Sicherheit und Verlässlichkeit. Was BISON besonders macht, ist die Verbindung von innovativer Technologie mit der langjährigen Finanzexpertise der Gruppe Börse Stuttgart, die auf mehr als 160 Jahre Erfahrung zurückblicken kann. 

Meine Vision ist eine Welt, in der traditionelle Finanzmärkte und Blockchain, Bitcoin & Co. nicht konträr gegenüberstehen, sondern miteinander verwachsen. BISON soll dabei eine Brücke schlagen und mehr Menschen ermöglichen, sicher und unkompliziert an dieser Entwicklung teilzuhaben.

Fintechs haben viel versprochen. Was hat die Welt wirklich verändert und wo haben wir uns alle etwas vorgemacht?

Fintechs haben das Nutzererlebnis und die Benutzeroberfläche revolutioniert. Was sich wirklich und dauerhaft verändert hat ist die Erwartungshaltung der Nutzer. Diverse Broker und Neobanken haben bewiesen, dass Banking und Trading in Sekunden, auf dem Smartphone, ohne Papierkram funktionieren. Gleichzeitig ermöglichen Fintechs der breiten Masse den Zugang zu Finanzprodukten, die früher institutionellen Playern vorbehalten waren. BISON hat über eine Million Nutzer, weil wir die Einstiegshürde in Krypto radikal gesenkt haben. Und die eigentliche, unsichtbare Revolution läuft im B2B-Bereich: APIs, Banking as a Service, Embedded Finance. Das verändert gerade, wie Finanzdienstleistungen gebündelt und geliefert werden.

Wo haben wir uns etwas vorgemacht? Das "Banks are dead"-Narrativ war Hype.

Traditionelle Banken sind nicht verschwunden, sondern haben sich transformiert – durch Akquisitionen, Partnerschaften oder eigene Digital Units. Viele Fintechs haben indes jahrelang Wachstum über Profitabilität gestellt. Der Markt hat diese Entwicklung zwischen 2022 und 2024 schmerzhaft korrigiert. Und Open Banking ist seinen ursprünglichen Erwartungen keinesfalls gerecht geworden. PSD2 (Payment Services Directive 2) sollte eine Revolution auslösen, die Realität bestand aus fragmentierten APIs und einer mäßigen Verbraucheradoption. Der eigentliche Fehler war aber ein anderer: die Unterschätzung von Regulierung als Enabler statt als Feind. Bei BISON haben wir von Anfang an auf regulierte Infrastruktur gesetzt. Dadurch waren wir anfangs langsamer als unsere Wettbewerber. Langfristig war das jedoch der richtige Weg, und inzwischen sehen wir klare Vorteile. 

Welche Regulierung würdest Du sofort abschaffen und warum?

Ich würde keine Regulierung einfach abschaffen, denn jede ist aus einem echten Problem entstanden. Deshalb brauchen wir nicht weniger Regulierung, sondern ihre strategische Weiterentwicklung und eine bessere Ausgestaltung. Denn digitale Geschäftsmodelle entwickeln sich schnell. MiCAR ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber bis ein europäisches Regelwerk in der Praxis umgesetzt wird, hat sich die Technologie schon weiterentwickelt. Takt und Tempo für neue Vorhaben müssen wir als Industrie gemeinsam mit den Regulatoren hinbekommen. 

Hinkt Europa im Payment wirklich hinterher oder haben wir einfach andere Prioritäten?

Europa hinkt nicht hinterher, Europa baut bewusst anders. Wenn man sich die Zahlen anschaut, wirkt es zunächst ernüchternd: Indien verarbeitet über 19 Milliarden Transaktionen pro Monat über UPI (Unified Payments Interface), Brasilien knackt täglich die 276-Millionen-Marke mit dem Sofort-Bezahlungssystem Pix. Dagegen wirkt Europa wie im Dornröschenschlaf. Aber das greift zu kurz. Die europäische Infrastruktur ist technisch Weltklasse. SEPA Instant bietet eine Verfügbarkeit von  99,99 Prozent und führt Zahlungen in unter fünf Sekunden aus. Das Fundament ist da; was fehlt, ist die Adoption.

Der Grund dafür ist strukturell: Europa hatte mit SEPA bereits ein funktionierendes, sicheres Zahlungssystem. Der Druck zur disruptiven Innovation war geringer als in Märkten, die quasi bei null angefangen haben. Dazu kommt, dass Europa andere Prioritäten gesetzt hat: Sicherheit, regulatorische Souveränität, Verbraucherschutz. Das war nicht falsch, wirkt aber natürlich auch nicht als Beschleuniger. Die SEPA Instant Payments Regulation zwingt seit Anfang 2025 alle Eurozonen-Banken zur Bereitschaft, PSD3 kommt als nächster Schritt. Und der digitale Euro ist keine PR-Übung, sondern eine strategische Antwort auf eine echte Bedrohung: USD-dominierte Stablecoins greifen aktiv die europäische Zahlungshoheit an. Europa denkt in monetärer Souveränität, nicht nur in Convenience. Jetzt muss aber Tempo her.

Was würdest Du jemandem raten, der heute in die Finanzbranche einsteigen will?

Ich würde vor allem raten, offen für Veränderungen zu bleiben und sich nicht davor zu scheuen, neue Wege zu gehen. Die Finanzbranche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel – insbesondere durch Technologien wie Blockchain und die Digitalisierung.

Meine Erfahrungen in der Welt der Kryptowährungen haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, mit Unsicherheit umgehen zu können, Veränderungen anzunehmen und kontinuierlich dazuzulernen. Gleichzeitig braucht es gerade im Unternehmertum Mut und Ausdauer, denn nicht jeder Schritt wird sofort erfolgreich sein. Wer neugierig bleibt, Chancen erkennt und auch in schwierigen Phasen nicht den Mut verliert, schafft aus meiner Sicht die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft in der Finanzbranche.

Was erwartest Du von der Digifin in Berlin? Sag einige Worte zu deinem Panel.

Ich freue mich, am 10. November bei der Digifin in Berlin dabei zu sein und über das Thema Tokenisierung zu sprechen. Die Gruppe Börse Stuttgart hat eines der führenden Krypto- und Digitalgeschäfte unter den europäischen Börsengruppen aufgebaut. Ich freue mich darauf, meine Erfahrungen zu teilen und spannende Einblicke darin zu geben, wie sich aus den ersten Pilotprojekten die Finanzinfrastruktur der Zukunft entwickelt.


Auf der DigiFin26: Tokenisierung wird konkret

Wie wird aus ersten Pilotprojekten eine tragfähige Finanzinfrastruktur? Darüber diskutiert Dr. Ulli Spankowski (Boerse Stuttgart Digital) am 10. November auf der DigiFin26 gemeinsam mit Simone Löfgen (Commerzbank). Im Panel „Tokenisierung: Vom Pilotprojekt zur Finanzinfrastruktur“ geht es darum, wie die Technologie ihren Weg in den Finanzalltag findet und was es für den nächsten Entwicklungsschritt braucht.

10. November 2026 | 16:15–16:45 Uhr | Horizon Stage, Kosmos Berlin

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